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Riedls Dax-Radar
Dax unter Druck: Gleich mehrere Faktoren belasten die Börse Quelle: imago images

Showdown um Inflationsrisiken

Teure Rohstoffe, knappe Chips und zunehmende Preisrisiken drücken den Dax. Große Einzelwerte wie Allianz und BASF geraten ins Wanken; andere, vor allem Siemens, stützen dagegen den Trend. Sogar SAP macht Hoffnung.

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Um 5,3 Prozent sind die Verbraucherpreise in den USA im August gestiegen. Im Juli waren es noch 5,4 Prozent. So hoch diese Zahlen absolut sind, relativ betrachtet kann man darin die Spitze des aktuellen Inflationstrends sehen, der seinen Anfang im Frühjahr dieses Jahres nahm. Noch zu Beginn des Jahres lag die Inflation bei 1,5 Prozent; im Vorjahr pendelte sie zwischen 0 Prozent und 2,5 Prozent. 

Eine mögliche Entspannung auf der Inflationsseite wäre eine wichtige Bestätigung für die Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Fed – und damit eine zentrale Stütze für die Aufwärtsbewegung an den Märkten. Bisher hatte die Fed unter ihrem Chef Jerome Powell die expansive Geldpolitik mit dem Verweis auf die konjunkturelle Unsicherheit und die noch nicht erreichte Vollbeschäftigung immer wieder verlängert. Die Inflation wurde als vorübergehendes Phänomen eingestuft, das sich nach einigen Monaten wieder beruhigen sollte. Eine schnelle Änderung der großzügigen Geldpolitik sei deshalb nicht notwendig. Noch passen die aktuellen Zahlen in dieses Szenario. 

Doch es gibt Risiken. Durch die Intensität der Coronakrise sind Lieferketten weltweit in einer bisher ungekannten Weise unterbrochen worden. Besonders eklatant sind die Lieferprobleme bei wichtigen Vorprodukten großer Trends: bei Chips und elektronischen Bauteilen. Ob Digitalisierung, Automatisierung, neue Energien, neue Mobilität, Infrastruktur, Virtual Reality – überall besteht hier eine enorme Nachfrage. Erhebliche, zum Teil extreme Preissteigerungen sind die Folge. 

Das zweite Risiko sind die Energie- und Rohstoffmärkte. Der hier wichtigste Indikator, der Preis für Rohöl, hat sich nach seinem Rückschlag Mitte August wieder deutlich erholt. Mit 76 Dollar je Fass hat die Nordseesorte Brent fast wieder den mittelfristigen Rekordstand vom Juli erreicht. Die Hoffnungen, dass die gesamten Preisschwankungen der vergangenen Monate letztlich in eine Abwärtsbewegung münden könnten (etwa weil Öl in einer Zeit der beginnenden Elektromobilität seinen Stellewert verlieren könnte), haben sich bisher nicht erfüllt. 

Schlimmer noch: Mit dem teuren Öl drehen auch die anderen Energiekurven hoch, zum Teil dramatisch: Die Preise für Erdgas und Kohle haben sich seit April mehr als verdoppelt, Uran ist im August um mehr als 50 Prozent nach oben geschnellt. An den Strommärkten erreichen die Preise neue, langjährige Höchststände. Kein Wunder, dass an den Rohstoffmärkten derzeit heiß über den Beginn eines neuen Megazyklus diskutiert wird; einer grundlegenden Preissteigerungstendenz, von der immer mehr Notierungen erfasst werden und die sich über viele Jahre nach oben ziehen könnte.

Wenn Preise in einer solchen Breite anziehen, wirkt das nicht nur wie ein Multiplikator auf die wirtschaftliche Entwicklung. Es braucht auch eine gewisse Zeit, bis sich diese Prozesse im realen Wirtschaftsablauf durchsetzen. Beispiel Henkel. Der Konsumchemiker leidet wie viele andere Unternehmen auch unter steigenden Kosten für Rohstoffe und Vorprodukte. Bisher konnten die Düsseldorfer das nicht in gleicher Weise auf ihre Kunden überwälzen. Doch damit ist das Unternehmen in die Defensive geraten, gut sichtbar an der schwachen Entwicklung des Aktienkurses. Es ist leicht auszumalen, wie intensiv angesichts dieser Zwangslage Möglichkeiten gesucht werden, diesen Druck weiterzugeben. Und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis er über Großabnehmer und Handel dann letztlich beim Endverbraucher landet. 

Besonders intensive und feinfühlige Sensoren für die zukünftige Inflationsentwicklung sind die Anleihemärkte. Sie lassen sich zwar auch durch Anleihekäufe der Notenbanken etwas dirigieren; insgesamt sind die Volumina auf diesen Märkten aber so groß, dass die Notenbanken hier keinen direkten Zugriff haben wie bei den kurzfristigen Zinsen. 

Dieses Eigenleben zeigte sich im Frühjahr dieses Jahres, als die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen binnen weniger Wochen von 1,0 auf fast 1,8 Prozent nach oben schnellten. Dieser Anstieg war nicht anderes, als die treffsichere Vorwegnahme der dann folgenden Inflationszahlen, die in den USA seit Frühjahr in den Bereich um fünf Prozent vorgedrungen sind. 

Aktuell spiegelt sich am US-Anleihemarkt Unsicherheit wider. Seit dem jüngsten Renditetief Anfang August bei 1,17 Prozent haben sich die Renditen für zehnjährige US-Anleihen langsam wieder auf über 1,3 Prozent hochgearbeitet. Zwar liegen die Renditen aktuell wesentlich unter den Spitzen vom Frühjahr – darin steckt eine Relativierung der ursprünglichen Inflationsängste. Auf der anderen Seite könnte ein Anstieg über die mittelfristigen Spitzen um 1,4 Prozent hinaus schnell wieder eine neue Kletterpartie auslösen. 

Insgesamt signalisieren die Bonds derzeit eher noch keinen neuen, akuten Inflationsschub. Allerdings, die dynamische Abwärtstendenz der Renditen von 2018 bis 2020 ist gebrochen. Das ist ein deutliches Signal für eine schrittweise Aufwärtstendenz der Renditen, die bis nächstes Jahr durchaus in den Bereich um zwei Prozent vordringen können. Das wiederum wiederum würde zu einer Inflation passen, die sich ebenfalls auf höherem Niveau einpendelt. Für die Notenbanken hieße das: Die Diskussion über die Straffung der Geldpolitik dürfte sich in den nächsten Wochen intensivieren, die ersten konkreten Maßnahmen (vor allem über die Rücknahme der Anleihenkäufe) könnten in einigen Monaten beginnen. Und 2022 dürfte dann die Diskussion über echte Zinserhöhungen in den Mittelpunkt rücken – egal, wer dann an der Spitze der amerikanischen Notenbank steht. 

Der Aktienmarkt ist angeschlagen, aber noch nicht k.o.

Der Dax hat die Unsicherheiten der Zinsentwicklung bisher einigermaßen weggesteckt. Zwar kam es Anfang September zu einem schnellen Rücksetzer bis fast auf 15.400 Punkte im Tagesverlauf. Dass sich der Dax danach aber gleich wieder auf mehr als 15.700 erholt hat, ist ein gutes Zeichen. 



Dennoch, die Aufwärtsentwicklung ist brüchiger geworden. Schon seit einigen Wochen zeichnet sich ab, dass immer mehr Einzelwerte an Substanz verlieren. Die Allianz-Aktie etwa, die aktuell besonders unter dem Risiko hoher Klagekosten in den USA steht, verteidigt nur noch mit Mühe das langfristig wichtige Niveau um 190 Euro. Bei BASF geht es um die Unterstützung bei 64 Euro, die der Kurs seit Ende des vergangenen Jahres nun schon mehrmals angelaufen ist. BASF steht mitten im Spannungsfeld zwischen hohen Rohstoffkosten, teurer Energie und konjunktureller Unsicherheit. Beide Aktien, Allianz und BASF, sind sogar unter ihre 200-Tagelinie gerutscht. Noch sind keine schweren Verkaufssignale entstanden; doch ein Warnsignal ist es schon, wenn es bei zwei wirtschaftlichen Schwergewichten zunehmend knapper wird. Dass bei Henkel, Fresenius und FMC die Tendenz weiter nach unten zeigt, ist wegen des hier geringeren Indexgewicht für den Dax keine so schwere Belastung. 

Starke Signale kommen dagegen von Siemens. Mit Notierungen um 150 Euro rangiert die Aktie auf Rekordniveau. Das ist doppelt gut, weil Siemens zum einen als führender Technologie- und Industriewert von Weltgeltung damit die Dynamik der großen Trends bestätigt. Zum anderen beweist Siemens, dass eine weitsichtige strategische Politik – vor allem die gelungene Abspaltung der einzelnen Sparten – von Investoren durchaus honoriert wird. Dabei lässt es sich sogar verkraften, dass sich ausgerechnet das Geschäft mit neuen Energien bisher enttäuschend entwickelt. 

Siemens, Linde, Merck, Infineon, Deutsche Post sind derzeit die stärksten Dax-Werte, die mit dynamischen Trends den Index stützen. Etwas stärker werden seit einiger Zeit E.On und SAP, die in den nächsten Wochen zunehmend in das Blickfeld der Investoren rücken könnten. Vor allem SAP könnte durch die enge Verbindung zum Megatrend Cloud, den Vergleich mit internationalen Top-Unternehmen und die hohe Gewichtung im Index eine Schlüsselrolle zukommen.

Fazit für den Gesamtmarkt: Nachdem der Dax im Juni langsam aus dem seit dem Coronatief gebildeten Aufwärtstrend gewandert ist, kommt er nur noch zäh voran. Kurzfristig sollte er (gemessen am Tagesschlussstand) möglichst nicht unter 15.400 Punkte rutschen. Gefährlich könnte es bei einem Bruch der Marke um 15.000 werden, der sogar eine Verkaufslawine nach sich ziehen könnte. Auslöser dafür könnten neue Risiken von der Inflations- und Zinsseite werden. Noch allerdings überwiegt hier die Chance eines moderaten Szenarios höherer Preise und Renditen, die zwar grundsätzlich steigen, aber nicht unkontrolliert davonlaufen. 

Mehr zum Thema: Am 20. September startet der Dax offiziell mit 40 Werten. Lesen Sie hier unsere Analyse der zehn neuen Dax-Mitglieder.

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