Agilität: Wie Firmen in ungemütlichen Zeiten überleben
Agilität: Um mitzuhalten, müssen Unternehmen vor allem bereit sein, das eigene Produkt zu kannibalisieren.
Foto: Getty ImagesAus "fressen oder gefressen werden" macht die Digitalisierung "disrupt or be disrupted" - gemeint ist allerdings dasselbe. Sogenannte Disruptoren - Unternehmen, die den einstigen Frieden auf den Märkten mit ihren Angeboten zerstören - graben den alteingesessenen Firmen auf drei Arten das Wasser ab:
- Sie sind wahlweise deutlich billiger
- Sie bieten ein viel besseres Kundenerlebnis, wie es beispielsweise die Edelburger im Vergleich zu McDonalds & Co tun oder
- Sie bieten den Kunden nicht nur ein Produkt oder eine Dienstleistung, sondern eine Plattform, über die sie mit der Marke und anderen Kunden interagieren können
Schaut man sich die großen Disruptoren wie Uber, Amazon oder airbnb an, nutzen diese in der Regel eine Kombination der Faktoren: Amazon ist billiger als der stationäre Handel und bietet dem Kunden eine Plattform, Uber ist günstiger als Taxis und bietet eine Plattform, airbnb schlägt Hotels preislich um Längen und bietet eine Plattform.
Burger-Läden wie Schiller Burger oder What's Beef oder auch die Kaffeekette Starbucks haben dagegen zwar weder eine Plattform, noch sind sie günstig, aber sie verkaufen eigentlich auch keinen Kaffee oder Hamburger, sondern einen Lifestyle. Und den wollen die Kunden.
Im Hörnchen oder im Becher?
Die klassische Frage jeder italienischen Eisdiele stellt sich im Carpe Diem nicht. Sämtliche Speisen werden in Hörnchen serviert. Der österreichische ehemalige Sternekoch Jörg Wörther hat das „Finest Fingerfood“ konzipiert und die Kreationen selbst sind im Vergleich zu ihrer Präsentationsart eigentlich alles andere als skurril und außergewöhnlich: Meeresfrüchte, Tatar oder Gänseleber füllt Wörther in die selbst gebackenen Waffelhörnchen.
Foto: PressebildFür „kranke“ Restaurantgäste
Wer im Hospitalis in Riga zur Karte greift, der sagt zumindest für ein Abendessen Gabel und Messer Lebewohl. In diesem „Krankenhaus“ in der lettischen Hauptstadt wird nämlich mit chirurgischen Instrumenten wie dem Skalpell gespeist. Außerdem nehmen die Gäste in einem Retro-Operationssaal Platz und werden von rothaarigen Damen im Krankenschwester-Outfit bedient. Stilecht serviert man hier zudem die Speisen auf OP-Schalen. Der Hintergrund: Die Besitzer des Restaurants sind Ärzte. Dann also gesunden Appetit!
Foto: PressebildAffig serviert
Die Japaner hatten schon immer ein Händchen dafür, Arbeit nicht länger von Menschen machen zu lassen. Üblicherweise waren Roboter der Ersatz. In dem traditionellen Sake-Restaurant Kayabukiya in Utsunomiya sind es Affen, die Aschenbecher abräumen, Geld kassieren, Wechselgeld bringen. Nicht länger als zwei Stunden am Tag und entlohnt werden sie mit Bohnen.
Foto: ScreenshotSonnenküche
In Deutschland würde ein Restaurant wie das Villaseca Solar Restaurant wohl weniger gut funktionieren. Die chilenischen Betreiber setzen nämlich auf die pure Kraft der Sonne. Deren Strahlen nutzen sie, um mit Sonnenkollektoren sämtliche Speisen per Solarenergie zu braten, kochen und dünsten. Sehr CO2-Neutral, nur auf den Geruch des Grills muss der Gast verzichten.
Foto: WirtschaftsWocheDas 72oz-Steak
Im Big Texan in Amarillo, Texas, sind es Gäste, die sich zum Affen machen. All jene, die meinen, sie schaffen das 72oz schwere Steak. Das sind satte zwei Kilogramm. Schaffen sie es innerhalb einer Stunde, dann brauchen sie es nicht zu bezahlen. Wer sich in die Liste derjenigen eintragen will, die schon einmal kostenlos aßen (die Liste ist übrigens erstaunlich lang), der braucht einen großen Magen und einen toleranten Begleiter.
Foto: PressebildLicht aus, bitte!
