Duell beim Tag der Familienunternehmer Lindner gegen Habeck: Der Clásico der deutschen Politik

Christian Lindner und Robert Habeck als Redner direkt hintereinander: Das ist so eine Art politischer clásico. Quelle: imago images

Der Finanz- und der Wirtschaftsminister treten nacheinander bei den Familienunternehmern auf. Ein wirtschaftspolitischer Spielbericht.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Die Lage: Robert Habeck und Christian Lindner als Redner direkt hintereinander, vor einer Hundertschaft deutscher Familienunternehmer (und einige -unternehmerinnen), noch dazu in diesen Zeiten – das ist so eine Art politischer clásico. Und auch wenn gerade diese beiden zu der seltenen Spezies von Spitzenpolitikern gehören, die kaum bis nie Fußballmetaphern gebrauchen – hier passt es: Der liberale Finanzminister tritt an gegen den grünen Wirtschaftsminister, den Mann der Stunde. Das ist großer Politsport, Barca gegen Real auf bundesrepublikanisch. Oder um es auf Habeck-Deutsch zu sagen: eine geile Konstellation.

Der Anpfiff: Verbandspräsident Reinhold von Eben-Worlee achtet in Hannover genau aufs Protokoll und begrüßt zuerst Habeck, dann Lindner. Kleine spitze Erinnerung daran, dass der Grüne Vizekanzler ist, nicht der Liberale. Seine Rede danach schlägt den Eröffnungsball allerdings ins Feld Lindners. Weg mit der Rente mit 63, alle fossilen Energien nutzen, den „vollschlanken“ Staatsapparat „abspecken“– so lauten seine laut beklatschten Forderungen an die Regierung. Eben-Worlee endet auch mit einem direkten Appell an Lindner: Ob er nicht eine Sparoffensive des Bundes anführen wolle?

Der Feintechniker: Das hier ist natürlich ein Heimspiel für Lindner, klassische FDP-Klientel auf den nicht vorhandenen Rängen – allein: Man kann Heimspiele auch vergeigen. Nicht so Lindner. Ein Pult oder ein Manuskript braucht er schon seit Jahren nicht, er spielt einfach frei auf. Und liefert. Er sei ja „ihr Vermögensverwalter“, sagt Lindner in den Saal und erntet dankbaren Applaus und wohlige Lacher. Kurz davor hatte Lindner bereits einen richtig schönen Trick ausgepackt. Wie er vom Krieg zum 100-Milliarden-Sondervermögen überleitet („Ich teile Ihren Appell zum Sparen, aber…“) und sie zu einer alternativlosen „Investition in Freiheit und Sicherheit“ verwandelt, das ist politrhetorisch schon oberes Regal. Der Schuldenkönig Lindner? Auf einmal ganz weit weg.

Der Witz: Kommt auch vom FDP-Chef. „Ich bin ja ein bekennender Freund des Fünf-Liter-Autos. Im Gegensatz zu Robert Habeck meine ich aber den Hubraum, nicht den Verbrauch.“

Die Stille: Aber selbst dem austrainierten Lindner gelingt nicht alles – und zwar, als es um den Tankrabatt geht. Zuerst mokiert er sich über „ordnungspolitische Touristen“, die an der Maßnahme aus dem Ampel-Entlastungspaket herummäkelten. Dann erzählt er vom Vortrag des Gewerkschaftsökonomen Sebastian Dullien bei der Kabinettsklausur von Meseberg, der den Rabatt als Beitrag zur Dämpfung der Inflationserwartung gelobt habe. Seht ihr, sogar der ist dabei, lautet seine unterschwellige Botschaft. „Der Rabatt muss kommen“, ruft der Finanzminister also in den Saal. Was folgt, ist absolute Stille. Keine Hand regt sich.

