Verkehrte (Finanz)welt: Die „komplementäre“ Beziehung von Banken und Fintechs
Der Sitz der Silicon Valley Bank. Nach dem Einbruch der SVB sehen viele Marktbeobachter die Infrastruktur des FinTech-Ökosystems gefährdet.
Foto: REUTERSDas klassische Bankenmodell ist seit einigen Jahren unter Druck. Haupttreiber sind neue technologische Errungenschaften und die damit verbundene Digitalisierung vieler Prozesse. Auch der demografische Wandel und die Internetaffinität der jüngeren Generation bewirken, dass immer mehr Kunden ihre Bankgeschäfte online erledigen, anstatt eine Bankfiliale aufzusuchen. Waren Banken einst die unangefochtenen „Hüter des Geldes“, so drängen neue Anbieter, sogenannte Fintechs auf den Markt, die die traditionelle Bankenlandschaft aufmischen und verändern.
Parallele zu 2008?
Fintechs haben im Zusammenhang mit der Lehman-Pleite und der Finanzkrise von 2008 an Popularität gewonnen. Das stark beschädigte Image der Banken zu diesem Zeitpunkt sowie die rasante Verbreitung von Smartphones waren nur zwei Gründe für den Aufstieg disruptiver Geschäftsmodelle. Zunächst forderten vornehmlich Peer-to-Peer Lending-Plattformen das klassische Kreditgeschäft erfolgreich heraus. Banken werden hierbei als „Schnittstelle“ zwischen Kreditnehmer und -geber ausgeschaltet. Im weiteren Verlauf entwickelten sich innovative Zahlungsdienstleister, digitale Vermögensverwalter (Robo Advisor) sowie Neo-Banken. Letztere sind reine Onlinebanken, welche ihre Dienstleistungen ohne Filialnetz exklusiv über das Smartphone anbieten.
Und heute? Nach dem Einbruch der Silicon Valley Bank (SVB) Anfang März sehen viele Marktbeobachter die Infrastruktur des Fintech-Ökosystems gefährdet. Wieder haben wir es mit einem Vertrauensverlust zu tun. Noch bewegt sich die Zahl der in Deutschland ansässigen Fintechs mit eigener Bank- beziehungsweise PSD2-Lizenz (Richtlinie, die Drittdienstleistern das Auslesen eines Bankkontos erlaubt) im einstelligen Bereich. Hierzu zählen beispielsweise die Neobank N26 oder die Solarisbank. Das Verhältnis von Fintechs und etablierten Banken kann am besten als eine Mischung aus Partnerschaft und Konkurrenz bezeichnet werden.
Reifere Compliance-Prozesse
Für viele technologiegetriebene Start-ups, die digitale Finanzprodukte entwickeln, sind die regulatorischen Eintrittsbarrieren in den Bankenmarkt hoch. Dies hat durchaus seine Berechtigung, braucht es doch Expertise und Kapitalkraft, um Vollbank in Deutschland zu werden.
Mittlerweile sehen wir daher eher eine „komplementäre“ Beziehung von Banken und Fintechs. Letztere profitieren im Rahmen von Partnerschaften und Fusionen von der finanziellen Stärke und dem Kundennetzwerk der Banken. Die Module und Anwendungsbereiche, die sie in die Wertschöpfungsketten einbringen, sind vielseitig: Mobile Zahlungsmöglichkeiten, schnelle Kreditvermittlung über das Smartphone, einfacher Zugang zu Konten über die App oder kurzfristig abgeschlossene Urlaubsversicherungen spontan vor Abflug.
Eine wichtige Rolle für die weitere Wachstumsdynamik spielt das Risikomanagement. Die Regulatoren wollen und sollen Finanzinnovationen zwar fördern, sind aber dazu angehalten, die Geschäftsmodelle (mit dem Auftrag des Verbraucher- und Anlegerschutzes) kritisch zu hinterfragen. Dazu einige Beispiele, die die verschiedenen Perspektiven beleuchten: So wird etwa ein Start-up, das in den Handel mit virtuellen Währungen einsteigen und entsprechende Geschäfte anbieten möchte, über die aufsichtsrechtlichen Anforderungen zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung eher stöhnen und dies als Bremse wahrnehmen. Die jüngsten Schließungen der auf Krypto spezialisierten US-Banken Silvergate und Signature deuten hingegen auf potenzielle Fragilitäten im Markt für digitale Assets hin.
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Auch in Europa sind regulatorische Herausforderungen der Neobanken, die die Finanzaufsicht auf den Plan rufen, bekannt. So äußerte ein Wirtschaftsprüfer etwa Bedenken über das Zustandekommen der Erträge bei der britische Online-Bank Revolut. In Deutschland legte die Bafin der Neobank N26 Maßnahmen auf, die das überproportional schnelle Kundenwachstum adressieren und bestimmte Risikopositionen begrenzen sollen.
Ausblick: Fintechs am Finanzplatz Deutschland
Fintechs wurden lange Zeit als direkte Konkurrenten der Universalbanken betrachtet. Um ihre Vision – Bankprodukte und Dienstleistungen kostengünstig und benutzerfreundlich anbieten – umzusetzen, müssen die Fintechs weitere Weichenstellungen bei den Themen Regulatorik und Compliance vornehmen. Als nächster Evolutionsschritt ist nicht absehbar, dass Fintechs die traditionellen Banken aus dem Markt verdrängen werden.
Zu erwarten sind vielmehr Kooperationen, bei denen Fintechs ihre hohe Spezialisierung, Flexibilität und Innovationsdynamik einbringen. Banken profitieren von dieser Agilität, um verkrustete Architekturen aufzubrechen. Der Grad der Zusammenarbeit wird entscheidend darüber sein, wie erfolgreich die Kooperation – von der reinen Zulieferbeziehung bis zur engen Verflechtung – für beide Seiten sein wird.
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