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Ein Ölmüller im Auf und Ab der Gaskrise„Wenn die diesen Paragrafen 24 aktivieren, dann haben wir hier freies Schießen“

Als die Energiekrise begann, haben wir mit Detlef Volz gesprochen, Geschäftsführer einer Ölmühle aus Neuss. Seine Prognose: düster. Jetzt haben wir nochmal gefragt: Wie geht’s? Noch überraschend gut, sagt er. Bis jetzt.Florian Güßgen 01.07.2022 - 15:47 Uhr

Detlef Volz, dem Geschäftsführer der Ölmühle C.Thywissen in Neuss

Foto: Patrick Schuch für WirtschaftsWoche

Detlef Volz ist definitiv einer, der die Dinge beim Namen benennt. Und der sich auskennt, einen Blick dafür hat, was in Brüssel und Berlin passiert – und wie sich das auf sein Geschäft auswirkt: Die Ölmühle C.Thywissen in Neuss an der Industriestraße, direkt am Hafen.  Seit über 22 Jahren ist Volz, 57, Geschäftsführer hier, 130 Mitarbeiter hat er. Thywissen verarbeitet die Samen von Lein, Raps und Sonnenblumen zu Öl und Proteinfuttermittel. Öl zum Frittieren, Öl für die Chemie, Öl für Biodiesel. Energie braucht Volz für jeden Produktionsschritt. Fürs Wärmen, fürs Pressen, fürs Extrahieren, fürs Destillieren. 240.000 Megawattstunden (MWh) fressen seine Maschinen pro Jahr, 80 Prozent davon kommen übers Gas. Kernstück der Energieverwendung ist eine Gasturbine. Sie sorgt für Strom und Dampf, die Prozesswärme, zwischen 80 und 180 Grad Wärme brauchen sie hier.

Stopp Putin die Gas-Lieferungen dauerhaft?

Im vergangenen Herbst, als es losging mit den leeren Erdgasspeichern, als Wladimir Putin, der russische Präsident, begann, die Preise zu treiben, haben wir Volz besucht. Und? Wollten wir wissen, wie soll’s jetzt weitergehen? Volz war pessimistisch, er blickte dem Winter mit einem unguten Gefühl entgegen. Aber wie ist es ihm tatsächlich ergangen? Und wie beurteilt er die Lage jetzt, das Putin damit droht, den Deutschen das Gas ganz abzudrehen? 40 Prozent der vollen Kapazität strömen derzeit nur noch durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1. Ab dem 11. Juli soll die Pipeline gewartet werden. Dann fließt vorerst überhaupt kein Gas mehr. Ob sich das nach der Wartung wieder ändert, ist völlig offen. Gut möglich, dass Wladimir Putin die Lieferungen länger oder komplett aussetzt, um die Gaspreise zu treiben, um für Verwerfungen zu sorgen in Deutschland in Europa – bei Verbraucherinnen und Verbrauchern, bei Konzernen aber auch bei Unternehmen wie C.Thywissen.

Die Konzerne gaben die hohen Preise weiter

Für Volz hat sich das Geschäft seit dem vergangenen Herbst völlig anders entwickelt, als er das erwartet hatte. Denn die Großkunden, darunter Lebensmittel-Giganten akzeptierten hohe Preise - und gaben sie weiter. „Ich bin kein Schwarzmaler „, sagt Volz. „Aber damit hätte ich nie gerechnet.“ Im Supermarkt kostete der Liter Speiseöl eben jetzt das Drei- oder Vierfache dessen, was er noch im Herbst gekostet hatte. Der Kriegsausbruch in der Ukraine, sagt Volz,  habe diese Entwicklung nur befeuert. „Es hieß jetzt:“, sagt Volz, „Energie ist nicht unser größtes Problem, sondern unser größtes Problem ist die Versorgungssicherheit.“ Motto: Ich brauch‘ das Speiseöl, koste es, was es wolle?  Für Lebensmittelprodukte eröffnete das eine völlig neue Preisdimension. „Ich mache dieses Geschäft seit fast 40 Jahren“, sagt Volz. „Aber so eine Preisexplosion habe ich noch nie gesehen.“ Ewig, sagt Volz, würde das nicht so weitergehen. Aber vorerst habe das C.Thywissen geholfen, über die Runden zu kommen. „Uns geht’s gut“, sagt Volz.

Putin provoziert die Energiekrise

Deutschlands Gas-Trauma

von Jannik Deters, Daniel Goffart, Florian Güßgen und weiteren

 Wie sieht euer „Energy Recovery Plan“ aus?

Erst die erneute Verschärfung der Krise, Putins Griff zum Gashahn, hat jetzt wieder etwas doch geändert, berichtet Volz. Die großen Kunden, die fragten jetzt plötzlich: „Wie sieht euer Energy Recovery Plan aus?“ Oder, direkter formuliert: Was machst du, wenn man dir das Gas abdreht. Hast du einen Plan? „Dann sage ich im Prinzip:“, sagt Volz: „Ich hab' keinen.“ Denn so gut der Betrieb die Situation bisher überstanden ist, so gefährlich ist jetzt Putins zynischer Countdown. Auch für Volz.

