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Europäisches RisikokapitalBerlin rutscht ab

US-Wagniskapitalgeber werden laut einer aktuellen Studie des US-Analyseunternehmens PitchBook in diesem Jahr weniger in Europa investieren. Das trifft auch Deutschlands Start-up-Zentrum Berlin.Matthias Hohensee 20.06.2023 - 06:45 Uhr

Berlin rutscht ab

Foto: dpa

Der Zusammenbruch der Silicon Valley Bank im März wirft weiterhin seine Schatten – auch auf Europa. Nicht nur, dass das Hightech-Tal und die US-Wagnisfinanzierer ihrer Haus- und Hofbank beraubt wurden, was bei vielen Start-ups und ihren Investoren zu Problemen führte. US-Investoren, so eine aktuelle Studie des US-Analyseunternehmens PitchBook, konzentrieren nun ihre Energie wieder stärker auf das „heimische Brot- und Butter-Geschäft“, statt sich international zu engagieren.

Im Herbst 2022 ging PitchBook-Analyst Nicolas Moura noch davon aus, dass US-Investoren in diesem Jahr bei jeder vierten Finanzierungsrunde in Europa mitmischen würden. Das wäre ein neuer Rekord gewesen. Auch deshalb, weil prominente Wagnisfinanzierer wie Sequoia Capital und General Catalyst in Europa neue Niederlassungen eröffneten und der US-Dollar gegenüber dem Euro und dem britischen Pfund zulegte. Der starke Dollar machte es für US-Investoren günstiger, in europäische Jungunternehmen zu investieren.

Zwar sind Investitionen in europäische Start-ups weiterhin finanziell attraktiv für US-Investoren. Grund: Gegenüber ihren Pendants in Nordamerika sind sie deutlich niedriger bewertet. Diese relative Attraktivität hat aber nachgelassen, weil Pfund und Euro gegenüber dem Dollar seit September 2022 wieder gestiegen sind. Hinzu kommt der neue Fokus auf bestehende Beteiligungen in den USA. Moura erwartet deshalb, dass der Anteil der US-Investoren an den europäischen Finanzierungsrunden in diesem Jahr auf unter 20 Prozent fällt. 2021 waren es 20,9 Prozent, im vergangenen Jahr 22,6 Prozent.

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Die Hauptstadt trocknet aus

Diese Entwicklung hat auch Folgen für Berlin. Die deutsche Hauptstadt ist hinter London und Paris das wichtigste europäische Zentrum für Risikokapitalinvestitionen. Sie ist als einzige deutsche Stadt unter den weltweit Top 15 Städten für Wagniskapital vertreten. Lag Berlin im Jahr 2021 mit einem Transaktionsvolumen von 9,3 Milliarden Euro noch auf Rang neun, wird die Stadt in diesem Jahr wahrscheinlich abrutschen. Bis Ende Mai lag das Transaktionsvolumen nur bei 1,4 Milliarden Euro, was derzeit Rang 13 gemeinsam mit Tokio bedeutet. Zum Vergleich: London liegt derzeit auf Platz drei mit 5,4 Milliarden Euro. Start-ups in Paris konnten bislang 1,9 Milliarden Euro einwerben.

Die Spitze verteidigt weiterhin unangefochten San Francisco. Im vergangenen Jahr lag das „Tor zum Silicon Valley“ mit umgerechnet 33,6 Milliarden Euro auf Rang eins, gefolgt von London mit 26,7 Milliarden Euro und New York mit 25,5 Milliarden Euro. In diesem Jahr waren es bis Ende Mai 23,7 Milliarden Euro für San Francisco – mit weitem Abstand auf die Nummer zwei: New York mit sieben Milliarden Euro.

San Francisco profitiert vor allem vom Enthusiasmus um generative Künstliche Intelligenz, angeführt von OpenAI, in das Microsoft über zehn Milliarden Dollar investieren will. Bleibt das so, wird San Francisco wahrscheinlich in diesem Jahr trotz des allgemeinen Rückgangs bei Wagniskapitalinvestitionen die Summe aus dem vergangenen Jahr übertreffen. „San Francisco ist etwas immuner als andere Zentren, da es als Teil des Silicon Valley das Epizentrum für Wagniskapital ist“, erklärt Moura.

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Man wird vorsichtiger

Generell hat sich das Geschäft mit Risikokapital und Private Equity in diesem Jahr weiter verlangsamt. Bei Letzterem haben sich wegen der höheren Zinsen die Kapitalkosten erhöht, da Buyouts häufig mit Fremdkapital finanziert werden. Risikokapitalgeber wiederum haben laut Studie in allen Finanzierungsphasen Tempo herausgenommen, weil nun wieder stärker auf Rentabilität statt auf Wachstum um jeden Preis geachtet wird. Hinzu kommt, dass die Bewertungen von Jungunternehmen weiterhin unter Druck und viele Börsengänge auf Eis gelegt sind.

In Europa entstanden in diesem Jahr bislang nur fünf neue sogenannte Einhörner – Jungunternehmen mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar. Im vergangenen Jahr waren es im gesamten Jahr 48. Die fünf neuen Einhörner des Jahres sind laut PitchBook: die Razor Group, Quantexa, Ledger, Amarenco und Enpal.

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Die Razor Group aus Berlin (1,2 Milliarden Dollar Bewertung) kauft E-Commerce-Unternehmen auf. Enpal (2,55 Milliarden Dollar), ebenfalls aus Berlin, hat sich auf Solaranlagen spezialisiert. Ebenso Amarenco aus Irland (1,06 Milliarden Dollar). Ledger aus Paris (1,4 Milliarden Dollar) ist Experte für Kryptosicherheitslösungen. Quantexa aus London (1,8 Milliarden Dollar) fokussiert sich auf Datenanalyse. 

Warum die Aussichten gut sind

Die Analysten von PitchBook erwarten, dass wegen der Flaute bei Börsengängen der Aufkauf von Jungunternehmen in diesem Jahr der bevorzugte Ausstieg für Investoren sein wird. Die Zeiten für Start-ups beim Gewinnen von Investoren könnten sich jedoch schneller verbessern als in der Vergangenheit. Denn Wagniskapital als Anlageklasse hat sich in den vergangenen zehn Jahren in Europa durchgesetzt. In diesem Jahr wurden in Europa laut PitchBook bislang 6,8 Milliarden Euro von Geldgebern für Risikokapitalfonds eingeworben, was dem Niveau der vergangenen drei Jahre entspricht.

Allerdings wird dieses Kapital konservativer investiert, weshalb das sogenannte „trockene Pulver“ – also für Investitionen bereitstehendes Geld – in diesem Jahr 43,2 Milliarden Euro erreichen könnte. Das würde an den Höchststand aus dem Jahr 2020 von 43,6 Milliarden Euro herankommen. Sollte sich die wirtschaftliche Lage in Europa im zweiten Halbjahr verbessern, könnte dieses Pulver rasch verschossen werden.

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