Riedls Dax-Radar: Die Hoffnung auf eine schnelle Kurserholung bleibt vage
Mit einem kräftigen Rebound hat der Dax die Marke von 18.000 Punkten zurückerobert. Der amerikanische Dow Jones steht wieder über 40.000 Zähler, dem Technologieindex Nasdaq 100, von dessen Schwergewichten die Turbulenzen der vergangenen Wochen ausgingen, fehlen nur noch sechs Prozent bis zum Allzeithoch.
Offensichtlich, der Markt hat die Bären an den Börsen, die mit einem Zusammenbruch oder Crash an den Aktienmärkten rechneten, ins Leere laufen lassen. Doch haben deshalb automatisch die Bullen gewonnen, die Optimisten, die wieder alte und neue Höchstkurse sehen?
Die Risiken, die zu dem Börseneinbruch Anfang August geführt haben, sind nicht vom Tisch:
- In den USA signalisieren jüngste Daten zur Stärke des Einzelhandels zwar, dass die Wirtschaft nicht zusammenbricht. Die Konjunkturdynamik jedoch nimmt ab, und mit dem vierten Quartal 2024 und dem ersten Quartal 2025 stehen nach dem jüngsten Philadelphia Fed Report die schwächeren Quartale erst noch bevor.
- Die Preise für konjunktursensible Rohstoffe wie Kupfer erholen sich von den jüngsten Tiefen; die moderaten Aufschläge sehen aber weniger wie eine nachhaltige Wende aus, sondern eher wie eine Zwischenstation zu weiteren Verlusten. An der anhaltenden Schwäche führender Rohstoffaktien wie BHP, Anglo American, Vale oder Antofagasta hat sich nichts geändert; das sind keine guten Signale für die Konjunktur.
- Am Ölmarkt ist die Lage unverändert brisant. Einerseits gibt es hier immer wieder Schwächesignale, die derzeit für massive Shortspekulationen genutzt werden. Andererseits könnte genau dies zu schnellen Preisausschlägen führen. Sollte es etwa als Folge einer Eskalation des Kriegs im Nahen Osten zu einem unerwarteten Dreh der Ölnotierungen kommen, dürfte dies durch die dann folgenden Eindeckungen massiver Short-Positionen beschleunigt werden. Die widersprüchliche Lage des Marktes spiegelt sich auch in führenden Aktien der Branche wider: BP ist zuletzt abgesackt, Imperial Oil ging durch die Decke.
- Die Zinsdifferenzgeschäfte um den japanischen Yen (Carry Trades), die das Kursbeben an der japanischen Börse verursacht haben, sind zwar in großen Teilen offensichtlich aufgelöst. Welche Überhänge hier aber noch bestehen und wie stark auch Carry Trades mit anderen Währungen, etwa dem chinesischen Renminbi, betroffen sind, bleibt fraglich. Am japanischen Dilemma zwischen gigantischer Verschuldung, schwacher Währung und extrem niedrigen Zinsniveau hat sich nichts geändert.
- Nach der deutlichen Beruhigung bei den Inflationsraten rückt nun zwar die erste Zinssenkung der US-Notenbank Fed immer näher. Doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten ist es gerade mit dem Beginn eines neuen Zinssenkungszyklus an den Börsen zu schwachen Kursphasen gekommen: Nach der Jahrtausendwende, im Umfeld der Finanzkrise und vor dem Coronacrash.
- Die hohe Bewertung vor allem führender US-Technologieaktien hat sich durch den Kurseinbruch von Mitte Juli bis Anfang August durchaus abgekühlt. Doch gerade weil die Börsen sich schon wieder so schnell erholt haben und dem Hightech-Index Nasdaq 100 nur noch sechs Prozent bis zum Allzeithoch fehlen, war dies keine nachhaltige Bereinigung des Marktes.
Im Dax bleiben Versicherer wichtige Kursstützen
An der deutschen Börse haben in den vergangenen Tagen besonders wieder die Versicherer Allianz, Münchener Rück und Hannover Rück kräftig zugelegt. So konnten die Niedersachsen den Kursrutsch vom 6. August komplett ausgleichen. Mit 1,2 Milliarden Euro Nettogewinn schnitt die Hannover Rück im ersten Halbjahr besser ab als erwartet. Das operative Geschäft zieht an, das Kapitalergebnis wächst, die Preise für neue Verträge steigen, Großschäden sind überschaubar.
Für die Hannoveraner sollte es kein Problem sein, wie geplant in diesem Jahr 2,1 Milliarden Euro netto zu verdienen. Ähnlich wie bei den Rückschlägen im Januar 2022 und im Frühjahr 2023 bleibt für die Aktie auch jetzt wieder die große Aufwärtstendenz intakt. Zwischen 210 und 255 Euro könnte es dabei vorerst eine mehrwöchige Schaukelpartie geben.
Porsche Holding zwischen VW-Tradition und neuer Mobilität
Die Automobilholding Porsche (PAH), in der die Beteiligungen der Familien Porsche und Piech gebündelt sind, will sich in Zukunft vermehrt an größeren Unternehmen jenseits der Autoindustrie beteiligen. Bisher stecken in PAH als Kernbeteiligung die Mehrheit am Volkswagen-Konzern und die Sperrminorität am Autobauer Porsche AG. Daneben gibt es eine Handvoll kleiner Beteiligungen, die zwar auf den ersten Blick vielversprechend aussehen, bisher aber zum Gewinn nichts oder nur unwesentlich beitragen. Daran dürfe auch die neue Beteiligung am Münchener Bus- und Bahnportal Flix nichts ändern, für das Porsche einen niedrigen, zweistelligen Betrag in die Hand nimmt.
Die Absicht, das reine Autogeschäft schrittweise mit Investitionen in Mobilität zu erweitern, ist für Porsche nicht neu. Das Problem dabei: Schon durch die bisherigen Strukturbeziehungen zwischen dem übermächtigen VW-Konzern und dem eigenen Autohersteller Porsche AG sind die Finanzmittel der PAH arg strapaziert. Auch derzeit geht die Verschuldung nur langsam zurück.
Substanzielle Beteiligungen, die ein Gegengewicht zu VW darstellen, sind damit auf absehbare Zeit nicht in Sicht. Und sich von VW zu verabschieden, dürfte ebenfalls nicht zur Diskussion stehen. Faktisch wird die Porsche PAH damit bis auf weiteres die Dachgesellschaft von VW bleiben – egal, welche Beteiligungen dazu im Umfeld aufgebaut werden.
PAH-Aktien schwimmen damit weiterhin im Fahrwasser von VW. Und wie Volkswagen, sind PAH-Aktien fundamental unterbewertet und eigentlich reif für eine Erholung. Ein erstes positives Signal wäre es, wenn die Aktie wieder über 44 Euro käme, dem Tief vom Oktober vergangenen Jahres. Eine nachhaltige Wende dürfte erst bei einem Anstieg über die Kurszone 50 bis 52 Euro gelingen.
E.On: Stabiles Geschäft mit elektrisierender Dividende
Mit einem um Sondereffekte bereinigten Nettogewinn von 1,8 Milliarden Euro lag E.On im ersten Halbjahr zwar unter dem guten Vorjahr (2,3 Milliarden Euro); die bis Ende 2024 angepeilten 2,8 bis 3,0 Milliarden Euro Reingewinn sollten damit aber gut möglich sein. Die Investitionen kommen voran, allein im ersten Halbjahr 2024 kam eine Viertelmillion neuer Anschlüsse hinzu. Bis 2028 plant E.On insgesamt Investitionen von 42 Milliarden Euro, allein 34 Milliarden davon in die Netzsparte, der Schwerpunkt von E.On und die eigentliche Stärke des Essener Energiekonzerns.
In Kauf nehmen muss E.On dabei eine hohe Verschuldung, die im ersten Halbjahr noch einmal um 3,1 Milliarden Euro auf 40,8 Milliarden gestiegen ist. Angesichts des stabilen Geschäftsmodells und des in diesem Jahr möglichen operativen Gewinns von neun Milliarden Euro (bereinigtes Ebitda) ist diese Verschuldung verkraftbar, sollte aber in Zukunft nicht mehr weiter ausgedehnt werden.
Mit einem Rating von BBB+ stuft Standard & Poor‘s den Essener Energiekonzern als Investment ein, hier aber im unteren, nicht mehr ganz so sicheren Bereich. Die für 2024 absehbare Dividende, eine leichte Erhöhung auf womöglich 0,55 Euro, würde bei 2,612 Milliarden Aktien mit 1,44 Milliarden Euro zu Buche schlagen. Das sollte für E.On kein Problem sein und macht die Aktie zu einem Dividendenwert.
Bayer: Neue Hoffnung nach überraschendem Glyphosat-Urteil
Einen kräftigen Kurssprung gab es bei Bayer. Bei seinen juristischen Auseinandersetzungen um die Folgen des Unkrautvernichters Glyphosat haben die Leverkusener einen wichtigen, nicht absehbaren Zwischenerfolg erzielt. Für Bayer steigen damit die Chancen, dass es eines Tages auch am Obersten Gerichtshof in den USA zu einer positiven Entscheidung kommen könnte.
Die finanziellen Risiken des langjährigen Problems um Glyphosat sind für Bayer zwar nicht vom Tisch. Doch die starke positive Reaktion an der Börse zeigt, dass Bayer-Aktien offensichtlich im Bereich 25 bis 26 Euro langsam einen Boden finden könnten. Ein wichtiges Signal dafür wäre ein Anstieg über die Marke von 30 Euro hinaus.
Fazit für den Dax: Die schnelle Kurserholung im Umfeld der steigenden 200-Tagelinie (aktuell bei 17.530 Punkte) ist ein gutes Zeichen für die Stärke des deutschen Aktienmarkts. Gestützt wird dies durch die umfassende Erholung an den US-Börsen.
Dennoch, selbst in einem positiven Szenario ist angesichts der unveränderten schwierigen Gemengelage aus wackliger Konjunktur und vagen Zinshoffnungen ein zweiter Test der Widerstandskraft des Marktes wahrscheinlich. Spätestens im Bereich zwischen 18.300 bis 18.400 könnten zahlreiche Käufer der vergangenen Tage schnelle Gewinne mitnehmen.
Zudem stehen wichtige Ereignisse bevor: vom 22. bis 24. August das Treffen der internationalen Notenbanker in Jackson Hole im amerikanischen Bundesstaat Wyoming, dann die nächste Fed-Sitzung am 18. September. Ein nochmaliger Rückfall des Dax auch wieder unter 18.000 Punkte wäre in diesem Umfeld nicht verwunderlich. Geht es nach der Saisonalität, so stehen im September und Oktober besonders kritische Börsenmonate bevor. Das Rennen zwischen Optimisten und Pessimisten an den Börsen, zwischen Bullen und Bären, ist noch nicht entschieden.
Lesen Sie auch: Wann sollte ich verlustbringende Aktien verkaufen?