Die Höhle der Löwen: „Das Beste ist, dass es sich nicht nach Arbeit anfühlt“
Mit Nextfolder haben die Schüler Johannes Baumgardt und Valentin Steudte eine Alternative zu den klassischen Ringheftern entwickelt.
Foto: RTL / Bernd-Michael MaurerVon klassischen Ringheftern waren Johannes Baumgardt und Valentin Steudte genervt, weil die starren Metallringe beim Schreiben oft im Weg sind. Mit Nextfolder haben die Schüler des Sportgymnasiums Oberhof in Thüringen eine Alternative mit flexiblen Plastikringen entwickelt. Im Mai präsentierten sie ihre Idee in „Die Höhle der Löwen“, nun ist ihr Pitch ausgestrahlt worden. Bekommen haben die Gründer in der Vox-Sendung nicht nur viel Lob, sondern auch eine Finanzspritze: Mit 80.000 Euro für 30 Prozent der Firmenanteile stieg Ralf Dümmel als Investor ein. Im Interview sprechen die heute 19-Jährigen darüber, wie sie Schule, Sport und Start-up unter einen Hut gebracht haben – und welche Pläne sie nun haben.
WirtschaftsWoche: Sich im Alltag an etwas zu stören, ist eine Sache. Ein Start-up zu gründen, um das mit einem neuen Produkt zu ändern, eine andere. Wie kam es dazu, dass Sie schon als Schüler neue Ringhefter entwickelt haben?
Valentin Steudte: Wir haben uns oft darüber geärgert, dass bei herkömmlichen Heftern die starren Metallringe beim Schreiben im Weg sind. Die Idee, die Ringe aus einem flexiblen Material herzustellen, hatten wir schon in der neunten Klasse. Dass wir uns später tatsächlich an die Umsetzung gemacht haben, hängt mit einem Schulprojekt zusammen: Wir brauchten ein Thema für unsere Seminarfacharbeit – und dachten, dass sich das doch anbietet.
Die Seminarfacharbeit ist in Thüringen Bestandteil des Abiturs. Schüler sollen in Gruppenarbeit das selbständige wissenschaftliche Arbeiten lernen. Mit der Gründung sind Sie aber etwas über Ziel hinausgeschossen, oder?
Johannes Baumgardt: Dass aus einer Seminarfacharbeit ein Start-up entsteht, ist die Ausnahme. Aber es ist schon vorgesehen, dass man sich nicht nur theoretisch an etwas abarbeitet, sondern auch ein Experiment oder ähnliches macht. Bei uns war der Ausgangspunkt eine Umfrage: Wir haben unsere Mitschüler zu Heftern befragt und festgestellt, dass nicht nur wir uns an den bestehenden Produkten stören. Das hat uns darin bestärkt, eine Alternative zu entwickeln – von Schülern für Schüler.
Wie sind Sie vorgegangen?
Steudte: Wir wollten nicht nur etwas auf dem Papier entwerfen, sondern unsere Idee auch in ein physisches Produkt umsetzen. Ich habe mich dann intensiv mit 3D-Druckern befasst und Johannes davon überzeugt, dass wir so etwas brauchen. Also haben wir ein Gerät im Internet bestellt und legten los.
Sie haben beim Pitch angegeben, 60 Prototypen entwickelt zu haben. Wie hat sich das Konzept verändert?
Baumgardt: Am Anfang hatten wir das Ziel, nur die eigentlichen Ringe zu ersetzen und nicht die ganze Metallkonstruktion in den Heftern. Die ersten Entwürfe sahen deswegen ganz anders aus. Wir haben zum Beispiel mit Druckknöpfen experimentiert. Aber es gab einige Rückschläge. So hatten wir einmal den Kontakt zu einem Produktdesigner, der uns deutlich gesagt hat, dass unser Entwurf viel zu unpraktisch und klobig ist. Also haben wir weiter experimentiert. Die Version, die wir in der Sendung präsentiert haben, ist erst kurz vor der Aufzeichnung entstanden.
Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie in die Sendung eingeladen worden sind?
Steudte: Zustande kam das über die Initiative Start-up Teens. Dort hatten wir unsere Idee einmal vorgestellt und sind seither im Alumni-Verteiler. Über den kam dann der Hinweis, dass noch Start-ups für die Sendung gesucht werden. Da haben wir die Chance ergriffen und uns beworben.
Ihr Pitch wirkte sehr professionell. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Baumgardt: „Die Höhle der Löwen“ als Format kannten wir natürlich. Wir gucken die Sendung schon lange. Insofern wussten wir, was in etwa auf uns zukommt. Vor der Aufzeichnung haben wir unseren Pitch dann immer wieder geübt. Wir haben uns genau überlegt, welche Fragen kommen könnten und alle wichtigen Zahlen herausgesucht. Uns war sehr wichtig, dass wir beide zu allem eine Auskunft geben können.
