Werner Knallhart: Klima-Kleber oder Kleber-Schläger: Auf wessen Seite stehen Sie?
Die gute Nachricht zuerst: Andere Nationen sind auch nicht ganz dicht. Nehmen wir das Paradebeispiel: die USA. Die sind in allem größer und weiter. Wenn wir balla-balla sind, sind die BALLA-BALLA-PLUS.
Erstens: Dort fordern die Traditionalisten, dass Kindern nicht schon in jungen Jahren erzählt wird, dass es mehr zwischenmenschliche Konstellationen gibt als das traditionelle Schema Papa-Mama-Kind1-Kind2. Dieses Wissen zu früh schade dem Nachwuchs. Die Wahrheit soll offenbar eine Überraschung werden.
Zweitens: Es soll weiter einfach möglich sein, Kinder in der Schule zu erschießen. Ebenfalls aus Tradition. Schusswaffen für alle sind ein Teil der amerikanischen Identität. Und sie schaffen Arbeitsplätze. Wenn die Rechnung der Konservativen aufgeht, werden am Ende aller Konsequenzen Kinder in der Schule sterben, ohne je das Wort Transgender gehört zu haben.
Hunde sind in den meisten spanischen Restaurants nicht erlaubt. Es muss ja auch wirklich nicht sein, immerhin können Hunde beißen und das harmoniert nicht mit Tapas. Viele Spanier finden einen Ausgleich für den Kontakt zwischen Mensch und Tier. Nämlich die Frage: Zertrennt mir das Rind bei der Hatz durch die Fußgängerzone die Halsschlagader oder durchbohrt es mir nur die Milz? Und argumentieren da sehr europäisch: Schaffe man das kunterbunte Treiben mit dem Stier ab, koste das nachweislich hunderttausende Arbeitsplätze.
„Habt ihr keine Arbeit, ihr Luschen?“
Wir Deutschen belächeln diese Logiken. Dös üs scho a bissl primitiv, gä? Wir rasen lieber in den Tod. Freie Fahrt. Recht auf durchbohrt werden? Recht auf Totschießen? Pfff! Wobei: Ich vermute eine Ausnahme. Die Klimakleber.
Nicht, dass ich solche Gewaltfantasien gutheißen würde. Das nicht. Aber mal Hand aufs Herz. Wenn Sie daran denken: Sie müssen dringend Pfandflaschen wegbringen oder zu einem seit Monaten anberaumten Termin bei der Fachärztin (und auf solch einen Termin freuen sich viele aus traurigen Gründen mehr als auf weiße Weihnachten im Mondenschein) und dann sitzen da drei, vier neonbewestete Erdenretter mit hagerem Rundrücken vor Ihnen auf dem Asphalt. Ergriffen vom eigenen Mut. Die auswendig gelernten Weltenrettersprüche schon auf den Lippen, falls jemand was wissen will, was über die Frage hinausgeht: „Habt ihr keine Arbeit, ihr Luschen?“
Stellen Sie sich vor, einer von diesen Leuten versaut Ihnen die Tour. Damit das Klima sich nicht so schnell wandelt. Was als Motiv in dieser Sekunde von Ihnen sehr subjektiv betrachtet nicht mit Ihrem Facharzttermin mithalten kann. Verstehen wir alle. Auch die Klimakleber. Und Sie unterstellen in dieser Sekunde, dass Ihre Verzweiflung bei denen noch zusätzlich Häme erzeugt, die diese aber niemals zeigen würden. Weil das nach Ihrer Vermutung nicht zu deren mithilfe von Anwälten und Marketingfuzzis mit zu viel Tagesfreizeit im Ehrenamt ausgetüftelten Kommunikationsstrategie passt, die besagt: Unbedingt durchgängig ausstrahlen, dass euch eure Heldentaten selber weh tun.
Lesen Sie auch, warum ein Fondsanbieter die Strafen der Klima-Kleber zahlen wollte
Was dazu führen muss, dass diese engagierten jungen Leute Häme gar nicht verspüren können DÜRFEN. Und so sitzen Sie da, die Klimaanlage auf die Visage gerichtet, und wollen das alles für sich gedanklich ordnen, wollen Ihren Hass in aller Eile (und doch mit der gebotenen Sorgfalt) überein bringen mit Ihrem Wunsch, der Planet würde nicht verwüsten Schrägstrich absaufen, und wissen am Ende nicht ein und aus, denken ach und weh – und dann kommt da hinten, von links an der Kreuzung plötzlich ein wild gewordener Stier angaloppiert.
Er senkt den Kopf, dann schnaubet er –
und räumt den Zebrastreifen leer.
Und auf dem Pflaster bleibt allein
der Menschen Hornhaut dünn und fein.
Was würden Sie da denken?
Passt nicht zu Deutschland. Oder:
Wird knapp, aber zur Darmkrebsvorsorge schaff ich´s noch.
All das war jetzt ja nur eine doppelt bequeme Fantasie. Doppelt, weil Sie in der Fantasie noch nicht einmal selber tätig werden mussten.
