Vermeintliche Läuterung nach Attentat: Ein ganz neuer Trump – wirklich?

Donald Trump
Foto: APIn seinem ersten Interview nach dem Attentatsversuch gab sich Donald Trump geläutert. „Die Rede, die ich am Donnerstag halten wollte, sollte ein Knaller werden“, sagte er dem „Washington Examiner“ mit Blick auf seine Abschlusskundgebung auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner in Milwaukee. „Wäre das nicht passiert (Anm.: die Schüsse), wäre es eine der unglaublichsten Reden geworden“, die sich vor allem gegen die Politik von Präsident Joe Biden richtete. „Ehrlich gesagt, wird es jetzt eine ganz andere Rede sein.“ Er wolle die Gelegenheit nutzen, die Polarisierung in den USA zu überwinden und das Land zusammenzubringen.
Es ist ein hehres Ziel, dass sich der Republikaner da gesetzt hat. Schließlich ist der Graben, der durch die amerikanische Bevölkerung verläuft, tief. Und Trump dürfte einer der am wenigsten dafür geeigneten Politiker des Landes sein, daran etwas zu ändern. Sein Erfolg basiert darauf, die Spaltung zu vergrößern und Gruppen gegeneinander auszuspielen. Auch während seiner vier Jahre als Staatsoberhaupt bemühte er sich kaum, die Nation zusammenzubringen.
Und selbst wenn er sich mal staatsmännisch gab, dauerte es nicht lange, bis die populistischen Impulse des Präsidenten die sanften Bemühungen wieder zunichtemachten. Der vermeintliche „New Tone“, den mancher Kommentator nach halbwegs kontrollierten Trump-Auftritten ausmachte, wurde bald zu einem Running-Gag in Washington. Ein bisschen wie die Infrastruktur-Woche, die das Weiße Haus immer wieder ausrief und doch nie umsetzte.
Skepsis ist also angebracht, wenn Trump sich nun als Versöhner inszenieren will. Seine ganze politische Persona basiert darauf, sich als Kämpfer gegen seine Gegner und vermeintlichen Feinde zu inszenieren. Dafür lieben ihn seine Anhänger, so ist es ihm gelungen, ehemalige Nichtwähler in die republikanische Koalition zu holen.
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Dass sich daran durch das Attentat kaum etwas geändert haben dürfte, zeigt ein Blick auf die öffentlichen Äußerungen, die Trumps Verbündete nach den Schüssen abgegeben haben. „Sie versuchen ihn einzusperren, sie versuchen, ihn zu töten“, schrieb etwa Greg Abbott, der republikanische Gouverneur von Texas, auf X. „Es wird nicht funktionieren. Er ist unbezwingbar.“ Das entscheidende Wort in diesem Post ist das „Sie“. Es stellt die Tat eines mutmaßlichen Einzeltäters, über dessen Motivation noch nichts bekannt ist, in Beziehung zu den Strafverfolgungsbehörden, die gegen Trump ermitteln und die von großen Teilen der Republikaner als eine Art verlängerter Arm der Demokraten angesehen werden. Damit bespielt Abbott einmal mehr das Motiv „Wir-gegen-die“ – und stellt die politischen Gegner als potenzielle Mörder dar. Mit der Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung hat das wenig zu tun.
Trump ist nicht Abbott. Vielleicht hat das sicherlich traumatische Erlebnis, einer tödlichen Kugel nur knapp zu entkommen, tatsächlich ein Umdenken im Ex-Präsidenten ausgelöst. Doch wenn die Handlungen der Vergangenheit noch immer der beste Indikator für das Verhalten in der Zukunft sind, dann wird sich an Trumps politischer Herangehensweise so schnell nichts ändern. Zumal seine ganze Präsidentschafts-Kampagne darauf ausgerichtet ist, nicht etwa die Mitte zu gewinnen, sondern seine Basis zu motivieren. Und das geht am besten mit Provokationen und Aufstachelungen – Red Meat, wie es in den USA heißt.
Das heißt nicht, dass Trump sich am Donnerstag nicht zurückhalten wird. Dass er klug genug ist, sich zeitweise zurückzuhalten, hat er in den vergangenen Wochen bewiesen. „Sei kein rasendes Arschloch“, sollen ihm seine Berater vor der TV-Debatte gegen Joe Biden mit auf den Weg gegeben haben – ein Rat, den Trump weitgehend befolgte. Und in den folgenden Tagen, als die Demokraten sich öffentlich teils selbst zerlegten, hielt der Republikaner sich zurück.
Doch Trump ist Trump. Lange haben die Phasen der vermeintlich neuen Tonlage nie angehalten. Dafür lieben ihn seine Anhänger. Und deshalb ist es nicht in seinem Interesse, die Spaltung des Landes wirklich zu überwinden.
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