Lob für den Auftritt gab es von allen Löwen. Letztlich angebissen hat Ralf Dümmel. War das Ihr Wunschinvestor?
Steudte: Tatsächlich wollten wir unbedingt Ralf Dümmel überzeugen. Er beweist immer wieder, dass er Produkte von Start-ups ganz schnell in den Handel bringen kann. Das war auch unser Ziel. Bereut haben wir die Entscheidung bisher nicht. Es ist Wahnsinn, wie gut und professionell wir von dem Team unterstützt werden.
In welchen Bereichen zum Beispiel?
Steudte: Das ganze Produkt ist noch mal angepasst worden, so dass es im Spritzgussverfahren hergestellt werden kann. Wir hatten ja bis dahin alles mit dem 3-D-Drucker gemacht und hätten damit keine großen Stückzahlen erreichen können. Aber auch in anderen Bereichen gab es Unterstützung: So haben wir jetzt eine richtig professionelle Webseite. Vorher hatten wir da mehr schlecht als recht etwas zusammengeschustert.
Baumgardt: Auch wenn man nur ein kleines Produkt herstellen will, gibt es schnell sehr viele Dinge, um die man sich kümmern muss. Da nehmen wir Tipps von erfahrenen Leuten gerne dankbar an. Aufgezwängt bekommen wir aber nichts: Die finalen Entscheidungen liegen immer noch bei uns.
Gegründet haben Sie das Unternehmen schon vor zwei Jahren. Damals waren Sie noch noch nicht volljährig.
Baumgardt: Im Nachhinein war das etwas voreilig. Wir hatten ja noch gar kein fertiges Produkt. Die Unternehmensstruktur hat uns deswegen erst mal nicht so viel gebracht, aber Kosten verursacht. Dass wir noch nicht 18 waren, hat die Sache nicht leichter gemacht. Aber wir waren eben sehr von unserer Idee überzeugt.
Minderjährige Gründer brauchen die Einwilligung des Familiengerichts. Das ist kompliziert und bürokratisch. Welchen Weg sind Sie gegangen?
Steudte: Mit der Möglichkeit übers Familiengericht haben wir uns auch befasst, das schien uns aber viel zu aufwendig. Wir haben deswegen im Verwandtenkreis gefragt, ob jemand das Unternehmen für uns anmelden kann. Meine Oma hat sich dann netterweise dazu bereit erklärt. Das hat gut gepasst: Sie ist gut mit Zahlen und Buchhaltung.
Wie sieht das Unternehmen jetzt aus? Sind Sie noch zu zweit?
Baumgardt: Angestellte haben wir noch keine, wenn Sie das meinen. Aber wir arbeiten auch nicht mehr zu zweit vor uns her, sondern eng mit Ralf Dümmels Team zusammen. Manchmal fühlt sich das schon ein bisschen wie in einem großen Unternehmen an.
Und wie soll es mit Nextfolder nun weitergehen?
Steudte: Wir sind jetzt erst einmal gespannt, wie unsere Ordner ankommen. So richtig am Markt starten wir erst jetzt mit der Sendungsausstrahlung. Wie es dann weitergeht, wissen wir noch nicht genau. Wir haben auf jeden Fall noch viele Ideen für neue Features bei den Ordnern. Und wir denken auch über ganz neue Produkte nach.
Das Abi haben Sie jetzt in der Tasche. Drängen Ihre Eltern Sie nicht, nun ein Studium oder eine Ausbildung anzufangen?
Baumgardt: Unsere Eltern haben uns zum Glück bei der ganzen Gründung immer sehr unterstützt und machen auch jetzt keinen Druck. Ich habe für mich beschlossen, mich erst einmal ein Jahr lang Vollzeit um das Unternehmen zu kümmern. Im Moment macht das sehr viel Spaß – und das Beste ist, dass es sich nicht nach Arbeit anfühlt.
Wie sieht es bei Ihnen aus, Herr Steudte? Sie betreiben auch noch Leistungssport – als Rodler. Im Doppelsitzer haben Sie sogar eine Goldmedaille bei den Olympischen Jugendspielen 2020 gewonnen. Lässt sich das Trainingspensum mit dem Start-up unter einen Hut bringen?
Steudte: Es hilft auf jeden Fall, dass jetzt keine Zeit mehr für die Schule verloren geht. In den vergangenen Jahren war es nicht so leicht, alles unter einen Hut zu bekommen. Vormittags saßen wir im Klassenraum, nachmittags hatte ich Training. Da blieben eigentlich nur die Abende und Wochenenden, um Nextfolder voranzutreiben. Hätte Johannes mir nicht oft den Rücken freigehalten, hätte das nicht funktioniert. Die Sportlerkarriere will ich parallel auf jeden Fall weiterverfolgen. Auch wenn es bis zu den großen Wettbewerben abseits des Junioren-Bereichs noch ein weiter Weg ist, steht das große Ziel schon fest: Olympia 2026.
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