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Ifo-Konjunkturchef„Die Wirtschaft hat noch einmal einen kräftigen Rücksetzer bekommen“

Die deutsche Wirtschaft erholt sich nicht, das Bruttoinlandsprodukt soll 2024 kaum ansteigen. Ifo-Ökonom Timo Wollmershäuser erklärt, was schief läuft – und was in Italien oder Griechenland anders ist als in Deutschland.Lisa Ksienrzyk 07.03.2024 - 15:13 Uhr

Das ifo Institut hat seine Wachstumsprognose erneut nach unten korrigiert.

Foto: Illustration: Marcel Reyle

WirtschaftsWoche: Herr Wollmershäuser, das Ifo-Institut hat die Wachstumsprognose für 2024 zum wiederholten Male gesenkt. Aktuell liegt sie bei 0,2 Prozent. Wie schlecht steht es um die deutsche Wirtschaft?
Timo Wollmershäuser: Wir haben die Prognose kräftig herabgenommen, das stimmt. Die Erholung, die wir nach wie vor erwarten, haben wir in die Zukunft geschoben. Ursprünglich dachten wir, das würde zu Beginn des Jahres passieren. Die Wirtschaft hat aber noch einmal einen kräftigen Rücksetzer bekommen – die Produktion in der Industrie ist enorm zurückgegangen, ebenso die Investitionen und Exporte. Das kam überraschend. Man könnte mit Blick auf die letzten Quartale auch sagen, das Land kommt nicht von der Stelle. Es gibt eine hohe Unsicherheit in der Bevölkerung. Die Deutschen trauen sich nicht, ihr Geld auszugeben. Sie konsumieren und investieren nicht.

Das heißt, die Menschen behalten ihr Geld lieber bei sich?
Ja. Einerseits hat sich die Inflation 2023 erhöht und die Deutschen haben dadurch ihre Konsumausgaben zurückgefahren. Andererseits steigen seit Ende letzten Jahres die Einkommen auch wieder kräftig. Die Kaufkraft kommt mittlerweile zurück, aber nur langsam. Ein Teil bleibt tatsächlich auf den Sparkonten liegen. Im Grunde genommen verdienen die Deutschen mehr, geben aber weniger aus. Vermutlich sind sie mit Blick auf die Wirtschaftspolitik vorsichtig. Die Debatte um das Heizungsgesetz ist zum Beispiel noch nicht abgeschlossen.

Foto: PR
Zur Person
Timo Wollmershäuser arbeitet seit 2003 beim Ifo-Institut. Seit 2014 leitet er das Zentrum für Konjunkturforschung und Befragungen.

Gibt es auch etwas Positives?
Positiv ist tatsächlich, dass der Konsum wiederkommt. Haushalte haben in den letzten Quartalen vor allem für Dienstleistungen Geld ausgegeben. Etwas, was während der Corona-Pandemie kaum möglich war und jetzt nachgeholt wird. Deutschland ist allerdings kein Land, das von Dienstleistungen lebt, sondern von der Industrie. Italien oder Griechenland profitieren aufgrund des Tourismus viel mehr davon. Diese Länder stehen heute besser da. Infolge der hohen Inflation haben sich die Deutschen beim Warenkonsum eingeschränkt, aber nicht beim Dienstleistungskonsum. Jetzt wird diese Kaufkraft wieder zurückkommen und letztendlich die Konjunktur ankurbeln.

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Für die Konsumenten wird es also ein gutes Jahr, die Industrie muss noch durchhalten?
Genau. Die Stimmung hellt sich in anderen Ländern bereits auf. Wir sind allerdings noch weit von einer normalen Auslastung entfernt. Der Krankenstand muss erst einmal abgebaut werden, der hat die Konjunktur ebenfalls gedämpft. Wenn es geopolitisch und wirtschaftlich keine neuen Störungen gibt, dann prognostizieren wir, dass es ab Mitte 2024 zur Erholung kommt.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Prognose diesmal stimmt?
Ich glaube, dass wir dieses Mal richtig liegen. Zumindest sehen wir das schon in Teilen. Weltweit fängt die Industriekonjunktur bereits an, sich zu erholen. Diese wirtschaftliche Stagnation war kein ausschließlich deutsches Problem, sondern fand sich auch in anderen Ländern wieder.

Im Herbst prognostizierten Sie noch ein Wachstum von 1,3 Prozent für das Jahr 2024. Woran lag es, dass sie so falsch vorhergesagt haben?
Das ist eine gute Frage. Die Weltkonjunktur hat sich eigentlich gar nicht so viel anders entwickelt als gedacht. Aber der Warenkonsum ist nicht in Gang gekommen, so wie das in anderen Ländern der Fall war. Den deutschen Industrieunternehmen fehlt es schlicht und ergreifend an Nachfrage. Vielleicht haben sich die Auswirkungen dieser restriktiven Geldpolitik weltweit eben doch länger bemerkbar gemacht, als wir das ursprünglich in unseren Prognosen geglaubt haben.

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