1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. Nachruf auf Helmut Kohl: Der Kanzler mit Sinn für historische Größe

Nachruf auf Helmut KohlDer Kanzler mit Sinn für historische Größe

Was bleibt von Helmut Kohl? Ein Kanzler für die Geschichtsbücher. Für die deutsche Einheit und die europäische Einigung war ihm kein Preis zu hoch. Nachruf auf einen Staatsmann, dem alles Ökonomische nichts galt.Dieter Schnaas 16.06.2017 - 18:40 Uhr

Helmut Kohl verstarb im Alter von 87 Jahren.

Foto: imago images

Hat die Politik von Helmut Kohl die deutsche und europäische Geschichte mehr beeinflusst als „die Geschichte" Helmut Kohls Deutschland- und Europa-Politik? Eine Antwort auf diese Frage ist gar nicht so leicht. Aber aufwerfen muss sie, wer sich dem Phänomen Helmut Kohl nähern, sein Regierungshandeln verstehen, seine Lebensleistung einordnen will. Denn Helmut Kohl war der einzige - und vermutlich letzte - deutsche Bundeskanzler, für den Geschichte Erinnerungspflicht und Lehrmeisterin zugleich, aber auch etwas Erhebendes, ja: Waltendes, Geistiges, Göttliches war - etwas, das mächtiger ist als die Welt, von der sie Zeugnis ablegt.

„Geschichte“, so wie Helmut Kohl sie verstand, ist etwas Transzendentes, das in den Menschen west, sie durchflutet, sie mit einem Gefühl von Bedeutung und Verantwortung ausstattet. Konrad Adenauer, der legendäre Gründungskanzler Westdeutschlands, hat in den 1950er Jahren Geschichte gemacht mit Wiederaufbau und Westbindung. Willy Brandt, der große Sozialdemokrat, hat in den 1970er Jahren Geschichte geschrieben mit Entspannung und Ostpolitik. Helmut Kohl allein aber hat in den 1980/90er Jahren Geschichte stilisiert und aufgeladen, vor ihr bestehen und in sie eingehen wollen.

Seine Politik allein war „geschichtlich“ im umfassendsten Sinn des Wortes. Einerseits geprägt von der Erinnerung an deutsche Schuld und millionenfaches Leid, an Krieg und Holocaust, an die Gräuel der Nazis und die Zerstörung Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Andererseits immer auch rührig anverwandelte, emotional vergegenwärtigte, Gegenwart und Zukunft beseelende Geschichtspolitik.

Altbundeskanzler

Helmut Kohl ist tot

Kohl vor historischer Kulisse

Die Geschichtspolitik von Helmut Kohl war daher immer auch Kulissenpolitik. Die Kaiserdome in Aachen und Speyer, die Gräberfelder von Verdun und Bitburg, das Hambacher Schloß, die Berliner Mauer und das Brandenburger Tor - das alles waren Bühnenbilder, in denen er die Vergangenheit vergegenwärtigend inszenierte und sich selbst in zeithistorischer Hauptrolle aufführte. Kohl wollte mit Symbolen, Bildern und Gesten (be-)rühren, nicht zuletzt sich selbst, weshalb ihm sogar das Gedenken an die eigene Kanzlerschaft zum Besinnungsereignis geriet: Mit einem Großen Zapfenstreich nahm Deutschland, nahm Helmut Kohl am 17. Oktober 1998 Abschied von einem großen Staatsmann. Zu den Klängen von Bachs Orgel-Toccata und vor dem Hintergrund des in der Dämmerung angestrahlten Doms in Speyer, der Grablege des Salierkönigs Konrad II., der die Größe und den Glanz der mittelalterlichen Kaiseridee verkörpert, endete die politische Karriere von Helmut Kohl. “Es sind unwiederbringliche Momente", schreibt der Kanzler damals in sein Tagebuch: "Meine Gefühle lassen sich nicht in Worte fassen.“

Prinzipienfest und offen

Gleich nach seiner Wahl zum Regierungschef am 1. Oktober 1982 schlägt Helmut Kohl den außenpolitischen Kurs ein, der seine Kanzlerschaft prägen wird - ein Kurs, der auf die Vertiefung der wertegebundenen Freundschaft zu den Vereinigten Staaten und auf die „Irreversibilität“ des europäischen Einigungsprozesses abzielt. Die weltpolitische Lage ist damals von der Bipolarität des Ost-West-Konflikts bestimmt, von zwei Supermächten, die sich mitten in Deutschland waffenstarrend gegenüber stehen, vom Propagandakrieg zweier Weltanschauungssysteme, die sich mit Vernichtung und Atomtod drohen.