Die Sinne sind leicht zu beeindrucken. Fällt einer aus, konzentriert sich der Kopf auf die verbleibenden. Die Dunkel-Restaurants wie das Finster in Essen geben einem einen Eindruck, wie es sein muss, ohne Augenlicht zu speisen und geben einem gleichzeitig die Chance, sich nur auf die Zunge zu konzentrieren, denn ausnahmsweise isst das Auge nicht mit.
Foto: WirtschaftsWocheGib ihm Zucker
Im Prinzip ist das Espai Sucre eher der Wunsch von Schleckermäulen als ein skurriles Restaurant – es serviert nur Desserts. In Barcelona sind einige der renommiertesten Vertreter der Küchenavantgarde vertreten und das Espai Sucre von Jordi Butron, im Jahr 2000 nach eigenen Angaben das einzige reine Dessertrestaurant der Welt. Todschick und wie übliche Restaurants mit Weingläsern eingedeckt, ist ein Menü im Espai Sucre dennoch eine Folge von süßen Sünden.
Foto: PressebildRestaurant der 3. Dimension
„Wir haben das Restaurant neu erfunden und dabei die Restaurants der 1. und 2. Dimension hinter uns gelassen“, behaupten die Erfinder der Achterbahnrestaurants. Wer hier speist, saust nicht selbst über die Schienen, dafür aber das bestellte Essen. Die Gerichte selbst sind nicht außergewöhnlich, die Meisten stammen aus der Region. Allerdings können sich Gäste vor der Bestellung am Touchscreen über Lieferanten, Konzept und Co. informieren und auch bestellen. Das Essen wird in schnellem Tempo von oben seviert. Damit auch nichts daneben geht zumeist direkt im Kochtopf nett angerichtet.
Foto: PressebildZellenkost
Köche und Kellner sind Verbrecher, mag sich oft ein Gast denken, wenn die Portionen klein und das Wechselgeld unstimmig ist. Im Falle des The Clink Restaurant in Sutton in England stimmt das automatisch. Das Restaurant ist ein Wohlfahrtsprojekt zur Wiedereingliederung von entlassenen Strafgefangenen. Hier werden sie vorbereitet auf eine Laufbahn in der Gastronomie.
Foto: PressebildSichere Bank
Dieser Tage bekommt dieses Restaurants auf ganz natürliche Art den Rang 1 der skurrilen Restaurants: Es ist eine sichere Bank. Das The Bedford in Chicago hat die Noten entfernt, die Diamanten und gedruckten Aktien aus den Schließfächern geholt und im Tresorraum und davor Sitzplätze und –bänke installiert. Wenn Sie ihr letztes Erspartes zur Bank bringen wollen – hier bekommen Sie wenigstens etwas zu Essen dafür.
Foto: PressebildWer in den nächsten fünf bis zehn Jahren noch am Markt existieren möchte, tut also gut daran, in einer, besser in zwei Kategorien zu brillieren. "Von den heutigen Top-Ten-Unternehmen in den jeweiligen Branchen werden vier von fünf in den nächsten zehn Jahren verschwinden", schätzt Michael Wade. Er ist Professor für Innovation und Strategie an der Schweizer Business School IMD und Leiter des Global Center for Digital Business Transformation - einem Gemeinschaftsunternehmen der IMD mit dem Netzwerkausstatter Cisco.
Es braucht den Mut, sich selbst zu kannibalisieren
Um mitzuhalten, müssen Unternehmen vor allem bereit sein, das eigene Produkt zu kannibalisieren: Hätte Apple am iPod festgehalten und nicht das iPhone oder das iPad entwickelt, um den Bestseller zu schützen - die Firma wäre heute wohl nicht mehr da. Darüber hinaus hat das Unternehmen mit iTunes eine Plattform ins Leben gerufen und ein regelrechtes Ökosystem rund um die Apple-Produkte geschaffen. Schließlich programmiert nicht Apple die Apps für iPad und iPhone, sondern jeder, der dazu in der Lage ist. Das lohnt sich für beide Seiten: Apple stärkt so die Bindung und die Entwickler bekommen 75 Prozent der Umsätze aus dem Verkauf ihrer Apps - deren Preis sie übrigens selbst bestimmen.
