Mächtiger Gewerkschaftsboss: Das Netzwerk von Michael Vassiliadis
Scheinbar einvernehmlich haben Hannelore Kraft (SPD) und Michael Vassiliadis über den Braunkohletagebau gesprochen. Doch Kraft klang vor dem Anruf des Gewerkschafters noch ganz anders
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Der Vorsitzende ist genervt. Seit dem Vorabend hockt Michael Zissis Vassiliadis nun schon in diesem düsteren Tagungshotel am Flughafen von Madrid. Der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hat schlecht geschlafen, die Matratze war durchgelegen. Doch er darf jetzt nicht schwächeln, auch wenn die Luft im „Saal Saragossa“ noch so stickig und das Licht noch so schummrig ist. Es tagt der Exekutivausschuss von IndustriALL, des europäischen Dachverbands der Industriegewerkschaften, gut 350 Abgesandte aus mehr als 22 Ländern. Vassiliadis ist ihr Präsident. Er sitzt in der ersten Reihe. Und er soll jetzt eine feurige Rede halten. Dabei hat ihm der Sprechtrainer, den er seit Kurzem aufsucht, geraten, die Stimme zu schonen.
„Ich mache es kurz, weil ja alle lesen können“, sagt er trocken und hält ein Papier zur Reindustrialisierung Europas in die Höhe. Für seine Kernbotschaft („Wir Gewerkschafter müssen uns mit eigenen Ideen einmischen – nicht nur mit Protest“) gibt es nur matten Applaus. Es folgen Wortmeldungen südeuropäischer Kollegen, die zu Co-Referaten ausarten. Als dann auch noch die Dolmetscher im Hotel streiken wollen, weil sie zu wenig sehen, geht Vassiliadis einen Kaffee trinken. Er mag solche Veranstaltungen nicht, auf denen viel palavert und nichts beschlossen wird. Vassiliadis ist ein Freund der Effizienz.
Persönlicher Affront
Während die Veranstaltung weiterläuft, motzt er den Generalsekretär von IndustriAll an, weil der ungefragt einen Herrn der deutschen Linkspartei aufs Podium geladen hat. Dann telefoniert er mit der Staatskanzlei in Nordrhein-Westfalen, um – zack, zack! – einen Termin bei Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) zu vereinbaren. Die nämlich hat ein paar Tage zuvor, ohne sich mit der Gewerkschaft abzustimmen, angekündigt, den Braunkohletagebau Garzweiler zu verkleinern. Die IG BCE ganz allgemein und Michael Vassiliadis ganz persönlich empfinden dies als Affront.
Zwei Tage später. Pressekonferenz in Düsseldorf, Staatskanzlei, 11. Stock. Vassiliadis ist in deutlich besserer Stimmung. Er hat über eine Stunde mit Kraft gesprochen, und beide haben eine Erklärung formuliert, wonach auch nach 2030 „Braunkohleförderung zur Verstromung unter den Gesichtspunkten der Versorgungssicherheit und Preisstabilität notwendig sein wird“. Kraft erweckt den Anschein, das Treffen sei lange geplant gewesen und redet kurz, Vassiliadis deutlich länger. Als die Neugier der Journalisten überwiegend um die Frage kreist, ob die 1512 Einwohner von Holzweiler garantiert nicht umziehen müssen, fährt er den Presseleuten in die Parade. Die IG BCE sei „nicht gegründet worden, um Dörfer umzusiedeln“. Er gebe „jetzt mal Antworten auf Fragen, die Sie nicht gestellt haben“. Dann weist er auf die schwierige Lage der Energiewirtschaft hin. „Die Konzerne sind in Trouble, das darf uns nicht egal sein! Wenn die umfallen oder aufgekauft werden, wird nichts besser in Deutschland! Hier sind hoch qualifizierte Arbeitsplätze in Gefahr!“ Wie es scheint, könnten sich RWE und Co. keinen besseren Botschafter wünschen als Gewerkschaftsboss Michael Vassiliadis.
Wer ist der Mann? Und was will er? Man könnte es so ausdrücken: Vassiliadis ist eine der wichtigen grauen Eminenzen der deutschen Wirtschaftspolitik, gleichermaßen vernetzt und verwoben mit Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik, in Arbeitnehmerzirkeln und im Politklüngel an Rhein und Ruhr ebenso präsent wie in Vorstandsetagen von Konzernen und Berliner Hinterzimmerrunden.