Kohl, in historischen Linien denkend, außenpolitisch prinzipenfest bis zur Starrköpfigkeit, zerstreut damals, in einer „Schicksalsstunde Deutschlands“, die Sorgen der Amerikaner, die deutsche Regierung könne einer Friedensbewegung nachgeben, die Hunderttausende von Demonstranten gegen die „Nachrüstung“ mobilisiert. Und Kohl drängt zugleich, in denkbar enger Zusammenarbeit mit dem einstigen Erzfeind Frankreich, auf das, was in Europa heute selbstverständlich geworden ist: auf durchlässige Grenzen und eine eng abgestimmte Sicherheits- und Verteidigungspolitik, auf einen offenen Wirtschaftsraum und eine gemeinsame Währung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Nachricht vom Tod ihres Vorgängers während einer Reise nach Rom erreicht. Angela Merkel würdigte Ex-Kanzler Helmut Kohl als großen Europäer und Kanzler der Einheit. Kohl war ein "Glücksfall für uns Deutsche", sagte sie am Abend in Rom.

Die Rede von Angela Merkel können Sie hier im Wortlaut nachlesen.

Foto: dpa

Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) würdigte den gestorbenen Altkanzler als großen Staatsmann. „Er war ein großer Staatsmann, ein großer deutscher Politiker und vor allem ein großer Europäer, der sehr viel dafür getan hat, dass nicht nur die Deutsche Einheit gekommen ist, sondern auch dass Europa zusammengewachsen ist“, teilte Gabriel am Freitagabend mit. „Das ist sein großes Vermächtnis. So wird er uns in Erinnerung bleiben. Wir sind in diesen Minuten in Gedanken bei seiner Familie und seinen Kindern. Es ist ein wirklich großer Deutscher gestorben.“

Foto: REUTERS

„Ich habe seine Weisheit bewundert und seine Fähigkeit, fundierte, zukunftsweisende Entscheidungen auch in schwierigsten Situationen zu treffen.“

(Der russische Präsident Wladimir Putin)

Foto: dpa

"Helmut Kohl war ein großer Europäer und ein sehr guter Freund", teilte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Freitagabend mit. "Ohne Helmut Kohl gäbe es den Euro nicht." Weiter sagte er: "Nur drei Menschen, Jean Monnet, Jacques Delors und Helmut Kohl haben für ihre Verdienste für die europäische Zusammenarbeit die Ehrenbürgerschaft Europas erhalten." Das mache den Verlust umso größer – politisch wie menschlich. "In Gedenken an Helmut Kohl habe ich deshalb die Europaflaggen vor den europäischen Institutionen auf Halbmast setzen lassen."

Foto: REUTERS

„Helmut Kohl hat historische Weichen für Deutschland und Europa gestellt und sich Verdienste erworben, die Bestand haben und nicht vergessen werden.“

(SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz)

Foto: REUTERS

„Meister des vereinigten Deutschlands und der deutsch-französischen Freundschaft: Mit Helmut Kohl verlieren wir einen sehr großen Europäer.“

(Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf Twitter)

Foto: REUTERS

„Helmut Kohl war ein Ausnahmepolitiker und ein Glücksfall für die deutsche Geschichte.“

(Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier)

Foto: dpa

„Seine Leistungen sind bedeutend. Er hat sich Vertrauen für Deutschland in Europa und der Welt erarbeitet. Wir dürfen ihm dankbar sein.“

(Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, CDU)

Foto: REUTERS

"Ein großer Deutscher und großer Europäer ist von uns gegangen. Ich verneige mich vor der Lebensleistung von #HelmutKohl."

(EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani per Twitter)

Foto: AP

„Wir verdanken Helmut Kohl unendlich viel: Für unsere Freiheit, für unsere Einheit, für unser Europa!“

(Kanzleramtsminister Peter Altmaier, CDU)

Foto: dpa

Grünen-Chef Cem Özdemir würdigte Kohl. Bei allem Streit mit seiner Partei hätten sich die Grünen gegenüber dem früheren CDU-Chef in einer Frage in großer Achtung verneigt, sagte Özdemir am Freitag zum Auftakt des Grünen-Parteitags: "Ein großer Europäer ist von uns gegangen." Unter dem Applaus der mehreren hundert Delegierten sagte Özdemir: "Sein Name wird für immer in Verbindung stehen mit einem der großartigsten Projekte der deutsche Nachkriegsgeschichte, der deutschen Wiedervereinigung." Kohl und die Grünen pflegten vor allem in der Anfangszeit der Partei eine starke gegenseitige Abneigung.

Foto: dpa

„Helmut Kohl war Kanzler der Einheit & leidenschaftlicher Europäer. Er hat eine Generation politisch geprägt. Wir verneigen uns vor ihm. CL“

(FDP-Chef Christian Lindner)

Foto: dpa

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat den gestorbenen Altkanzler Helmut Kohl (CDU) als „Persönlichkeit von historischer Größe“ gewürdigt. Kohl habe „entscheidend zu den glücklichsten Zeiten beigetragen, die wir Deutschen je hatten“, erklärte Lammert. „Wir werden ihm das nie vergessen. Sein Vermächtnis, ein weltweit geachtetes Deutschland in einem friedlich geeinten Europa, bleibt die Richtschnur unseres Handelns und ist Auftrag für alle künftigen Generationen.“ In einem Schreiben sprach Lammert Kohls Frau Maike Kohl-Richter sein Beileid auch im Namen des Bundestags aus, dem Kohl mehr als ein Vierteljahrhundert angehörte.

Foto: dpa

UN-Generalsekretär António Guterres hat sich „sehr traurig“ über den Tod von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl gezeigt. Kohl sei ein „persönlicher Freund“ von Guterres gewesen, sagte sein Sprecher Stéphane Dujarric am Freitag vor Journalisten in New York. „Es ist offensichtlich, welche historische Rolle Herr Kohl bei der Wiedervereinigung von Deutschland nur ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer gespielt hat und beim historischen Weg, auf den er Deutschland gebracht hat, indem er es so gut durch die Wiedervereinigung geführt hat.“

Foto: AP

„Seine Verdienste um unser Land sind unvergessen.“

(Bundesinnenminister Thomas de Maizière, CDU)

Foto: AP

„Sein Tod ist ein großer Verlust. Für die CDU wird er immer ein Fixpunkt bleiben.“

(Verteidigungsministerin und CDU-Vize Ursula von der Leyen)

Foto: dpa

„Gerade in diesen außenpolitisch unruhigen Zeiten sollten wir uns immer daran erinnern, wie wichtig das geeinte Europa für uns ist. Wir werden Helmut Kohl nicht vergessen, sondern sein Andenken ehren.“

(Unions-Fraktionschef Volker Kauder, CDU)

Foto: dpa

„Wir trauern um den Kanzler der Einheit, Ehrenbürger Europas, unseren ehemaligen Ministerpräsidenten, CDU-Landesvorsitzenden. Ein großer Politiker“

(CDU-Vize Julia Klöckner)

Foto: AP

„Ich werde mich stets an Helmut Kohl erinnern. Ein Freund und ein Staatsmann, der geholfen hat, Europa wiederzuvereinen.“

(EU-Ratspräsident Donald Tusk)

Foto: REUTERS

Auch Altkanzler Gerhard Schröder trauert um seinen verstorbenen Vorgänger und würdigt Helmut Kohl als "großen Patrioten und Europäer". Schröder löste Kohl 1998 als Kanzler ab: "Obwohl wir im Jahr 1998 einen harten Wahlkampf gegeneinander geführt haben und in vielen politischen Fragen weit auseinanderlagen und -liegen habe ich für seine historische Leistung größten Respekt."

Foto: AP

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat „tiefe Trauer“ geäußert. Kohl sei „einer der größten Freunde des Staates Israel“ und der Sicherheit des jüdischen Staates „vollkommen verpflichtet“ gewesen, sagte Netanjahu am Freitag nach Angaben seines Büros.

Foto: dpa

„Er ist der Mann, den ich als einen der größten politischen Führungsfiguren im Nachkriegseuropa ansehe.“

(Der frühere US-Präsident George H. W. Bush)

Foto: dpa

Helmut Kohl war die Verkörperung eines geeinten Deutschland in einem geeinten Europa. Als die Berliner Mauer fiel, war er der Lage gewachsen. Ein wahrer Europäer.“

(Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg)

Foto: REUTERS

„Der ewige Kanzler und große Europäer geht. Seine Verdienste um die Deutsche Einheit bleiben. Wir trauern um Helmut Kohl.“

(Justizminister Heiko Maas, SPD)

Foto: dpa

„Er war aufgerufen, einige der monumentalsten Fragen seiner Zeit zu beantworten. Indem er sie richtig beantwortete, machte er die Wiedervereinigung eines starken, prosperierenden Deutschlands möglich und die Schaffung der Europäischen Union.“

(Der frühere US-Präsident Bill Clinton)

Foto: REUTERS

Doch die Unbeirrbarkeit Helmut Kohls und seine geschichtlich aufgeladene Politik haben ihren Preis. Der Weg zur deutschen Einheit und zur Verankerung des neuen deutschen Staates im westlichen Institutionengefüge, der Weg in den Euro und zur Osterweiterung der Europäischen Union ist mit deutschen Milliarden gepflastert. Helmut Kohl kauft seine politischen Erfolge ein, auch das gehört zur Wahrheit, und hinter der Kulisse sehr demonstrativ gepflegter politischer Freundschaften geht es oft zu wie auf einem orientalischen Basar.

Europa finanziert, USA beruhigt

Speziell die europäischen Staatschefs lassen sich die obsessive Machtvergessenheit Kohls, seinen postheroischen Internationalismus und seinen ostentativen Willen zur deutschen Selbstbeschränkung reich vergüten. „Jede für Europa ausgegebene Mark ist gut angelegtes Geld“ - davon ist Helmut Kohl, der Anti-Bismarck, überzeugt - und seine Amtskollegen in Paris und London wissen das auszunutzen. Margaret Thatcher braucht das Projekt Europa nur in Frage zu stellen, schon gewährt Kohl ihr den „Britenrabatt“ (1983). Frankreich braucht nur ein wenig zu stöhnen über teure Agrarreformen - schon ist Kohl bereit, die Deutschen zur Kasse zu bitten (1984). Auf dem Höhepunkt seiner Kanzlerschaft, 1990, finanziert die Bundesrepublik fast 70 Prozent der EU-Nettotransfers.

Mit der Einheit nimmt Helmut Kohls „Bimbes-Politik“ beinah’ obszöne Züge an. 18 Milliarden Mark lässt er 1990 für die USA und die Frontstaaten springen, um Deutschland eine militärische Beteiligung am ersten Golfkrieg zu ersparen und die Amerikaner bei Laune zu halten während des Vereinigungsprozesses - mehr als Washington erbeten hat. Mehr als 100 Milliarden Mark überweist Kohl bis 1996 in die Sowjetunion, die osteuropäischen Länder und die GUS-Staaten, sei es für den Abzug der russischen Streitkräfte, sei es in Form von Wirtschaftshilfen, Kreditgarantien, Hermes-Bürgschaften, Investitionszuschüssen. Noch mehr Geld fließt als direkte Aufbauhilfe in die neuen Bundesländer; hinzu kommen die Kosten für die Währungsumstellung, Sozialtransfers, die Beseitigung von Altlasten.

