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Riedls Dax-Radar
Schwierige Aktienauswahl: Die Stimmung am Aktienmarkt ist gemischt, ein klarer Börsentrend noch nicht erkennbar. Quelle: imago images

Jetzt bloß nicht voreilig investieren!

Es gibt wenig Gründe, warum die US-Notenbank von ihrer bisherigen Linie abweichen und die Geldschleusen öffnen sollte. Was zunächst wie eine Enttäuschung für die Börsen aussieht, kann sich als Vorteil herausstellen.

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Die Erwartungen an Jerome Powell sind hoch. Den meisten Anlegern wäre es wohl am liebsten, wenn der Chef der Fed beim aktuellen Treffen der Notenbanker in Jackson Hole, Wyoming, sich klar zu einem Zyklus neuer Zinssenkungen bekennen würde. Das aber wird er wahrscheinlich nicht tun. Die US-Wirtschaft hat zwar merklich an Tempo verloren, insgesamt ist jedoch weiterhin ein Wachstum im Bereich um zwei Prozent möglich. Größtes Risiko sind die Folgen der internationalen Handelskonflikte. Das zeigte auch die Nachricht vom Freitagnachmittag, dass China weitere Zölle auf US-Importe im Warenwert von 75 Milliarden Dollar verhängt, die die Börsen in New York und Frankfurt sogleich auf Talfahrt schickte.

Dass Powell in diesem Umfeld sein bisheriges Konzept über den Haufen wirft und die Geldschleusen weit öffnet, ist unwahrscheinlich. Bisher hat er seine erste Zinssenkung nur als Zwischenschritt bezeichnet, dem je nach aktuellen Wirtschaftsdaten noch ein oder zwei weitere folgen könnten. Es geht ihm aber nicht darum, die Zinsen jetzt wieder auf Jahre hinaus nach unten zu führen.

Dieser vorübergehend expansiven Position von Powell steht der Zins-Crash am Anleihemarkt gegenüber. Hier hat es in den vergangenen Monaten eine extreme Entwicklung gegeben. Der Rückgang der US-Zinsen innerhalb weniger Monate von 3,2 Prozent auf 1,5 Prozent war so heftig wie in der Finanzkrise. Damals kam es zu einer Halbierung der Renditen von vier auf zwei Prozent.

Haben die Märkte recht, dann hätten sie einen Absturz der US-Konjunktur ähnlich wie in der Finanzkrise eingepreist. Was aber, wenn dieser Absturz in dieser Heftigkeit gar nicht kommt? Dann dürfte es an den Anleihemärkten, die zuletzt massiv haussiert sind, eine spürbare Abkühlung geben. Seit einigen Tagen ist die Rendite der zehnjährigen US-Bonds vom Tief bei 1,5 Prozent wieder leicht auf 1,6 Prozent gestiegen.

Natürlich heißt das noch lange nicht, dass die Zinsen wieder nachhaltig anziehen. Es geht jetzt im Umfeld des Notenbanker-Treffens in Jackson und des G7-Treffens in Biarritz erst einmal um ein kurzfristiges Einpendeln der Anleihemärkte. Damit die Zinsen nach dem dramatischen Verfall der vergangenen Wochen jetzt nochmals nach unten krachen und neue Tiefpunkte bilden, müsste es von konjunktureller Seite regelrechte Katastrophen-Nachrichten geben. Die dürfte weder Jerome Powell im Gepäck haben noch die Polit-Prominenz, die sich gerade in Südwestfrankreich trifft.

Für die Aktienmärkte muss dies nicht automatisch schlecht sein. In den vergangenen Wochen sind die Kurse gesunken, obwohl die Zinsen massiv nach unten gegangen sind. Gründe waren neben den zahlreichen politischen Krisen vor allem die Angst vor einer schweren Rezession. Eine Konsolidierung bei Zinsen und Anleihen könnte nun einen Teil dieser Angst nehmen – und damit zu einer Stabilisierung an den Börsen führen.

Im Dow Jones gibt es dafür Anzeichen. Nach vier Wochen Kursrückgang haben die Notierungen zweimal den Bereich um 25.500 Punkte verteidigt, der befürchtete Tiefentest des Mai-Niveaus um 25.000 ist bisher ausgeblieben.

Die spannendsten Aktien der Woche

Darauf jetzt schon, vor dem Notenbanker-Wochenende, neue Positionen einzugehen, wäre riskant. Mehrmals in den vergangenen Monaten gab es ausgerechnet an kritischen Punkten der Marktentwicklung unerwartetes Querfeuer von Donald Trump. Dieses Risiko ist angesichts der fragilen Verfassung der Börsen auch jetzt ausgesprochen hoch. Dass Nasdaq 100 und S&P 500 zudem bei ihrer Stabilisierung noch nicht so weit sind wie der Dow Jones und die Handelsvolumina bei steigenden Notierungen zuletzt rückläufig waren, sind weitere Warnsignale.

Für den Dax heißt das: Vorgreifen ist riskant, lieber noch einige Tage abwarten. Um 11.600 Punkte bestehen immer noch Kurslücken, bis zu denen der Dax bei einer Enttäuschung kurzfristig abrutschen könnte. Sollte es danach dennoch zu einem Anstieg über 11.850 Punkte hinaus kommen, wäre das ein veritables Kaufsignal, dem eine Kletterpartie bis in den Oktober hinein folgen könnte. Die Entscheidung, ob der Anstieg über 11.850 gelingt oder ob es doch noch zu einem Absacker in Richtung 11.000 kommt, dürfte in der nächsten Woche fallen.

Neue Spekulationen um Thyssenkrupp, Bayer und die Deutsche Bank

Bei einzelnen Dax-Aktien deutet sich ein Favoriten-Wechsel an. Die Allianz-Versicherung, lange Zeit ein Fels im Dax, verliert seit einigen Wochen an Stärke. Bei Kursen um 195 Euro hat sie immerhin die mittelfristigen Tiefpunkte verteidigt. Sollte sich der Gesamtmarkt stabilisieren, dürfte auch die Allianz nicht nach unten durchrutschen; dennoch zählt die Aktie kurzfristig nicht mehr zu den Favoriten im Dax.

Einen kräftigen Dämpfer bekam E.On. Die hohe Verschuldung und das schwierige britische Geschäft haben zu einigen Herabstufungen durch Banken geführt. Mittelfristig dürfte RWE bei den Energiekonzernen die bessere Wahl sein. Im Kursbereich um acht Euro sollten bei E.On dann aber wieder vermehrt Käufer kommen.

Verbessert haben sich die Aussichten für Bayer-Aktien. Die gesamten düsteren Erwartungen um Monsanto dürften durch den tiefen Fall der Aktie verarbeitet sein. Jetzt geht es darum, dass die Werte, die in Bayer stecken, offensichtlich höher sein sollten als die 63 Milliarden Euro, die alle Aktien zusammen derzeit auf die Waage bringen. Mit dem Anstieg über 62 Euro hat die Aktie ein kurzfristiges Kaufsignal gegeben.

Ähnlich ist die Situation bei Thyssenkrupp. Auch hier hat der tiefe Fall wohl die meisten Probleme erst einmal verarbeitet, bis hin zum Verbot der Fusion des Stahlgeschäfts mit Tata durch die EU. Jetzt gibt es neue Gedankenspiele über Zukäufe und Partnerschaften, etwa mit Stahlkocher Salzgitter oder Metallhändler Klöckner. So oder so dürfte es mittelfristig eine Lösung für einen der ältesten deutschen Industriekonzerne geben. Und dafür sind die sechs bis sieben Milliarden Euro, die Thyssen-Aktien derzeit zusammen kosten, ziemlich wenig.

Der geringe Börsenwert ist auch das Hauptargument, das man derzeit für die Deutsche Bank ins Feld führen kann. Operativ und vom Umfeld der Branche gesehen gibt es kaum substanzielle Erholungsansätze. Dennoch startet die Aktie einen weiteren Versuch einer Bodenbildung, dieses Mal zwischen 6,00 Euro und 7,20 Euro. Mit Thyssenkrupp und Bayer ist die Deutsche Bank derzeit die heißeste Turnaround-Spekulation im Dax.

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