1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. Abhängigkeit von der Volksrepublik: Kann Indien eine echte Alternative zu China sein?

StandortwahlKann Indien eine echte Alternative zu China sein?

Deutschlands Wirtschaft will ihre Abhängigkeit von China reduzieren. Wer füllt die Lücke? Indien will sich endlich als internationaler Produktionshub etablieren – die Regierung lockt Unternehmen mit Förderungen in Milliardenhöhe.Sophie Crocoll 07.09.2022 - 15:36 Uhr

Foxconn entdeckt Indien als Standortalternative.

Foto: imago images, Collage: WirtschaftsWoche

Es ist eine Nachricht, wie sie sich jedes Land wünscht, das sich als internationaler Standort weiter profilieren will: Zum ersten Mal in seiner Geschichte plant der Technikkonzern Apple, sein neues iPhone-Modell – das iPhone 14 – fast zeitgleich in China und Indien fertigen zu lassen. Bisher hatte der Produktionsbeginn in Indien statt zwei üblicherweise sechs bis neun Monate nach dem in China gelegen.

Für Indien geht es hier um mehr als nur darum, sich als gleichwertiger Hersteller eines technisch führenden Mobiltelefons zu präsentieren. Lange stammte die überwiegende Mehrheit der Apple-Geräte aus China. Seit einiger Zeit allerdings sucht der US-Konzern nach Alternativen; umso dringender, seit die Regierung des chinesischen Präsidenten Xi Jinping den Antiamerikanismus auf die Spitze treibt und aufgrund der Coronapandemie immer wieder Teile des Landes in den Lockdown zwingt – was auch das Wirtschaftsleben lähmt.

Diese Alternative will Indien sein – und zwar nicht nur für Apple, sondern für die vielen internationalen Unternehmen, die sich derzeit fragen, ob es klug gewesen ist, sich in Produktion und Absatz zu großen Teilen abhängig von China zu machen. Auch deutsche.

Denkfabrik

Eine Medizin gegen Szenarien des Untergangs

So berichteten in einer Umfrage der EU-Handelskammer nach dem Lockdown Shanghais im April und Mai drei Viertel der Mitglieder, die strengen Eindämmungsmaßnahmen in China hätten ihren Betrieb schwer beeinflusst. Neun von zehn beklagten Lieferkettenprobleme und fast ein Viertel der Befragten gab an, darüber nachzudenken, neue Investitionen im Land auf Eis zu legen. Diese würde sich Indien gerne sichern.

Lesen Sie auch: Raus aus China!? Deutschlands Schicksalspartner wird zum unkalkulierbaren Risiko für Politiker, Unternehmer und Expats

Bislang werden deutsche Unternehmen häufig in Vietnam fündig, wenn sie in Asien nach einem alternativen beziehungsweise meist ergänzenden Produktionsstandort zu China suchen. Im März legte der Fürther Oberflächenbeschichter Kurz den Grundstein für eine neue Asienfertigung – in der vietnamesischen Boomstadt Quy Nhon. Beiersdorf investiert über seinen Klebestreifenhersteller Tesa im Norden Vietnams 55 Millionen Euro in ein neues Werk, das 2023 eröffnen soll.

Indien dagegen gilt schon lange als Zukunftsmarkt – die Hoffnungen hätten sich in der Vergangenheit jedoch immer wieder in Gegenwartsernüchterung verkehrt, so drückte es einmal Wolfgang Niedermark vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) aus. 

„Der Hype Mitte der 2000er Jahre, Indien werde das nächste China, war übertrieben“, bestätigt Boris Alex, der für die deutsche Außenwirtschaftsgesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) aus Delhi den indischen Markt beobachtet. Alex hat bis 2011 schon einmal in dem Land gelebt und ist vor drei Jahren zurückgekehrt. Er sagt: „Inzwischen hat sich Indien in vielen Bereichen aber stark weiterentwickelt.“

Ein Treiber: die eigene Abhängigkeit von China

Beispiel Politik: Zwar hat die Regierung des indischen Premierministers Narendra Modi 2020 eine neue Wirtschaftspolitik der Eigenständigkeit verkündet. Auch aufgrund der Coronapandemie spürte das Land, wie abhängig es selbst ist – gerade von China, bei Halbleitern und Vorprodukten von Pharmazeutika beispielsweise. Deutsche Pharmahersteller kennen das Problem. Modi will daher die lokale industrielle Produktion entlang der gesamten Wertschöpfungskette stärken und nationale Champions aufbauen, zum Beispiel im Technologiebereich. Das klingt nach India first – Abschottung und Protektionismus also?

Indien verfüge allerdings selbst nicht über genügend Wissen und Kapital, um alle benötigten und gewünschten Investitionen zu tätigen, sagt Boris Alex. Um sich als internationaler Exporthub zu etablieren, braucht das Land also auch ausländischen Produzenten – und hat die Regierung daher Förderprogramme in Höhe von etwa 30 Milliarden Euro aufgelegt.

Auf diese sogenannten „Production-Linked Incentives“, vor allem für die Automobil- und Stahlindustrie sowie die Batterieherstellung, können sich internationale Unternehmen bewerben, die ihre Produktion im Land steigern wollen und bereit sind, Investitionen in einer gewissen Höhe zu leisten. Indien hoffe, sagt Alex, damit auch die Firmen zu erreichen, „die sich in der Region stärker diversifizieren wollen“.

Klar ist: Auch wenn Indien sich im Bezug auf den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine bislang auffällig neutral verhält, weil das Land Russland als Waffenlieferanten und Unterstützer bei politischen Konflikten braucht, die Partner außerdem planen, ihre Wirtschaftsbeziehungen in den kommenden Jahren auszubauen – die Anreize sollen besonders Unternehmen aus dem Westen anziehen.

Für ein Fazit ist es allerdings zu früh. Erst in den vergangenen sechs Monaten sind die ersten Unternehmen ausgewählt worden. Jedoch sei auch in der Gruppe deutscher Unternehmen schon eine positive Entwicklung im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit zu beobachten. Was auch an der Entwicklung der indischen Industrie liegt – Beispiel Ressourcen vor Ort. Die Zölle und strengen Anforderungen, in der Produktion lokal hergestellte Komponenten zu verwenden, haben ausländische Unternehmen lange abgeschreckt – weil viele indische Unternehmen nicht die benötigte Qualität zuliefern konnten. Das hat sich geändert, berichten Beobachter.

„Ein fast unbegrenzter Talentpool“

Dazu kommt die Menge an gut ausgebildeten Arbeitskräften, die in Indien verfügbar ist – während Deutschland und viele andere europäische Länder unter der Demografie leiden und wegen fehlendem Personal ächzen. „Gerade bei technischen Fähigkeiten steht in Indien ein fast unbegrenzter Talentpool zur Verfügung“, sagt Stefan Halusa, der die Deutsch-Indische Handelskammer leitet.

Den nutzten zunehmend auch kleinere deutsche Firmen, die vor Ort zunächst zehn oder 20 Leute beschäftigten – und diese direkt in ihre globale Entwicklungsstruktur integrierten. Denn statt lange zu suchen, werden sie hier rasch fündig – und das zu Kosten, die den Aufwand rechtfertigen.

Lesen Sie auch: Fachkräftemangel – Wer macht morgen die Arbeit?

Bleiben die Beispiele Drei und Vier: Bürokratie und Infrastruktur. Die deutschen Unternehmen durchaus auch in Deutschland als Probleme bekannt sein dürften. Indien, findet Halusa, geht diese inzwischen allerdings beherzt an. Im Frühjahr sei ein Budget für massive Investitionen in die physische und digitale Infrastruktur verabschiedet worden; inklusive eines Masterplans, Gati Shakti genannt, der die Aktivitäten zusammenführen soll. Und, auch, wenn es schwierig bleibt, von indischen Behörden Genehmigungen und Lizenzen zu erhalten: Zumindest hat Digitalisierung einen anderen Stellenwert. In vielen Bundesstaaten würden beispielsweise Steuern elektronisch und sozusagen gesichtslos festgesetzt.

Halusas Fazit: Besonders in den Branchen Batterietechnik, erneuerbare Energien, Elektromobilität, Pharma und Chemie ergeben sich Möglichkeiten für deutsche Unternehmen – und deren Technologie. Zumal das Land mit seinen 1,4 Milliarden Menschen auch ein größerer Absatzmarkt ist als seine Nachbarn. Er empfiehlt allerdings, sich intensiv mit dem Markt und seinen Teilnehmern auseinanderzusetzen: „Indien ist sehr betreuungsintensiv, es passiert eher wenig von selbst.“ Auch müsse man interkulturelles Verständnis mitbringen. Beispielsweise seien die Menschen im Land sehr preissensitiv – egal, wie gut ein Produkt ist.

GTAI-Vertreter Boris Alex verweist zudem auf die großen indischen Industriekonglomerate wie die Tata-Gruppe und Reliance, die sich in den vergangenen zehn Jahren stark gewandelt und auf Wachstumsbranchen ausgerichtet hätten. Dazu zählen Investitionen in US-amerikanische und europäische Unternehmen. So hat sich Reliance im Oktober 2021 mit 25 Millionen Euro an der jungen Freiburger Photovoltaik-Firma Nexwafe beteiligt. „Die lokale Konkurrenz ist deutlich stärker geworden“, sagt Alex. Sein Rat: Wer in Indien erfolgreich tätig werden will, „sollte nicht mehr zu lange warten“.

Lesen Sie auch: Krieg in der Ukraine: Warum Indien trotz allem zu Russland hält

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick