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Sondierungen Gewinner und Verlierer des Marathon-Pokers

Martin Schulz Quelle: AP

Die Partei- und Fraktionschefs von Union und SPD sehen nach fünf Sondierungstagen genug Verbindendes. Der nächtliche Verhandlungsmarathon könnte aber umsonst gewesen sein.

Es dauert quälend lange. Mehr als 24 Stunden verhandeln Angela Merkel, Martin Schulz, Horst Seehofer und ihre Leute in der SPD-Zentrale. Über Stunden dringt kaum mehr nach draußen, als dass es hakt, ruckelt, stockt. Zwischendurch kommen einzelne Unterhändler raus und drehen eine nächtliche Runde um den Block - Luft schnappen zwischen den zähen Gesprächen. Dann wieder Funkstille. Das Schweigegelübde hält die ganze Nacht: Abgeschottet wie in Nordkorea seien die Verhandlungen gelaufen, heißt es in Parteikreisen.

Erst um 8.30 Uhr am Freitagmorgen kommt das Signal: Die Chefs von CDU, CSU und SPD sind sich doch noch einig geworden. Sie wollen in richtige Koalitionsverhandlungen einsteigen. Vor einer abschließenden Einigung der beiden Sondierungsgruppen fehlte da aber vor allem noch die Zustimmung der SPD-Sondiererseite - in der auch ausgewiesene GroKo-Kritiker sitzen. Aber mehr als ein Zwischenschritt ist eine Einigung der Sondierer sowieso nicht. Die größten Hürden stehen ihnen noch bevor.

Vor allem die Angst vor einer vorgezogenen Neuwahl mit einem dicken Plus für die Rechtspopulisten von der AfD war es wohl, die dafür gesorgt hat, dass die engsten Parteispitzen doch über den Schatten gesprungen sind. Merkel, Schulz und Seehofer dürfte klar gewesen sein: Schaffen sie es nicht, gemeinsam eine Lösung zu finden, sieht es für sie alle drei düster aus. Denn eines haben sie gemeinsam: Sie sind für die schlechtesten Ergebnisse ihrer Parteien seit 1949 verantwortlich. Das macht einsam und die politischen Gegner stark.

Der nächtliche Verhandlungsmarathon mit dem späten Ergebnis könnte aber umsonst gewesen sein, wenn der SPD-Parteitag in einer Woche die mühselig zusammengebastelten Kompromisse ablehnt. Von den drei Parteichefs steht Schulz daher vor der größten Herausforderung: Schafft er es nicht, Funktionäre und Basis seiner Partei von der Einigung zu überzeugen, dürften seine Tage als Vorsitzender gezählt sein.

Aber auch die Kanzlerin und CDU-Chefin steht schwer unter Druck. Dreieinhalb Monate nach der Bundestagswahl am 24. September gibt es im mächtigsten und wirtschaftsstärksten Land Europas immer noch keine Regierung. Vor acht Wochen ist Merkels erster Versuch krachend gescheitert, eine Regierung zu bilden. Nachdem SPD-Chef Schulz seiner Partei sofort nach der Wahl rigoros den Gang in die Opposition verordnete, platzte nach schier endlos wirkenden vier Wochen im November Merkels Sondierung mit FDP und Grünen über ein Jamaika-Bündnis.

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