Späterer Renteneintritt: In diesen Ländern wird die Rente mit 70 Realität
Er wolle den Deutschen wieder Lust auf Arbeit machen, hat der neue Kanzler Friedrich Merz gesagt. Mit Viertagewoche und Work-Life-Balance sei der Wohlstand nicht zu sichern, mahnte er. Worüber Merz bislang allerdings nicht spricht: Natürlich kommt es neben der Arbeitsfähigkeit auch auf die Arbeitslust an – ganz besonders aber auf die Anzahl der Arbeitskräfte. Und dass die Bevölkerung in Deutschland altert, verringert den Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter massiv.
Es liege im Wesentlichen am Mangel an Arbeitskräften, dass auch in den kommenden zehn Jahren das Wirtschaftswachstum gering ausfallen wird, warnt der Wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums in einem Gutachten vom November. Dabei gibt es in Deutschland durchaus bislang unausgeschöpftes Arbeitskräftepotenzial: neben Frauen vor allem ältere Beschäftigte sowie jüngere Rentner und Rentnerinnen.
Andere Länder haben das bereits erkannt: In Dänemark stimmte gerade eine große Mehrheit im Parlament dafür, dass Däninnen und Dänen künftig erst mit 70 Jahren in Rente gehen können. Das Renteneintrittsalter wird dort seit 2006 kontinuierlich an die Lebenserwartung angepasst, bis 2040 steigt es von derzeit 67 Jahren in drei weiteren Schritten auf diese Marke. Alle fünf Jahre werden die Zahlen überprüft, für jüngere Generationen könnte sich das Renteneintrittsalter also noch weiter erhöhen.
Auch in Deutschland würde die Entscheidung, das Rentenalter zu erhöhen, nicht nur die Rentenversicherung entlasten. Hätten 55- bis 64-Jährige in Deutschland die gleichen Erwerbsquoten wie Gleichaltrige in Schweden, stünden etwa 440.000 zusätzliche Arbeitskräfte zur Verfügung. Bei den Über-65-Jährigen könnte man hierzulande bei gleichem Verhalten der Menschen wie in Schweden sogar etwa 890.000 zusätzliche Arbeitskräfte mobilisieren, rechnete der Wissenschaftliche Beirat vor. Inklusive der Option, dadurch das Bruttoinlandsprodukt zu steigern.
In Deutschland führen Diskussionen über die Rente mit 70 jedoch regelmäßig zu Ärger. Auch deshalb hat Friedrich Merz das Thema späterer Renteneintritt im Wahlkampf tunlichst vermieden. „Nein“, antwortete gerade die neue Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) knapp, als die „Berliner Morgenpost“ sie fragte, ob sie darüber diskutieren wolle, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Diese Kopplung werde schon deshalb nicht funktionieren, weil es so unterschiedliche Arbeitsplätze gebe: „Es gibt Berufe, da sind die Leute mit 60 schon fertig“, sagte sie.
Gehen die Deutschen spät in Rente?
Auch Bas‘ Vorgänger Hubertus Heil hatte immer wieder darauf verwiesen, das Renteneintrittsalter sei in Deutschland mit 67 international gesehen ohnehin bereits am oberen Rand. Nur: Genau genommen gilt dieses Renteneintrittsalter in der Bundesrepublik noch gar nicht, es steigt schrittweise bis 2031. Der aktuelle Jahrgang 1960 erreiche seine reguläre Altersgrenze mit 66 Jahren und 4 Monaten, schreibt die Rentenversicherung.
Bislang findet sich Deutschland noch nicht „am oberen Rand“, zeigt eine Auflistung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vom Dezember 2023 (der Bericht wird nur alle zwei Jahre aktualisiert). Demnach führen Dänemark, Island und Norwegen mit einem bereits geltenden Renteneintrittsalter von 67 die Rangliste der europäischen innerhalb der OECD-Länder an, gefolgt von den Niederlanden (66,6) sowie Großbritannien und Irland (66). Erst dann kommt Deutschland mit zum Zeitpunkt des Vergleichs noch 65,8 Jahren.
Auch künftig sticht die Bundesrepublik mit einem Rentenregelalter von 67 Jahren nicht hervor: In Zukunft, das heißt für jemanden, der 2022 in den Arbeitsmarkt eingetreten ist, wird ebenfalls Dänemark mit einem Renteneintrittsalter von 74 Jahren vorne liegen, zeigt die OECD. Es folgen Italien und Estland mit 71 Jahren, die Niederlande und Schweden (70 Jahre), Finnland und die Slowakei (69) sowie Portugal (68) vor Belgien, Großbritannien, Island, Norwegen und eben Deutschland, wo bislang keine Änderung über 67 Jahre hinaus vorgesehen ist.
Allerdings weicht das Alter, in dem Menschen wirklich in Rente gehen, in der Regel vom Renteneintrittsalter ab – je nach Land tun sie das früher oder später als vorgesehen. So zeigt der Rentenbericht der OECD auch, dass Isländer unter den Europäern am spätesten und im Schnitt erst mit 68,3 Jahren den Arbeitsmarkt verlassen, obwohl es für sie im Alter von 67 Jahren gesetzlich ohne Abschläge möglich wäre. Auch in Portugal, Irland und Schweden bleiben Arbeitnehmer ihren Arbeitgebern länger erhalten, als sie es müssten. Die Frauen gehen in all diesen Ländern dagegen vorzeitig in Rente.
In den meisten OECD-Ländern verhält es sich sogar für beide Geschlechter so, dass die Menschen oft vor der Regelaltersgrenze in den Ruhestand gehen; in Frankreich beispielsweise mit 60,7 (Männer) beziehungsweise 62,2 Jahren (Frauen). Das gesetzliche Renteneintrittsalter liegt dort bei 64,8 Jahren. Auch die Deutschen verabschieden sich früher aus dem Arbeitsleben, nämlich mit 63,7 (Männer) beziehungsweise 63,4 Jahren (Frauen).
Das Renteneintrittsalter anzuheben, bleibe eine gängige Strategie, um die finanzielle Tragfähigkeit des Rentensystems zu verbessern – ohne das Rentenniveau zu senken, schreiben die Expertinnen und Experten der OECD. In einem von vier Ländern der Gruppe seien inzwischen Lebenserwartung und Renteneintrittsalter verknüpft.
In ihrem Grundsatzprogramm hatte die CDU vor etwa einem Jahr selbst noch angekündigt, dies tun zu wollen. Spätestens seit dem Wahlkampf steht Friedrich Merz allerdings zur Rente mit 67.
Zwar hat der Kanzler zuletzt mehrfach das Problem der steigenden Beiträge zur Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung thematisiert. Er stehe „auch persönlich dafür ein, dass die jungen Generationen in unserem Land nicht überfordert werden mit Aufgaben, für die ihre Eltern bisher nicht genügend Vorsorge getroffen haben“, sagte er in seiner ersten Regierungserklärung.
Doch ob mit Merz die große Sozialstaatsreform kommt, die die Sozialbeiträge wieder drücken könnte? Völlig offen.
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