22. Juni 1993: „Meine Lebenserfahrung nach fast elf Jahren in der EG: Wenn irgendwo Geld gebraucht wird, wendet man stumm den Blick auf die Deutschen.“

Kohl vor Journalisten am 22. Juni 1993 auf dem EG-Gipfel in Kopenhagen

Foto: AP

Menschlichkeit der Gesellschaft: „Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.“

Kohl im Mai 199

Foto: dpa

Vergleich mit Goebbels: „Er ist ein moderner kommunistischer Führer, der sich auf Public Relations versteht. Goebbels, einer von jenen, die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren, war auch ein Experte in Public Relations.“

Kohl in einem Interview mit dem US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“ im Oktober 1986 über Michail Gorbatschow

Foto: dpa

„Wir gehen nach Berlin – aber nicht in eine neue Republik.“

Kohl im Juli 1999 in Anspielung an die sogenannte Bonner Republik

Foto: dpa

Sie und Du: „You can say you to me.“

Kohl zu Margaret Thatcher – nichtwissend, dass das englische You das höfliche Sie und das Du gleichermaßen bedeutet.

Foto: AP

Gnade der späten Geburt: „Ich rede vor Ihnen als einer, der in der Nazizeit nicht in Schuld geraten konnte, weil er die Gnade der späten Geburt und das Glück eines besonderen Elternhauses gehabt hat.“

Kohl am 24. Januar 1984 in einer Rede vor der Knesset in Israel

Foto: dpa

Wahlkampf wie ein Marathonlauf: „Wahlkampf ist ein Marathonlauf. Es kommt nicht darauf an, wer auf den ersten Metern vorn liegt, sondern wer am Schluss gewinnt.“

Kohl in einem Zeitungsinterview 1998

Foto: REUTERS

Freude am Leben: „Essen und Trinken - das steht für Freude am Leben.“

Kohl (hier mit seinem Amtskollegen Jacques Chirac zur Eröffnung der ANUGA in Köln 1997

Foto: AP

Ein Europa mit einer Stimme: „Nur wenn Europa mit einer Stimme spricht und seine Kräfte bündelt, kann es sein Gewicht angemessen zur Geltung bringen.“

Kohl im Jahr 1992 in Oxford

Foto: REUTERS

Geistig-moralische Wende: „Was wir brauchen, ist eine geistig-moralische Wende.“

Helmut Kohl (Mitte) mit dem Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, Franz Josef Strauß (2. von links), und anderen im August 1980 in Mannheim.

Foto: dpa

Sich selbst imponieren: „Wer sich nicht selbst imponiert, kann niemand anderem imponieren.“

Helmut Kohl am Rednerpult des Bundestages im Jahr 1982

Foto: dpa

Vom Winde verweht: „Der Wind des Zeitgeistes weht heute da und morgen da. Und wer sich danach richtet, der wird vom Winde verweht.“

Kohl als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident im Jahr 1975.

Foto: dpa

Visionäre und Realisten: „Die Visionäre von gestern sind die Realisten von heute.“

Bundeskanzler Helmut Kohl mit dem CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß

Foto: dpa

Mit Kindern in die Zukunft: „Ein Land mit Kindern ist ein Land mit Zukunft. Kindern Leben zu schenken, sie groß zu ziehen, ist dem Tun des Försters vergleichbar, der einen Baum pflanzt und weiß: Wenn dieser Baum Schatten spendet, wird er selbst nicht mehr sein.“

Kohl mit Angela Merkel im Jahr 2000.

Foto: dpa

Ja zur Frau: „Wer ja sagt zur Familie, muss auch ja sagen zur Frau.“

Kanzlerin Merkel vor Kohl-Portrait

Foto: dpa

Frieden aus Deutschland: „Von deutschem Boden muss in Zukunft immer Frieden ausgehen.“

Helmut Kohl mit dem gestürzten Kanzler Schmidt

Foto: dpa

Kein einsames Denkmal: „Ich bin kein Denkmal. Die stehen ziemlich einsam in der Gegend.“

Helmut Kohl im Wahlkampf 1990

Foto: AP

Ehrlich in Maßen: „Ich habe versucht, ehrlich zu sein, aber in Maßen.“

Kohl mit Papst Johannes Paul II. im Jahr 1996

Foto: AP

Auf die Ausgabe kommt es an: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“

