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AgrarrohstoffeWie Anleger vom Weizenpreis profitieren

Die Dürre in den USA und Russland treiben die Preise für Agrarrohstoffe ins Unermessliche. Es droht Nahrungsmittelknappheit. Investoren können dennoch von der Preisrally bei Mais, Soja und Weizen profitieren.Kerstin Dämon 13.08.2012 - 14:50 Uhr

Die Dürre in Amerika und weiten Teilen Russlands treibt die Preise für Agrarrohstoffe - und die Aktien von Düngeherstellern und Energiekonzernen. Auch Fonds und ETFs profitieren.

Foto: dpa

Die USA erlebt gerade die größte Dürre seit dem Jahr 1956. Seit Mai ist der Regen vollständig ausgeblieben, weshalb große Teile der Weizen- und Maisernte ausfallen, auch die Sojaernte ist bedroht. Die Folge: Da die USA der größte Mais- und Sojaproduzent der Welt sind, ist Mais derzeit so teuer wie noch nie (acht Dollar pro Scheffel, ein Scheffel entspricht rund 24,4 Kilogramm) und auch Soja liegt mit 17,10 Dollar pro Scheffel auf Fünf-Jahres-Hoch. Auch der Getreidepreis hat derzeit mit 257,50 Euro pro Tonne den höchsten Stand seit eineinhalb Jahren erreicht. Und die Situation scheint sich so schnell nicht zu verbessern:

"Eine Änderung des Wetters ist nicht absehbar", sagt Leon Leschus, Rohstoffexperte beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. "Beim Weizen wird die Situation zusätzlich verschärft durch eine Dürre in Russland." Wie bereits im Jahr 2008 droht das Wetterphänomen El Nino die Rohstoffkrise weiter zu verschärfen. El Nino tritt in der Regel alle vier bis zwölf Jahre auf. Im Jahr 1998 starben rund 2000 Menschen an seinen Folgen. Die Schäden durch Ernteausfälle gingen damals in die Milliarden. Vor drei Jahren verzögerte El Nino den Beginn des Monsuns in Indien und trieb dadurch den Zuckerpreis auf den höchsten Stand seit 30 Jahren.

Bio-Ethanol lässt die Preise weiter steigen

Die Preise für die besagten Agrarrohstoffe werden nach Einschätzung von Leschus auch mittel- und langfristig eher nach oben klettern, weil die Nachfrage sich erhöht. "Die Weltbevölkerung steigt, ebenso das Risiko von Missernten durch den Klimawandel." Auch Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, sagt: "Langfristig sehen wir die Gefahr einer Verteuerung der Agrarrohstoffe." Einen wichtigen Grund für die stetig zunehmende Knappheit sieht er auch in der Produktion von Ethanol und Biodiesel, die hauptsächlich aus Mais, Zucker, Palmöl oder Sojabohnen hergestellt werden. Deshalb hat die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO den Vereinigten Staaten bereits empfohlen, die Produktion von Bio-Ethanol zu unterbrechen, um eine Hungerkatastrophe vorzubeugen. Schließlich werden rund 40 Prozent der amerikanischen Maisernte für den Biosprit verwendet.

Die FAO sowie diverse Nicht-Regierungsorganisationen warnen deshalb bereits vor Hungersnöten. Der von der FAO veröffentlichte Lebensmittel-Preisindex ist allein im Juli um sechs Prozent auf 213 Punkte gestiegen. Doch so bedrohlich die Situation auch ist, einige Unternehmen profitieren zumindest indirekt von der Dürre in den USA und Russland - und hier kommen Investoren ins Spiel.