Braunkohle
Noch immer der mit Abstand bedeutendste Energieträger Deutschlands: Im Jahr 2013 ist die klimaschädliche Stromproduktion aus Braunkohle auf den höchsten Wert seit 1990 geklettert. Mit 162 Milliarden Kilowattstunden macht der Strom aus Braunkohlekraftwerken mehr als 25 Prozent des deutschen Stroms aus. Das geht aus vorläufigen Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hervor.
Foto: dpaSteinkohle
Auch die Stromproduktion in Steinkohlekraftwerken stieg im Jahr 2013 – um 8 Milliarden auf mehr als 124 Milliarden Kilowattstunden. Damit ist Steinkohle der zweitwichtigste Energieträger und deckt fast 20 Prozent der deutschen Stromproduktion ab. Vor allem Braun- und Steinkohle fangen also offenbar den Rückgang der Kernenergie auf.
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Die Abschaltung von acht Atomkraftwerken macht sich bemerkbar. Nur noch 97 Milliarden Kilowattstunden stammten 2013 aus Kernerenergie, drei weniger als im Vorjahr. Das sind allerdings noch immer 15 Prozent der gesamten Produktion. Damit ist Atomstrom nach wie vor die drittgrößte Energiequelle.
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Die CO2-arme Erdgasverbrennung ist - anders als Kohle - wieder rückläufig. Statt 76 Milliarden kamen im vergangenen Jahr nur noch 66 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Erdgaskraftwerken. Das sind gerade mal zehn Prozent der Stromproduktion. Dabei war Erdgas vor drei Jahren schon einmal bei 14 Prozent.
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Der größte erneuerbare Energieträger ist die Windkraft. Mit 49,8 Milliarden Kilowattstunden in 2013 ist sie allerdings leicht Rückläufig. Insgesamt steigt der Anteil der erneuerbaren Energien jedoch stetig. Zusammengenommen produzierten sie 23,4 Prozent des deutschen Stroms.
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Fast genauso viel Strom wie aus Windkraft stammte aus Biomasse. Die Produktion stieg auf 42 Milliarden Kilowattstunden. Damit steht Biomasse auf Platz sechs der bedeutendsten Energieträger.
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Es reicht zwar nur für knapp fünf Prozent der deutschen Stromproduktion, aber Solarenergie ist die mit Abstand am schnellsten wachsende Energieform. Im Jahr 2000 gab es in Deutschland noch gar keinen Sonnenstrom. Und seit 2007 hat sich die Produktion auf 28,3 Milliarden Kilowattstunden in 2013 beinahe verzehnfacht.
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Immerhin vier Prozent der Stromproduktion stammen aus den sogenannten sonstigen Energieträgern. Dieser Wert ist seit Jahren relativ konstant. Dahinter verbergen sich vor allem verschiedene Gase wie Grubengas, Kokerei- und Hochofengas aber auch zum Beispiel Klärschlamm.
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Auch Wasserkraft ist seit Jahren verhältnismäßig konstant, wenn auch in 2013 minimal rückläufig. Etwa 21 Milliarden Kilowattstunden wurden in Wasserkraftwerken produziert, das entspricht 3,4 Prozent des deutschen Stroms.
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Ein wichtiger Energieträger, in der Stromproduktion jedoch recht unbedeutend: Öl. Gerade einmal 7 Milliarden Kilowattstunden Strom stammten 2013 aus der Verbrennung von Mineralölprodukten. Das ist etwa ein Prozent des produzierten Stroms, vor 20 Jahren waren es noch zwei Prozent.
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Mit fünf Milliarden Kilowattstunden trägt die Verbrennung von Hausmüll auch noch ein kleines Scherflein bei. Der Anteil des Stroms aus Müllverbrennung steigt seit Jahren stetig aber langsam – von 0,4 auf 0,8 Prozent in den letzten zehn Jahren.
