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Konjunktur„Die Inflation wird uns noch längere Zeit belasten“

Die Vanguard-Ökonomin Roxane Spitznagel warnt: Die Inflation wird trotz der schwachen Konjunktur in den USA und Europa vorerst hoch bleiben. Das liegt neben den steigenden Löhnen auch an der Entwicklung in China.Malte Fischer 28.04.2023 - 15:12 Uhr

Die Vanguard-Ökonomin Roxane Spitznagel warnt: Die Inflation wird trotz der schwachen Konjunktur in den USA und Europa vorerst hoch bleiben. Das liegt neben den steigenden Löhnen auch an der Entwicklung in China.   

Foto: imago images

WirtschaftsWoche: Frau Spitznagel, nach der Aufregung um die Pleite der Silicon Valley Bank und den Volten um die Credit Suisse scheint das Thema Bankenkrise aus dem Fokus der Märkte geraten zu sein. War alles nur ein Sturm im Wasserglas? 
Roxane Spitznagel: Die Lage hat sich in den vergangenen Wochen wieder etwas beruhigt. Wir gehen nach wie vor nicht davon aus, dass die Probleme der Banken zu einer globalen Bankenkrise auswachsen. Dafür sprechen zwei Dinge. Zum einen haben die Notenbanken in den USA und Europa rasch reagiert und mit umfangreichen Liquiditätsspritzen verhindert, dass es zu einer Liquiditätsklemme kommt. Zum anderen sind die Banken in der EU besser kapitalisiert und verfügen über umfangreichere Liquiditätspolster als die Regionalbanken in den USA. Natürlich besteht jedoch immer das Risiko unbekannter Folgen oder versteckter Risiken im System; dies kann nie vollständig ausgeschlossen werden. 

Die Zentralbanken scheinen entschlossen, die Zinsen weiter zu erhöhen. Wie weit werden sie dabei gehen? 
Die Strategie der Notenbanken besteht darin, Finanz- und Preisstabilität mit unterschiedlichen Instrumenten zu adressieren. Indem sie den Banken umfangreiche frische Liquidität zur Verfügung stellen, sorgen sie dafür, dass die Institute die Auszahlungs- und Überweisungswünsche ihrer Kunden bedienen können. Indem sie die Leitzinsen erhöhen, bekämpfen sie die Inflation. Wir rechnen damit, dass die US-Notenbank Fed den Leitzins auf 5,5 bis 5,75 Prozent anheben wird. In der Eurozone dürfte der Einlagensatz auf 3,75 bis 4,0 Prozent steigen.  

Häufig ist zu hören, die Zentralbanken müssten die Zinsen nicht mehr so stark anheben, weil die Bankenkrise die Kreditvergabe, die Konjunktur und die Inflation dämpfe. 
Die Banken haben ihre Kreditkonditionen im Gefolge der höheren Zinsen und der gestiegenen Rezessionsrisiken bereits vor den Bankturbulenzen verschärft. Die Bankenkrise dürfte diesen Trend verstärken. Die Zentralbanken werden daher genau darauf achten, wie sich die Kreditvergabebedingungen der Geschäftsbanken verändern und dies in ihre Zinsentscheidungen einfließen lassen. 

Bankenkrisen

Der Zinsschock

von Melanie Bergermann, Malte Fischer, Julian Heißler und weiteren

Die Inflationsraten liegen auf beiden Seiten des Atlantiks noch immer weit über dem Zielwert von zwei Prozent. Wie lange werden wir noch unter der Inflation leiden? 
Die Inflation wird uns noch längere Zeit belasten. Wir prognostizieren für Ende dieses Jahres eine Teuerungsrate in der Eurozone und den USA von jeweils etwa drei Prozent. Das ist zwar deutlich weniger als derzeit. Allerdings ist der Rückgang in erster Linie auf einen statistischen Effekt zurückzuführen. Die Preisindizes werden sich in den nächsten Monaten mit jenen aus dem Vorjahr vergleichen, als vor allem die Energiepreise wie auch die Preise für andere Güter kräftig anzogen. Dadurch errechnen sich niedrigere Zuwachsraten. Der Rückgang der Inflation auf drei Prozent fällt daher vergleichsweise leicht. Deutlich schwieriger wird es jedoch, die Teuerungsrate weiter auf zwei Prozent zu drücken. 

Roxane Spitznagel

Foto: PR
Zur Person
Roxane Spitznagel ist Ökonomin beim Vermögensverwalter Vanguard. Sie hat an der London School of Economics und der Universität Zürich Wirtschaftswissenschaften studiert und als Forscherin an der Yale University gearbeitet.

Warum? 
Die Preise für Dienstleistungen sind anhaltend hoch. Das liegt an den Lohnzuwächsen, die die Kosten im Dienstleistungssektor prägen. Die robuste Lage auf den Arbeitsmärkten dürfte die Löhne vorerst weiter steigen lassen. Die Unternehmen werden versuchen, den Kostenschub in Form höherer Preise an ihre Kunden weiterzureichen. Wir erwarten, dass die Zentralbanken die Leitzinsen deshalb bis in das Jahr 2024 hinein auf hohem Niveau halten, um die Inflation zu dämpfen. Mit raschen Zinssenkungen, wie sie die Finanzmärkte erwarten, rechnen wir nicht. 

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Zentralbanken mit Blick auf die Arbeitsmärkte die Leitzinsen zu stark anheben und dadurch Banken und Immobilienmärkte in die Bredouille bringen? 
Das Problem für die Zentralbanken ist, dass die demografisch bedingte Verknappung von Arbeitskräften die Arbeitslosigkeit anders als in früheren Abschwüngen niedrig und den Lohndruck hoch hält. Für die USA rechnen wir damit, dass die Arbeitslosenquote trotz der von uns prognostizierten Rezession nur auf 4,8 Prozent im Jahr 2024 steigt. Das ist im historischen Vergleich ein niedriger Wert. Die Zentralbanken stehen daher vor großen Herausforderungen. 

Heißt das, uns steht eine längere Stagflationsphase bevor? 
Die Stagflation, wie wir sie aus den Siebzigerjahren kennen, war eine Kombination aus stagnierender Wirtschaft, hoher Inflation und hoher Arbeitslosigkeit. Diesmal ist die Situation anders. Zu einer stagnierenden Wirtschaft und hoher Inflation gesellt sich eine niedrige Arbeitslosigkeit. 

In den vergangenen Jahrzehnten hat China der Weltwirtschaft immer wieder zu kräftigem Wachstum verholfen. Können wir auch diesmal auf China hoffen? 
In diesem Jahr wird China der Weltwirtschaft Impulse geben. Wir rechnen mit einer Wachstumsrate der chinesischen Wirtschaft von 6,4 Prozent. Das ist mehr als das offizielle Wachstumsziel der Regierung in Peking. Grund dafür ist die Wiederaufnahme wirtschaftlicher Aktivitäten, die während der Null-Covid-Politik darniederlagen. Allerdings hat die Hilfe aus Fernost ihren Preis. Auf der einen Seite wirkt das wachsende Güterangebot aus China dem globalen Preisauftrieb zwar entgegen. Auf der anderen Seite beschleunigt der Aufschwung in China jedoch dessen Nachfrage nach Rohstoffen, was die Rohstoffpreise auf den Weltmärkten steigen lässt. Per Saldo dürfte die wirtschaftliche Erholung in China die Inflation global leicht anfeuern.

Lesen Sie auch: Drei Gründe, warum eine große Bankenkrise möglich bleibt

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