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Karriere Kinder von heute träumen von Berufen von gestern

Für viele Jugendliche zählt der Lehrer immer noch zu den Traumberufen. Quelle: Imago

Die Traumberufe der Jugendlichen haben sich nicht verändert – der Arbeitsmarkt schon. Warum das zum Problem wird. 

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Polizist, Lehrer oder Arzt. Das ist eine typische Antwort der Jugendlichen, wenn man sie nach dem Traumberuf fragt. Nicht 1990, sondern heute, 2020. Anfang des Jahres hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) von rund 500.000 Schüler die Berufswünsche erfahren. Das Ergebnis: Für Jugendliche spielen digitale Medien im Leben zwar eine große Rolle, aber sie wollen beruflich eher hergebrachte Wege einschlagen. Im Vergleich zu einer Umfrage vor 20 Jahren hat sich nahezu nichts verändert. Nur die Verteilung gestaltet sich nach Angaben der Studie etwas anders, die Traumberufe sind gleich geblieben.

Doch das wird immer mehr zum Problem. Denn während die Traumberufe gleich bleiben, verändert sich der Arbeitsmarkt rasant. „Durch die Pandemie gewinnt das Digitale an Bedeutung“, bestätigt Stefanie Rektorschek, Berufsberaterin der Bundesagentur für Arbeit. Technische Berufe werden immer wichtiger – besonders die Ausbildungsberufe im Onlinehandel. Probleme bei der Suche wird es in dem Bereich wohl nie geben. „In der Metall- und Elektroindustrie, in denen technische Qualifikationen nachgefragt werden, gab es schon seit längerem einen Nachfrageüberhang“, ergänzt Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Auch wenn die Traumberufe gleich bleiben, so hat die Pandemie dennoch die Präferenzen vieler Jugendlicher verschoben, so Rektorschek: Sicherheit stehe für viele nun an erster Stelle. Vor der Pandemie hätten einige der etwa 16-Jährigen Interesse an die Veranstaltungs- und Tourismusbranche gezeigt. Das sei jedoch schnell verflogen, da die Bereiche keine Absicherung mehr bieten. 

Die Bedeutung solcher Traumberufs-Bilder hält sie in der Praxis zwar für überschaubar: Spätestens nach dem ersten Beratungsgespräch ist davon meist nichts mehr übrig, beobachtet sie. Kein Wunder: Der Arbeitsmarkt bietet mehr als 360 verschiedene Ausbildungsberufe und 20.000 Studiengänge. Nach den Angaben von der Beraterin wissen nur etwa 20 Prozent aller Jugendlichen nach dem Abitur wirklich, was sie beruflich machen wollen. Die geringe Zahl der in Umfragen genannten Traumberufe seien meist eher dem mangelnden Wissen über den Arbeitsmarkt geschuldet als den tatsächlichen Träumen. 

Dennoch beobachtet Rektorschek in den Beratungsstunden mit  knapp 600 Jugendlichen Trends: Medizin, Lehramt, Jura, Psychologie und BWL sind die beliebtesten Studiengänge. Und der Wunsch zu studieren ist so verbreitet wie nie. Der Grund: „Viele haben heute den Wunsch, direkt in einer hohen Position einzusteigen“, sagt die Berufsberaterin der Bundesagentur für Arbeit. Schäfer ergänzt: „Es ist aber falsch zu glauben, nur Karriere machen zu können, wenn man studiert.“ Zum Beispiel haben manche Vorstände im verarbeitenden Gewerbe ihren Beruf in einer Ausbildung erlernt. 

Die Umgebung beeinflusst den Berufswunsch

Der Beraterin fällt noch ein weiterer Trend in der Berufswahl auf: „Es ist abhängig von der Gesellschaft, welche Berufe Ansehen erhalten.“ So hat etwa der jahrelang andauernde Immobilienboom Berufsbilder in diesem Umfeld attraktiv gemacht. Wenn diese dann noch in den bei Jugendlichen populären Medien eine Rolle erlangen, können sie plötzlich sehr beliebt werden. Durch die Sendung „mieten, kaufen, wohnen“ habe etwa der Beruf Immobilienmakler an Stellenwert gewonnen. Handwerkliche Berufe hingegen haben es schwer. „Jugendliche finden Berufe wie Maurer, Bäcker und Metzger kaum noch attraktiv, weil es ihnen vor den Freunden unangenehm ist“, sagt der Arbeitsmarktexperte Schäfer. 

Trotzdem gebe es in der Arbeitsmarktwelt keinen durchgehenden Trend. Vielmehr seien oft wellenartige Verläufe erkennbar. Dafür hat er auch ein Beispiel: Ingenieure sind Ende der 90er-Jahre weniger nachgefragt worden, heute gewinnt der Beruf an Ansehen. Das Problem: Oft orientieren sich diese Trends eher an der Realität zur Zeit der Berufswahl – die aber keineswegs identisch sein muss mit der ein paar Jahre später. Menschen, die sich kurz vor der Finanzkrise als Immobilienmakler in den USA selbstständig gemacht haben oder in der spanischen Baubranche angeheuert haben, können davon ein Lied singen. 


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Rektroschek rät Jugendlichen dazu, sich bei der Berufswahl eher nicht von vermeintlichen Trends leiten zu lassen, sondern sich ehrlich zu fragen, welche Wünsche einem im Leben wirklich wichtig sind. Nur ein Beruf, der mehrere dieser Ziele erfülle, eigne sich wirklich als Traumjob. In ihren Beratungen betone sie immer wieder, dass die Wahl unabhängig von Klischees ausfallen sollte. Auch Frauen können Mechanik oder Mathe studieren – und Männer Soziale Arbeit. Dabei sollte nur wichtig sein, sich wohlzufühlen. Und weiter: Für den Schritt auf die Karriereleiter ist laut Rektorschek optimal, flexibel und offen zu sein. Oft ist der Zufall entscheidend – durch das Aufeinandertreffen mit den passenden Kontakten.

Mehr zum Thema: Jahrzehntelang gab es wenige Jobs mit mehr Glamour, Gehalt und Ansehen als den des Piloten. Die Pandemie macht damit vorläufig Schluss.

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