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Das Netzwerk des IG-BCE-Chefs. Für die Gesamtansicht auf das Bild klicken
Foto: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Dabei ist er ein eher unscheinbarer Typ: graue Haare, mittelgroße Statur. Gern dunkler Anzug und Krawatte. Wer ihn nicht kennt, ist geneigt, ihn zu übersehen. Doch obwohl er nur die drittgrößte deutsche Gewerkschaft anführt, sich Talkshows verweigert und seltener in den Medien auftaucht als die Kollegen Frank Bsirske (Verdi) und Detlef Wetzel (IG Metall), ist er zu einem wichtigen Strippenzieher der Energiewende geworden, genauer: zum Schutzpatron der energieintensiven Industrie und deutschen Braunkohle. Manche sagen: Dass Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel so vehement die Befreiung energieintensiver Betriebe von der EEG-Umlage verteidigt und die Eigenstromerzeugung nur sanft belasten will, hat nicht nur mit Druck aus der Wirtschaft zu tun. Sondern auch mit dem Schulterschluss von Industrie und IG BCE.
In der Politik schätzen sie den gelernten Chemielaboranten parteiübergreifend als verlässlichen Gesprächspartner und gut vernetzten Spindoktor, mitunter auch als Transporteur politischer Botschaften in die Arbeitnehmerschaft. Das mag daran liegen, dass Vassiliadis zwar seit 33 Jahren der SPD angehört, aber „politisch gern cross-border geht“. Kanzlerin Angela Merkel hat ihn in die Ethik-Kommission Sichere Energieversorgung und den Rat für Nachhaltige Entwicklung berufen. Jüngst war er Redner beim CDU-Wirtschaftsrat. Auch mit FDP-Chef Christian Lindner hat er sich getroffen; für traditionelle Gewerkschafter eine Todsünde. Als er im März in der IG-BCE-Zentrale seinen 50. Geburtstag feierte, kamen mehr als 100 Gäste aus Gewerkschaften, Politik und Wirtschaft; Hannelore Kraft und Gerhard Schröder sendeten Grußbotschaften per Video.
Angst vor der Deindustrialisierung
Bei der Energiewende inszeniert sich Vassiliadis gleichermaßen als Stimme der Arbeitnehmer und Verteidiger des Industriestandorts. Sein Credo: „Wir können nicht gleichzeitig aus Kernkraft und Kohle aussteigen.“ Da der Atomausstieg nun mal beschlossen sei, könne Deutschland auf den Grundlastträger Braunkohle, „den einzigen subventionsfreien Energieträger am Markt“, auf viele Jahre nicht verzichten. Die damit verbundenen CO2-Emissionen müssten halt woanders eingespart werden.
Vassiliadis fürchtet eine schleichende Deindustrialisierung, ausgelöst durch steigende Energiekosten: „Investitionen wandern wegen der Energiewende ins Ausland, weil hier keiner mehr dem Braten traut.“ Es sei „ein überfälliger Schritt, die Energiepolitik nicht nur unter den Aspekten Klimaschutz und Versorgungssicherheit zu betrachten, sondern auch unter Wettbewerbsaspekten“. Grüne Jobs betrachtet der IG-BCE-Boss „als nicht per se wettbewerbsfähig“, die Union hält er „bei der Energiewende für einen Totalausfall“, die Grünen reizt er mit der Aussage: „Wir haben es bei den Erneuerbaren mit einer teuflischen Kombination zu tun – Weltrettungsgesinnung trifft auf hohe Rendite.“
Bayer blickt zurück auf eine wechselvolle Geschichte. Der Konzern hat bahnbrechende Medikamente wie Aspirin erfunden, aber auch Heroin als Arznei verkauft. Bayer schuf bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wohltaten für die eigenen Mitarbeiter, gründete Sportvereine und Werksbüchereien - und rekrutierte andererseits als Teil der I.G. Farben während des Zweiten Weltkrieges Tausende Zwangsarbeiter, die unter menschenunwürdigen Bedingungen schufteten. Wie alles begann...
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Am 1. August gründen der Kaufmann Friedrich Johann Bayer und der Färber Johann Friedrich Weskott die "Friedr. Bayer et comp.". Sitz der Gesellschaft ist Wuppertal, Zweck die Produktion von Farbstoffen.
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Das junge Unternehmen expandiert rasch im Ausland. Erste Produktionsbetriebe entstehen – zunächst in Russland, später auch in Frankreich, England und den USA.