Das Pressing: Habeck und Lindner halten die rhetorische Grätsche jeweils für ein Mittel unterhalb ihres Niveaus. Das macht ein Duell im Mittelfeld aber besonders reizvoll. Zwischen beiden Reden holt die Moderatorin das Duo kurz gemeinsam auf die Bühne. Lindner hat zuvor schon kursierenden grünen Ideen einer Abschöpfung von Kriegsgewinnen eine sauber argumentierte Absage erteilt und genüsslich seinen „Beitrag zum Ideenwettbewerb“ kundgetan: eine vollständige Abschaffung des Soli. Der Schuss sitzt hier natürlich. Dann kommt Habeck dran. Er folge den Kollegen „vollumfänglich“, Gewinne seien „Innovationstreiber“ – aber, aber. Was ihm noch nicht einleuchte, was er gerechtigkeitspolitisch noch nicht akzeptieren könne, sei, dass Sanktionsprofiteure einfach so davonkämen. 

Der Konter: Lockfrage an Habeck: Ob man höhere Steuern nicht schon bald brauche, um alle Aufgaben zu finanzieren? Antwort: „Christian Lindner ist ein schneller Denker, der wird seinen Haushalt schon zusammengefummelt bekommen.“

Die Ansage: Das mit der Atomenergie ist eine Vorlage, die der Grüne nur zu gerne verwandelt. Im Detail erklärt er, warum eine Laufzeitverlängerung so gut wie nichts gebracht hätte, um sich schneller von russischem Gas zu verabschieden. Gerade weil er weiß, dass die meisten seiner Zuhörer die Sache anders sehen, dreht er besonders auf. Das Kurzreferat endet mit einer Wette auf den Standort: Deutschland stünde in einigen Jahren mit seiner grünen Versorgung besser und billiger da als Frankreich mit seinen maroden Meilern. „Frankreich 2030“, ruft er, „bring it on.“ Ein echter Habeck.

Hurtigruten-Kreuzfahrten Der Sommer, der über die Zukunft von Hurtigruten entscheiden wird

Die norwegische Reederei hat einen guten Ruf bei ihren Kunden, die Schiffe gehören zu den modernsten der Welt. Doch nun bringen Geldsorgen das Unternehmen Hurtigruten in Schwierigkeiten.

Tech-Aktien Diese KI-Profiteure sind Schnäppchen am Aktienmarkt

Die Kursexplosion bei den Halbleiterspezialisten Nvidia und Arm sind nur die halbe Wahrheit: Viele Profiteure mit KI-Potenzial werden noch übersehen. Sie sind gerade spottbillig zu haben.

Von Erbschaft bis Schenkung Geldübertragung in der Familie: Melden Banken das dem Finanzamt?

Unser Leser möchte wissen, ob Banken den Übertrag von Geld oder auch Depotwerten in der Familie dem Finanzamt melden und welche Folgen dies hat.

 Weitere Plus-Artikel lesen Sie hier

Der Abschluss: Vielleicht ist es spontan, womöglich präzise einstudiert oder eine Mischung aus beidem – jedenfalls präsentiert sich Habeck zum Schluss den versammelten Familienunternehmern als Bruder im Geiste, als Macher, als Ermöglicher, ja: politischer Unternehmer. Wie ein Stakkato zählt der Grüne auf, was er und die Regierung in wenigen Monaten angestoßen haben. Und dann kommt noch das, als Antwort auf den latenten Vorwurf der Staats- und Beamtenlethargie, den Habeck im Raum förmlich wittert: „Die Leute arbeiten wie die Tiere, wenn sie das Vertrauen haben, nicht im Regen stehen gelassen zu werden.“ Da brandet tatsächlich richtig Applaus auf. Das hätten die Damen und Herren der Wirtschaft über ihre eigene Belegschaft schließlich nicht besser formulieren können.

Das Ergebnis: Ein hochklassiges, torreiches Unentschieden. Und Vorfreude aufs Rückspiel.

Lesen Sie auch: Gasversorgung: Der LNG-Startschuss des Robert Habeck

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%