Politische Positionierung: Die US-Wirtschaft und ihr Messias-Komplex
Tesla-CEO und X-Besitzer Elon Musk, der den republikanischen Präsidentschaftskandidaten und ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump unterstützt, während einer Town Hall des America PAC in Folsom, Pennsylvania.
Foto: REUTERSDie eigene politische Position zu propagieren, ist für US-Unternehmenslenker kein Tabu, wie Tesla-Chef Elon Musk Seit' an Seit' auf der Wahlkampfbühne mit Präsidentschaftskandidat Donald Trump beweist. Andererseits wehrt sich der Fast-Food-Riese McDonald's Medienberichten zufolge gegen eine Vereinnahmung durch Trump, nachdem dieser in einer Filiale einen viel beachteten Auftritt hinlegte.
Wie passt das zusammen und wo liegen die Unterschiede zu Deutschland? Für André Koch-Engelmann vom Netzwerk für Unternehmensverantwortung und gesellschaftliches Engagement (UPJ) ist das auch eine Kulturfrage – aber nicht nur.
„Wir Deutschen haben ein ambivalentes Verhältnis zu erfolgreichen Unternehmerinnen und Unternehmern, die sich stark positionieren“, sagt er. Dafür macht er unter anderem den Hang zum gesellschaftlichen Konsens verantwortlich. Starker Widerspruch sei weder geübt noch besonders beliebt.
Auf der anderen Seite des Atlantiks wird dagegen gerne mit harten Bandagen gekämpft, in der Politik, in der Wirtschaft und zwischen beiden. Nach Erkenntnissen der Eliteuniversität Harvard ist die US-Wirtschaft sogar stärker politisch polarisiert als die Gesellschaft insgesamt. „Fast 70 Prozent der amerikanischen Top-Manager unterstützen die Republikaner und 31 Prozent die Demokraten“, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2022.
Personenkult politisiert
Ob Donald Trump oder Kamala Harris: Beide US-Präsidentschaftskandidaten werben nicht nur um Spenden, sondern auch um die offene Unterstützung – das sogenannte Endorsement – von Prominenten. Dazu gehören auch Wirtschaftsführer wie Tesla-Chef Elon Musk.
Einen wichtigen Faktor sieht Koch-Engelmann in dem Personenkult, der in den USA viele Unternehmenschefs umgibt. Musk sei dafür ein prominentes Beispiel. Dazu gehöre auch ein gewisses messianisches Selbstverständnis, das in dieser Form eine amerikanische Besonderheit sei.
Dies führe dazu, so der Experte, dass Unternehmer von sich aus eher dazu neigten, ihre politischen Überzeugungen in die Öffentlichkeit zu tragen.
Auf der anderen Seite tragen auch Politiker zur Politisierung der Wirtschaft bei, wie sich zuletzt bei den Zwischenwahlen 2022 zeigte. Der Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, führte im Wahlkampf einen Kreuzzug gegen das, was er als „woke capitalism“ bezeichnete – also einen Kapitalismus, der sich um soziale-, ökologische- und Corporate-Governance-Belange (ESG) kümmert.
In Deutschland kennt man eine solche direkte Konfrontation mit der Wirtschaft durch politische Funktionsträger bisher nicht. Das heißt aber nicht, dass es keine Versuche der Einflussnahme gibt. Im Landtagswahlkampf in Thüringen versuchte AfD-Landeschef Björn Höcke, die Strategie der US-Republikaner zu kopieren. Bei einem Wahlkampfauftritt wetterte er gegen die Kampagne „Made in Germany, Made by Vielfalt“. Diese sei pure Heuchelei, die dahinter stehenden Familienunternehmen sollten „einfach mal die Klappe halten, wenn es um Politik geht“. Doch dabei blieb es in der rund einminütigen Tirade nicht. „Ich hoffe, dass diese Unternehmen in schwere, schwere wirtschaftliche Turbulenzen kommen.“
Die AfD macht Wirtschaft politisch
Auch bei UPJ sieht man die AfD als Hauptfaktor für einen Wandel, der sich in Deutschland vollzieht. Koch-Engelmann sieht deren Aufstieg als Hauptgrund dafür, dass sich Unternehmen in Deutschland inzwischen häufiger als früher zu politischen und gesellschaftlichen Themen positionieren. Hinzu komme eine Zunahme von Hass, Demokratiefeindlichkeit und Fake News im gesellschaftlichen Dialog. Er grenzt diese Entwicklung auch von der traditionellen Überzeugung der deutschen Wirtschaft ab, dass Freiheit und Verantwortung zwei Seiten einer Medaille seien.