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Das Unternehmen lässt sich Heroin als Warenzeichen schützen. Den Bayer-Chemikern gilt Heroin als ungefährliches, nahezu nebenwirkungsfreies Medikament, das die Atmung beruhigt. Nach der Einnahme sollen sich die Bayer-Arbeiter "heroisch" gefühlt haben - davon soll sich der Name Heroin ableiten. Bis 1915 produziert die Farbenfabrik jährlich eine knappe Tonne Heroin; das angebliche Medikament wird bald in 22 Länder exportiert. Erst 1931 stellte Bayer die Produktion ein.
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Unter der Nummer 36433 wird das Medikament Aspirin in die Warenzeichenrolle des Kaiserlichen Patentamtes in Berlin aufgenommen. Entdeckt wurde Aspirin von dem jungen Chemiker und Pharmakologen Felix Hoffmann, der seinem rheumakranken Vater mit einem Antischmerzmittel helfen wollte. Bis heute ist Aspirin das bekannteste Bayer-Produkt.
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Die Bayer-Arbeiter bekommen einen Sportverein. Der TuS 04 Leverkusen gründet sich – der Vorläufer des heutigen TSV Bayer 04 Leverkusen, der vor allem durch seine Fußball-Bundesligamannschaft bekannt ist.
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Carl Duisberg wird Generaldirektor, Leverkusen Firmensitz. Der Standort Wuppertal ist zu klein geworden; Duisburg entwickelt einen Plan für ein neues Chemiewerk in Leverkusen. Die Wahl des neuen Hauptstandorts stößt nicht überall auf Begeisterung. Bayer-Arbeiter reimen ein Klagelied: "Kann er einen nicht verknusen, schickt er ihn nach Leverkusen. Dort, an diesem End der Welt, ist man ewig kaltgestellt."
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Die chemische Industrie, darunter Bayer, liefert Giftgase an die Fronten des Ersten Weltkrieges. Bayer produziert unter anderem Salpetersäure, Chlor, Schwefelsäure, Oleum und Superphosphat.
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Die I.G. Farben gründet sich. Die Führungsgesellschaft BASF übernimmt die anderen Unternehmen wie die Farbwerke Hoechst oder Bayer.
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Im Laufe des Zweiten Weltkrieges rekrutiert die I.G. Farben über 80.000 Zwangsarbeiter. KZ-Häftlinge müssen für die I.G. ein Großwerk in Auschwitz bauen, wo kriegswichtige Treibstoffe produziert werden.
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Die I.G. Farben ist zerschlagen, Bayer wird wieder selbstständig.
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Die beiden größten Fotoproduzenten Europas schließen sich zusammen – die Bayer-Tochter Agfa und die belgische Gevaert Photo-Producten NV. In den sechziger Jahren bestimmen vor allem Chemie- und Kunststoffinnovationen das Geschehen bei Bayer; erst in den achtziger Jahren wird das Pharmageschäft wieder wichtiger.
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Vorstandschef Manfred Schneider kauft die Rechte an dem Namen Bayer und am Bayer-Kreuz in den USA zurück, die seit dem Ersten Weltkrieg als Feindvermögen konfisziert waren.
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Bayer bringt die Foto-Marke Agfa an die Börse. Im Laufe der Jahre trennt sich das Leverkusener Unternehmen auch von weiteren Konsummarken wie dem Sonnenbräuner Delial und dem Süßstoff Natreen. Agfa ist inzwischen in der Bedeutungslosigkeit versunken und zerschlagen.
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Bayer nimmt den Cholesterinsenker Lipobay wegen schwerer Nebenwirkungen vom Markt. In den USA zahlt Bayer 1,2 Milliarden Dollar für Vergleiche.
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Die Folgen der Lipobay-Krise und die schwache Chemiekonjunktur setzen Bayer zu. Konzernchef Werner Wenning gibt bekannt, dass sich Bayer von großen Teilen seines Chemiegeschäfts, insbesondere von innovations- und renditeschwachen Teilen, trennt. Daraus entsteht der Chemiekonzern Lanxess, der zunächst als "Bayer’s Resterampe" verspottet wird, inzwischen aber sogar den Sprung in die Dax-Liga geschafft hat.
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Bayer übernimmt für 16.5 Milliarden Dollar den Pharmakonzern Schering. Zum Portfolio der Berliner zählen vor allem Verhütungspillen und Betaferon gegen Multiple Sklerose.
