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Boom von Mini-Solar-Anlagen„Im Markt für Balkonkraftwerke sind viele Glücksritter unterwegs, die das schnelle Geld suchen“

Das Geschäft mit Balkonkraftwerken boomt. Von Start-ups bis Baumärkten tummeln sich hunderte Anbieter. Doch eine neue Norm dürfte den Markt schon bald bereinigen.Stephan Knieps 10.07.2023 - 13:41 Uhr
Foto: Getty Images

Wenn ein Trend zum Selbermachen in den großen deutschen Baumärkten angekommen ist, dann kann man sagen: Das Ding ist massentauglich. Das gilt auch für kleine Solaranlagen, sogenannte Balkonkraftwerke: Die Anlagen bestehen zumeist aus zwei, selten auch drei oder vier Solarpaneelen, einer Aufhängung und einem Wechselrichter, der die gewonnene Sonnenenergie in Strom umwandelt. Fertig ist der Solarpark des kleinen Mannes.

Laut aktuellen Zahlen des Marktstammdatenregisters der Bundesnetzagentur sind in Deutschland Anfang Juli rund 230.000 dieser offiziell genannten steckerfertigen Erzeugungsanlagen gemeldet. Das sind schon 137.000 mehr als im kompletten Jahr 2022. Doch welche Anbieter profitieren von diesem Boom? Erste Überraschung: Der selbst ernannte deutsche Photovoltaik-Marktführer, das Berliner Milliarden-Start-up Enpal (Umsatz: 413 Millionen Euro), gehört nicht dazu.

Enpal bietet keine Mini-PV-Anlagen an, sondern empfiehlt eine „normale“ Solaranlage, wie es auf der Webseite heißt. Heißt: eine möglichst großflächige. „Unsere Aufgabe ist es, massiv den Zubau von Photovoltaik in Deutschland zu fördern“, sagt ein Enpal-Sprecher. „Balkonanlagen sind hier aus unserer Sicht nur ein minimaler Ansatz und nicht unser Fokus.“

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Ein Blick in die Baumärkte offenbart die Vielzahl der Anbieter auf dem Markt. Bauhaus bietet seit Sommer 2022 Balkonkraftwerke an und setzt dabei auf den Kärntener Hersteller „Green Solar“. Anfänglich habe die Baumarktkette die Anlagen ausschließlich online angeboten, aber „aufgrund der großen Nachfrage sind die entsprechenden Module mittlerweile auch flächendeckend in den stationären Bauhaus-Fachcentren verfügbar“, teilt das Unternehmen mit.

Die Nachfrage sei „im Südwesten sowie in den Küstenregionen Deutschlands aufgrund einer zumeist höheren Zahl an Sonnenstunden für die potenzielle Stromerzeugung auf dem Balkon am stärksten“. Zudem ergebe sich laut Bauhaus „ein klares Stadt-Land-Gefälle“: Die Balkon-Solarkraftwerke kommen verstärkt in Innenstädten zum Einsatz. Großflächige Paneelen werden dagegen bevorzugt „im ländlichen Umfeld“ verkauft.

Die Baumarktkette Toom, die zum Rewe-Konzern gehört, setzt auf die beiden Anbieter „Hux“ und „Ecoflow“. Die Hux Wind GmbH aus Norderstedt ist in erster Linie ein Hersteller von Duschrinnen. Macht aber wohl nichts: „Die Nachfrage nach Balkonkraftwerken ist weiterhin hoch“, teilt eine Toom-Sprecherin mit, „und die Versorgungslage hat sich deutlich gebessert im Gegensatz zu Anfang des Jahres.“

Konkurrent Hagebau verkauft kleine Solaranlagen von „Sunset“ und „Schwaiger“ und teilt auf Nachfrage mit: „Die Nachfrage war in den vergangenen Monaten anhaltend hoch und kann bedient werden.“ Die noch ausstehende Zustimmung zum Gesetzentwurf für die 800-Watt-Anlagen führe derzeit „zu einem leichten Rückgang in der Nachfrage. Wir gehen aber davon aus, dass sich dies mit Freigabe der 800-Watt-Kraftwerke wieder ändern wird.“ Und der Enpal-Wettbewerber Zolar aus Berlin (108 Millionen Euro Umsatz) vermeldete Anfang der Woche eine neue Vertriebskooperation mit Deutschlands größter Baumarktkette Obi. Allerdings stehen auch bei Zolar die großflächigen PV-Anlagen im Fokus.