Er habe ja, sagt Volz, alles getan, was man als Mittelständler so tun müsse und tun könne. Er habe Fragebögen der Bundesnetzagentur ausgefüllt. Das sei schnell gegangen, weil er nur habe sagen können: Ohne Gas kann ich nicht produzieren. Ausweichmöglichkeiten: Keine. Auch bei den örtlichen Stadtwerken hat er Angaben gemacht. Die fragten nach Kapazitäten, nach Vorlaufzeiten für eine mögliche Drosselung, nach Gefahren für Leib und Leben bei sofortiger Abschaltung. Und. Und. Und. Er hat Schutzanträge gestellt, um als systemrelevant zu gelten. Weil C.Thywissen Lebensmittel produziert. 40 Prozent Öl, 60 Prozent Futtermittel. Er wisse nicht, was das am Ende bedeute, sagt Volz. Aber er habe nichts verpassen wollen.

Wie der Staat Uniper retten könnte
Die Rettungsaktion für Uniper könnte dem Beispiel des Falles Lufthansa folgen, die vor zwei Jahren wegen des Geschäftseinbruchs in der Coronapandemie mit öffentlichen Milliardenhilfen vor der Pleite bewahrt werden musste.
Im März 2020 wurde zur Stützung von Unternehmen in der Corona-Krise der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) aufgelegt. Er konnte mit einer Mittelausstattung von 600 Milliarden Euro verschiedene Instrumente einsetzen: Zur Abwehr akuter Liquiditätsnöte stellte die staatliche Förderbank Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Darlehen oder Kreditgarantien zur Verfügung.Die Lufthansa oder der Reisekonzern TUI nutzten vor allem Stille Einlagen des WSF. Das ist eine Form von verzinstem Eigenkapital, bei dem der Geldgeber anders als ein Aktionär kein Stimmrecht hat. Der Zins belief sich bei der Lufthansa eingangs auf vier Prozent und wäre bei langjähriger Nutzung bis 2027 auf 9,5 Prozent gestiegen. Im Fall der Airline beteiligte sich der Staat außerdem direkt über den Erwerb eines Aktienpakets von 20 Prozent. Es machte den Staat zum Hauptaktionär, der zwei Vertreter des Aufsichtsrates stellen durfte.In der damals regierenden großen Koalition war umstritten, wie viel Einfluss der Staat auf die Lufthansa nehmen sollte. Die SPD wollte über das Aktienpaket Mitsprache und Kontrolle sicherstellen angesichts des hohen Finanzhilfevolumens von bis zu neun Milliarden Euro. Die Unionsparteien CDU/CSU wollten dem Konzern nicht ins Geschäft reinreden und waren daher für Stille Einlagen. Die Lufthansa-Aktionäre mussten den Plan auf einer außerordentlichen Hauptversammlung absegnen.
Da es sich um Staatsbeihilfen handelte, die dem Unternehmen keinen Vorteil gegenüber nicht staatlich gestützten Konkurrenten verschaffen soll, musste die EU-Kommission das Rettungspaket prüfen und genehmigen. Unfaire Vorteile des subventionierten Unternehmens werden über Auflagen unterbunden. So durfte die Lufthansa keine Firmen übernehmen oder Unternehmensteile quer subventionieren, so lange nicht 75 Prozent der Hilfen zurückgezahlt waren. Auch sollen Aktionäre und Manager vom Geld des Steuerzahlers nicht profitieren – deshalb dürfen Dividenden sowie Bonuszahlungen und andere variable Vergütungen erst wieder fließen, wenn das gesamte Rettungspaket zurückgezahlt ist. Die Vergütung der Lufthansa-Vorstände hat sich so mehr als halbiert.Schon im November 2020 konnte die Lufthansa wieder Mittel privater Geldgeber am Kapitalmarkt aufnehmen und schrittweise die Kredite und Stillen Einlagen tilgen. Der WSF ist derzeit noch mit rund 14 Prozent an der Lufthansa beteiligt. Diesen Anteil muss er bis Oktober 2023 verkaufen.

Paragraf 24 bereitet Volz Sorge

Aber das, was ihm akut am meisten Sorge bereite, sagt Volz, sei jener Paragraf 24 des Energiesicherungsgesetzes (EnSiG), jene Preisanpassungsklausel, die wirksam werden kann, wenn die Bundesnetzagentur in Bonn eine „erhebliche Reduzierung der Gesamtgasimportmengen“ feststellt. Die Versorger können dann hohe Preise nur mit kurzer Frist sofort an ihre Kunden durchreichen, können die Bedingungen von Verträgen ändern. Das soll verhindern, dass die Versorger zahlungsunfähig werden. Uniper, der Gasimporteur, der am vergangenen Mittwoch eine Gewinnwarnung herausgegeben und um staatliche Hilfe gebeten hatte, hatte in seiner Ad-hoc-Mitteilung darauf gedrungen, diesen Weg zu gehen – allerdings ohne den Paragrafen ausdrücklich zu erwähnen.