So treibt die Dürre in den USA nicht nur die Preise für Agrarrohstoffe, sondern auch die Aktien des Energiekonzerns Exxon. Allerdings spielt der Weizen- oder Maispreis keine Rolle bei der positiven Entwicklung des Papieres: Wegen der Dürre ist die wasserintensive Erdgasförderung in den USA ins Stocken geraten, weshalb Exxon als größter Erdgasproduzent Amerikas von den gestiegenen Preisen für Gas profitiert. Auch die Aktien des bayerischen Agrar- und Handelskonzern BayWa sind derzeit einen Blick wert: "Die Nachfrage nach Getreide steigt weiter und in der Folge auch die Preise für Agrarrohstoffe", sagt BayWa-Vorstandschef Klaus Peter Lutz. Da der Getreidehandel immer internationaler werde, müsse auch die BayWa Schritt halten, indem sie zukaufe. Die Aktie des Unternehmens ist seit Juni von gut 26 Euro auf 31,67 Euro gestiegen. Daran dürfte allerdings auch die Übernahme des neuseeländischen Obsthändlers Turners & Growers nicht ganz unschuldig sein. Weil zudem die Nachfrage nach Solarmodulen groß war und die Bauern weiter munter Landmaschinen kauften, kletterte bei BayWa das Ergebnis vor Zinsen und Steuern im ersten Halbjahr um drei Prozent auf 91,1 Millionen Euro. Für 2012 kündigte der Vorstandschef einen Zuwachs beim Ergebnis an. "Wir glauben, dass wir ein gutes Agrarjahr haben werden", ist sich Lutz sicher.

Vale

Umsatz: 40,4 Milliarden US-Dollar

Operativer Gewinn: 19,7 Milliarden US-Dollar
Das brasilianische Wachstumswunder droht zu einem Spielball der Innenpolitik zu werden. In zwölf Jahren von rund drei auf gut 50 Milliarden Dollar Umsatz – selbst für die Minenbranche hat das ehemalige Staatsunternehmen Vale aus Rio atemberaubend zugelegt. 133.000 Menschen arbeiten für den Rohstoffriesen. Vale betreibt Minen in Südamerika, Australien, China, Indien, Angola und Südafrika, aber auch in Finnland und Kanada. Erst im Dezember hat Vale nach monatelanger Blockade die Erlaubnis erhalten, mit seinen Mega-Erzfrachter mit einem Kapazität von 400.000 Tonnen in chinesischen Häfen anlegen zu dürfen. Vale hatte Milliarden in den Bau der Frachter investiert. 2012 will der Bergbaukonzern rund 130 Millionen Tonnen Eisenerz nach China exportieren - das sind 40 Prozent seiner gesamten Produktion.

Vale ist der weltweit größte Anbieter von Eisenerz und hält einen Marktanteil von 17 Prozent.

Foto: Presse

Rio Tinto

Umsatz: 46,7 Milliarden US-Dollar

operativer Gewinn: 12,1 Milliarden US-Dollar
Das britisch-australische Konglomerat hat eine bewegte Geschichte. Die heute in London und dem australischen Melbourne beheimatete Rio Tinto verfügt sicher über die längste Geschichte der großen Minenkonzerne – und über die bewegteste Gegenwart. Vor fünf Jahren übernahm sich Rio fast mit der Übernahme des kanadischen Aluminiumkonzerns Alcan, dann startete Konkurrent BHP eine feindliche Übernahme, und 2009 gab es Konflikte mit China, unter anderem wegen Spionagevorwürfen. 2011 übernahm Rio Tinto den Kokskohle-Förderer Riversdale, der vielversprechende Bergwerke in Mosambik betreibt. Damit stärkte der anglo-australische Konzern seine Position im Kohlesektor. Kokskohle wird zur Stahlproduktion benötigt.

Rio Tinto ist der weltweit zweitgrößte Anbieter von Eisenerz mit einem Marktanteil von 17 Prozent. Bei Kupfer reicht es für Rang fünf mit einem Marktanteil von 4,8 Prozent.

Foto: rtr

BHP Billiton
Umsatz*: 55,4 Milliarden US-Dollar

Operativer Gewinn*: 24,7 Milliarden US-Dollar

Die britisch-australische Dealmaschine ist noch der Branchenmaßstab. Als 2001 die 1885 im australischen Outback als Broken Hill Proprietary gegründete BHP und die 1860 in Den Haag gestartete Billiton fusionieren, begann eine kleine Revolution der bis dahin ruhigen Branche. Zehn Jahre, einen Schwenk zu modernen Managementmethoden und viele Zukäufe später ist der inzwischen britisch-australische Konzern das Vorbild in Sachen Effizienz.

