Energiewende: „Der Netzausbau dürfte teurer werden“
Der Ausbau des Stromnetzes in Deutschland geht langsamer voran als für die Energiewende nötig.
Foto: Jan Woitas/dpaDie künftige Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD plant ein milliardenschweres Infrastrukturprogramm. Neben Straßen, Brücken und dem Schienenverkehr sollen auch Mittel in den Ausbau des Stromnetzes fließen. Bisher kursieren nur dreistellige Milliardenbeträge für dieses Sondervermögen. Es fehlen detaillierte Pläne, wie das Geld verwendet werden soll.
Der Bedarf für die Energieinfrastruktur ist groß. Bisher klaffen noch Lücken im Stromnetz zwischen den Windkraftregionen im Norden und den Industrieregionen im Süden. Überschüssiger Windstrom kommt nicht dort an, wo er benötigt wird. Das Stromnetz kann derzeit nicht mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien Schritt halten.
Hinzu kommt, dass Europa auf den grenzüberschreitenden Stromtransfer angewiesen ist. So lassen sich Defizite und Überschüsse beim Stromangebot zwischen den Ländern ausgleichen. Gleichzeitig sorgt dieser Transfer für durchschnittlich günstigere Strompreise. Damit der europäische Strommarkt auch künftig funktionstüchtig bleibt, müssen die EU und deren Mitgliedsstaaten die grenzüberschreitenden Netze ausbauen. In Europa wird daher in Zukunft viel Geld in die Energieinfrastruktur fließen.
Einige Geldmanager sehen daher in den Unternehmen, die vom Netzausbau profitieren, ein lohnenderes Investment als in Windkraft- oder Solaraktien. Denn das Stromnetz wird von allen Energiequellen genutzt, egal ob erneuerbar oder fossil. Dass der Strombedarf steigen wird, ist absehbar – alleine schon wegen der zunehmenden Rechenkapazitäten durch die künstliche Intelligenz. Das trifft vor allem auf die USA zu. Fondsmanager Patrick Vogel von TBF Global Asset Management kennt sich aus mit Unternehmen, die am Netzausbau verdienen. Im Interview spricht er über die Folgen von Donald Trumps Zollpolitik, Sondervermögen des Bundes und die Probleme beim Netzausbau in Deutschland.
WirtschaftsWoche: Herr Vogel, US-Präsident Donald Trump hat Zölle auf Waren aus Kanada und Mexiko erhoben. Hat das auch negative Folgen für den Ausbau des Stromnetzes?
Patrick Vogel: Durchaus. Denn ein Großteil der in den USA verbauten Stromtransformatoren kommt aus Mexiko. Der südliche Nachbar der USA ist der weltweit drittgrößte Produzent dieser Bauteile für Stromnetze. Transformatoren, die unter anderem in Umspannwerken verbaut werden, sind ein wichtiger Flaschenhals. Der Netzausbau dürfte daher teurer werden. Wie groß der Faktor sein wird, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen.
CDU/CSU und SPD wollen die Ausgaben für Verteidigung deutlich erhöhen. Könnte das zu Lasten des Ausbaus der Energieinfrastruktur gehen?
Nein, das glaube ich nicht. Die aktuelle Krise zeigt doch, das Europa unabhängiger von fossilen Brennstoffen werden muss. Anders als in den USA und Kanada fehlen in Europa die großen Vorkommen an Öl und Gas. Das heißt, der Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix wird steigen. Um den Wind- oder Solarstrom dort hin zu transportieren, wo er gebraucht wird, ist ein Stromnetz mit deutlich höherer Kapazität nötig.
Der Bedarf ist erkannt, aber wird die neue Bundesregierung die richtigen Maßnahmen ergreifen?
Noch steht die neue Regierung nicht. Insofern lässt sich das derzeit nur an den Absichten der wahrscheinlich beteiligten Koalitionspartner ablesen. Im Positionspapier der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag zur Energiepolitik steht, dass die Stromnetze digitalisiert werden sollen. Bisher ist das deutsche Stromnetz vergleichsweise ineffizient und unflexibel. Intelligente Netze, die Stromangebot und Stromnachfrage besser aufeinander abstimmen, sind kostengünstiger.
Intelligentere Netze sind schön und gut, aber es braucht mehr Infrastruktur.
Die EU hat Anfang des Jahres den Grid Action Plan vorgestellt, der im ersten Quartal 2026 starten wird. Danach sollen die Kapazitäten für den grenzüberschreitenden Stromaustausch bis 2030 verdoppelt werden. Laut EU müssten insgesamt 584 Milliarden Euro bis 2030 investiert werden. Es gibt zwar bereits einzelne Projekte wie ein Unterseekabel zwischen Spanien und Frankreich, um die Pyrenäen zu umgehen. Es muss aber noch deutlich mehr passieren. In den USA geht vieles schneller. Auch weil die Behörden besser mit den Unternehmen zusammen arbeiten.
Können Sie das näher erklären?
In Texas hat die Sempra-Tochter Oncor angekündigt, ihre Investitionen in das Stromnetz deutlich zu erhöhen. Bisher lag das Budget für 2025 bei 4,7 Milliarden US-Dollar. Es soll auf 7,1 Milliarden Dollar steigen. Im Jahr 2026 will Oncor dann 8,5 statt 4,8 Milliarden Dollar investieren. Grund dafür ist in erster Linie der Ausbau der Rechenzentren. In Europa würde ich mir eine ähnlich hohe Geschwindigkeit wünschen.
In Deutschland sind die Genehmigungsprozesse halt sehr lang.
Die Ampelkoalition lässt sich für einiges kritisieren, aber die Prozesse beispielsweise für die Bereitstellung von Freiflächen für den von Stromtrassen wurden deutlich beschleunigt. Allerdings dürfte das Tempo noch höher sein. Zudem müssten die Kosten runter. In Deutschland werden zu viele Stromkabel in der Erde verlegt. Das hat meist politische Gründe, beispielsweise um den Widerstand der Anwohner gering zu halten. Auf Dauer lässt sich das nicht durchhalten, sonst sind die Netzentgelte zu hoch. Die Union fordert daher in ihrem Programm, mehr Stromleitungen oberirdisch zu verlegen.
Politiker kritisieren, der Strompreis in Deutschland sei wegen der Netzentgelte zu hoch.
Tatsächlich treiben die Produktionskosten und der Vertrieb den Strompreis. Gäbe es in Europa ein Stromnetz mit höherer Kapazität, ließe sich allein durch den besseren Transfer zwischen den einzelnen Ländern das Preisniveau senken. Dafür müssen die Staaten investieren. Das treibt die Netzentgelte vorübergehend nach oben wie zuletzt beispielsweise in Spanien. Der Ausbau der Stromnetze wird die Inflation zumindest vorübergehend treiben.
Skeptiker warnen vor dem Kauf von Aktien, die von der Energiewende profitieren, denn der Peak der Investitionen sei längst überschritten.
Das widerspricht der aktuellen Lage in der Branche. Bei Unternehmen wie beispielsweise Siemens Energy, GE Vernova oder Schneider Electric sind die Auftragsbücher auf Jahre hin voll. Große Tech-Konzerne wie Meta wollen dreistellige Milliardenbeträge in Rechenzentren für künstliche Intelligenz investieren. Dafür müssen die Stromnetze schneller wachsen.
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