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Marschflugkörper für Ukraine„Die Ukraine könnte Taurus binnen weniger Monate einsetzen“

Der Streit um das Für und Wider von deutschen Marschflugkörpern Taurus für die Ukraine tobte. Aus Sicht der Rüstungsindustrie vermischten sich dabei längst Halbwahrheiten und Emotionen mit Fakten. Nun zeichnet sich ein Ende der Debatte ab.Max Biederbeck 11.08.2023 - 16:48 Uhr aktualisiert

„Gewehr bei Fuß“: Tornado mit Taurus-Marschflugkörper.

Foto: PR

Für einen kurzen Moment sieht es so aus, als würde der Tornado-Kampfflieger einen dicken grünen Koffer abwerfen. Er fällt sekundenlang in die Tiefe, bevor 50 Meter über dem Meer plötzlich ein Jet-Antrieb zündet. Die Taurus-Rakete rast in Richtung Strand, zu tief für feindliche Radare. Ein Höhenradar, Infrarotsensor und GPS Navigation steuern selbstständig auf ihr Ziel zu. Dann schlägt Taurus mit einem 400-Kilo-schweren Metallpenetrator voller Sprengstoff in einen Berg von Lagercontainern ein. Die Szene stammt aus einem 60-Sekunden-Video der Bundeswehr. Sie soll zeigen: Mit diesem Hightech-Koffer kann die Truppe jederzeit und zielsicher feindliche Bunkeranlagen ausschalten.

Die Ukraine hat sich diese Fähigkeit vergangene Woche von Deutschland für ihre Gegenoffensive gewünscht – und damit hierzulande den nächsten großen Streit über Waffenlieferungen angefacht. Wie bei der Frage nach Marder-Schützenpanzern, Panzerhaubitzen 2000 und Leopard-2-Kampfpanzern war man sich in der deutschen Politik mehr als uneins darüber, ob die Regierung Taurus wirklich liefern sollte. Laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ prüft die Bundesregierung nun die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern.
Das Verteidigungsministerium machte am Freitag auf dpa-Anfrage aber deutlich, es gebe keinen geänderten Kurs hin zu einer möglichen Abgabe. Eine Sprecherin sagte: „Eine politische Entscheidung zur Abgabe wurde nicht getroffen.“
Dem gingen hitzige Debatten voraus. Auf der einen Seite standen Befürworter wie die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses Marie Agnes-Strack-Zimmermann, die von „höchster Zeit“ für Marschflugkörper für die Ukraine sprach. Auch CDU-Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter forderte im Gespräch mit der WirtschaftsWoche ein Einsehen im Kanzleramt. „Wir sollten endlich weitreichende Präzisionswaffen liefern, damit die Ukraine vor die Lage kommt“, sagte Kiesewetter. „Sobald die Krim befreit ist, sinkt das Bedrohungspotenzial am Schwarzen Meer und Putins Schicksal hängt an der Krim.“ Es ist eine Meinung, die sogar einige bei der SPD längst teilen.

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Trotzdem zögerten Kanzleramt und Verteidigungsministerium. Zwar schloss Olaf Scholz eine Lieferung der Waffen nicht aus. Der Kanzler befürchtete allerdings, dass die hohe Reichweite von Taurus – rund 500 Kilometer – Angriffe der Ukraine auf russisches Hoheitsgebiet möglich machten. Die Gefahr einer solchen Eskalation war seit Beginn des Konflikts eine treibende Kraft bei Entscheidungen der Bundesregierung und sorgte wiederholt für Verzögerungen. Die entstehende Unsicherheit steckt offenbar auch die Bevölkerung selbst an: Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag von n-tv lehnt eine Mehrheit der Deutschen eine Lieferung der Raketen ab.

Das sagt die Industrie

Wer in der Industrie nach der Debatte fragt, hört vor allem Unverständnis. Zu stark hätten sich da aktuell Halbwahrheiten und Ängste mit den Fakten über das Taurus-System vermischt, erklärten gleich mehrere Branchenvertreter der WirtschaftsWoche. Weder würde der Einsatz von Taurus die Gefahr einer Eskalation bergen, noch müssten aufwendige Vorbereitungen dafür getroffen werden.

„Die Ukraine könnte Taurus binnen weniger Monate einsetzen“, heißt es in Industriekreisen. Die Plattform müsse lediglich an Kampfjets der ukrainischen Luftwaffe angepasst werden. Taurus ähnelt den bereits im Kriegsgebiet eingesetzten britisch-französischen Storm-Shadow-Raketen. Deshalb könne der an beiden Systemen beteiligte europäische Hersteller MBDA den Prozess ohne Probleme umsetzen. Ein Unternehmenssprecher kommentierte auf Anfrage: „Wir stehen Gewehr bei Fuß, sollte die Bundesregierung sich für eine Lieferung entscheiden.“

Die Bundeswehr verfügt über 600 Taurus-Raketen. Davon sind laut Sicherheitskreisen rund 150 einsatzbereit, 450 befinden sich in einer routinemäßigen Zehnjahreswartung. Eine gesonderte Instandsetzung dieser Waffen für die Ukraine sei dabei kaum notwendig, erklärt ein Insider. „Die sehr strengen deutschen Einsatzregeln für die Raketen müsste die Ukraine selbst nicht erfüllen.“ Trotz Wartung könnte die Bundesregierung die Waffen daher zügig ins Kriegsgebiet verlegen lassen.

Die Reichweite der gelieferten Raketen lasse sich dabei technisch problemlos reduzieren, so Industriekreise. „Mithilfe von Software-Anpassungen etwa lässt sich sicherstellen, dass die Ukraine die Waffe für ihre Gegenoffensive nur im eigenen Land nutzen kann, nicht aber für weitergehende Angriffe.“ Überprüfen lassen sich solche Aussagen freilich kaum.

Im Falle einer Auslieferung aus Beständen der Bundeswehr sehen Beobachter zudem ein anderes Problem, das diskutiert werden sollte: die Nachbeschaffung. Denn wenn nicht jetzt schon im Hintergrund erste Schritte in Richtung neuer Bestellungen vorbereitet werden, würde die deutsche Armee wie schon bei der Panzerhaubitze 2000 auf eine neue Fähigkeitslücke zusteuern.

Der Hersteller MBDA hat derweil offenbar selbst Probleme mit den Lieferketten, wartet lange auf wichtige Teile wie Computerchips. Ein potenzieller Auftrag sollte also rechtzeitig eingehen. Nur müsste dazu natürlich erst einmal der Streit um den richtigen Weg enden.

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