Helmut Kohl am Rednerpult

Foto: AP

Auf einer Wellenlänge: „Ich weiß nicht, was der französische Staatspräsident Mitterand denkt, aber ich denke dasselbe.“

Kohl während eines CDU-Parteitags im Jahr 1991

Foto: dpa

Bloß nicht grüßen: „Früher hat man den Hut gar nicht tief genug ziehen können, und heute wechselt man die Straßenseite, nur um nicht Grüß Gott sagen zu müssen.“

Kohl im Jahr 2000 über Parteifreunde

Foto: AP

Ein kollektiver Freizeitpark: „Deutschland - ein kollektiver Freizeitpark.“

Helmut Kohl im Oktober 2009

Foto: dpa

Keine Manieren: „Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte bei den Staatsessen herum, so dass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musst.“

Zitat aus dem „Spiegel“

Foto: REUTERS

Ein Verräter und eine Null: „Das ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null.“

Das soll Kohl in den Gesprächen mit dem WDR-Journalisten Schwan über den Ex-Bundespräsidenten Wulff gesagt haben.

Foto: AP

Weg über die Bücher: „Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte.“

Kohl über Gorbatschow im „Spiegel“. Der Altkanzler soll davon überzeugt gewesen sein, dass die Schwäche Moskaus zum Zusammenbruch der DDR geführt habe.

Foto: dpa

Klug und moralisch: „Mir war klar, dass Richard sich selbst für den Klügsten und Allermoralischsten hält.“

Kohl über den ehemals ersten Mann im Staat, Richard von Weizsäcker

Foto: dpa

Geld spielte kaum eine Rolle

Kohl ist damals wie im Rausch. Plötzlich ist es, als fügten sich alle Mosaiksteine seiner Außenpolitik zu einem politischen Meisterwerk, als sei all’ sein Wirken zwangsläufig auf diesen welthistorischen Moment hinaus gelaufen: auf das denkbar beste Ende eines fürchterlich gewaltsamen 20. Jahrhunderts. Kohl spürt den „Rockzipfel der Geschichte“, fühlt sich wie ein Werkzeug von Hegels Weltgeist, der alles zum Besten ordnet. Er will „blühende Landschaften“ herbei zaubern, Deutschland mit Polen, Tschechien, Ungarn und Europa mit sich selbst versöhnen - und er wischt mit der Nonchalance eines Traumwandlers die Bedenken derer beiseite, die er im göttlichen Moment glückender Geschichte nur für Knauser und Knicker, für politische Kleinkrämer und ökonomische Erbsenzähler halten kann. Geld? Was für eine Profanität: „Zur Not drucken wir halt ein bisschen mehr.“

Kein Wunder, dass Kohl es auch mit der Stabilität der D-Mark nicht so genau nimmt. Nach der geglückten deutschen Einheit muss es jetzt auch schnell vorwärts gehen mit den „Vereinigten Staaten von Europa“. Die politischen Lokomotiven in diesem Prozess sollen eine zügige Osterweiterung der EU und eine gemeinsame Währung sein. In Frankreich, das sich gerade von einer Franc-Krise erholt hat, kann man sich 1988 nicht einmal im Traum vorstellen, dass Deutschland auf die D-Mark verzichtet: „Die Macht Deutschlands“, weiß Mitterrand, „beruht auf der Wirtschaft, und die D-Mark ist Deutschlands Atombombe.“

