Regierungsflieger wieder kaputt: Erst Premiere, dann Panne: Habeck strandet in Lissabon
Mit einem Selfie ist es nicht getan: Robert Habeck wird auf der Web Summit in Lissabon von einer rein weiblichen Wirtschaftsdelegation begleitet.
Foto: Sebastian Gollnow/dpaDiese Premiere hat sich Robert Habeck anders vorgestellt. Der grüne Wirtschaftsminister wird diese Woche erstmals in der Geschichte seines Hauses von einer rein weiblichen Wirtschaftsdelegation begleitet – und zwar genau dahin, wo bisher Männer dominieren: zum Web Summit in Lissabon, eine der größten Konferenzen in der Start-up-Branche weltweit. Fast 72.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind hier zu Gast, rund 3000 Aussteller, 935 Redner – und für Habeck gibt es die ganz große Bühne als politischer Spitzengast.
Es ist eine Reise ganz nach Habecks Geschmack: Kapuzenpullover statt Koalitionskrach, Lissabon statt Lindner, Wahlkampf-Aufbruch statt Ampel-Abbruch.
„Zeit, dass sich was dreht“, summt Habeck in seinem Videoclip, mit dem er am vergangenen Donnerstag bereits seine Kanzlerkandidatur andeutete. Doch am späten Dienstagabend dreht sich für Habeck erstmal nichts mehr.
Habeck verpasst Söder, Scholz und Merz
Die Regierungsmaschine „Kurt Schumacher“ kann wegen eines technischen Defekts am Triebwerk nicht nach Berlin abheben, ein Ersatzflieger ist in Lissabon erst an diesem Mittwoch gegen 13 Uhr abflugbereit. Für Habeck ist es die erste Flugzeugpanne in seiner Amtszeit als Wirtschaftsminister.
Kann nicht abheben: Robert Habeck.
Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpaEr verpasst damit am Mittwochmittag das Aufeinandertreffen von Kanzler Olaf Scholz (SPD), CDU- und Unionsfraktionschef Friedrich Merz und Markus Söder, CSU-Chef und Bayerns Ministerpräsident im Bundestag. Habecks Bedauern darüber, den Dreien nicht von der Regierungsbank aus zusehen zu müssen, dürfte sich allerdings in Grenzen halten.
Mit einem Selfie ist es nicht getan
„Zeit, dass sich was dreht“, 102 Tage sind es jetzt noch bis zur Bundestagswahl am 23. Februar 2025. Den Titel von Herbert Grönemeyer darf zwar auch Habeck nicht mehr für den Wahlkampf nutzen – doch wer braucht schon Songs, wenn er einen Flieger voller Frauen hat. Gibt es ein besseres Symbol für eine Zeitenwende, nicht nur in der Gründerszene?
So leicht wie sich das Selfie inmitten von 20 Start-up-Unternehmerinnen und Investorinnen schießen lässt, ist es freilich nicht – und das wird ausgerechnet bei Habecks Rundgang auf der Messe deutlich.
Frauen hinterm Absperrband
Acht Firmen besucht der Wirtschaftsminister am Dienstag im deutschen Pavillon und gleich die ersten drei werden geführt: von Männern. Die Gründer berichten Habeck von Künstlicher Intelligenz für die Mikroskopie, Cloud-Computing und einer digitalen Plattform, mit der Arbeitsabläufe in Unternehmen effizienter geplant werden sollen. Habecks Frauen-Delegation steht ausgesperrt vorm grünen Kordelband und hört den Männern zu.
Dabei ist das Problem auch außerhalb des Pavillons längst offensichtlich: nur 18,7 Prozent der Gründer sind in Deutschland nach Angaben des Deutschen Start-up-Monitors weiblich, Tendenz: sinkend.
Croissants, Kitas und Kapital
2023 waren noch 20 Prozent der Gründer Frauen. Eine Entwicklung, die Ulrike Hinrichs Sorgen macht Die Geschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) und ehemalige Vorsitzende des Beirats Junge Digitale Wirtschaft wirbt bereits seit drei Jahren beim Ministerium für eine Frauen-Delegation. Als Zeichen für mehr Sichtbarkeit. Jetzt – zum Wahlkampf-Auftakt – hat es endlich geklappt.
Aber freilich ist auch Habeck klar, dass es allein mit einem Flieger voller Frauen nicht getan ist. Bei Croissants und Konfitüre lässt er sich von den Gründerinnen schildern, woran es aus ihrer Sicht mangelt, die Spannbreite reicht von Kitaplätzen bis zu Kapital-Zugängen.
Habeck will nichts „rummläppern“ lassen
Habeck versichert, das alles mitzunehmen in die Entwicklung einer Start-up-Strategie 2.0. Die erste Version hat die Bundesregierung unter seiner Federführung vor zwei Jahren beschlossen. Die Themen dürften jetzt aber nicht „so rummläppern“, mahnt Habeck. Eine neue Regierung müsse sie angehen, „wäre natürlich super, wenn ich dann dabei wäre.“
Tja, wenn.
Die Grünen stehen in den Umfragen aktuell bei 12 Prozent, ein Wert, mit dem niemand Kanzler werden kann. Das weiß auch Habeck. In Lissabon wirbt er deshalb nicht nur für den Start-up-Standort Deutschland – sondern auch für sich selbst.
Verkleidet wie zwei Karnevalsprinzen
Habeck inszeniert sich als Alternative zu Friedrich Merz und Olaf Scholz, allein schon optisch. Zum deutsch-portugiesischen Start-up-Treffen trägt er einen grauen Hoodie, in dem seine Konkurrenten so verkleidet gewirkt hätten wie zwei Karnevalsprinzen. Zur Keynote am Dienstagmittag schlüpft er dann ins weiße T-Shirt mit breitem Logo auf der Brust: „Start-up Germany“.
„Believe in the future“, ruft er seinen tausenden Zuschauerinnen und Zuschauern zu. Und offensichtlich auch sich selbst – denn welche Zukunft er hat, hängt entscheidend von der Wirtschaftsentwicklung in der Heimat ab. Deutschland droht zum zweiten Mal hintereinander in die Rezession zu rutschen, deutsche Unternehmen leiden unter dem stärksten Auftragsmangel seit der Finanzkrise 2009.
Wirtschaftskrise? Nix damit zu tun
102 Tage bleiben Habeck. Bis dahin muss er die Wählerinnen und Wähler davon überzeugen, dass diese Krise weniger mit dem Wirtschaftsminister Habeck zu tun hat, sondern vor allem mit den Fesseln, die ihm die Ampel gebunden hat. Mit den Merkel-Jahren. Und den geopolitischen Entwicklungen in China, den USA und Russlands Angriffskrieg in der Ukraine.
Das wird ihm allerdings nur dann gelingen, wenn er die Grünen hinter sich versammeln kann. Am Sonntag will er sich von ihnen beim Parteitag offiziell zum Kanzlerkandidaten küren lassen – eine Premiere, die nicht mit einer Panne enden soll.
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