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Mit dem Holländer Marijn Dekkers übernimmt zum ersten Mal ein Ausländer - noch dazu einer, der nicht im Konzern Karriere gemacht hat - den Chefposten bei Bayer. "Mehr Innovation, weniger Administration", lautet das Motto des Neuen. Schon kurz nach seinem Amtsantritt verkündet Dekkers den Abbau von weltweit 4.500 Stellen.
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Die Pharma-Pipeline von Bayer ist so gut gefüllt wie lange nicht mehr. Zahlreiche Mittel gegen Schlaganfall oder verschiedene Arten von Krebs sind in den vergangenen Jahren auf den Markt gekommen. Weniger gut läuft es bei den schon länger eingeführten Medikamenten. Gegen die Verhütungspille Yasmin sind, wegen einer vermeintlich höheren Thrombosegefahr, über 10.000 Klagen in den USA anhängig. Bislang hat Bayer eine Milliarde Dollar für Vergleich gezahlt.
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Für umgerechnet zehn Milliarden Euro kauft Bayer vom US-Pharmakonzern Merck das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten. Damit gehören nun auch Produkte wie die Fußpflege-Marke Dr. Scholl’s oder das Allergiemittel Claritin zum Bayer-Sortiment.
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Im September kündigt Bayer-Chef Marijn Dekkers an, sich von der Kunststoffsparte Bayer Material Science zu trennen; künftig soll Bayer dann nur noch aus den Sparten Gesundheit und Pflanzenschutz bestehen. Die Kunststoffe tragen immerhin mehr als ein Viertel zum Bayer-Konzernumsatz von 42 Milliarden Euro (2014). Ende 2015 brachte Bayer das Geschäft an die Börse. Die Sparte heißt nicht mehr Bayer Material Science, sondern Covestro.
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Weltrettung? Die hat er in der Tat nicht im Sinn. Vassiliadis verfolgt knallharte organisationspolitische Interessen. Wenn die Energiekosten weiter steigen, gibt es weniger zu verteilen. Die Klientel der IG BCE arbeitet fast ausnahmslos in energieintensiven Branchen, etwa in der Chemie, der Aluminium- und Papierherstellung oder der Zementproduktion. „Wir haben ein ureigenes Interesse daran, dass die Energiewende nicht vor die Wand fährt“, sagt Vassiliadis. In den Stromkonzernen, wo Tausende Jobs auf der Kippe stehen, sind 40 bis 70 Prozent der Leute gewerkschaftlich organisiert, in der Kohle weit über 90 Prozent. Der boomende Markt der erneuerbaren Energie hingegen mit seinen Dienstleistern, Zulieferern und dezentralen Stromproduzenten ist vielerorts fast gewerkschaftsfrei. Das ist hässlich für eine Gewerkschaft, die in den vergangenen zehn Jahren 17 Prozent ihrer Mitglieder verloren hat.
Die Industrie registriert den Kurs der IG BCE mit Wohlwollen – zumal Vassiliadis in mehreren Konzernen selbst mitmischt. Er sitzt im Aufsichtsrat von Steag, BASF, dem Essener Spezialchemiekonzern Evonik sowie dem Kasseler Düngemittelkonzern K+S. Bei BASF drängte Vassiliadis 2010 darauf, dass die Ludwigshafener den deutschen Chemiekonzern Cognis übernehmen – auch um Arbeitsplätze zu sichern. Ein anderes Mal kämpfte er erfolgreich dafür, dass die BASF ihre europaweiten Personal- und Finanzdienstleistungen in Berlin bündelt statt im billigeren Bratislava.
Entscheidenden Einfluss
Mit Evonik-Chef Klaus Engel hat Vassiliadis gemeinsam das Buch „Werte, Wissen, Wachstum“ über den Wirtschaftsaufschwung Deutschlands herausgegeben. Die beiden haben aber auch sonst miteinander zu tun: Vassiliadis ist Vize-Chef im Kuratorium der RAG-Stiftung, die ab 2019 für die Milliardenschäden aus dem Bergbau aufkommen soll und über zwei Drittel an Evonik kontrolliert. Vassiliadis hatte 2012 entscheidenden Einfluss bei der Inthronisierung von Werner Müller als Stiftungsvorsitzenden – ein politischer Schlüsselposten im Ruhrgebiet. Die konservativen Kräfte im Kuratorium, etwa Bundesfinanzminister Schäuble, sollen gegen den ehemaligen Wirtschaftsminister im Kabinett von SPD-Kanzler Gerhard Schröder massive Vorbehalte gehabt haben.
