WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Gründer Nicht ohne meinen Bruder

Die Brüder Alexander, Oliver und Marc Samwer im Jahr 2000: Gemeinsam hatten sie unter anderem Jamba und Alando gegründet - und 2007 die Beteiligungsfirma Rocket Internet. Quelle: imago images

Wer im Team ein Unternehmen gründet, muss sich voll auf die Partner verlassen können. Was liegt da näher, als es mit jemandem zu tun, den man schon sein Leben lang kennt?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Vor zwei Jahren beschlossen Laurenz und Leonard Krieger ihre Beziehung auf eine neue Ebene zu heben. Im Juli 2018 gründeten sie gemeinsam DriveDressy, ein Unternehmen, das individuelle Bezüge für Autos und Wohnwagen herstellt. Mit dem Start der Firma wurden aus den Brüdern Geschäftspartner – und ihre gute Verbindung auf eine harte Probe gestellt. „Wir haben uns anfangs schon häufiger gezofft“, erinnert sich Leonard Krieger. „Weil wir uns sehr nahestehen, sind wir sehr ehrlich, aber auch sehr streng zueinander. Da fielen schon mal Sätze wie ´Typisch, dass du das wieder falsch gemacht hast´, oder ´Das hat mich schon immer an dir genervt.“

Heike Hölzner wundert das nicht. So wie der Zusammenhalt zwischen Geschwistern stärker sei als zwischen Freunden oder Geschäftspartnern, so sei auch die Bereitschaft Kritik zu üben, deutlich größer. Hölzner ist Professorin für Entrepreneurship an der HTW Berlin und hat in den vergangenen Jahren als wissenschaftliche Leiterin der Sirius Minds GmbH, einem An-Institut der Universität Oldenburg, mehr als 800 High-Tech-Start-ups in der Teamentwicklung beraten – darunter sich zahlreiche gründende Geschwister. Die Kombination ist unter Gründern nicht selten, das in Deutschland bekannteste Beispiel bilden wohl die Brüder Samwer mit ihrer Start-up-Schmiede Rocket Internet. Doch so verlockend die Nähe ist, so groß ist auch das Konfliktpotenzial solcher Führungsmodelle. „Diese Art von Teams operieren in einem Modus des ständigen Ausbalancierens zwischen zwei unterschiedlichen Logiken: der emotionalen Logik der Familie und der sachlichen Logik des Unternehmens“, so Hölzner. Ihr Ratschlag: „Trennen Sie die Inhalts- und Beziehungsebene voneinander, versuchen Sie Ihre Standpunkte ohne Bezug zur Person deutlich zu machen.“ Das sei nicht immer einfach, aber die Mühe lohne sich. „Wenn das gelingt, hat das Gründen mit Geschwistern einen Vorteil, denn es führt bestenfalls zu leistungsstarken Teams, die eine langfristige Perspektive haben.“

Freidenker und Planer

Zu diesem Schluss kamen auch Leonard und Laurenz Krieger: „Trotz unserer anfänglichen Auseinandersetzungen haben wir schnell gemerkt, dass wir ein super Team sind: Wir ergänzen uns gut, weil wir ziemlich unterschiedliche Charaktere sind: Laurenz ist strukturiert, ich bin ein Freidenker, Laurenz ist ein bedachter Planer, ich will oft mit dem Kopf durch die Wand.“ Das Wichtigste aber sei die Tatsache, dass sie sich bedingungslos vertrauen und sich immer aufeinander verlassen können: „So war es schon in unserer Kindheit, so ist es heute.“

Erfahrungen wie diese haben auch Sabrina Schönborn und Laura Gollers gemacht. Die beiden Schwestern aus Norddeutschland betreiben gemeinsam das Unterwäsche-Label SugarShape. Als Sabrina vor acht Jahren die Idee zu ihrem Unternehmen hatte, war ihr eines sofort klar: Wenn ich gründe, dann nur mit Laura. „Weil wir beide gleich ticken, weil wir die gleiche Risikofreude, den gleichen Mut und die gleiche Freude am Unternehmertum in uns tragen.“

Während Leonard und Laurenz Krieger nur ein Altersunterschied von 18 Monaten trennt, sind es bei den Schwestern acht Jahre.  Acht Jahre, die in den ersten Jahren nach der Gründung zu einem Ungleichgewicht in ihrem geschäftlichen Verhältnis führten: „Als die Ältere von uns beiden hatte ich stets das Gefühl Laura beschützen und ihr einen Großteil der Verantwortung abnehmen zu müssen“, erzählt Sabrina. „Früher habe ich die Weihnachtsgeschenke für unsere Eltern besorgt oder ihre Steuererklärung gemacht. Es fiel mir schwer, diesen Instinkt abzulegen.“

Die Folge: Sabrina erklärt Laura was sie tun soll – und was nicht. Sie schrieb ihr To-do-Listen, überwachte, ob die Jüngere diese auch einhält. „Ich habe es gut gemeint, aber irgendwann selbst gemerkt, dass so kein gleichwertiges Arbeiten möglich ist.“ Heute, acht Jahre nach der Gründung von SugarShape, ist dieses Problem ausgestanden. Die Schwestern haben jede ihren festen Bereich in der Firma für die sie alleine verantwortlich sind – Laura kümmert sich als Design-Chefin um das Produkt, Sabrina ist der wirtschaftliche Kopf des Ganzen. „Große Themen, wie etwa strategische Neuausrichtungen, besprechen wir natürlich gemeinsam“, sagt Sabrina, „aber tatsächlich sind wir uns da fast immer schnell einig.“


Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


Zwei lahme Enten

Was Experten über Siemens' ungewöhnliche Führungskonstellation denken


Digitalbank N26

Die Zweifel am Geschäftsmodell wachsen


Newsletter Recht & Steuern

Steuern sparen bei der Krankenversicherung


Mehr WiWo-Artikel finden Sie hier



Außenstehende werden ignoriert

„Das ist typisch für gründende Geschwister-Duos“, sagt Heike Hölzner. „Man versteht sich ohne große Umwege und Entscheidungen können in Sekundenschnelle – manchmal sogar ohne Worte – getroffen werden. Gerade in den frühen Phasen einer Gründung, in denen Aufgaben oft noch unstrukturiert sind und Geschwindigkeit in der Produkt- und Marktentwicklung wesentlich sind, ist das Zurückgreifen auch gemeinsame Erfahrungen und Werte ein immenser Vorteil.“

Doch die enge Verbundenheit berge auch Nachteile für alle anderen Beteiligten: „Ratgeber, Mentorinnen oder andere Teammitglieder dringen oft nicht durch. Die Geschwister sind sich untereinander zu einig und bestätigen sich gegenseitig in ihren Einschätzungen.“ Sie rät deshalb dazu, als ausgleichendes Element noch ein drittes oder viertes Gründungsmitglied im Team zu haben, um den konstruktiven Diskurs zu fördern: „Dann sollte man aber darauf achten, dass die Nicht-Familienmitglieder die gleichen Anteile erhalten wie die Geschwister.“

Für Leonard und Laurenz Krieger ist noch eine andere Sache wichtig: „Wir haben uns irgendwann dabei ertappt, dass wir rund um die Uhr über DriveDressy sprachen. Damit haben wir nicht nur unser Umfeld genervt, sondern auch uns selbst.“ Deshalb haben sie beschlossen, sich regelmäßig Abende zu gönnen, an denen das Unternehmen nicht angesprochen wird. Damit sie nicht vergessen, dass sie nicht nur Geschäftspartner sind, sondern auch Brüder.

Mehr zum Thema
Unternehmergeist steckt teilweise in den Genen, einen Einfluss hat aber auch frühe Förderung. So weit die Wissenschaft. Wie es wirklich geht, wissen am besten: die Mütter prominenter Gründer.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%