Wer sich nicht traut, den Schritt weg von der eigenen Glorifizierung und hin zum Kunden zu machen, werde enden wie Kodak, sagt Thomas Malnight, Professor für Strategie und Management bei IMD. Das Unternehmen sei so sehr von seinem Produktschlager Fotofilm überzeugt gewesen, dass es das digitale Geschäft nur als nettes Zubrot verstanden habe, in das sich ein größeres Investment nicht lohne. Gleiches gelte für Nokia, Blockbuster und andere, die dachten, das Internet setze sich nicht durch oder habe mit der eigenen Branche nichts zu tun. "Sie alle haben den Trend verpasst und gedacht, sie hätten noch ewig Zeit", sagt Malnight.
Auch eine einzige Innovation reicht nicht aus, wie der Fall Nokia zeigt. Wer überleben will, darf sich nicht auf jahrhundertealten und nicht einmal auf Monate alten Lorbeeren ausruhen, sondern muss sich kontinuierlich verändern, wie Malnight sagt.
Kevin Bandy, Chief Digital Officer bei Cisco Cystems, empfiehlt einen konkreten Zyklus der Innovation: Er rät dazu, das eigene Geschäftsmodell alle 18 bis 24 Monate zu überdenken und gegebenenfalls anzupassen. Andernfalls sei man eben weg vom Fenster - die globale Innovationsgeschwindigkeit hat angezogen. Oder wie Wade sagt: "Die gemütlichen Zeiten sind vorbei."
Das Problem dabei ist nur: Dass man verschlafen hat, merkt man immer erst, wenn es schon passiert ist. Deshalb müssen Unternehmen nicht nur Willens sein, sich zu verändern, sie müssen auch wissen, wann sie sich wie verändern müssen. Und das ist nicht so einfach.
Während eines einwöchigen Programms versuchen Wade, Malnight und ihre Kollegen in Lausanne 418 Managern und CEOs aus 50 Ländern der Welt genau das zu vermitteln: Wie sieht eine gute Strategie aus, mit deren Hilfe Unternehmen zukunftsfähig werden und bleiben. Wie kann ein Konzern oder ein mittelständisches Unternhem die Wünsche seiner Kunden vorausahnen und sich ihnen anpassen?
Natürlich kann niemand die Zukunft vorhersehen. Deshalb nütze es auch nichts, einen Plan B, C oder D in der Schublade zu haben, meint Wade. Ob Fall B, C, D oder Y eintritt, könne schließlich niemand wissen. Stattdessen müssen Unternehmen bereit sein, jeder Zeit auf eine Veränderung zu reagieren. Wade: "Das Zauberwort heißt Agilität."
Um diese zu erreichen, brauche es vor allem drei Dinge:
- maximale Aufmerksamkeit für den Markt, die Kunden und die Konkurrenten
- einen Entscheidungsfindungsprozess, der nicht an Hierarchien und Formalitäten gebunden ist
- schnelle Umsetzung der Entscheidungen
Tauche wahlweise ein Trend oder ein disruptives Unternehmen am Markt - Branche egal - auf, gibt es laut Wade verschiedene Wege, mit der Situation umzugehen. Viele Unternehmen verbessern ihr eigenes Produkt - bei McDonalds gibt es auf einmal Bio-Rindfleisch und Service am Tisch - um attraktiver als die Konkurrenz zu sein.
Alternativ legt man dem Konkurrenten Steine in den Weg - am besten, in dem man ihn verklagt. So geschehen mit den Disruptoren Uber oder airbnb. Das hält zwar den Fortschritt nicht auf, verschafft den Taxifahrern und Hoteliers jedoch mehr Zeit, auf die neue Konkurrenz zu reagieren.
Die deutlich bessere Strategie sei es jedoch, den neu entstandenen Markt mit einem eigenen, möglichst besseren Angebot zu besetzen. Malnight spricht in dem Zusammenhang davon, das eigene Geschäftsmodell zu "uberisieren". Alternativ müsse man selbst zum Disruptor werden und den jungen Konkurrenten mit einem völlig neuen Angebot das Leben schwer machen. Letzteres funktioniert wiederum über die Faktoren Kosten, Plattform oder Erlebnis.
Das alles kostet Mut und Risikobereitschaft, wie Malnight sagt. "Aber das größte Risiko ist, kein Risiko einzugehen. Und die Zeit, die CEOs dafür verschwenden, zu erklären, warum sie kein Zeit haben, etwas zu verändern, könnten sie nutzen, um etwas zu verändern." Der ehemalige Toyota-Manager höre immer wieder, dass der Druck der Shareholder zu groß sei, die Mitarbeiter nicht mitspielen würden oder Zeit und Geld für Veränderungen fehle. "Wenn Ihnen diese Opferrolle so gut gefällt, dann haben sie es verdient, unterzugehen", so sein Fazit.