Vassiliadis und Müller bilden seither ein gutes Team. Vor wenigen Wochen schlug der Gewerkschafter vor, alle deutschen Steinkohlekraftwerke in einer gemeinsamen Gesellschaft zu bündeln. Schließlich hätten die Betreiber der Kraftwerke in Zeiten der Energiewende wirtschaftlich das Nachsehen. „Das ist eine sehr vernünftige Idee“, lässt sich Müller nun vernehmen.
Manchmal hat es den Eindruck, Vassiliadis sonne sich geradezu in der Sympathie des Kapitals. Wer ihm Übles will, attackiert ihn als Marionette der Konzerne, so wie es 2013 Aktivisten von Greenpeace in einem „Schwarzbuch Kohlepolitik“ taten. Das hat ihn ordentlich geärgert.
Der unausgesprochene Deal
Fakt ist, dass er den konsensorientierten Kurs seiner Vorgänger Hermann Rappe und Hubertus Schmoldt nahtlos fortsetzt. Dies gilt nicht nur bei Energiefragen, sondern auch im gewerkschaftlichen Kerngeschäft, der Tarifpolitik. Aus dem Stegreif kann Vassiliadis Elogen auf die Sozialpartnerschaft halten; den vorerst letzten Streik in der Chemieindustrie gab es 1971. Der unausgesprochene Deal mit den Arbeitgebern: Die IG BCE macht keinen Radau, dafür zicken die Arbeitgeber nicht beim Lohn rum und bilden vernünftig aus. Bei den kampferprobten Kollegen von Verdi und IG Metall sorgt der Kuschelkurs zwar bisweilen für Spott. In den vergangenen Jahren lagen die Tarifabschlüsse in der Chemieindustrie allerdings über vielen anderen Branchen. Den jüngsten Abschluss (3,7 Prozent) hat im Tarifjahr 2014 noch keine andere Gewerkschaft übertroffen. „Michael Vassiliadis steht für den Willen zum Konsens und ist offen für innovative Konzepte. Es macht Freude, sich mit ihm zu streiten, und es ist möglich, sich mit ihm zu einigen“, lobt Margret Suckale, Präsidentin des Bundesarbeitgeberverbands Chemie.
GdF
Welche Auswirkungen die Aktivitäten einer eher kleineren Gewerkschaft haben können, zeigt sich im Februar am Frankfurter Flughafen während des Streiks der Vorfeldbeschäftigten des von der Fraport AG betriebenen Flughafens in einem Abfertigungsterminal. 200 Vorfeldmitarbeiter legten dort ihre Arbeit nieder - das führte dazu, dass über 100 Flüge ausfallen mussten. Unternehmen, die gar nicht bestreikt wurden, wie etwa die Deutsche Lufthansa, haben dadurch bereits einen hohen zweistelligen Millionenbetrag verloren.
Die Gewerkschaft GdF, die auf ihrer Homepage mit dem Spruch "Wir lassen Euch nicht in der Luft hängen" wirbt, wurde im Jahr 2004 gegründet.
Foto: dapdGewerkschaft der Servicekräfte
Im Dezember 2010 bildete sich die GdS, die Gewerkschaft der Servicekräfte im Bereich von Serviceunternehmen unter Beteiligung der öffentlichen Hand, speziell an Krankenhäusern. Nach etwas über einem Jahr des Bestehens blickt die Gewerkschaft auf Ihrer Homepage auf erfolgreiche Verlängerungen von Arbeitsverträgen, Klärungen in Lohnangelegenheiten und die Rücknahme von Kündigungen zurück. Für das laufende Jahr hat sie sich eine Ausweitung ihrer Tätigkeit und Kontakte vorgenommen.
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NAG - Neue Assekuranz-Gewerkschaft
Die im November 2010 gegründete Neue Assekuranz-Gewerkschaft will für Versicherungsbeschäftigte mehr herausholen als Verdi. Ingenieure aus Rechenzentren könnten beispielsweise Versicherungsunternehmen lahmlegen. In einem Interview auf der Homepage der Gewerkschaft begründet Gründungsmitglied Waltraud Baier die Erschaffung der neuen Spartengewerkschaft mit dem Hinweis, dass Angestellte der Versicherungsbranche bislang nur eine Möglichkeit hätten, einer Vereinigung beizutreten, in der sie nur in der Minderheit seien. Zudem sei die Versicherungsbranche mit ihrem Geschäftsmodell so besonders, dass sie aus ihrer Sicht einer spezialisierten Gewerkschaft bedürfe.