Auch aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen sieht er einen deutlichen Unterschied zwischen der aktuellen Situation und der oft als „Baseballschlägerjahre“ genannten Zeit in den 1990er-Jahren, in der sich fremdenfeindliche Übergriffe vor allem im Osten Deutschlands häuften. Am bekanntesten sind die Ausschreitungen rund um das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, die sich vor allem gegen Einwanderer aus Vietnam richteten. Damals sei es für Unternehmen aufgrund der offensichtlichen Gewaltbereitschaft der Neonazis einfacher gewesen, sich zu distanzieren, erklärt der Experte.
Während sich die Unternehmen damals auf einen Konsens verlassen konnten, müssen sie heute mit der Unsicherheit umgehen, dass die rechtspopulistischen Positionen der AfD auch von Teilen der bürgerlichen Schichten geteilt werden. „Hier hat sich etwas verschoben“, sagt er. Neben dem Fehlen offener Gewalt habe das auch sprachliche Gründe: Wurde früher offen „Ausländer raus“ gerufen, spreche die rechte Szene heute von „Remigration“. „Das ist ein Unterschied in der Wahrnehmung“, meint Koch-Engelmann.
Rund um die Landtagswahlen in Ostdeutschland hatten sich viele Unternehmer ein Herz gefasst und sich öffentlich gegen die AfD positioniert. Der Schraubenbaron Reinhold Würth etwa machte in einem Brandbrief wortgewaltig Front gegen die Partei und nahm dafür nach eigenen Angaben auch finanzielle Einbußen in Kauf. Eine vergleichbar starke Positionierung pro AfD ist in Deutschland hingegen bislang nicht bekannt.
Amerikanisierung ja oder nein?
Entwickelt sich der deutsche Umgang mit dem Thema der politischen Positionierung der Wirtschaft also in Richtung USA oder nicht? Aus Sicht der Experten scheint dies der Fall zu sein. Dafür spricht, dass sich sowohl in den USA als auch in Deutschland vor allem Unternehmerinnen und Unternehmer klar parteiisch äußern, nicht die Unternehmen selbst. Dazu passt, dass McDonald's die PR-Aktion von Donald Trump in einer seiner Filialen einer internen Memo zufolge nicht als Parteinahme verstanden wissen will.
Sowohl in Deutschland als auch in den USA, so Koch-Engelmann, vermeiden es Unternehmen, sich über ein Bekenntnis zu bestimmten Werten hinaus zu positionieren, Einzelpersonen – egal ob Unternehmenseigentümer oder angestellter Chef – nehmen hier weniger Rücksicht.
Ein Thema, bei dem sich die Politik der Parteien in beiden Ländern deutlich unterscheidet, ist der Umgang mit Einwanderern. Hier macht der Experte deutlich, dass es einen Unterschied zwischen der öffentlichen Positionierung der Unternehmen und ihrem eigenen Handeln gibt. Unabhängig von der Frage, ob sie sich öffentlich äußern, wären die Betriebe seinen Aussagen nach „mit dem Klammerbeutel gepudert“ wenn sie angesichts des Fachkräftemangels in ihrer eigenen Einstellungspraxis einzelne Gruppen diskriminieren würden.
Allerdings gibt es auch gegenteilige Beobachtungen. Der Wissenschaftler Daniel Kinderman von der University of Delaware hat in einer Studie zum Umgang mit Corporate Social Responsibility (CSR) herausgearbeitet, dass sich Unternehmen zwar öffentlich zu CSR bekennen, der praktische Umgang mit ihren Mitarbeitern jedoch nicht diesen Idealen entspricht. Der Ökonom geht sogar noch einen Schritt weiter und gibt an, dass der Aufstieg von CSR oder auch CR als Instrument mit einer Liberalisierung und Deregulierung der Wirtschaft einhergegangen sei. Er schreibt: „Institutionalisierte soziale Solidarität ist erodiert, während CR ihren Platz als (höchst unvollkommener!) Ersatz und Lückenbüßer eingenommen hat“.
Kurzum: Der Umgang mit politischer Positionierung in der Wirtschaft verändert sich. Deutschland und die USA nähern sich hier an. Gleichwohl bedeutet eine öffentliche Positionierung nicht, dass Unternehmen die Werte, die sie vorgeben zu vertreten, auch zwangsläufig in ihrem Handeln mit Leben füllen. Dasselbe gilt umgekehrt, wenn sie zu einem Thema schweigen.
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