Im zweiten Halbjahr 2011 (= erste HB des Geschäftsjahres) macht BHP 37,5 Milliarden Dollar Umsatz und 18,7 Milliarden Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen.

BHP Billiton ist weltweit der drittgrößte Anbieter von Eisenerz und hält eine Marktanteil von 8,2 Prozent. Bei Kupfer schafft es der Konzern mit einem Anteil von 7,1 Prozent auf Platz vier.

* geschätzt

Foto: Presse

Anglo American

Umsatz: 28,6 Milliarden US-Dollar

Operativer Gewinn: 8,5 Milliarden US-Dollar
Die Südafrikaner haben das edelste Portfolio und den schlechtesten Ruf . Diamanten, Gold und Platin sind die besten Freunde von Cynthia Carroll – damit verdient die Anglo-American-Chefin das meiste Geld. Dem 1917 von dem Bankier John Pierpont Morgan gegründeten südafrikanisch-britischen Unternehmen gehört etwa zur 45 Prozent der Diamantenriese De Beers. Den schlechten Ruf in Sachen Umweltschutz und Sicherheit zu verbessern, ist eines der Hauptziele von Carroll.

Anglo American ist weltweit der zweitgrößte Anbieter von Palladium mit einem Marktanteil von 18,5 Prozent. Platz eins belegt das russische Unternehmen Norilsk mit einem Marktanteil von 44 Prozent.

Foto: rtr

Glencore Xstrata

Umsatz: 161,7 Milliarden US-Dollar

Operativer Gewinn: 9,3 Milliarden US-Dollar

Die Fusion zwischen dem größten Kohleexporteuer Glencore und dem größten Zinkproduzenten der Welt Xstrata hat sich lange angebahnt. Glencore hielt bisher 37 Prozent an Xstrata. Die Hauptsitze der beiden Schweizer Unternehmen sind nur wenige Kilometer von einander entfernt - Glencore sitzt in Zug, Xstrata in Baar. Die Firmenchefs Ivan Glasenberg (Glencore) und Mick Davis (Xstrata) kennen sich schon aus Studienzeiten. Die Unternehmen waren bereits stark über Abnahme- und Vermarktungsverträge miteinander verwoben. Ein Drittel der Xstrata-Umsätze kam über Verkäuft an Glencore zu stande.

Glencore Xstrata ist mit einem Marktanteil von 13,5 Prozent der weltweit größte Anbieter von Zink, bei Kupfer schaffen es die Schweizer auf Platz 3 mit einem Anteil von 7,4 Prozent.

Foto: rtr

China Shenhua

Der chinesische Rohstoffkonzern ist der zweitgrößte Kohleproduzent der Welt. Durch Übernahmen im Energiesektor ist der Börsenwert des größten asiatischen Rohstoffunternehmens auf 65,5 Milliarden Dollar angewachsen. Die Aktiengesellschaft beschäftigt rund 42.000 Mitarbeiter und betreibt neben dem Bergbau ein Eisenbahnnetz, zwei Hafenanlagen und elf Kohlekraftwerke mit fast 12 Megawatt Leistung.

