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US-Präsident Donald Trump (Archivbild von Juni 2025). Foto: imago images

EU plant scharfe Gegenreaktion„Ausländische Exporteure übernehmen nur bis zu vier Prozent der Zolllast“

Die EU will mit Gegenzöllen auf Trumps Grönland-Erpressung reagieren. Richtig so, meint Handelsexperte Julian Hinz – großer Verlierer von Trumps Strategie seien: die USA.Sonja Álvarez 19.01.2026 - 05:55 Uhr

WirtschaftsWoche: Herr Professor Hinz, im Sommer hat die EU rasch vor Donald Trump kapituliert und sich auf sein Zoll-Diktat eingelassen – nun will sie sich gegen seine Grönland-Erpressung wehren und offenbar Gegenzölle im Wert von 93 Milliarden Euro verhängen. Richtig so?
Julian Hinz: Ja, die EU darf ihren Fehler nicht wiederholen und vor Trump kapitulieren. Die EU ist einer der größten Binnenmärkte der Welt, sie kann ein wirklich großer Player sein – wenn sie denn ein großer Player sein will. Das hat sie in den vergangenen Monaten leider nicht gezeigt, sondern sie hat sich unnötig klein gemacht. Dabei sind nicht nur die USA, sondern auch viele andere Länder abhängig von den Produkten, die hier hergestellt werden. Diese Kraft muss die EU jetzt ausspielen.

Erstmal lässt aber US-Präsident seine Muskeln spielen. Er droht Deutschland und sieben weiteren europäischen Ländern ab Februar mit neuen Zöllen in Höhe von zehn Prozent, wenn die USA nicht umgehend und komplett Grönland übernehmen können. Wie schwer würden solche Zusatzzölle Deutschland treffen? 
Zusatzzölle von zehn Prozent würden Deutschland kaum treffen. Wir haben den Effekt mit unserem KITE-Modell berechnet, mit dem wir verschiedene Arten von handelspolitischen Veränderungen simulieren können. Deutschland würden die neuen Zölle pro Jahr etwa 0,08 Prozent Wachstum kosten, das sind etwa 3,4 Milliarden Euro. EU-weit wäre der Effekt noch geringer, mit einem Minus von 0,04 Prozent.

Das klingt ja gar nicht so dramatisch. 
Die USA sind natürlich ein wichtiger Handelspartner, aber man muss sich immer vergegenwärtigen, dass etwa zwei Drittel der europäischen Exporte innerhalb der EU bleiben. Ein Zoll von zehn Prozent bedeutet auch nicht das komplette Ende der Handelsbeziehung, daher sind die Effekte nicht groß. Allerdings sind bei der Berechnung noch keine möglichen Vergeltungsmaßnahmen von Seiten der EU gegen die USA berücksichtigt.

Julian Hinz Foto: privat
Zur Person
... ist Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Universität Bielefeld und Leiter des Forschungszentrums Handelspolitik am Kiel Institut für Weltwirtschaft. Sein Schwerpunkt liegt auf internationalem Handel und Außenpolitik.

Trump hat bereits weitere Eskalationen angekündigt. Ab Juni sollen die Zusatzzölle sogar auf 25 Prozent steigen, wenn die USA bis dahin nicht Grönland besitzen – das wären kombiniert mit dem 15-Prozent-Deal aus dem Juli sogar 40 Prozent, die auf EU-Importe in die USA fällig werden. Wie heftig wird es dann? 
Klar, dann wird Deutschland heftiger getroffen. Die zu erwartenden BIP-Effekte wären ungefähr doppelt so groß.

Trump will die Zölle gegen die acht Länder verhängen, die sich mit Soldaten an der sogenannten Erkundungsmission in Grönland beteiligt haben: Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Frankreich, die Niederlande, Finnland sowie Großbritannien. Kann er sich überhaupt einzelne EU-Länder rauspicken, obwohl die Zuständigkeit für Handelsfragen in Brüssel liegt? 
Ja, Trump kann sich einzelne Länder rauspicken, aber das hätte vermutlich zur Folge, dass auf einmal die Exporte etwa aus Italien, Luxemburg, Belgien oder Spanien wachsen würden, denn innerhalb der EU könnten die betroffenen Länder die Zölle sehr leicht umgehen. Eine mögliche Gegenreaktion kann aber nur EU-weit erfolgen.

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Und? Wie kann sich die EU jetzt also gegen Trump wehren? 
Erst einmal ist klar, dass das Zollabkommen aus dem Sommer in seiner bisherigen Form tot ist. Null-Prozent-Zölle auf US-Produkte kann es jetzt nicht mehr geben, das haben die führenden Fraktionen im EU-Parlament bereits klargemacht. Sie hatten den Zolldeal ohnehin noch nicht verabschiedet. Stattdessen kann die EU jetzt selbst wieder Zölle verhängen, die Listen mit Produkten, die die USA empfindlich treffen würden, liegen in den Schubladen bereit.