Aber wie geht es denn nun? Internationale Größen machen es vor: General Electric (GE) setzt auf Vernetzung: Im Juni eröffnete der Konzern ein neues digitales Office in Paris, das Startups aufbauen und das Wachstum des digitalen Umfelds ankurbeln soll. Außerdem sollen Kunden und Partner einen Zugang zur cloudbasierten Predix-Plattform bekommen. Hier laufen Daten - beispielsweise von vernetzten GE-Turbinen - ein, sodass der Betreiber sofort merkt, wenn eine Turbine ausfällt. Dadurch kann er reagieren, bevor sich die Kunden beschweren, weil in ganzen Landstrichen der Strom ausfällt.
Außerdem gibt die Plattform den Käufern der GE-Produkte die Möglichkeit, passende Service-Apps zu entwickeln und hochzuladen. Die Plattform wurde im Februar für Kunden freigegeben und wird inzwischen bereits von nahezu 11.000 Entwicklern auf der ganzen Welt genutzt. Eine ganz ähnliche Plattform betreibt GE auch in Großbritannien: Die GE Health Cloud verbindet Ärzte, Patienten, Hersteller und Krankenhäuser miteinander.
Internet der Dinge wächst
Auch bei Thyssenkrupp tut sich diesbezüglich einiges: Jens Michael Wegmann, Chef des Anlagengeschäfts hat angekündigt, das Servicegeschäft deutlich ausbauen. German Engineering alleine reiche nicht mehr aus. "Heute ist für Industrieunternehmen die Zeit gekommen, den Hebel umzulegen und den langfristigen Wert ihres Geschäftes zu steigern", sagt GE-Chef Jeff Immelt dazu. Er ist überzeugt, dass er durch solche Maßnahmen die Produktivität um 500 Millionen Dollar steigern wird. Bis zum Ende des Jahres will er rund sieben Milliarden Dollar an Aufträgen im digitalen Bereich erwirtschaften. "Wir glauben, dass das Internet der Dinge doppelt so groß wird, wie das, was wir privat nutzen", sagt Immelt.
Dass er damit genau den richtigen Riecher hat, bestätigen jüngste Studien. Demnach wird das Internet der Dinge, also die Digitalisierung von Produkten und Dienstleistungen, in den nächsten fünf Jahre mehr als 110 Milliarden Dollar zur Wirtschaftsleistung beitragen. Laut Zahlen des Netzwerkausstatters Cisco gab es im Jahr 2015 weltweit 15 Milliarden vernetzte Geräte - vom cleveren Kühlschrank über das smarte Thermostat bis zum Industrieroboter. 2020 könnten es möglicherweise mehr als 50 Milliarden sein.
Plattformen statt bloßer Produkte
Eine Plattform rund um das vernetzte Produkt aufzubauen, sei genau richtig, sagt Wade. Selbst Unternehmen, bei denen ein Plattformgedanke zunächst völlig abwegig erscheint, sollten darüber nachdenken, ob und wie sie auf diese Weise das Leben ihrer Kunden einfacher machen können, so Wade.
Er gibt ein Beispiel anhand der dänischen Logistikgruppe Det Forenede Dampskibs-Selskab (DFDS/AS) aus Kopenhagen: Derzeit muss ein Exporteur bei der Reederei anfragen, ob und zu welchem Preis sie die Güter von A nach B schippert. Danach organisiert er einen Container, in dem die Ware verschifft wird. Der wird beladen und dann von einem LKW zum Hafen gebracht, wo die Ware aufs Schiff geladen wird. Am Zielhafen stehen wiederum ein Laster oder ein Zug bereit, um die Güter zum Zielort zu transportieren. Das sind bedeutet für den Exporteur: zig Absprachen zwischen den einzelnen Gliedern der Lieferkette.
Keine große Sache, aber man könnte es den Kunden einfacher machen, wenn sie auf einer Plattform der Reederei angeben könnten: "130 Kubikmeter Legosteine müssen kommenden Monat von Dänemark nach Brasilien verschifft werden." Spediteure und Reederei können sich dann auf den Auftrag bewerben und die Details mit dem Kunden abstimmen.
Denn genau darum geht es bei dem Plattformgedanken - die Kopfschmerzen der Kunden zu lindern. Nur so lässt sich letztlich überleben. Unternehmen, die über das Produkt hinaus keinen Mehrwert bieten, sind austauschbar. So steht auch in den Geschäftsrichtlinien von Apple: "Wir müssen die Probleme unserer Kunden lieben, nicht unsere Produkte."