Box-Chef Aaron Levie: „Der Kollaps der SVB ist eine Lektion für das Silicon Valley“
Aaron Levie ist der Gründer und Chef des Online-Speicherdienstes Box.
Foto: PRWirtschaftsWoche: Das Silicon Valley steht nach dem überraschenden Kollaps der Silicon Valley Bank (SVB) und der Übernahme durch die US-Bank First Citizens BancShares noch immer unter Schock. War Box auch betroffen?
Aaron Levie: Glücklicherweise nicht. Es war ein sehr erschütterndes Ereignis, weil die Silicon Valley Bank eine Institution für Gründer und Wagnisfinanzierer war. Es ist eine Lektion. Aber weniger für Start-ups, sondern mehr für die Finanzbranche, wie sich deren Risikomanagement verändern muss. Auch im Blick darauf, wie Kunden sich verhalten.
Die Tech-Branche ist derzeit von Entlassungen gebeutelt. Wie wird sich das auf Investitionen niederschlagen, auf die Verfügbarkeit von Wagniskapital?
Wir befinden uns in einer Phase, wo die Bewertungen von Unternehmen angepasst werden. Tatsächlich sind die von Tech-Unternehmen schon sehr stark reduziert worden. Das hat natürlich einen dämpfenden Effekt für die Erwartungen der Investoren, was sich an Rendite erzielen lässt. Die Investitionen werden also zurückgehen.
Ist das positiv oder negativ?
Momentan ist es für die betroffenen Unternehmen und ihre Mitarbeiter natürlich sehr einschneidend, wie man auch an der Zahl der Entlassungen sieht. Aber langfristig ist es positiv. Unternehmer werden gezwungen, noch härter daran zu arbeiten, dass ihre Produkte auch nachgefragt werden, mehr Umsatz erzielen. Daraus werden stabilere Unternehmen entstehen. Wir kommen ja aus einer Phase, wo Investoren in der Lage waren, ihre Start-ups stark zu subventionieren, was nicht nachhaltig war.
Mussten Sie bei Box auch Mitarbeiter entlassen?
Wir mussten nichts Dramatisches machen. Natürlich schauen auch wir auf die Effizienz, müssen finanziell diszipliniert sein, haben intern ein paar Umbesetzungen vorgenommen. Aber keine Entlassungen.
Gerade hat Amazon wieder Entlassungen bekanntgegeben, auch in der bislang boomenden Sparte Cloud Computing. Das ist Ihr Sektor, spüren Sie da eine Abkühlung?
Das betrifft eher die Infrastrukturseite, also den Ausbau von Rechenzentren. Das geschah mit einer Geschwindigkeit, wie wir sie nie zuvor gesehen haben, richtig große Plattformen wie Microsoft oder Amazon wuchsen gigantisch. Dass dies nicht auf die Dauer durchzuhalten ist, war klar. Deshalb sehen wir da eine Anpassung.
In der Tech-Branche gibt es momentan eine Menge Enthusiasmus für generative KI, beispielsweise ChatGPT von OpenAI. Wie reagieren Sie darauf bei Box?
Ich bin begeistert, weil es ein Wendepunkt für die Zukunft der Software ist. Die wird noch intelligenter werden, besser auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten. Wir werden ganz neue Werkzeuge sehen, auch im Bereich der Automatisierung. Wir werden in den nächsten Monaten Neuigkeiten dazu verkünden.
Können Sie zumindest verraten, in welche Richtung das geht?
Wir verwalten eine Menge von Daten, in ihnen Informationen über geistiges Eigentum, über Verträge oder Bestellungen. Also alles Daten, mit denen Künstliche Intelligenz gut zurechtkommt. Damit wird es möglich, diese Daten in einer Art und Geschwindigkeit zu erschließen, die vorher nicht möglich war. Auch was die Art der Fragestellung angeht.
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OpenAI wurde auch als Gegengewicht zu den Forschungen der großen Tech-Konzerne wie Google oder Microsoft gestartet. Nun arbeitet das Unternehmen sehr eng mit Microsoft. Besorgt Sie das?