Die wichtigsten politischen Stationen Helmut Kohls
1946: Eintritt in die CDU1955: Mitglied im Vorstand der CDU Rheinland-Pfalz1959: Zum ersten Mal in den Landtag von Rheinland-Pfalz gewählt1963: Wahl zum Fraktionsvorsitzenden1964: Wahl in den CDU-Bundesvorstand1966: Wahl zum CDU-Landesvorsitzenden Quelle: dpa
Kohl übernimmt in der Mitte der Legislaturperiode das Amt des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten von Peter Altmeier. Nach zweimaliger Wiederwahl mit absoluten Mehrheiten gibt er das Amt im Dezember 1976 an Bernhard Vogel ab.
Erste Kanzlerkandidatur Kohls. Die Union wird mit 48,6 Prozent stärkste Fraktion, aber SPD und FDP behalten ihre Mehrheit. Kohl tritt im Dezember als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz zurück und wird Oppositionsführer im Bundestag.
Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition setzt Kohl ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt durch und wird zum Bundeskanzler gewählt. Durch eine gezielt verlorene Vertrauensabstimmung macht Kohl im Dezember 1982 den Weg für eine Neuwahl frei.
Bei der Bundestagswahl erhalten Union und FDP eine klare Mehrheit für die von Kohl angekündigte Politik der "geistig-moralischen Wende".
1984: Innenpolitische Krisen wegen der Affäre um General Kießling und der Flick-Parteispendenaffäre. Im September trifft sich Kohl mit dem französischen Präsidenten Francois Mitterrand am Ort der Schlacht um Verdun zum gemeinsamen Gedenken an die Toten der beiden Weltkriege. Die Bilder des minutenlangen Händedrucks wurden zum Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung.Mai 1985: Der gemeinsame Besuch Kohls mit US-Präsident Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg löst heftige Kontroversen aus. Auf dem Friedhof sind auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt.November 1986: Kohl vergleicht den sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow in einem "Newsweek"-Interview mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels.1989: Innerparteiliche Widersacher um Heiner Geißler, Lothar Späth und Rita Süssmuth schmieden Pläne zur Ablösung Kohls. Der erfährt davon und kann den Putschversuch abwehren.Am 9. November fällt die Mauer. Kohl verkündet danach ein Zehn-Punkte-Programm zur stufenweisen Herstellung der Einheit Deutschlands und Europas.
Abschluss der Einigungsverträge. Gegen den Widerstand von Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl setzt Kohl einen Umtauschkurs von Ost- in D-Mark von 1:1 durch. In einer Fernsehansprache verheißt er in Ostdeutschland "blühende Landschaften". In den 2+4-Verhandlungen mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs erreicht Deutschland die Rückgabe seiner vollen Souveränität. Zusammen mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher erwirkt Kohl bei einem Besuch in der Sowjetunion die Zustimmung Gorbatschows, dass das vereinigte Deutschland in der Nato bleiben kann.
Am 3. Oktober 1990 ist Deutschland wiedervereinigt. Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl im Dezember wird die Regierung Kohl im Amt bestätigt.
Kohl bricht sein Wahlversprechen von 1990, die Steuern wegen der deutschen Einheit nicht zu erhöhen. Außenpolitisch treibt seine Regierung zusammen mit Frankreich die europäische Einigung voran, die auf dem EG-Gipfel von Maastricht in der Vereinbarung über die Einrichtung einer Europäischen Union mit einer gemeinsamen Währung, dem Euro, mündet.
Union und FDP gewinnen die Bundestagswahl.
Kohl kündigt entgegen früheren Äußerungen seine neuerliche Kandidatur für die Wahl 1998 an. Wenig später präsentierte er Wolfgang Schäuble als seinen Wunsch-Nachfolger.
Regierung Kohl wird abgewählt, Kohl tritt auch als CDU-Vorsitzender zurück und wird Ehrenvorsitzender.
Aufdeckung der CDU-Spendenaffäre. Kohl räumt ein, selbst in den Jahren 1993 bis 1998 für die Partei Spenden von 1,5 bis zwei Millionen Mark erhalten und nicht angemeldet zu haben. Er verweigert jede Auskunft über die Namen der Spender mit der Angabe, er habe den Geldgebern mit seinem Ehrenwort Anonymität zugesichert. Es kommt zum Bruch mit der Parteiführung um Parteichef Schäuble und Generalsekretärin Angela Merkel. In der Folge wird er im Januar 2000 zum Verzicht auf den Ehrenvorsitz gezwungen.
Die Bonner Staatsanwaltschaft stellt ein Ermittlungsverfahren gegen Kohl zur Spendenaffäre gegen Zahlung einer Geldbuße von 300.000 Mark wegen geringer Schuld ein.Kohls Frau Hannelore nimmt sich das Leben.
2004: Kohl legt den ersten Teil seiner Autobiografie vor, weitere Bände folgen.2007: Nach mehreren Operationen verschlechtert sich Kohls Gesundheitszustand. Er tritt seltener in der Öffentlichkeit auf.2008: Kohl heiratet Maike Richter.2011: In einem Interview übt Kohl Kritik an der deutschen Außen- und Europapolitik, was als Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel wahrgenommen wird. Später relativiert er diese Interpretation etwas.2012: Die Kanzlerin würdigt Kohl zum 30. Jahrestag seiner Wahl zum Bundeskanzler und überreicht ihm eine Sonderbriefmarke mit der Aufschrift "Kanzler der Einheit" und "Ehrenbürger Europas".