Sie meinen die bereits im Sommer diskutierten Zölle etwa auf Bourbon-Whiskey, Erdnussbutter, Geflügel, Sojabohnen, Flugzeugteile, Jeans und Harley-Davidson-Motorräder, die nun offenbar Teil des 93-Milliarden-Euro-Pakets werden sollen. Was ist aber mit der sogenannten Handels-„Bazooka“: dem Anti-Coercion-Instrument, das nun erstmals in der Geschichte der EU gegen die USA eingesetzt werden könnte? 
Sicher kann die EU jetzt ihre Handels-„Bazooka“ ziehen und sehr restriktiv auch außerhalb des Güterverkehrs zurückschlagen – etwa im Bereich der digitalen Dienstleistungen und durch Zugangsbeschränkungen für US-Plattformen im Bereich der sozialen Medien. Auch Exportsteuern könnten eine Möglichkeit sein.

Warum sollten Exportsteuern besser als Gegenzölle sein?
Exportsteuern hätten im Gegensatz zu Zöllen den Vorteil, dass es zu Preissteigerungen auf amerikanischer Seite käme und nicht auf europäischer. Gleichzeitig bedeutete es, dass europäische Firmen von solchen Maßnahmen getroffen wären, man müsste also sehr gezielt vorgehen und überlegen, welche Produkte die amerikanische Seite nicht gut ersetzen kann.

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Allerdings geht in deutschen Firmen, Behörden und Haushalten kaum etwas ohne amerikanische Digitalprodukte und Dienstleistungen. Allein die Bundesregierung zahlt jährlich 200 Millionen Euro für Microsoft-Lizenzen. Würden heftige Gegenreaktionen nicht zu einer Eskalation führen, bei der die EU am Ende die große Verliererin ist? 
Bei einer Eskalation gibt es natürlich auf beiden Seiten Verlierer, und Deutschlands digitale Abhängigkeiten sind ebenso fatal wie unbestritten. Doch China hat gezeigt, dass sich Gegenwehr lohnen kann – am Ende war es Trump, der klein beigeben hat. Die Zurückhaltung der EU mag bisher durchaus eine vernünftige Strategie gewesen sein, auch mit Blick darauf, die USA nicht bei der Unterstützung der Ukraine zu verlieren. Aber diese Drohungen von Trump können jetzt nicht mehr unbeantwortet bleiben.

Trump will Grönland offenbar um jeden Preis, andererseits sind die US-Bürgerinnen und Bürger immer unzufriedener mit seiner Wirtschaftspolitik. Kann er es sich überhaupt leisten, sein Zollregime so zu eskalieren, obwohl es im eigenen Land offensichtlich die Preise treibt? 
Nein, die Zölle sind für Trump ein teures Eigentor. Unsere neue Analyse zeigt, dass amerikanische Importeure und Verbraucher nahezu die gesamten Kosten tragen. Wir haben dafür Länderdaten von mehr als 25 Millionen Transaktionen im Wert von fast vier Billionen Dollar untersucht. Die US-Zolleinnahmen stiegen demnach 2025 um etwa 200 Milliarden Dollar – aber das ist eine Steuer, die fast ausschließlich von Amerikanern bezahlt wird.

Das heißt? 
Ausländische Exporteure übernehmen nur bis zu etwa vier Prozent der Zolllast – die restlichen 96 Prozent werden an US-Käuferinnen und -Käufer weitergegeben. Trumps Behauptung, wonach die anderen Länder die Zölle zahlen, ist also absurd. Wenn der US-Präsident die Zölle jetzt sogar noch weiter erhöhen will, schadet er damit in allererster Linie seinem eigenen Land.

Der Supreme Court könnte Trumps Zölle bald kippen, womöglich schon am Dienstag, die US-Regierung bereitet bereits einen Plan B vor. Sollten sich Deutschland und die EU also so oder so endlich „Trump-proof“ aufstellen und Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit schleunigst angehen? 
Ja, das gilt aber auch unabhängig von Trump. Auf das Freihandelsabkommen mit Mercosur müssen jetzt weitere Abkommen folgen, etwa mit Indien. Zudem gibt es innerhalb der EU noch immer zu große Handelsbeschränkungen durch zu viel Bürokratie und Regulierung, die wie eigene Zölle wirken und zu weitaus größeren Wohlstandsverlusten führen als Trumps Zölle. Da muss die EU jetzt endlich ran.

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