TV-Duell in den USA: Ein Rückzug Bidens wäre ein Risiko – aber ein lohnendes

Abgang: Joe Biden verlässt die Bühne.
Foto: APJoe Biden ist ein fähiger Präsident. Man muss mit den Politikzielen des Demokraten nicht übereinstimmen, aber es ist ihm gelungen, während seiner dreieinhalb Jahre im Amt trotz knapper Mehrheiten große Gesetzespakete durch den Kongress zu manövrieren, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie besser zu bewältigen als die anderen G7-Staaten und eine Koalition zur Unterstützung der Ukraine zu schmieden. Joe Biden kann den Job des Präsidenten also ausfüllen. Ob er ihn noch einmal gewinnen kann, ist nach der gestrigen TV-Debatte jedoch eine andere Frage.
Bereits vor dem Schlagabtausch zwischen Biden und seinem Herausforderer Donald Trump hatten zwei Drittel der Amerikaner geglaubt, dass Biden mit 81 Jahren zu alt für eine zweite Amtszeit sei. Sein gestriger Auftritt in Atlanta dürfte diese Zweifel nicht gemindert haben. Biden war es kaum gelungen, den Lügen und Unwahrheiten von Donald Trump etwas entgegenzusetzen. Dass Biden nach intensiver Vorbereitung die Fakten meist parat hatte, inhaltlich durchaus parieren konnte, spielte da keine Rolle. Der Präsident hat die Debatte verloren. Und zwar krachend.
Ein schwacher Debattenauftritt allein wäre noch kein Problem. Auch andere Präsidenten haben im Wettbewerb mit ihrem Gegenkandidaten schon ihre Anhänger enttäuscht. Doch für Biden liegen die Dinge anders. Er ist ohnehin ein unbeliebter Kandidat, dem es bislang nicht gelungen ist, die Koalition wieder zusammenzubringen, die ihn vor vier Jahren ins Amt getragen hat.
Damals gelang es ihm, Wähler von ganz links bis weit in die Mitte anzusprechen, die Trump aus dem Weißen Haus vertreiben wollten, dessen Ansehen angesichts seines chaotischen Managements der Pandemie stark gelitten hatte. Bidens erneute Kandidatur sollte eine Rückkehr Trumps ins Oval Office verhindern. Biden sah sich als der einzige Kandidat, der den Republikaner schlagen könnte. Doch diese Kalkulation war womöglich desaströs falsch.
Damit haben die Demokraten jetzt ein Problem.
Einfach austauschen kann die Partei den Kandidaten nicht. Die Vorwahlen sind gelaufen, Biden kontrolliert die notwendige Anzahl an Delegierten, um in Chicago nominiert zu werden. Der Präsident selbst müsste von der Kandidatur zurücktreten, den Weg freimachen für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger. Doch lösen würde dies das Problem der Demokraten kaum.
Zwar verfügt die Partei über eine ganze Reihe angesehener Gouverneure und Senatoren im besten Präsidentenalter, doch einen klaren Favoriten gibt es nicht. Auch wäre kaum vorstellbar, dass die Partei Vizepräsidentin Kamala Harris einfach übergeht, die als schwarze Frau gleich zwei der wichtigsten Wählerblöcke der Demokraten repräsentiert. Doch Harris kommt in der Bevölkerung kaum an. Ihre Umfragewerte waren – zumindest vor der Debatte – schlechter als Bidens, auch im direkten Vergleich mit Trump. Keine guter Ausgangspunkt für eine vermeintliche Retterin.
Ein Rückzug von Biden wäre also ebenfalls ein Risiko. Aber womöglich ein lohnenswertes. Der Präsident liegt nicht falsch, wenn er sagt, eine Rückkehr Trumps ins Weiße Haus wäre eine Gefahr für die amerikanische Demokratie. Doch sein gestriger Auftritt hat erhebliche Zweifel aufkommen lassen, ob der 81-Jährige der Richtige ist, um diese Gefahr zu bannen. Sein Rückzug wäre riskant, sein Verbleib auf dem Wahlzettel ist es gleichwohl auch.
Biden ist ein stolzer Mann. Er sieht sich selbst – nicht zu unrecht – als ewigen Underdog, der es doch immer wieder schafft, gegen alle Widerstände seine Ziele zu erreichen. Mit diesem Glauben, diesem unerschütterlichen Selbstvertrauen, ist er weit gekommen – bis ins Oval Office. Gut möglich, dass diese Überzeugung ihn auch diesmal dazu bringt, die Kritiker zu ignorieren und auf sich selbst zu setzen. Doch ob er seinem Land damit einen letzten Dienst erweist, ist eine andere Frage. Es steht viel auf dem Spiel. Und im Moment sieht es nicht so aus, als könnte Biden gewinnen.
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