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Eine offizielle Übersicht über die größten Anbieter von Balkonkraftwerken gibt es nicht. Weder der Bundesverband Solarwirtschaft kann weiterhelfen, noch die Verbraucherzentrale. Dafür weiß aber Christian Ofenheusle Bescheid. Der Finanzwirt und Soziologe hat 2018 das Verbraucherinformationsportal machdeinenstrom.de gegründet. Er habe damals das Marktpotenzial für kleine Solaranlagen erkannt. „Aber die damit einhergehenden komplexen Sachverhalte habe ich für unterkommuniziert gehalten. Das sollte man den Verbrauchern näher bringen.“

Ofenheusle will Orientierung und Vergleichbarkeit bieten. Darum erstellt er eine Auflistung verschiedener Anbieter. Ergebnis: In seinem Verzeichnis finden sich rund 300 Anbieter für Balkonkraftwerke und kleine Solar-Anlagen im deutschsprachigen Raum. „Im Markt für Balkonkraftwerke sind auch viele Glücksritter unterwegs, die in diesem Boom-Markt jetzt das schnelle Geld suchen“, sagt Ofenheusle. Die offizielle Zahl der Bundesnetzagentur von 230.000 Anlagen hält Ofenheusle für viel zu klein. „Ich schätze, in Wirklichkeit sind es zwischen 750.000 und 800.000 Anlagen.“ Denn nur die wenigsten Besitzer melden ihre Anlagen auch tatsächlich an; das hatte bereits eine Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin von Februar 2022 ergeben.

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Einer der größten deutschen Anbieter von Balkonkraftwerken sitzt in Leipzig: Dort gründeten im August 2020 die Brüder Lukas und Niklas Hoffmeier sowie Kay Theuer das Start-up Priwatt. Im Frühjahr und Sommer 2022 sei die Nachfrage nach Balkonkraftwerken sprunghaft angestiegen, sagt Theuer. Es seien auch einige Baumärkte auf Priwatt zugekommen, ob man nicht deren Anlagen in den Märkten verkaufen könne. „Aber das passt nicht zu unserer Strategie“, sagt Theuer. Vorerst will das Start-up seine Anlagen nur online vertreiben.

Wie viele Anlagen das Trio genau verkauft, will er nicht verraten. Seit Unternehmensgründung liege die Gesamtzahl im mittleren fünfstelligen Bereich. Mit 64 Mitarbeitern zählen die Leipziger schon zu den Großen der Branche. In Schlagweite agiert auch das Kölner Start-up Yuma. Ebenfalls von drei Männern im Jahr 2020 gegründet, kommt Yuma nach eigenen Angaben heute auf 45 Mitarbeiter und rund 50.000 verkaufte Balkonkraftwerke.

Marktbereinigung dank neuer Norm für Mini-Solaranlagen?

Nach Einschätzung von Experte Christian Ofenheusle könnte es der Markt jedoch schon bald bereinigt werden. Der Arbeitskreis des VDE (Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik) arbeitet derzeit an einer Produktnorm für die sogenannten Balkonkraftwerke. Ofenheusle schreibt selbst daran mit. Die Norm ist in der Entwurf-Fassung auch bereits öffentlich. Fertig entwickelt soll das Projekt bis Ende Juli sein.

Derzeit werden Ergänzungen und Anmerkungen eingearbeitet. Bis Ende des Jahres, so die Hoffnung von Ofenheusle, sollte die Norm vom zuständigen Expertengremium (u.a. mit Vertretern von Elektrohandwerk, Versicherungswirtschaft und Netzwirtschaft) bestätigt werden und somit gültig sein.

Die Norm soll Sicherheitsstandards für kleine Solaranlagen definieren, die Laien bei sich zu Hause ohne Elektriker anschließen können. Warum? Falls dann etwas passiert, erklärt Ofenheusle, haftet im Zweifel der Hersteller und nicht (mehr) der Nutzer, der die Anlage in Betrieb nimmt. „Wenn bei der Installation eines Solar-Produkts, das nicht genormt ist und keine Sicherheitsregeln vorweist, ein elektrotechnischer Unfall oder Ähnliches passiert, dann fällt das auf den gesamten Solar-Markt zurück.“ Wenn man es ernst meine mit der Energiewende, sagt Ofenheusle, müsse man „ein Solar-Gerät definieren, was die Laienbedienbarkeit gewährleistet im heimischen Umfeld.“

Bisher funktioniert die Branche auch ohne diese Norm. Und selbst wenn Ende des Jahres die neue Norm gilt, wäre kein Hersteller gezwungen, seine Geräte darauf abzustimmen, betont Ofenheusle. „Niemand verbietet Solarunternehmen auch nach der Normveröffentlichung weiterhin Anlagen zu verkaufen, die nicht dieser Norm entsprechen.“ Er rechnet aber mit einem „gewissen Druck: Ob das von den Verbrauchern kommt oder über Förderungen läuft oder ob es sogar eine Ansage von der Bundesnetzagentur gibt, wird sich zeigen.“

Die gute Nachricht für Verbraucher: Demzufolge dürften die Anforderungen an die Anbieter steigen. Die Unternehmen, die das Geschäft ernst nehmen, dürften den Vorteil einer Zertifizierung nutzen, sagt Ofenheusle: „Sie werden wohl ihre Geräte prüfen lassen und dürfen sich dann VDE-konform nennen. Die Glücksritter werden sich diesen Aufwand wahrscheinlich überlegen. Für die dürfte es dann weniger attraktiv werden.“

Kay Theuer fühlt sich von Letzterem nicht angesprochen. Bis Ende des Jahres will der Leipziger Anbieter Priwatt die Zahl der verkauften Anlagen auf über 100.000 Stück erhöhen. Damit sieht der Gründer sich gleichauf mit den Marktführern Enpal und Zolar - nur eben mit deutlich kleineren Solar-Anlagen.

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