Elon Musk: Warum die neue Biografie für Musk nicht ohne Risiko ist
Elon Musk
Foto: REUTERSWalter Isaacson hat seine Nische gefunden. Der frühere Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Time und von CNN schreibt Biografien über herausragende Persönlichkeiten, über Henry Kissinger, Benjamin Franklin, Albert Einstein, Leonardo da Vinci und CRISPR-Entdeckerin Jennifer Doudna. Sein größter Erfolg ist ein Buch über das Leben von Apple-Gründer Steve Jobs, eine der bislang am besten verkauften Biografien in diesem Jahrhundert. Nun könnte diese noch überflügelt werden. Am Dienstag erscheint Issacson neuestes Werk, dessen schlichter Titel wie schon bei Steve Jobs alles sagt: „Elon Musk.“ Schon jetzt ist es bei Amazon anhand der Vorbestellungen der herausragende Bestseller.
Über Elon Musk gibt es bereits die Biografie von Ashlee Vance, die seine Kindheit in Südafrika, den beispiellosen Aufstieg im Silicon Valley und die Anfangsjahre von Tesla und Space X beschreibt. Aber sie reicht nur bis 2014. Erst danach startet Tesla richtig durch, etabliert sich Space X als verlässlicher Partner der US-Weltraumagentur NASA, bringt die Preise für den Transport ins All maßgeblich herunter.
Was Musk zum reichsten Mann der Welt macht, aber auch zu einer zunehmend polarisierenden Figur.
Der Journalist Vance, ebenfalls gebürtiger Südafrikaner, hatte es anfangs schwer, Musk von einer Kooperation zu überzeugen. Aber er torpedierte das Buch auch nicht. Erst als Vance bereits Hunderte von Musks Freunden, Bekannten und Geschäftspartner interviewt hatte, ließ sich der Unternehmer breitschlagen und erklärte sich zu persönlichen Treffen bereit, meist Abendessen im Silicon Valley. „Dann war er jedoch ungewöhnlich offen, stellte nie irgendwelche Vorbedingungen“, erinnert sich Vance.
Isaacson musste Musk dagegen nicht überreden. Dass er ein Buch über Musk schreiben würde, lag auf der Hand. Sein Subjekt wird schließlich in der Bedeutung für die Tech-Industrie als Nachfolger von Jobs gesehen. Nur dass sich der Gründer von Apple und Pixar nie als Retter der Welt sah, sondern einfach schöne und simple Produkte für „mere mortals“ – normale Menschen – schaffen wollte.
Musk erklärte sich nicht nur zu Gesprächen bereit, sondern ließ Isaacson ihn wie ein Schatten über zwei Jahre hinweg immer wieder begleiten. Bei Sitzungen bei Tesla, bei Raketenstarts bei Space X oder gar Zusammenkünften mit seiner Familie, seinen Freundinnen und den außerehelichen Kindern. Darunter auch Unterhaltungen mitten in der Nacht. Musk ist so getrieben, dass er gewöhnlich nur ein paar Stunden schläft.
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Isaacson agierte dabei fast wie ein väterlicher Freund oder gar Berater. In Musks Umfeld registrierten einige, dass Musk mehrmals den Ratschlag seines Biografen einholte, beispielsweise als es um den Neustart von Twitter ging. Entstanden ist dadurch wie bei der Jobs Biografie eine besondere Nähe, in die sich Isaacson als Erzähler selbst einbringt. Und klarmacht: Das ist kein Hörensagen, sondern stammt direkt von der Quelle.
Es gibt vieles Interessantes zu entdecken. Nicht nur für Tesla-Fans und Anleger, wenn es beispielsweise um das künftige Robotaxi geht oder ein auch für den Geldbeutel massentaugliches Tesla Modell. Oder warum Musk, ehemals ein Anhänger von Barack Obama, zum ausgewiesenen Kritiker der Demokraten wurde. Ist er deshalb ein Freund von Donald Trump oder hält er diesen für dumm?
