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Nord Stream 2Kompromiss im Pipeline-Streit

Im Streit um die Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 gibt es einen Kompromiss. Die EU-Staaten haben sich auf zusätzliche Auflagen geeinigt, die das Projekt aber nicht gefährden sollen. 08.02.2019 - 17:52 Uhr aktualisiert

Ein Pipeline-Stück der Erdgaspipeline Eugal wird verlegt. Die Leitung soll nach ihrer Fertigstellung russisches Erdgas aus der Ostseepipeline Nord Stream 2 ins europäische Gasnetz speisen.

Foto: dpa

Die EU-Staaten haben sich auf einen Kompromissvorschlag zur Reform des europäischen Gasmarkts geeinigt, der ein vorzeitiges Aus für die umstrittene Gas-Pipeline Nord Stream 2 von Russland nach Deutschland abwendet. Nach Angaben eines EU-Diplomaten in Brüssel stellten sich die Botschafter der 28 Mitgliedsstaaten am Freitag nahezu einstimmig hinter einen Vorstoß aus Berlin und Paris. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in Berlin, es sei ein wichtiger Schritt mit großer Mehrheit in Richtung der Gasmarkt-Reform gelungen.

Dem Papier zufolge würde die deutsche Regierung bei Nord Stream 2 ab einem bestimmten Punkt der Pipeline für die Aufsicht zuständig sein. „Der Vorschlag soll deutlich machen, dass sich die genannten Vorschriften auf das Hoheitsgebiet und das Küstenmeer des betreffenden Mitgliedstaats beziehen.“ Damit würden sich Bau und Betrieb der Pipeline schwieriger und teurer gestalten, aber letztlich doch möglich sein, sagten EU-Diplomaten. Frankreich hatte sich zunächst überraschend gegen Deutschland gestellt, sich dann aber auf den Kompromiss mit Berlin eingelassen. „Es ist sehr wichtig, dass Frankreich und Deutschland gemeinsam vorgegangen sind, dass wir uns nicht zerstritten haben“, sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier in Wiesbaden.

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Diese Kompromisse musste Deutschland eingehen

Der Kompromiss zur neuen Gasrichtlinie, dem die EU-Staaten zugestimmt haben, dämpft voraussichtlich die Profitabilität von Nord Stream 2. An einer Stelle konnte die Bundesregierung aber den Schaden begrenzen.

von Silke Wettach

„Mit der vorgeschlagenen Änderung der Gasrichtlinie soll gewährleistet werden, dass die Vorschriften, die den Gasbinnenmarkt der EU regeln, für Gasfernleitungen zwischen einem Mitgliedstaat und einem Drittland bis zur Grenze des Hoheitsgebiets und Küstenmeers des Mitgliedstaats gelten“, teilte der Europäische Rat mit. „Dadurch wird der EU-Rechtsrahmen kohärenter, wird mehr Transparenz erzielt und wird Rechtssicherheit für Gasinfrastrukturinvestoren und Netznutzer gewährleistet.“

Die EU-Kommission ist gegen das Pipeline-Projekt in seiner ursprünglichen Form und hat neue Regeln vorgeschlagen, um die Kontrolle zu gewinnen. Demnach sollen die derzeitigen Regeln für den internen EU-Gasmarkt auf Pipelines aus Drittstaaten, die nach Europa gehen, erweitert werden. Für solche Gasleitungen würden damit die gleichen Auflagen im Hinblick auf eine Regulierung der Preise und die Transparenz gelten wie für Pipelines innerhalb der Union.

Trotz der Annahme in Brüssel ist die Gas-Reform noch nicht in trockenen Tüchern. Als nächstes müssen sich EU-Parlament, Kommission und Mitgliedsländer in einem Vermittlungsverfahren auf die finale Version einigen. Der russische Gazprom, der die rund 1200 Kilometer lange Leitung mit finanzieller Unterstützung mehrerer Versorger baut, hatte sich in der Vergangenheit gegen eine Einflussnahme der EU auf seine Pipelines gewehrt. Sollte die EU an den Eigentumsrechten der Russen an der Pipeline rütteln, dürfte dies auf Protest stoßen. Die Gesellschaft Nord Stream 2 hielt sich bedeckt: Man habe das Ergebnis der Abstimmung in Brüssel zur Kenntnis genommen und werde „die verfügbaren Informationen, sobald diese vorliegen, auswerten. An möglichen Spekulationen rund um das Thema beteiligt sich Nord Stream 2 nicht.“ Auch der Düsseldorfer Versorger Uniper, der bereits 600 Millionen Euro für den Bau zur Verfügung gesellt hat, sah noch Klärungsbedarf.

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Die Pipeline soll 1230 Kilometer lang sein und von der Narwa-Bucht in Russland bis Lubmin in der Nähe von Greifswald reichen. Mehr als 600 Kilometer sind bereits verlegt. Baubeginn war im Sommer 2018, Ende 2019 soll die Pipeline in Betrieb gehen. Sie soll dann aus 200.000 Rohren bestehen. Neben den russischen Firmen OMK und Chelpipe entfielen 41 Prozent des Auftrags auf den deutschen Hersteller Europipe – ein Gemeinschaftsunternehmen aus Salzgitter und der Dillinger Hütte mit Sitz in Mülheim an der Ruhr. Die zwölf Meter langen Einzelrohre werden auf See verschweißt und mit Spezialschiffen auf dem Meeresboden verlegt. Dabei durchqueren sie Gebiete, die zu Russland, Finnland, Schweden, Dänemark und Deutschland gehören. Den Betreibern zufolge können mit dem Gas der Röhre rechnerisch 26 Millionen Haushalte versorgt werden.
Die in der Schweiz ansässige Projektgesellschaft Nord Stream 2 gehört dem russischen Gazprom-Konzern. An der Finanzierung der Röhren beteiligen sich westliche Konzerne, darunter der Düsseldorfer Versorger Uniper und die BASF-Tochter Wintershall. Hinzu kommen der britisch-niederländische Shell-Konzern, die französische Engie und OMV aus Österreich. OMV und Uniper haben nach eigenen Angaben bislang je rund 600 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Am Ende sollen es für jeden Partner rund 950 Millionen Euro sein. Die Gesamtkosten werden auf 9,5 Milliarden Euro beziffert.
Die Gasquellen in Deutschland und Europa gehen in den kommenden Jahren weiter zurück, weshalb immer mehr importiert werden muss. Gas gehört in Deutschland zu den wichtigsten Brennstoffen beim Heizen, wo der Anteil bei etwa 50 Prozent liegt. Auch in der Stromproduktion spielt Gas im Zuge der Energiewende eine immer wichtigere Rolle. Zuletzt lag der Anteil bei etwa 13 Prozent. Beim geplanten Kohleausstieg sollen die weniger klimaschädlichen Gaskraftwerke einspringen. Die wichtigsten Gaslieferanten für Deutschland sind neben Russland Norwegen und die Niederlande. Russland kommt etwa auf 40 Prozent, Norwegen auf 25 und die Niederlande auf 20 Prozent. Die Eigenproduktion sinkt kontinuierlich.
Kritiker befürchten eine immer größere Abhängigkeit von Russland, das unter Präsident Wladimir Putin Gas auch schon als politisches Druckmittel eingesetzt hat. So hatte Putin im Streit mit der Ukraine bereits mehrfach den Gas-Hahn abgedreht. Einige der älteren Pipelines verlaufen von Russland durch die Ukraine, wofür der Nachbar Gebühren erhebt. Mit den Ostsee-Röhren umgeht Russland die alten Routen. Die Ukraine gehört zu den Gegnern von Nord Stream 2, ebenso wie die USA. US-Präsident Donald Trump will das Geschäft mit verflüssigtem Gas (LNG) ausbauen und sieht Europa dabei als Wachstumsmarkt. Die USA haben den Beteiligten an Nord Stream 2 mit Sanktionen gedroht. In Deutschland gibt es bislang keinen LNG-Terminal, Anlagen in anderen europäischen Ländern sind nicht ausgelastet.

Diplomaten: Unmut über Einflussnahme der USA

„Deutschland hat den Anspruch, seine Energieversorgung divers sicherzustellen“, sagte Merkel. „Dazu gehört auch russisches Erdgas, aber nicht ausschließlich russisches Erdgas.“ Die Bundesregierung habe zudem deutlich gemacht, dass in Zukunft auch Flüssiggas etwa aus den USA in Deutschland anlanden werde. Die Einigung in Brüssel sei ein wichtiger Schritt, allerdings sei man bei der Reform des Gasmarktes „noch nicht am Ende des Weges“. „Aber diesen Tag finde ich gut, und er wäre ohne die deutsch-französische Zusammenarbeit so nicht erfolgt.“.

Die Bundesregierung sieht in Nord Stream 2 ein rein privatwirtschaftliches Projekt. Den USA wiederum ist die Leitung, die bereits zur Hälfte verlegt ist, ein Dorn im Auge. Ein EU Diplomat sagte, die USA hätten in den letzten Tagen enormen Druck auf die Regierungen der EU-Staaten ausgeübt mit dem Ziel, Nord Stream 2 zu verhindern. Selbst kurz vor Beginn der EU-Sitzung hat es noch einmal letzte US-Lobbyversuche gegeben. Dass die Gasrichtlinie dann fast im Konsens verabschiedet wurde, ist auch auf den wachsenden Unmut unter den EU-Staaten über die versuchte US-Einflussnahme zurückzuführen.

dpa
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