1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Geldanlage
  4. Allianz Global Wealth Report: Warum der Wohlstand der Deutschen erodiert

Allianz Global Wealth ReportWarum der Wohlstand der Deutschen erodiert

US-Privatanleger haben ein viermal so hohes Geldvermögen wie deutsche. Die Deutschen trauen sich nur ganz allmählich etwas mehr ins Risiko, zeigt der neue Allianz-Vermögensreport.Heike Schwerdtfeger 26.09.2023 - 14:26 Uhr

Einkaufsmeile in Frankfurt

Foto: AP

Weltweit summiert sich das Finanzvermögen privater Haushalte in den wichtigsten 60 Ländern auf gigantische 233 Billionen Euro, so die Recherche der Experten des Versicherers Allianz für den alljährlich erscheinenden Global Wealth Report. Hinzu kommt das Immobilienvermögen, das allerdings in dem Report ausgeklammert wird. Was nach einem voyeuristischen Vergnügen klingt, ist eher eine nüchterne Bestandsaufnahme. 

Glamour-Bildchen oder Promi-Namen verkündeten Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz, und Arne Holzhausen, Leiter Insurance & Wealth Markets, bei der Vorstellung der Studie am Dienstag nicht. Da es um Daten aus dem anlagetechnisch schwierigen Jahr 2022 ging, lief die Vorstellung des Reports unter dem Motto „Die Party ist vorbei“. Das passt gut zu den Ergebnissen speziell zur deutschen Vermögensentwicklung. Denn die ist bestenfalls mau.

Studien über Vermögen

So reich sind die Deutschen

von Omar Zeroual

Kursverluste auf allen Ebenen

Als „Annus horribilis“ bezeichnete Subran das Jahr 2022 aus Sicht von Geldanlegern. Es war das Jahr der Zinswende. Sie drücke die Kurse von Aktien und Anleihen und bescherte Anlegern hohe Verluste. „Es gab nahezu keine Möglichkeit, sein Vermögen irgendwo vor dem Wertrückgang zu verstecken“, sagte Ludovic. Nur wenige Bereiche blieben von dem Ausverkauf verschont. 

Mit der Möglichkeit, ihr Vermögen über ein paar stabilere, nicht so leicht zugängliche Anlagen sehr viel breiter zu streuen, hatten höchstens sehr reiche Anleger vielleicht einen kleinen Vorteil, meint Subran. Mit der Inflation befanden sich 2022 plötzlich alle Anleger in einer neuen Zeit. Wer sein Geld auf einem Sparbuch oder in Festgeld geparkt hatte, dem wurde es dort zwar nicht von Kursverlusten aufgezehrt, dafür aber von der Inflation.

Kurse steigen wieder, Vermögen nicht

Man kann wiederum nicht sagen, dass alle Wohlhabenden arg gebeutelt wurden. Zudem ist 2022 längst Geschichte. Im laufenden Jahr sind Aktienkurse bislang ordentlich gestiegen, die Zinsen sind inzwischen auch in Deutschland wieder attraktiver geworden. Anfang 2022 gab es noch Minuszinsen.

Geldanlage Global

Die Inflation hat die Spielregeln an den Kapitalmärkten geändert

von Jürgen Callies

Vermögen werden international nicht nur unterschiedlich angelegt, sie sind auch sehr unterschiedlich verteilt. Während die Amerikaner mit einer eher durchschnittlichen Sparanstrengung über die vergangenen 120 Jahre eine Top-Rendite herausgeholt haben, war es bei den Deutschen so, dass ihr Vermögenszuwachs fast ausschließlich durch frische Spargelder erzielt wurde. Oder wie es die Allianz-Experten ausdrücken: „Während US-Sparer die Märkte die Arbeit machen lassen, verlassen sich insbesondere deutsche Sparer mehr auf eigene Spar-Anstrengungen.“ 

Dieser Unterschied führte letztlich zu einem signifikanten Unterschied bei den Vermögen: Rund die Hälfte des gesamten Netto-Weltvermögens entfällt auf die Vereinigten Staaten. In den USA und der Schweiz haben offenbar die privaten Geldanleger viel richtig gemacht, und der Staat ihnen auch den Raum dazu gegeben. Beide Länder liegen bei den Nettovermögen der privaten Haushalte weit vor den Deutschen. Die werden im Kreis der 20 wichtigen Länder nur noch von Malta unterboten und liegen weit abgeschlagen auf dem 19. Rang. 

„Forbes”-Liste 2025

Die reichsten Menschen der Welt 2025

von Sören Imöhl

Während die Amerikaner pro Kopf im Schnitt ein Vermögen von 251.860 Euro angehäuft haben (ohne Immobilienvermögen), kommen Deutsche nur auf insgesamt 63.540 Euro. Hinter dem Spitzenreiter USA kommt die Schweiz mit 238.780 Euro pro Kopf, gefolgt von Dänemark, Singapur und Taiwan, die alle weit über 100.000 Euro liegen. Auch China holt gewaltig auf. Heute gibt es mehr Chinesen als Westeuropäer, die zu den Reichsten in der Oberklasse zählen.

Zu wenig Rente für Hausfrauen

Warum die klassische Familie im Alter arm macht

von Kerstin Dämon und Andreas Toller

Häufig kommt an dieser Stelle der Einwand mit der gesetzlichen Rentenversicherung. Das Netto-Geldvermögen ist das Brutto-Geldvermögen abzüglich der Schulden. Dabei sind alle kapitalgedeckten Anlagen berücksichtigt, also etwa auch private Pensionsvermögen, die angespart werden, wie Direktversicherungen. 

Da gesetzlich zugesagte Renten keine Vermögenswerte in diesem Sinne sind, und es in Deutschland nur ein Umlageverfahren bei der gesetzlichen Rente gibt, wird die gesetzliche Rente auch nicht beim Netto-Geldvermögen berücksichtigt, erläuterte Arne Holzhausen. Er stellte aber auch fest, dass selbst dann, wenn die gesetzlichen Rentenansprüche in Deutschland mit in die Berechnung einbezogen würden, sich am schlechten Abschneiden Deutschlands nicht viel geändert hätte. „Die Rangfolge bei den Pro-Kopf-Vermögen ändert sich kaum, weil andere Länder wie etwa Österreich höhere Renten haben als Deutschland“, so Holzhausen.

Ein Vermögensrückgang von 8,9 Prozent im Jahr 2022 belastete die Amerikaner, aber 8,3 Prozent Minus bei den niedrigen Beträgen der Deutschen waren ebenfalls ein heftiger Einbruch. Zumal die Geldanlage deutscher Privatanleger auch noch sehr konservativ ist. Noch immer spielen kapitalgedeckte Versicherungen und Bankanlagen eine große Rolle, erst langsam steigt der Anteil der Aktien und Fonds in den Depots. Noch immer ist der Anteil der Wertpapiere an den Depots mit 27 Prozent einer der niedrigsten im Euroraum. 43 Prozent machen Bankeinlagen aus, 30 Prozent Versicherungen und kapitalgedeckte Pensionsansprüche.

Die Deutschen legen also noch immer sehr viel Geld zurück, legen es aber nicht so lukrativ an. Vor allem bei Versicherungsanlagen gab es 2022 einen Crash. Zwölf Prozent Minus bilanzierten die Allianz-Experten und damit mehr als bei Aktien und Investmentfonds, die im Schnitt nur sieben Prozent verloren. Immerhin: Das hohe Minus in den Versicherungsverträgen kann bis zu deren Fälligkeit wieder ausgebügelt werden. 

Auch viele Anleihen verloren zwischenzeitlich an Wert, weil die Zinsen neuer Papier gestiegen sind. Versicherer halten aber solche Papiere gewöhnlich bis zum Laufzeitende, und bis dahin erholen sich die Kurse. Insgesamt führte das Minus jedoch dazu, dass deutsche Privatleute bei der Bestandsaufnahme für 2022 wieder ärmer sind als vor der Coronapandemie. Damals wurde durch die Lockdowns viel gespart. Weltweit stiegt daher, und dank staatlicher Unterstützungsleistungen zum Stützen der Wirtschaft, Gesamtvermögen – am stärksten aber dort, wo die Bevölkerung viel Geld in Aktien investierte.

Erfolgsrezept: Bei niedrigen Kursen kaufen

US-Amerikaner profitieren stark von Aktienkursgewinnen. Sie haben aber auch 2022, wie Holzhausen bemerkte, sehr smart auf die Kursrückgänge bei Aktien reagiert: Sie haben Aktien zu niedrigeren Kursen gekauft und damit ihr Aktienvermögen gesteigert. Von den Kursgewinnen im laufenden Jahr konnten sie daher ordentlich profitieren. 

Die Inflation knabbert aber auch am Vermögen der Amerikaner. „2022 war es nicht möglich, mit Geldanlagen die Inflation zu schlagen und netto einen Vermögenszuwachs zu erzielen“, sagte Subran. Bei einer weiterhin weltweit hohen Inflationsrate von sechs Prozent müssen sich Anleger anstrengen, um einen realen Wertzuwachs nach Abzug der Teuerung zu erhalten. „Die Inflation ist der wahre Feind der Sparer“, sagte Subran.

Für die kommenden Jahre zeigten sich die Allianz-Experten eher pessimistisch. Schlecht für die Deutschen: Die haben jetzt zwar etwas mehr Aktien. Aber diese könnten im Schnitt nur vier bis fünf Prozent Rendite bringen – also weit weniger als in der vergangenen Dekade. Hier wiegen die Versäumnisse der Politik schwer: Die Riester-Rente hätte einen Impuls für verstärktes Aktiensparen geben können, hätten nicht Beitragsgarantien die Rendite belastet. Und auch die Berliner Ampelkoalition unternimmt trotz diverser Ankündigungen bislang fast nichts, um die Vermögensbildung der Bürger in Schwung zu bringen. 

Deutschland leistet sich einen Sozialstaat mit hohen Abgaben, der die Nettoeinkommen der Arbeitnehmer drückt und ihnen weniger Raum lässt, Geld auf eigene Faust anzulegen. Im Global Wealth Report sieht Deutschland damit nicht gut aus. Schweden und Dänemark, die ebenfalls für hohe Sozialstandards bekannt sind, haben es immerhin in 20 Jahren geschafft, in die Spitzengruppe zu kommen beim Reichtum der privaten Anleger. 2002 schnitten sie noch ähnlich schlecht ab wie Deutschland  aktuell. Veränderung ist möglich. Das ist die gute Nachricht.

Transparenzhinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im September 2023 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.

Lesen Sie auch: Wie man das perfekte 50.000-Euro-Depot bestückt, damit es mit dem Vermögen langfristig aufwärts geht

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick