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Künstliche Intelligenz und ChatGPT„So reißen wir hinten ein, was wir vorne mühsam aufgebaut haben“

Verschleppt, verschlafen, verbummelt: Deutschland hat zwar eine KI-Strategie – aber es hapert erheblich an der Umsetzung, kritisiert Bitkom-Präsident Achim Berg. Er mahnt mehr Beschleunigung an und weniger Regulierung.Sonja Álvarez 10.06.2023 - 10:34 Uhr

Wo geht's hier zur Zukunft? Deutschland verliert bei Künstlicher Intelligenz immer mehr den Anschluss.

Foto: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Berg, Deutschland sollte weltweit führend werden in Künstlicher Intelligenz (KI). Dafür hat die große Koalition fünf Milliarden Euro zur Verfügung gestellt – fünf Jahre später sind nach Angaben des Forschungsministeriums lediglich 1,3 Milliarden Euro abgeflossen. Ist das ein gutes Ergebnis? 
Achim Berg: Das ist kein gutes Ergebnis und wir sehen: Mit der KI-Strategie lief es, wie so oft hierzulande. Die Strategie kam zwar zur richtigen Zeit – aber die Ziele waren zu wenig ambitioniert und die Umsetzung wurde verschleppt oder verschlafen. 

Mit welchen Folgen? 
Die Folgen erleben wir gerade am Beispiel generativer KI. KI wird unsere Welt in den kommenden Jahren stärker verändern, als es die Erfindung des Smartphones getan hat. Da reicht es nicht, eine Strategie aufzustellen, aber in der Praxis dann anderen das Geschäft zu überlassen.

Mit den ChatGPT-Machern OpenAI, mit Microsoft und Google dominieren derzeit drei US-Konzerne den neuen KI-Markt. Wie gut ist Deutschland aufgestellt?
Bei uns gibt es zum Beispiel das DFKI, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Fast 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, seit 35 Jahren aktiv, über 100 Millionen Euro Fördergelder Jahr für Jahr – aber die Welt redet über ChatGPT. Zu recht. OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, wurde vor nicht einmal 8 Jahren gegründet und hat keine 400 Leute. Und es hat neben ChatGPT unter anderem DallE herausgebracht, eine richtig starke generative Bild-KI. Förderung aus Steuergeldern bekommt das Unternehmen nicht.

Diplom-Informatiker Achim Berg

Foto: Presse
Zur Person
Achim Berg ist Präsident des IT-Branchenverbands Bitkom, der mehr als 2000 Unternehmen der digitalen Wirtschaft vertritt, unter ihnen 1000 Mittelständler, 500 Start-ups und nahezu alle Global Player. Berg ist Diplom-Informatiker, er war unter anderem bei der Telekom Vorstand für Vertrieb und Service, Vorsitzender der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland sowie Vorstandsvorsitzender der Arvato AG und Vorstandsmitglied von Bertelsmann. Heute ist er Operating Partner beim global operierenden Wachstumsinvestor General Atlantic.

Klingt nicht nach einer guten Ausgangslage, um im verschärften Wettbewerb mithalten zu können, oder? 
Das erste ist der deutsche, das zweite ist der amerikanische Weg zu Innovation. Zum Glück gibt es auch in Deutschland richtig gute Start-ups, die herausragend gute KI entwickeln und einsetzen – so wie beispielsweise Aleph Alpha oder DeepL. Dank solcher Unternehmen brauchen wir uns vor nichts und niemandem zu verstecken.

Aber das allein wird ja nicht reichen, um konkurrenzfähig zu werden.
Wichtig ist jetzt, dass solche Unternehmen aus Deutschland schnell stark wachsen und international bekannt werden. Dafür brauchen sie Geld und einen Regulierungsrahmen, der ihnen Möglichkeiten zur technologischen Weiterentwicklung und Entfaltung bietet.

Deutschlands KI-Strategie wurde 2018 aufgesetzt. Muss sie angesichts der mangelhaften Ergebnisse neu aufgesetzt werden?
Es hilft nicht, mit Milliardenbeträgen KI zu fördern und gleichzeitig die Datennutzung massiv einzuschränken. So reißen wir hinten ein, was wir vorne mühsam aufgebaut haben. Eine KI ist immer nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Wir müssen das Prinzip der Datensparsamkeit weiterentwickeln und ergänzen um die Prinzipien der Datensouveränität, Datensorgfalt und Datenverfügbarkeit. 

Das heißt konkret? 
Die Bundesregierung muss bei Künstlicher Intelligenz eine Chancenperspektive einnehmen, die Verfügbarkeit von Daten verbessern und den regulatorischen Rahmen so gestalten, dass wir den Praxiseinsatz von KI beschleunigen – ohne Abstriche beim Schutz wirklich schützenswerter und sensibler Daten zu machen.

Die EU arbeitet am AI Act, um KI in Risikokategorien einzuteilen und damit einen Goldstandard für die KI-Regulierung zu schaffen, SPD-Co-Parteichefin Saskia Esken schlägt für Deutschland die Schaffung einer KI-Aufsichtsbehörde vor. Sind das gute Initiativen, damit Deutschland und Europa mit China und den USA mithalten können?
Wir stehen auf EU-Ebene mit dem AI Act gerade vor einer neuen Regulierung – und hier werden die Weichen gestellt, welche Chance KI in Europa künftig hat. Was wir unbedingt brauchen, ist ein risikobasierter Ansatz. Das bedeutet für KI-Anwendungen mit einem geringen Risiko gelten keine bis wenige, klar bestimmte Transparenz-Anforderungen – Anwendungen mit hohem Risiko unterliegen umfangreichen Anforderungen. Wir warnen davor, KI durch ein Übermaß an Regulierung aus Deutschland und Europa zu vertreiben.

Was bedeutet das für die Umsetzung?
Eine zentrale Rolle werden dabei neben dem zukünftigen Rechtsrahmen die Behörden der Aufsichts- und Marktüberwachung haben: Sind sie für Unternehmen ein pragmatischer und hilfreicher Partner bei der Entwicklung sicherer und vertrauenswürdiger Lösungen oder regiert wie teilweise im Bereich Datenschutz der Dogmatismus? Wie Europa sich zur Künstlichen Intelligenz verhält, wird großen Einfluss auf unsere künftige Wettbewerbsfähigkeit und unseren Wohlstand haben.

Lesen Sie auch: Künstliche Intelligenz – was soll ich tun?

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