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Politische Börse Warum die Jamaika-Pleite die Börse kalt lässt

Die Nation echauffiert sich über das Platzen der Sondierungen, doch die Finanzmärkte zeigen keine Reaktion. Ist die Börse also unpolitisch? Nur vordergründig.

Das Ende der Jamaika Sondierungen. Quelle: dpa Picture-Alliance

Wie reagieren die Märkte? Die Frage stellen sich nicht nur Wirtschaftsjournalisten nach jedem größeren politischen Ereignis.

Am Tag nach dem Aus für die Jamaika-Koalition war die Frage schnell abgehakt und kaum eine Nachricht wert. Im Marktbericht des Handelsblatts am vergangenen Montag schaffte es das politische Erdbeben von Berlin nicht einmal in die Überschrift. DAX 30 und Euro Stoxx 50 verloren zunächst ein wenig, erholten sich aber rasch. Der Euro bewegte sich kaum. Auch die Bundestagswahlen im September hatten die Märkte kaum bewegt, ebenso wie die Bundestagswahlen von 2013. Ist die große Politik den Märkten also gleichgültig?

Zumindest unter den derzeitigen Umständen scheint das so zu sein. Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Degussa und volkswirtschaftlicher Berater des P&R Real Value Fonds, wundert sich nicht, dass die Berliner Ereignisse, so sehr sie auch die politische Gemütslage der Deutschen durchrütteln, die Finanzmärkte kalt lassen: „Das Börsengeschehen ist in den letzten Jahren immer stärker von globalen Ereignissen bestimmt. Die Weltkonjunktur oder die gemeinsame Geldpolitik der großen Zentralbanken prägt dieses weit mehr als das politische Geschehen in einzelnen Ländern.“ Eine expandierende Weltwirtschaft, niedrige Zinsen und hohe Liquidität – das seien die Haupttreiber der Börsen.

Scheitern der Jamaika-Sondierungen lässt Börse kalt

Aber das war nicht immer so und muss daher auch nicht immer so bleiben. Altgediente Börsianer werden sich noch an den 11. März 1999 erinnern. Es war ein sehr guter Tag für sie. Der Dax stieg zeitweise um über sechs Prozent. Das Handelsblatt schrieb von einer „Kursexplosion“. Auch der zu jener Zeit noch blutjunge Euro legte kräftig zu. Damals war keine komplette Koalition geplatzt, sondern nur ein Bundesfinanzminister überraschend zurückgetreten.

Aber dieser Oskar Lafontaine hatte es in sich. Vielleicht war er der bislang letzte deutsche Politiker, der vermochte, was die heutigen selbst durch die Herbeiführung einer veritablen politischen Krise nicht mehr können: die Märkte bewegen. Begründung des Handelsblatts damals: „Mit dem völlig unerwarteten Rücktritt des von vielen als wirtschaftsfeindlich kritisierten Lafontaine hätten sich die Rahmenbedingungen für die Börse entscheidend verbessert, hieß es im Handel ... Lafontaine habe den Weg für einen finanz- und steuerpolitischen Neuanfang frei gemacht.“

Auch zuvor schon gab es Wahlen und innenpolitische Ereignisse in der Bundesrepublik, die den Aktienmärkten ganz und gar nicht gleichgültig waren. Seit Ludwig Erhards Kanzlerschaft hatte der deutsche Aktienmarkt fast 20 Jahre lang kaum Bewegung gezeigt. Nun begann mit dem „Verrat von Bonn“ (so nannte die SPD den Koalitionswechsel von Lambsdorffs FDP hin zu Kohls CDU) und dem darauf folgenden Wahlerfolg der neuen CDU/CSU-FDP-Koalition im März 1983 eine lange und bis dahin in Deutschland beispiellose Börsen-Rally. Der DAX wurde erst 1988 eingeführt, aber wenn man ihn zurückberechnet, so ist er vom Tag nach den Wahlen, also dem 7. März 1983, in sechs Monaten um rund 18 Prozent gestiegen.

Letztlich war der Beginn der Kohl-Kanzlerschaft, gemeinsam mit Reagens Präsidentschaft in den USA und dem „Thatcherismus“ in Großbritannien der Ausgangspunkt für eine historisch einzigartige Entwicklung, die den Dax in 35 Jahren von rund 500 auf heute rund 13.000 Punkte katapultierte. Die Bedeutung dieses Zuwachses wird erst deutlich, wenn man bedenkt, dass der zurückberechnete Dax zuvor fast zwanzig Jahre lang nur um heute unvorstellbare 500 Punkte herum schwankte.

Oskar Lafontaine war - bis jetzt - der letzte bundesdeutsche Regierungspolitiker, der noch ernsthaft – aber eben doch nicht konsequent – die Märkte bändigen zu können glaubte. Zum Beispiel mit seiner Idee, die Spekulation einzudämmen durch die Einführungen von Zielzonen für die Wechselkurse von Dollar, Euro und Yen. Ein Bundesfinanzminister, der die Überzeugungen wirtschaftsliberaler Ökonomen für „Geschwätz“ hielt und offen gegen den „Marktradikalismus“ antrat. Ein Finanzminister, für den die Stärkung der Investitionsbedingungen kein politisches Argument war, sondern in der Steuerung der Nachfrage das Heil der Wirtschafts- und Finanzpolitik sah. Kein Wunder, dass die Märkte jubilierten, als er kapitulierte und alle politischen Ämter hinwarf.

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