Weshalb er sich zum Kauf von Twitter entschloss. Stimmt es, dass er es nicht ertragen konnte, zehn Milliarden Dollar ungenutzt auf seinen Bankkonten herumliegen zu lassen? Wie schafft er es, so viele Unternehmen gleichzeitig zu dirigieren? Und seine Leute zu Höchstleistungen anzutreiben, obwohl es ihm an sozialen Kompetenzen mangelt und er Kritik hasst?
Für Musk ist dieser Zugang nicht ohne Risiko. Aber das liebt er ja. Jede Wette, dass bereits Heerscharen von Anwälten die Biografie durchkämmen. In der Hoffnung, dass sich Widersprüche zwischen Aussagen bei Gerichtsverfahren und den Schilderungen im Buch finden. Schließlich geht es um den derzeit reichsten Mann der Welt, bei dem es auch finanziell einiges zu holen ist.
Angriffspunkte gibt es genug. Da sind die Familien von tödlich Verunglückten, die darauf beharren, dass Musks Fahrlässigkeit beim Tesla-Fahrassistenzsystem zu den Unfällen geführt hat. Tesla-Investoren, die immer noch überzeugt sind, dass die Übernahme des Solarspezialisten SolarCity vor allem dazu diente, dass Musks Familie kein Geld verlor. Oder sich darüber ärgern, dass der Tesla-Chef sich zu sehr auf seine Obsession mit X konzentriert.
Käufer von frühen Model-3-Fahrzeugen, denen versprochen wurde, dass die Hardware ausreichend für vollautonomes Fahren ist, was nicht stimmt. Oder sich über die Reichweiten ihrer Elektroautos aufregen, die hinter ihren Erwartungen zurückbleiben. Und da sind Tausende von ehemaligen Twitter-Mitarbeitern, die ihren Job verloren haben und auf Entschädigung klagen.
Musk ist konfrontativ. Er sucht die Auseinandersetzung. Während andere sich lieber einigen, fechtet er Gerichtsverfahren bis auf wenige Ausnahmen durch. Besonders wenn es um direkte Vorwürfe gegen ihn geht. Wie bei den Verunglimpfungen eines britischen Tauchers, dem er Pädophilie unterstellte, nachdem dieser Musk öffentlich kritisiert hatte. Oder dem Vorwurf, sich bei SolarCity bereichert zu haben. Bislang hat er sich vor Gericht fast immer durchgesetzt, etwa bei der Solarcity Kontroverse oder seinem voreiligen Tweet, Tesla von der Börse zu nehmen. Im Notfall kann Musk bei Widersprüchen immer noch behaupten, dass sein Biograf ihn einfach missverstanden hat.
Darin liegt auch die Gefahr für Isaacson. Im direkten Freundeskreis von Steve Jobs im Silicon Valley gibt es einige, die mit der Biografie des Apple-Gründers hadern. Aber Jobs konnte sich nicht äußern. Er war schon tot, als das Werk erschien. Und Musk hat durch X ein besonders populäres Sprachrohr.
Schon gibt es den ersten Widerspruch durch vorab verbreitete Auszüge aus dem Buch. Danach hat Musk aktiv in den Krieg zwischen der Ukraine und Russland eingegriffen, indem er seinen Satelliten-Internetservice StarLink über der Krim deaktivierte. Musk fürchtete laut Isaacson einen Nuklearkrieg, wenn die Ukraine Teile der Schwarzmeerflotte der Russen versenkt hätte.
Auf X korrigierte Musk die Schilderung umgehend. Demnach war StarLink über der Krim überhaupt nicht verfügbar, er habe also nichts deaktivieren lassen. Vielmehr habe er das Anliegen der Ukraine abgeschlagen, den Radius von StarLink auf die Krim auszudehnen. „Wenn ich dieser Bitte zugestimmt hätte, wäre SpaceX ausdrücklich an einem großen kriegerischen Akt und einer Konflikteskalation beteiligt gewesen“, bekräftigt er.
Die Biografie bietet etlichen Stoff für weitere Kontroversen, die wahrscheinlich über Twitter ausgetragen werden. Das macht sie besonders spannend, sozusagen ein lebendes Werk. Ob man Musk und seine vielen Widersprüche danach besser versteht, ist fraglich. „Musk hat gleich mehrere Persönlichkeiten“, meint Issacson.
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