Nicht wirklich. OpenAI bringt Künstliche Intelligenz voran, nicht nur bei deren Kommerzialisierung, sondern weiterhin auch bei der Forschung. Sie profitieren von der engen Partnerschaft mit Microsoft. Wir nutzen die Programmierschnittstellen von OpenAI genauso wie das auch jeder andere Entwickler tun kann. Nach meiner Beobachtung sind sie trotz ihrer Allianzen immer noch unabhängig genug, um ihre eigene Innovation voranzutreiben.
Big Tech wird immer mächtiger. Und zumindest in der US-Politik wird trotz Lippenbekenntnissen dagegen relativ wenig getan. Sind Sie bei Box von der Marktkonzentration negativ betroffen?
Es stimmt, dass die großen Unternehmen immer größer werden. Aber das gilt auch für den Markt. Der ist so riesig geworden, dass Raum für viele andere Unternehmen entstanden ist. Es ist ein Umfeld, in dem viele Partnerschaften entstehen, wir haben beispielsweise eine sehr enge und fruchtbare mit Microsoft. Trotzdem ist der Markt immer noch sehr wettbewerbsintensiv. Das liegt auch an den Kunden, die nach meiner Beobachtung noch stärker darauf achten, nicht von einem Anbieter abhängig zu sein.
Mehr passiert ist dagegen beim Datenschutz, durch entsprechende Verordnungen in Kalifornien, aber auch von der EU. Skeptiker hatten im Vorfeld gewarnt, dass dies Innovation einschränken würde. Beobachten Sie das im Alltag?
Ich finde es richtig, dass wir starke Regeln haben, um Privatsphäre und Daten zu schützen. Gerade was die Sicherheit von Daten angeht, müssen Unternehmen auch zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn diese verletzt wird. Aber nicht alle Regeln sind im Sinne des Kunden. Wir müssen da eine Balance finden.
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Was meinen Sie damit konkret?
Nehmen wir mal die Werbung. Will ich Werbung haben, die gar nicht mehr personalisiert ist? Ich zumindest nicht. Wir müssen dabei auch auf kleinere Unternehmen mit Nischenprodukten schauen. Wenn überhaupt niemand mehr gezielt mit Werbung angesprochen werden kann, finden die ihr Publikum gar nicht mehr. Es ist zu teuer für sie breitflächig zu werben, deshalb werden sie das einschränken oder gar nicht tun. Das ist schlecht für die Wirtschaft. Und wenn diese Unternehmen nicht überleben, auch für den Wettbewerb und damit den Kunden.
Noch vor einem Jahr war das große Hype-Thema im Silicon Valley das Metaverse. Nun ist es Künstliche Intelligenz. Sind die Glanzzeiten des Metaverse schon wieder vorbei?
Ich würde mal sagen, diese Glanzzeiten gab es noch gar nicht. Es wurde zwar viel darüber in der Öffentlichkeit geredet. Aber weniger tatsächlich gemacht. Zumindest bei den Silicon Valley Unternehmen, mit denen ich zu tun habe. Sicherlich, ein paar große Unternehmen waren da sehr aktiv. Aber in meinem Bekanntenkreis von Silicon-Valley-Unternehmern, da hat niemand so richtig ernsthaft dran gearbeitet.
Bei Box auch nicht?
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde virtuelle Realität sehr spannend. Aber die Vision, dass man da eine Menge Zeit verbringt, ist noch einiges weg. Vielleicht in der Zukunft, aber dafür muss die Hardware noch um einiges besser werden.
Sie haben Box vor knapp zwanzig Jahren als Student gegründet. Wenn Sie heute nochmal als Unternehmer durchstarten könnten, was würden Sie machen?
Ich denke mal, es wäre sehr schwer, nicht irgendwas mit Künstlicher Intelligenz zu machen. Das ist eine reale, schnell wachsende Plattform, wo man etwas drauf bauen kann und wo wir trotzdem erst an der Oberfläche kratzen.
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