Foto: rtr

Auch dem Düngemittelhersteller K+S aus dem hessischen Kassel kommt die Dürreperiode zupass. Wegen der steigenden Preise können die Bauern in den nicht betroffenen Regionen ihr Getreide deutlich teurer verkaufen und sind dementsprechend bestrebt, mehr Getreide anzubauen. "Für die Landwirte und die Düngemittelbranche sind das gute Aussichten", sagt Analyst Heinz Müller von der DZ Bank. Hier kommen Unternehmen wie der amerikanische Weltmarktführer in Sachen Düngemittel Potash oder eben K+S ins Spiel. Da K+S kaum über Farmen in den USA verfügt, sondern überwiegend Landwirte in Brasilien und Europa beliefert, sind die Verkaufszahlen des Unternehmens nicht gefährdet. Ganz im Gegenteil: Der Dax-Konzern fuhr im zweiten Quartal deutlich mehr Gewinn ein, die Aktie hat Rückenwind. Müller hält weiter steigende Düngemittelpreise durchaus für möglich. Allerdings beließ K+S die Jahresprognose unangetastet bei Umsätzen zwischen 3,9 und 4,2 Milliarden Euro sowie bei einem Betriebsgewinn von 820 bis 900 Millionen Euro - nach 906,2 Millionen Euro im Jahr 2011. Das schlecht laufende Salzgeschäft lasse keine größeren Sprünge zu.

Die steigenden Lebensmittelpreise bekommen auch Fondsmanager zu spüren: Anleger vertrauen ihr Geld derzeit verstärkt Fonds an, die auf Agrarrohstoffe setzen. Das derzeitige Gesamtvolumen von Agrarfonds beträgt rund 2,76 Milliarden Dollar. An den Rohstoffbörsen machen Fonds auf Agrarprodukte 1,7 Prozent des Marktes aus. Und eine Erhebung vom Fonds-Analysehaus Lipper zeigt, dass börsennotierte Indexfonds (ETFs) und andere auf Agrarrohstoffe ausgelegte Anlageformen im letzten Monat Zuflüsse in Höhe von 110 Millionen Dollar verbuchten. Das ist der stärkste Liquiditätszufluss seit März vergangenen Jahres.

Allein beim amerikanischen Fondsanbieter Teucurium investierten Anleger im Juli doppelt so viel Geld in Mais-, Soja, oder Weizen-ETFs wie noch im Vormonat. Derzeit verwaltet Teucurium rund 130 Millionen Dollar nur in diesem Bereich. "Wir werden wohl noch mehr Zuflüsse sehen, wenn der Preis für Lebensmittel weiter steigt", sagt Lipper-Analyst Matthew Lemieux. Bevor die dürrebedingte Knappheit der Rohstoffe nicht überwunden ist, dürfte sich daran nichts ändern, schätzt er. Und Teucurium-Präsident Sal Gilbertie sagt: "Es besteht keinen Zweifel darin, dass die Dürre den Leuten vor Augen geführt hat, wie wichtig es ist, Agrarprodukte in ihrem Portfolio zu halten."

Banken ziehen sich aus dem Handel mit Agrarrohstoffen zurück

Lohnend sind Fonds und ETFs auf Weizen, Mais und Soja derzeit allemal. Ob der Handel mit Agrarprodukten beziehungsweise ETFs darauf auch ethisch vertretbar ist, muss aber jeder für sich entscheiden. Die Commerzbank beispielsweise hat sich erst kürzlich aus den Spekulationen mit Nahrungsmittel-Rohstoffen verabschiedet. Eine Sprecherin bestätigte, dass das Institut Agrarrohstoffe aus seinem einzigen börsengehandelten Rohstoff-Fonds ComStage ETF CB Commodity EW Index TR herausgenommen hat. Seit Ende Juli seien in dem 145,1 Millionen Dollar schweren ETF nur noch zwölf Metalle und Energie-Rohstoffe enthalten.

Zuvor hatten bereits der Fondsdienstleister Deka und die LBBW den Ausstieg aus der Nahrungsmittel-Spekulation beschlossen. Auch die Deutsche Bank hatte im Frühjahr dieses Jahres angekündigt, sich aus dem Agrarrohstoffhandel zurückzuziehen oder den Rückzug zumindest zu prüfen. Unter dem neuen Führungsduo Anshu Jain und Jürgen Fitschen scheint dieser Vorstoß jedoch in Vergessenheit geraten zu sein. Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode sagte dazu: "Am Handeln der Commerzbank sollten sich andere Häuser ein Beispiel nehmen - allen voran die Deutsche Bank."

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