Doch Kohl („Führen heißt, eine Vision in die Realität umsetzen.“) ist auch diesmal bereit, Deutschland zur europäischen Subsidiarmacht zu schrumpfen - koste es, was es wolle. Gegen den Willen seiner Finanzminister, gegen den Einspruch der Bundesbank und erst recht gegen die Wirtschaftsdaten einiger Euro-Länder, verzichtet Kohl auf Deutschlands Status einer finanziellen Nuklearmacht und setzt 1991 in Maastricht seinen Fahrplan zur Währungsunion durch. Der Euro soll forcieren, was geschehen muss, weil in den Geschichtsbüchern von morgen geschrieben steht: Und siehe, Europa ward friedlich, einig, eins. Noch 2002, bei der Einführung des Euro, ist Kohl von der historischen Tragweite seiner Entschlusskraft, vom „Geist der Geschichte“ ergriffen: „Ich bin mir sicher: In fünf oder sechs Jahren werden auch die Briten mit dem Euro zahlen… In zehn Jahren wird es die einheitliche Währung auch in Zürich geben.“

Erinnerung an Einheit und Einigung

Was also bleibt von Helmut Kohl? Nun - exakt das, wovon er träumte: die Erinnerung an den „Kanzler der deutschen Einheit“ und an den „Kanzler der europäischen Einigung“. Sicher, der ökonomische Preis seiner postnationalen Europapolitik wird heute viel höher veranschlagt als damals - und die politische Dividende niedriger. Mehr noch: Der EU droht heute ausgerechnet von Seiten jener Gefahr, die Europa als politischen Wert an sich verheiligen, es sich gleichzeitig zur Beute ihrer nationalen Egoismen machen und meinen, es mit dem ökonomischen Einmaleins nicht so genau nehmen zu müssen.

Kohl selbst hat sich das Ausmaß falsch verstandener Solidarität nicht vorstellen können und den Kosten des Euro die Chancen eines integrierten Wirtschaftsraumes entgegengehalten, nicht zuletzt für die deutsche Exportindustrie - ein Argument, das in Stellungnahmen von Verbandsvorständen und Top-Managern bis heute nachhallt. Unumstritten bleiben seine Verdienste um die deutsche Einheit. Kohl hat damals, als Intellektuelle, Linksliberale und Politiker aller Parteien feuilletonistischen Gespenstern von Zweistaatlichkeit und Kulturnation nachjagten, das „Fenster der Geschichte“ aufgehen sehen und mit mutiger Entschlusskraft die Weichen gestellt für die blockfreie, dezentrierte Welt, in der wir heute leben.

Es ist töricht, Kohls beherzte Politik gegen auf die aufopferungsvolle Freiheitsbewegung in der DDR oder Gorbatschows Perestroika auszuspielen, um seine, ja: historische Großtat zu relativieren. Für den langen Moment der Weltwende 1989/90 schien Helmut Kohl damals das „Ende der Geschichte“ gekommen, schienen historischer Auftrag, programmatische Mission und eine sich gegenwärtig vollziehende politische Wirklichkeit ineinanderzufallen: Geschichte als Subjekt - Helmut Kohl ihr Werkzeug. Man hat ihn sich in jenen Monaten als glücklichen Menschen vorzustellen.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick