Ukraine-Krieg: Deutschland wird sein neuer Nato-Plan nicht gefallen

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg vor einem Treffen der Nato-Außenminister im Nato-Hauptquartier.
Foto: dpaWas Jens Stoltenberg da vorbereitet, wirkt wie ein „Wumms“. Bis zu 100 Milliarden Euro will der Nato-Chef Medienberichten zufolge für ein fünfjähriges Militärhilfe-Programm für die Ukraine bereitstellen. Noch vor dem großen Nato-Gipfel in Washington im Juli soll das Paket fertig geschnürt sein. Zum 75. Jubiläum will Stoltenberg der Nato damit nicht weniger als einen historischen Strategiewechsel verpassen. Nur: So einfach ist es natürlich nicht.
Auf den ersten Blick stimmt es: Mit der Ankündigung scheint das Bündnis jene Imperative anzuerkennen, die für ein Durchhalten der Ukraine im Kampf gegen Russlands Invasion notwendig sind. Die Unterstützung durch die Bereitstellung von Ausrüstung muss in Zukunft notfalls auch ohne die USA als tragende Säule weiterlaufen. Und die unter Druck geratenen Ukrainerinnen und Ukrainer müssen irgendwie wieder Boden gutmachen im Kampf gegen Russland.
Mit ihrem neuen Hilfspaket scheint die Nato das richtige Instrument in die Hand zu nehmen, um diese Herausforderungen anzugehen. Das Bündnis würde die Ukraine ein ordentliches Stück weiter unter den militärischen Schutzschirm lassen.
Doch jetzt kommt das Aber: Noch bleiben viele offene Fragen, die völlig ungeklärt sind. Etwa muss Stoltenberg nach seinem Vorstoß mit politischem Widerstand der eigenen Mitgliedstaaten rechnen. Denen überließ die Nato bislang die direkte militärische Unterstützung der Ukraine, um eine Eskalation mit Russland zu vermeiden. Anstatt mit dem Bündnis selbst musste der ukrainische Präsident Selenskyj deshalb erst vor einigen Wochen zahlreiche bilaterale Sicherheitsabkommen unterschreiben, unter anderem mit Deutschland und Frankreich.
Mit eigenen Waffenlieferungen würde die Nato diese Logik plötzlich durchbrechen und als Bündnis eine unmittelbarere und offensivere Rolle einnehmen. Risikoscheuen Mitgliedern, und dazu gehört die deutsche Bundesregierung, wird das kaum gefallen.
Bundeskanzler Olaf Scholz hat zuletzt in der Frage nach der Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern immer wieder damit argumentiert, er wolle eine Ausweitung des Konflikts tunlichst vermeiden. Dass Diplomaten jetzt offenbar sogar darüber sprechen, eine eigene Mission für die Ukraine einzurichten, wird in Berlin deshalb durchaus die Warnleuchten blinken lassen.
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Auch das Wie von Nato-Lieferungen bleibt Stoltenberg bislang schuldig. Dabei geht es ums Geld und um Zuständigkeiten. Denn um 100 Milliarden Euro auszugeben, müsste die Nato erst einmal sozusagen den Klingelbeutel unter den Mitgliedern herumreichen. Einfach so verfügen kann das Bündnis über solche Beträge jedenfalls nicht.
„Die Bundesregierung und andere würden zu Recht darauf verweisen, dass sie bereits bilaterale Hilfe leisten und zusätzlich schon in die EU-Unterstützung einzahlen“, sagt SWP-Sicherheitsexperte Markus Kaim. In seinen Augen müsse Stoltenberg dringend das Kleingedruckte seines Vorstoßes offenlegen. Ansonsten wirke es, als sei „das gute Anliegen der Solidarität hier mit ihm davongaloppiert“.
Genauso fraglich bleibt, wie das Bündnis die Ausrüstung selbst überhaupt beschaffen will. Würde es in Zukunft etwa neben den Einzelstaaten und der EU auch noch selbst Waffen für die Ukraine bei den ohnehin ausgelasteten Rüstungsunternehmen des Westens einkaufen?
Wegen all solcher offenen Fragen sehen Beobachterinnen wie DGAP-Sicherheitsexpertin Stefanie Babst den scheinbar großen Wurf nicht als „strategischen Gamechanger“ der Nato. Hinter dem Vorstoß stecke vor allem ein „Deliverable“ zum 75. Geburtstag, das die Mitglieder in den Folgemonaten zum Teil wieder zerpflücken würden. Eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine kann der Plan jedenfalls kaum ersetzen. Diese wäre der echte „Wumms“.
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