TV-Duell Biden gegen Trump: Der Absturz
Die TV-Debatte gegen Donald Trump sollte für Joe Biden ein Befreiungsschlag werden – sie geriet zur Katastrophe.
Foto: REUTERSDie Rettungsversuche kamen früh. „Der Präsident hat eine Erkältung“, ließ das Umfeld von Joe Biden verbreiten, als der Demokrat noch mit seinem Gegenkandidaten Donald Trump auf der Bühne stand. Spätestens da war klar, dass Bidens Plan nicht aufgegangen war.
Die TV-Debatte in Atlanta, so die Strategie der Biden-Kampagne, sollte eigentlich Klarheit im Wettkampf um das Weiße Haus schaffen, die Wähler an das Chaos der Trump-Jahre erinnern und so den Kontrast zu seinem Vorgänger und Herausforderer verdeutlichen. Doch stattdessen dominierte nach dem Ende der eineinhalbstündigen Diskussion das Thema die Schlagzeilen, das Biden im Wahlkampf wie kein zweites belastet: sein Alter.
„Vergleicht mich nicht mit dem Allmächtigen, vergleicht mich mit der Alternative“, ist schon seit Jahren ein Motto, das sich Präsident Biden zu eigen gemacht hat. So sicherte er sich 2020 die Nominierung der Demokraten, so gewann er im selben Jahr das Weiße Haus. Jetzt, vier Jahre später, will er sein Amt so verteidigen. Doch ob ihm das nach seinem gestrigen Auftritt gelingt, ist eine andere Frage. Zwar trennen Trump und Biden nur drei Jahre, doch der Amtsinhaber wirkte während der Debatte deutlich älter, wackeliger, unsicherer als sein Herausforderer.
Biden begann mit kratzender Stimme, verlor immer wieder den Faden, stotterte. „Ich habe nicht verstanden, was er am Ende des Satzes gesagt hat. Aber ich glaube, er weiß selbst nicht, was er gesagt hat“, ätzte Trump, als eine Biden-Antwort wieder einmal im Wortsalat endete. Später wurde Biden besser, seine Stimme fester. Doch den ersten Eindruck konnte der Kandidat kaum überkommen. Bidens Alter überschattete die Debatte. Dass auch Trumps Antworten oftmals wenig Sinn ergaben und ins freie Assoziieren kippten, von Unwahrheiten und glatten Lügen durchzogen waren, fiel angesichts der Schwäche des Präsidenten kaum noch auf.
Präsident gegen Ex-Präsident, ein 81-Jähriger gegen einen 78-Jährigen, ein verurteilter Straftäter auf der Bühne, ein Schlagabtausch im Juni: Vieles war neu, ungewöhnlich, historisch, als sich Joe Biden und Donald Trump gestern in Atlanta zur ersten TV-Debatte des Präsidentschaftswahlkampfs trafen. Und doch war vieles vertraut. Schließlich waren der Demokrat und der Republikaner bereits vor vier Jahren gegeneinander angetreten.
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Und an der grundsätzlichen Dynamik zwischen den beiden Männern hat sich wenig verändert. „Halten Sie die Klappe, Mann!“, hatte Biden damals Trump angeraunzt, nachdem das Ex-Staatsoberhaupt seinen Herausforderer andauernd unterbrochen hatte – ein Ausdruck der Frustration, die der Demokrat seinem Gegner gegenüber empfand. Eine solche Szene wiederholte sich gestern nicht – die Mikrofone der Debattierer waren ausgeschaltet, wenn sie nicht direkt auf eine Frage antworteten. Trotzdem blieb die Abneigung, die beide Männer füreinander empfinden, spürbar. Auf einen Händedruck vor dem Schlagabtausch verzichteten sie.
Biden gegen Trump: „Sie sind ein Verlierer“
Biden hatte sich seinen Plan zurechtgelegt: Trump provozieren und so zu einer Überreaktion treiben. „Sie sind ein Verlierer“, so der Präsident an seinen Herausforderer gewandt während eines Austausches über Veteranen. Später sprach er Trumps Verurteilung vor einem New Yorker Strafgericht an und seine Niederlage in einem Zivilprozess, in dem festgestellt wurde, dass Trump eine Frau sexuell genötigt hatte.
Trump hielt sich zunächst zurück. Doch nach einer halben Stunde redete sich der Republikaner zunehmend in Rage, insbesondere als die Moderatoren auf den 6. Januar 2021 zu sprechen kamen, als Trump-Anhänger das Kapitol in Washington gestürmt hatten. Biden gelang es allerdings kaum, daraus Kapital zu schlagen.
Sieht sich als klarer Sieger des TV-Duells: Ex-Präsident Donald Trump.
Foto: APDabei hatte sich der Präsident akribisch auf die Debatte vorbereitet. Tagelang hatte sich Biden mit einem Team aus Beratern nach Camp David zurückgezogen, um Akten und Statistiken zu studieren und an Probedebatten teilzunehmen. Die Fakten hatte der Demokrat zumeist parat, doch es gelang ihm kaum, seine Argumente kohärent vorzutragen.
Trump wiederum legte auf korrekte Informationen keinen gesteigerten Wert, sagte viele Dinge, die mit der Realität kaum zu vereinbaren sind. Es gelang ihm dennoch, seine Botschaften ans Publikum zu bringen. Der Kontrast, den Biden eigentlich herstellen konnte, schuf so sein Vorgänger – und zwar in seinem Sinn: Der 81-Jährige ist schwach. Und ich bin stark.
Angesichts dieser Dynamik blieb die inhaltliche Auseinandersetzung zwangsläufig an der Oberfläche. Trump nutzte jede Gelegenheit, um die Diskussion auf die Themen zu leiten, die ihm nutzen: die Preissteigerungen während der Biden-Präsidentschaft, die Zustände an der Südgrenze. Er versprach, den Krieg in der Ukraine schnell zu beenden, die Wirtschaft nach vorne zu bringen. Biden wiederum versicherte, das Recht auf Abtreibung wieder zu stärken, Familien zu entlasten und die Sozialprogramme fit für die Zukunft zu machen.
Demokraten in „aggressiver Panik“
Nach dem Ende der Debatte spielte dies kaum eine Rolle. Eine „aggressive Panik“ habe angesichts des Auftritts des Präsidenten in der Demokratischen Partei eingesetzt, berichtete CNN. Auf Twitter trendeten zeitweise die Begriffe „Demenz“ und „Michelle Obama“.
Der Hintergrund dieser Posts: Noch ist Biden nicht offiziell der Kandidat der Demokraten. Zwar hat er in den Vorwahlen längst genug Delegierte angesammelt, um auf dem Parteitag in Chicago Mitte August nominiert zu werden, doch angesichts seines Auftritts könnte der Druck steigen, doch noch einen anderen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Doch ohne Bidens Zustimmung wäre ein solcher Personalwechsel nicht möglich. Deshalb galten entsprechende Spekulationen bislang als rein theoretisch. Nun könnte der Druck innerhalb der Partei auf den Präsidenten steigen. „Es wird Diskussionen geben, ob er weitermachen soll“, so David Axelrod, ehemals Stratege von Barack Obama, auf CNN. Doch den Prozess kontrolliert allein Biden.
Der Plan des Präsidenten, seine Zweifler zum Verstummen zu bringen und die Unterstützung an der Basis zu konsolidieren, ist gescheitert. Der Profiteur: Donald Trump.
Auch Trumps Kampagnen-Team verbreitete übrigens während der laufenden Debatte eine Nachricht. Sie wurde nicht im Hintergrund verschickt, sondern hochoffiziell über den Presseverteiler des Wahlkampfteams: „Heute Abend hat Präsident Trump vor dem größten Wählerpublikum der Geschichte die beste Debattenleistung und den größten Sieg in der Geschichte abgeliefert, indem er deutlich gemacht hat, wie er das Leben aller Amerikaner verbessern wird“, so Chris LaCivitas und Susie Wiles, die Wahlkampfleiter des Republikaners. „Unser Land steht zu Hause in Flammen, und wir stehen am Rande des Dritten Weltkriegs, weil Joe Biden so unfähig ist. Aber wir können das Ruder herumreißen und den amerikanischen Traum zurückbringen, und zwar vom ersten Tag an, indem wir Präsident Donald J. Trump wiederwählen.“
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