In der Realität aber steigen Leute aus ihren Autos und treten und reißen und zerren, dass es nur so schreit (manchmal etwas zu theatralisch, wenn Sie mich fragen, aber man steckt nicht drin, man klebt nicht drauf).
Einige schieben die Klebe-Demonstranten mit dem Lieferwagen von der Straße, noch bevor die Tube gezückt ist. Ich ahne, was die Fahrer mit Blick auf die Uhr denken: In Deutschland haben Menschen einst einen LKW auf vier Biergläser gestellt, dann werde ich ja wohl noch in gepflegter Schrittgeschwindigkeit einen Menschen anfahren dürfen. So viel Feingefühl mit der Kupplung wird man mir ja wohl noch zutrauen.
Hach, aber wenn es ganz blöd läuft, ist so ein Auto eben offiziell eine gefährliche Waffe. Ob deren Einsatz von Notwehr gegen eine strafbare Nötigung gedeckt ist, hängt nun einmal vom Einzelfall ab. Wenn ja, müsste das Sich-Festkleben eine Straftat (etwa Nötigung) sein. Und wie das so ist in Deutschland (Stichwort Rechtsstaat): Klimakleber sind neu. Es fehlt die Rechtsprechung in all ihren Facetten. Der Einzelfall ist so schnell nicht zu klären. Einzelfall nervt. Aber Einzelfall ist auch irgendwie fair, muss man da mal ganz klipp und klar raushauen.
Denn womöglich ist die Klebe-Aktion schlicht vom Versammlungsrecht gedeckt. Im Einzelfall.
Und diese Option kennt auch die Polizei. Und so steht sie da, weiß auch nicht so recht und knibbelt ganz verlegen am Halfter. Und fängt dann an, die Festgeklebten mit Rapsöl und irgendwas wie Zahnseide von der Straße zu lösen und gegen Tritte und Schläge durch die Autofahrer zu verteidigen, obwohl sie womöglich im Einzelfall auch am liebsten den Knüppel zücken würde, um den Twens mal ein bisschen die Finger auf der Straße festzuklopfen.
Lesen Sie auch, wer zahlen müsste, wenn millionenschwere Kunst beschmutzt wird
Ist die Polizei erstmal da, stehen Notwehr-Handlungen für die Zivilgesellschaft offiziell nicht mehr im Verhältnis. Dafür haben wir ja die Staatsgewalt legitimiert. Doch viele Bürger auf der Straße (also die, die nicht kleben) denken sich: „Ja, dann macht auch, Herr und Frau Oberwachtmeister. Ihr habt doch alles da an euren fetten Gürteln und Westen und Dingsbums.“
Doch die Polizei macht aus Sicht vieler Ausgebremster selber nicht sofort genug. Weil sie die Klimakleber eben gerade nicht grün und blau prügelt oder mit der Seilwinde am Auto vom Bitumen abreißt.
Und so wirkt es auf viele in ihren auf offener Strecke stillgelegten Verbrennern, als würde der Rechtsstaat die Staatsgewalt zu lahmen Trotteln degradieren. Und wer müsse es aushalten: der kleine, hart arbeitende Bürger. So sieht es dann aus.
Und nun kleben da die in ihre Mission Verliebten und nerven die Nation mit ihrer kontraproduktiven Zwangserziehung. Und nun stehen da die Ausgebremsten, flippen für Instagram aus („Ich fahr drüber!“), versprühen Pfefferspray (extra noch vorher gekauft) oder wünschen sich in den Online-Kommentaren daheim vom Sessel aus voller Genugtuung amerikanische Verhältnisse unter Videoclips, in denen US-Cops in ihren dicken SUV Straßensperren aus bunt bemalter Pappe ummähen – errichtet von Frauen, die so harmlos wirken wie Mütter, deren Kinder schon aus dem Haus sind.
Und ich kann mich nicht auf eine der beiden Seiten schlagen. Beide sind mir peinlich. Und beide Seiten sind doch Sinnbild für das aktuelle Deutschland. Die einen, die es gut meinen mit der Welt und in ihrem selbstgerechten Aktionismus nicht kapieren, dass sie die Leute gegen sich aufbringen – und damit gegen die gute Sache. Und mit denen, die bei jedem Stich ins eigene Gerechtigkeitsempfinden gleich das gesamte Gesellschaftsgefüge in Zweifel ziehen und das Bedürfnis entwickeln, denen da oben einmal richtig einen reinzuwürgen. Am Ende mit einem Kreuz dort, wo es der Demokratie am meisten schadet („Hähä! Sö!“). Und damit ihnen selber.
Bescheuert. Ich sehe ad hoc nur eine Lösung: Zum Verbandskasten gehört in jedes Auto ab sofort eine schöne Flasche Rapsöl und Zahnseide. Und jetzt kommt mir bitte keiner mit „weniger Bürokratie!“. Denn so kommen sich beide Seiten näher.
Lesen Sie auch: Regt euch ab wegen der Klimakleber, regt euch auf über den Klimawandel!