Foto: WirtschaftsWocheDFeuG
Die Feuerwehrverbände haben zum 1. Mai 2011 die Deutsche Feuerwehrgewerkschaft (DFeuG) gegründet. Sie wollen insbesondere Tarifverträge für Betriebsfeuerwehren abschließen.
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Die Technik-Gewerkschaft Luftfahrt (TGL) hat sich im Dezember 2010 gegründet. Aus dem Berufsverband "Arte" (Aircraft Release by Technicians and Engineers) hervorgegangen, will die TGL Tarifverträge für die Techniker erkämpfen.
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Verband Private Sicherheit
Innerhalb der Polizeigewerkschaft DPolG hat sich der Verband Private Sicherheit gegründet. Er will Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten vertreten, beispielsweise an Flughäfen.
Quelle: Handelsblatt
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Ein typischer Tag für Vassiliadis verläuft so wie der in Leverkusen. An diesem Aprilmorgen empfängt er zum Frühstück im Hotel den Bayer-Betriebsratschef Thomas de Win. Um zehn Uhr geht es in die Konzernzentrale, hier sind für ihn die Leiter der Bayer-Verbindungsbüros Brüssel und Berlin angereist. Um zwölf Uhr empfängt ihn Vorstandschef Marijn Dekkers zum Lunch im Direktionszimmer des Bayer-Kasinos. Dekkers weiß um den Einfluss seines Gegenübers: Gerade erst haben IG-BCE-Kandidaten bei den Betriebsratswahlen bei Bayer rund 70 Prozent der Mandate geholt. Nach dem Essen hat Vassiliadis ein Gespräch mit Arbeitsdirektor Michael König, dann rauscht er ab ins Landwirtschaftszentrum Monheim, wo rund 80 Bayer-Betriebsräte, eingerahmt von Gemüsefotos, eine Tagung abhalten und auf ihn warten.
Es werden an diesem Tag keine Deals besprochen und keine Papiere vorgelegt. Es geht um das Sondieren gemeinsamer Interessen in der Energiepolitik, um Gesundheitsschutz und mögliche Allianzen, wenn die Politik mal wieder Unfug beschließen will. Am Ende hat man sich besser kennengelernt – was sich später mal für beide Seiten lohnen könnte.
Das Auto als Büro
Aber solche Tage sind anstrengend. Es gibt Wochen, da kommt Vassiliadis nur am Montagvormittag in die IG-BCE-Zentrale am Königsworther Platz in Hannover. Dann ist der Rastlose im „Stakkato-Modus“, wie er es nennt, es reiht sich ein Termin an den nächsten. Sein silbergrauer Audi A8 dient als Büro und Garderobe, wo frische Hemden und unzerknitterte Anzüge lagern. Mit seinem Chauffeur, einem Ex-Bundesligaprofi mit sportlichem Fahrstil, reißt er so über 100 000 Kilometer im Jahr ab. Der Lohn dafür: 10 500 Euro im Monat, das ist etwa die Hälfte dessen, was IG-Metall-Chef Wetzel verdient. Seine Aufsichtsratstantiemen von jährlich rund 490.000 Euro führt er zu 90 Prozent an die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung ab.
Nur jedes zweite Wochenende hält er sich frei. Dann kommen seine beiden Söhne zu Besuch nach Hannover-Linden, wo sich Vassiliadis nach der Scheidung von seiner Frau eine Eigentumswohnung gekauft hat. In dem Altbau lebt der E-Gitarrensammler nun Tür an Tür mit seiner neuen Lebensgefährtin. Sie heißt Yasmin Fahimi, hat neun Jahre die IG-BCE-Grundsatzabteilung geleitet – und ist seit Januar Generalsekretärin der SPD. Auch wenn Vassiliadis beteuert, man rede zu Hause nicht über Berufliches: Seinem Zugang in die Beletage von SPD und Regierung dürfte die Beziehung nicht eben schaden.
