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Mobile World Congress 2024„Den Telekommunikations-Konzernen geht das Geld aus“

Pünktlich zum Auftakt der Mobilfunkmesse MWC erteilt die EU-Kommission eine Absage an die Fusionsgelüste der Branche. Wie die Konzerne sich finanzieren können, wird so erneut zum zentralen Thema in Barcelona.Nele Husmann 26.02.2024 - 06:08 Uhr

Die Mobilfunkmesse Mobile World Congress (MWC) startet am Montag

Foto: imago images

Gleich zum Messeauftakt trifft sich Telefónica-Chef José María Álvarez-Pallete an diesem Montag mit seinen Pendants – den Konzernlenkern beim französischen Telekommunikationskonzern Orange und dem britischen Anbieter Vodafone – auf der Hauptbühne in Halle vier des Mobile World Congress (MWC) in Barcelona. Und weil es so schön ist, treten sie am Abend gleich noch einmal zusammen auf derselben Bühne auf – diesmal wird auch Tim Höttges, der CEO der Deutschen Telekom, mit von der Partie sein.

Es wird nicht lange dauern, bis die Chefs der ehemaligen Staatskonzerne eines ihrer Lieblingsthemen anschneiden: die missliche, politische Rahmensetzung für Unternehmensübernahmen von Mobilfunknetzbetreibern in der EU. Zu viele Wettbewerber verderben den Brei, finden sie. Und mahnen, dass sie nicht in die Netze der Zukunft investieren können, wenn sie heute schon wegen des heftigen Konkurrenzkampfs zu wenig Geld verdienen. Seit neun Jahren versuchen sie die EU-Kommission zum Umdenken zu stimmen – so lange war Margrethe Vestager für die Wettbewerbspolitik zuständig, und so lange blieb sie hart. Für sie müssen mindestens drei, am besten vier Mobilfunkunternehmen auf einem Markt miteinander konkurrieren, damit es für die Kunden gute Preise gibt.

Gebannt hatte die Branche in den letzten Monaten verfolgt, wie die Kommission über den Merger der spanischen Anbieter MasMóvil und Orange Spain entscheiden würde. Die Gemüter erhitzten sich, als vorletzte Woche ein vielbeachteter Bericht der Nachrichtenagentur Reuters ankündigte, die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager habe ihre Meinung geändert. Doch das entpuppte sich als Ente.

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Die Hoffnung liegt jetzt auf der nächsten EU-Kommission: „Die nächste Kommission hat es in der Hand“, sagt Accenture-Berater Boris Maurer, „die danach wahrscheinlich nicht mehr – wir lassen diese Industrie sonst vor die Wand laufen“. Die Netzbetreiber sind hoch verschuldet, die gestiegenen Zinsen machen ihnen zusätzlich zu schaffen. Der Verkauf von ausländischen Töchtern ist oft der eleganteste Weg, Schulden abzubauen. Doch er wird von den Wettbewerbshütern regelmäßig blockiert oder erschwert, weil sie auf einen Idealzustand von vier Anbietern in jedem Markt bestehen. Immerhin: Die linksliberale Vestager wird auf keinen Fall in die nächste Kommission kommen – ihre Partei gehört in Dänemark nicht mehr zur Regierungskoalition.

Vor wenigen Tagen gab die Kommission grünes Licht für den spanischen Merger. Das missfiel Telefónica. Und zwar nicht, weil sie durch den Zusammenschluss der beiden Konkurrenten nur noch Platz zwei im Hausmarkt sein wird. Sondern weil die Bedingungen, die ihren beiden Wettbewerbern von der EU-Kommission für die Fusion auferlegt wurden, ihrer Meinung nach zu hart sind. Die müssen Frequenzen an einen weiteren Mitbewerber verkaufen, genauer gesagt an Digi. Und Digi wächst und gedeiht eigentlich auch ohne das politische Geschenk schon sehr dynamisch. 

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Ein Witz im Vergleich zu den USA

„Ich finde die Entscheidung falsch“, sagt Tim Höttges auf der Bilanzpressekonferenz der Deutschen Telekom am Freitag. „Wir sind zu viele Anbieter, wenn man niedrige Preise auf nicht ausgelasteten Infrastrukturen anbieten muss“, so Höttges weiter. Das sei nicht gut für die Infrastruktur, das sei reine Mathematik. Er hatte es schon vor eineinhalb Jahren bei seiner Hausmesse Digital X auf den Punkt gebracht: Die Marktkapitalisierung der europäischen Telekommunikationskonzerne ist ein Witz im Vergleich zu denen in den USA. Dort teilen sich vier nationale Wettbewerber einen Markt mit einer ähnlichen Einwohnerzahl wie der Europäischen Union. Hier sind es mehr als 80 Wettbewerber, 45 davon große.

Telekom-Chef Timotheus Höttges bei der Bilanz-Pressekonferenz am Freitag: „Ich finde die Entscheidung falsch.“

Foto: imago images

Kein Wunder, dass man es mit zu hohen Verwaltungs- und Marketingkosten zu tun hat im Vergleich zu den Amerikanern. „Das Problem betrifft ganz Europa: Den Telekommunikationskonzernen geht das Geld aus“, sagt Accenture-Berater Boris Maurer, der die Telekommunikations- und Medienindustrie bei der digitalen Transformation begleitet. „Addiere ich die freien Mittel aller Telekommunikationskonzerne, die in der EU tätig sind, und ziehe davon ihre Aufwendungen für Zinsen, Dividenden und Steuern ab, bleibt unter dem Strich ein Ergebnis von minus 13 Milliarden Euro übrig.“ Das ist zu wenig, um zu investieren.

Der unabhängige Telekommunikationsanalyst John Strand pflichtet bei: „Der Markt in Europa ist zu fragmentiert. 2014 gab es eine Investmentlücke zwischen den USA und Europa von 100 Milliarden Euro. Seitdem hat sie sich auf 200 Milliarden Euro ausgeweitet.“ Nicht nur in den USA, sondern auch in Indien und vielen Märkten in Afrika haben die Regulatoren massive Konsolidierungen erlaubt: „Deutschland braucht einfach nur zwei nationale Netze“, sagt Strand. „Das ist genug aus sicherheitspolitischen Aspekten und lässt den Netzbetreibern Atem, exzellenten Service auch auf dem Land anzubieten“.  

Die Branche steht kurz vor einer Zeitenwende: Mit 5G und Glasfaser wird ein Netzwerk errichtet, in dem neue Generationen von Technologien weniger wichtig werden. Stattdessen bringen Software und Cloud Services den Unterschied. Das wird künftig weniger Hardware-Ausgaben erfordern: „Da brauchen wir eine Glasfaserinfrastruktur und eine 5G-Abdeckung im Mobilfunk, keine Flickenteppiche und keine massive Konkurrenz zwischen alternativen Infrastrukturen“, sagt Maurer. „Wir brauchen bärenstarke Telcos, die investieren und für eine Differenzierung in unseren europäischen Märkten sorgen.“ Zu schade, wenn die großen Häuser kurz zuvor einknicken.

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Das Gegenteil ist der Fall. In Spanien ist, so glauben Beobachter, noch immer ein Spieler zu viel im Markt, nachdem Orange und MasMovíl fusionieren. Der Markt gilt in ganz Europa als der schwierigste, weil alle Mobilfunkanbieter dort um ihre Profitabilität ringen. Aber auch Italien wird als „Broken Market“ eingestuft, weil die Wettbewerber einander mit Preisen unterbieten, zu denen sie nicht mehr profitabel arbeiten können.

Lex Vodafone?

Mit Sicherheit hat Telekom-Chef Höttges bereits einen fertigen Plan in der Schublade, sollte sich wirklich noch ein neuer Wind in Brüssel einstellen. Doch er hat es am wenigsten nötig, hat er doch beizeiten auf die Ausweitung seines Anteils T-Mobile in den USA gesetzt und importiert das Wachstum von dort in seine Bilanz. Er hat zum Beispiel noch den zwölfprozentigen Anteil an British Telecom in seinen Büchern. „Es wird noch die Zeit kommen, wo wir die EU als einen einheitlichen Telekommunikationsmarkt begreifen werden mit einem Kartellrecht für einen Binnenmarkt“, so Höttges. Aber er winkt ab: „In meiner Amtszeit werde ich das nicht mehr erleben.“

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Von allen anwesenden auf der MWC-Bühne hat Vodafone-Chefin Margherita Della Valle den meisten Druck, weil die Marktposition ihrer Töchter in vielen Märkten schwach ist. In Spanien verkaufte sie ihr kriselndes Vodafone-Geschäft für fünf Milliarden Euro an die Beteiligungsgesellschaft Zegona.

In Italien ist ein Deal von Vodafone Italien mit der Swisscom-Tochter Fastweb angedacht, nachdem Della Valle im Vorjahr einen Deal mit einem von  Iliad geführten Konsortium für 11,25 Milliarden Euro als „nicht im Sinne der Aktionäre“ ausschlug. In ihrem Heimatmarkt Großbritannien muss sie den Merger ihrer Tochter mit Three, der Tochter von Hutchison, den örtlichen Regulatoren schmackhaft machen. In ihrem verbleibenden Markt Deutschland läuft das Geschäft auch nicht gut. Gäbe eine künftige EU-Kommission einen Markt mit nur zwei Playern frei, wären Vodafone Deutschland und 1&1 die offensichtlichen Übernahmeziele.

Zentrale Frequenzvergabe?

Die EU-Kommission hat gerade vor ihrem Abtritt ihr Weißbuch zum Telekommunikationsmarkt veröffentlicht. Hier gibt sie der künftigen Kommission einen Leitfaden zur Vereinheitlichung der europäischen Telekommunikationsmärkte mit. Vestager führte aus, dass beispielsweise die Vergabe von Frequenzen aus einer Hand in Brüssel möglich wäre. Eine wohl schwer zu realisierende Idee angesichts der Tatsache, dass die Bundesnetzagentur sich schon seit Jahren nur mit der Gestaltung der Frequenzvergabe im kommenden Jahr quält: „Das wäre nicht nur ein bürokratisches Mammutprojekt“, sagt Strand, „sondern würde sofort Regressansprüche aus den alten Versteigerungen auslösen.“ 

Strand hält die Äußerung von Vestager sogar für eine Art Abschiedsgeschenk von ihr an die Branche: „So können sie den Kopf schütteln und alles der Politik in die Schuhe schieben“, sagt der Telekommunikationsanalyst. „Dabei sind sie es, die nicht die Kraft hatten, die Kommission mit einer starken Vision für die Zukunft auf ihre Seite zu ziehen.“

Die vier CEOs auf der Bühne des MWC haben sich das Thema Fusionen deshalb gar nicht mehr als großen Bullet-Point vorgenommen. Wie schon im vergangenen Jahr recyceln sie die Argumente aus dieser Debatte für die „Fair-Share“-Diskussion. Sie fordern, dass die IT-Branche, die „ihren Spam“ (Originalton von Höttges) durch die teure Infrastruktur der Telekom schickt, für diese Durchleitung auch etwas bezahlt. Bleibt abzuwarten, ob die Ex-Monopolisten mit ihrer Fair-Share-Debatte in Brüssel mehr reißen als mit der Konsolidierungs-Thematik.

Lesen Sie auch: Wie Telekom, Vodafone und Co die Internetriesen zur Kasse bitten wollen

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