Lesen Sie auch: Habecks Preisbremse beim Gas-Alarm wird sich rächen

Eigentlich kann die Bundesregierung den Paragrafen 24 schon in der Alarmstufe des Notfallplans Gas ziehen. Da sind wir ja schon. Aber noch schreckt die Bundesregierung vor diesem Schritt zurück. Das Risiko sofortiger sozialer Verwerfungen ist hoch. Aber auch der Druck aus Teilen der Wirtschaft ist groß. Der Paragraf sei handwerklich schlecht gemacht, heißt es. Es gebe keine bundeseinheitliche Lösung. Er schaffe nicht Ordnung, sondern Chaos.

Wie soll das genau laufen?

Detlef Volz sieht das auch so. Vor ein paar Tagen hat er bei seinen Stadtwerken angerufen. Frage: Wie genau soll das laufen? Antwort: Wir wissen es auch nicht? Es gebe keine einheitlichen Richtlinien, keine einheitlichen Vorgaben. Muss Volz dann für die Hälfte seiner Gasmenge einen Aufschlag zahlen? Oder für 30 Prozent? Und wie hoch wird dieser Aufschlag sein? Gilt das als Höhere Gewalt? Und wie soll er das seinen Kunden erklären in Ländern, die kein vergleichbares Gas-Problem haben wie die Deutschen? „Wenn diese Klausel gezogen wird“, sagt Volz, „dann schaffen wir chaotische Verhältnisse. Das ist ein heilloses Durcheinander.“

In Berlin ist man sich offenbar bewusst, wie gefährlich die Fallstricke des Paragrafen 24 sind. Man werde versuchen nachzubessern, hieß es zuletzt. Aber wie schnell das geht? Diskutiert wird derzeit offenbar auch ein Umlageverfahren als Alternative. Demnach würde nicht ein einzelnes Unternehmen die Preise durchreichen. Sondern die Preisdifferenz würde an einer Clearing Stelle, angesiedelt etwa bei dem Gasmarktverantwortlichen Trading Hub Europe (THE), berechnet und auf die Entgelte aller Gasnetzkunden umgelegt werden. Aber beschlossen ist das noch nicht. Volz jedenfalls will in den nächsten Tagen alle Kunden anschreiben und sie vorwarnen: Achtung, da könnte etwas kommen. Können wir uns einigen? Aber prinzipiell ist er skeptisch. „Wenn die diesen Paragrafen 24 aktivieren, dann haben wir hier freies Schießen.“

Was bringen Auktionen?

Volz sagt zwar dass er nicht viel Gas einsparen könne, ohne die Produktion zu drosseln. Aber er könne über Kompensationsmodelle nachdenken. Auch jene Versteigerung von eingesparten Mengen, die es demnächst geben soll, sei für ihn möglicherweise attraktiv. In den nächsten Wochen soll die Trading Hub Europe, der Gasmarkverantwortliche in Deutschland, ein entsprechendes Produkt vorlegen, ein so genanntes Regelenergieprodukt. Demnach wird die THE den Verzicht auf Gasmengen auktionieren, ähnlich wie bei der Stilllegung von Kohlekraftwerkskapazitäten. Da wird also gefragt: Zu welchem Preis würdet Ihr, liebe Unternehmen, auf die Erdgasmenge X verzichten? Dann werden Gebote abgegeben. Den Zuschlag erhält das niedrigste Gebot. Noch im Sommer soll dieses Produkt auf den Markt kommen. Volz kann sich das auch direkter vorstellen. „Wenn die Regierung sagen würde: Okay, du kriegst eine Kompensation von X Euro für jeden Kubikmeter Gas, den du weniger verbrauchst als im vergangenen Jahr im gleichen Zeitraum, dann muss ich das durchrechnen. Macht's vielleicht mehr Sinn, dass ich meine Kapazität zeitweise um 30 Prozent zurückfahre, um der Allgemeinheit zu helfen und mir nicht dabei zu viel zu schaden?“

VKU-Chef Ingbert Liebing

„Die Situation wäre für Stadtwerke existenzgefährdend“

von Christian Schlesiger

Die Risiken dieses „Gas-Dings“

Er sei, sagt Volz, gerade gebeten worden, eine Jahresendprognose abzugeben. Wie sieht das Geschäft Ende des Jahres aus? „Ich habe gesagt: Keine Ahnung. Die Spanne ist so riesig. Das Jahr läuft an sich gut. Aber wenn dieses Gas-Ding nächste Woche kommt, dann kann das für unser Unternehmen dramatische Folgen haben.“ Es wird sich lohnen, wieder mit Volz zu sprechen. Vielleicht geht es ja ein zweites Mal viel besser als erwartet. Auch im nächsten Winter.

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