Vassiliadis ist der erste Gewerkschaftschef in Deutschland mit Migrationshintergrund. Seine Mutter stammt aus dem Ruhrgebiet, sein Vater kam 1961 als Gastarbeiter aus Athen und malochte 27 Jahre als Schichtarbeiter bei Bayer. Vassiliadis wuchs in einer Werksiedlung in Dormagen auf; nach dem Realschulabschluss machte er eine Ausbildung zum Chemielaboranten und arbeitete drei Jahre bei Bayer. 1986 ging er als Hauptamtlicher zur IG Chemie, wo er sich stetig nach oben arbeitete. 2009 rückte Vassiliadis, gefördert vom damaligen Chef Schmoldt, an die Spitze.
Dort allerdings muss er sein Meisterstück erst noch abliefern. Anders als IG Metall und Verdi hat die IG BCE bei den Mitgliederzahlen den Turn-around noch nicht geschafft, allein 2013 gingen (netto) 5000 Kunden verloren. Die Gewerkschaft leidet zum einen unter dem Strukturwandel; die Beschäftigtenzahl im Steinkohlebergbau ist seit 1996 von 85 000 auf 16 000 gefallen. Zum anderen ist die IG BCE völlig überaltert. Obwohl jedes Jahr rund 70 Prozent der neuen Azubis einen Mitgliedsantrag unterschreiben, sind weniger als neun Prozent der Mitglieder jünger als 25 Jahre. Die Folge: Es sterben mehr Beitragszahler weg, als neue eintreten. Immerhin: Bei den „arbeitenden“ Mitgliedern in den Betrieben gibt es seit 2011 leichten Zulauf. 2015 will Vassiliadis daher im Haushalt endlich eine schwarze Null präsentieren.
In seiner Organisation ist er ohnehin unangefochten. Bei seiner Wiederwahl im Oktober erhielt er 99,2 Prozent der Stimmen und musste Autogramme geben. Das sei ja ein für westliche Demokratien unübliches Ergebnis, gratulierte ein Konzernchef. Vassiliadis fand das nicht sehr lustig.
Als er die IG BCE übernahm, galt er als Technokrat. „Dieses Bild hat er korrigiert“, sagt ein Vertrauter – auch weil sich der gebürtige Essener die Schnoddrigkeit des Ruhrgebiets bewahrt hat. Er kann einen erfrischenden Sarkasmus entwickeln, etwa wenn er mit spitzbübischem Grinsen einen Spruch über die Kollegen von Verdi raushaut, deren ideologische Weltsicht ihn nervt (und mit deren Chef Bsirske er ständig im Clinch liegt). Vorgänger Schmoldt nannten sie intern den „großen Vorsitzenden“. Vassiliadis heißt bei vielen „Vassi“.
Schwätzchen auch mit den kleinen Funktionären
Vassiliadis nimmt den kleinen Funktionär genauso ernst wie den großen Konzernchef. Bei den Bayer-Betriebsräten in Monheim lauscht er geduldig den Ausführungen des Gesamtjugendvertreters und des Gesamtschwerbehindertenvertreters. Danach hält er frei eine leicht konfuse Rede, in der es um Bildung, Demografie, Mindestlöhne, Zuwanderung, Rente und Energiepreise geht. Am Ende mischt er sich unter die Leute und hält Schwätzchen.
Allerdings darf man das joviale Auftreten nicht missdeuten. Vassiliadis ist kein übermäßig geduldiger Mensch. Er agiert strategisch und fordert viel von den 750 Beschäftigten seiner Organisation. „Ich möchte mit ihm keinen Ärger bekommen“, sagt ein enger Mitarbeiter. Politisch vereinnahmen lässt er sich schon gar nicht: Als vor der Bundestagswahl Peer Steinbrück sondieren ließ, ob Vassiliadis ins Kompetenzteam des SPD-Kanzlerkandidaten eintreten wolle, winkte er sofort ab. Er mag es nicht, auf der Verliererseite zu stehen.
Als er sich beim Rückflug von Madrid spätabends in eine enge Iberia-Maschine quetschen muss, weil die Lufthansa-Piloten streiken, wirkt er müde. Er bestellt ein Bier, lässt seinen Pressesprecher bezahlen und seufzt: „Ein bisschen bekloppt bin ich ja schon.“
