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CDU-Kanzler in spe: Friedrich Merz nach den Sondierungsgesprächen mit der SPD.

Foto: REUTERS

TauchsiederFriedrich Merz: Robert Habeck hoch drei

Politikwechsel, Richtungswahl: CDU-Chef Merz bricht schamlos sein Wort – und hält es zugleich: Mehr Staat war nie. Die Verteidigungsmilliarden? Überfällig. Die Infrastrukturmilliarden? Nun mal langsam. Die Grünen sollten sich verweigern. Eine Kolumne.Dieter Schnaas 09.03.2025 - 08:37 Uhr

Wahrscheinlich werden die Grünen den Grundgesetzänderungen am Ende zustimmen. Aus staatspolitischer Verantwortung, wie es so schön heißen wird.

Weil ihnen die Sache und das Land wichtiger sind als die nachtretende Zorngeste und der parteipolitische Augenblicksvorteil. Weil sie politikstilistisch seit zwei, drei Jahren die letzte bürgerliche Werte-Partei in diesem Land repräsentieren. Und weil jeder einzelne führende Vertreter dieser Partei inzwischen über mehr politischen Anstand und Integrität, über mehr Aufrichtigkeit und Taktgefühl verfügt als alle führenden Exponenten der Union zusammen.

Wahrscheinlich also werden die Grünen in den nächsten zehn Tagen zustimmen, das Grundgesetz noch vom Bundestag in der alten Zusammensetzung ändern zu lassen, um die Pläne der künftigen Regierung zu ermöglichen. Auch wenn sie es nicht sollten. Das Aussetzen der Schuldenbremse für ein paar hundert Verteidigungsmilliarden? Überfällig. Zwingend. Drängend. Aber die 500 Infrastrukturmilliarden? Ein Witz, sie im Eilverfahren durch den alten Bundestag peitschen zu wollen.

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Ein Witz, weil Friedrich Merz, CDU-Chef und Kanzler in spe, mal wieder ein Schreck in die Glieder gefahren ist und er abermals seine Impulsivität nicht bezähmen kann. Weil er schon wieder notverordnungsgestimmt vor die Presse getreten ist und ohne Sinn und Verstand ein wirtschaftspolitisches „Whatever it takes“ in die Welt hinausposaunt hat – gerade so, als seien die Straßen und Schienen, Schulen und Krankenhäuser in Deutschland so plötzlich eingestürzt wie die Kartenhäuser der Kapitalmärkte während des Finanzbebens 2008.

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Nein, die Grünen sollten sich dem Infrastrukturpaket verweigern. Nicht, um sich zu rächen an der Union für die unendliche Kette von Beleidigungen und Verunglimpfungen, für die Ruchlosigkeit der Spahns und Söders, die lügnerische Unverfrorenheit der Freis und Dobrindts, die nicht einmal – nicht (!) ein (!) einziges (!) Mal (!) – eine Art von Demut durchblicken lassen. Sie wollen nicht mal erkennen lassen, sie wehte je auch nur ein Hauch von Selbstkritik an.

Nicht aus verletztem Stolz und Ärger über eine Union, die speziell die Grünen zwei Jahre lang lehrerlämpelhaft belehrt, beleidigt und denunziert hat, sie wollten nur Verbote durchsetzen und verstünden nichts von Wirtschaft, könnten weder politische Prioritäten setzen noch mit Geld umgehen.

Nicht um Friedrich Merz einen Denkzettel dafür zu verpassen, dass er als Chef der Opposition (nicht nur) der Ampel, sondern (vor allem) dem Land geschadet hat, weil er sich weigerte, die Schuldenbremse mit SPD und Grünen bereits 2023 zu lösen.

Auch nicht, weil die Ampel die Union monatelang erfolglos bekniet hat, eine Grundgesetzänderung mit ihr noch vor der Wahl zu beschließen, weil es dafür nach der Wahl zu spät sein könnte („Sperrminorität“) – und weil man sich auch dafür verhöhnen und bespotten lassen musste von den politischen Leichtmatrosen auf der Kommandobrücke der Union.

Und natürlich auch nicht, weil die Friedrich-Merz-Union die Deutschen täuscht und betrügt, nach Strich und Faden, vor der Wahl und nach der Wahl, in einem fort.

Wechsel, Wende, Richtungswahl?

Diese Union ist erst mit einem lächerlich dezisionistischen Eifer in den Wahlkampf gezogen (Wechsel, Wende, Richtungswahl, letzte Chance…) statt die Alltagsprobleme der Menschen (Arbeitsplatzsorgen, Preise, Wohnen, Pflege etc.) volksparteihaft empathisch zu adressieren. Sie hat dann mit trumpesken Durchregierungsfantasien in der Migrationspolitik den Blassbraunen und Linken den Erfolgsteppich ausgerollt. Und hat sich anschließend erwartungsgemäß nur mit müden 28,5 Prozent über die Ziellinie geschleppt.

Sie hat gleich danach eine dreiste finanzpolitische Kehre hingelegt, eine Wende von Friedrich Merz zu Robert Habeck hoch drei sozusagen, vom liberalkonservativen Nachbeter des Sparens und Priorisierens zum linksgrünen „Mission-Economist“ der Opulenz und Fülle – um sich exakt die Freiräume zu verschaffen, die sie der Ampel aus schierer Destruktionslust verweigerte.

Und natürlich ist sie auch nach dem Öffnen der Schuldenschleusentore allzeit charakterlos genug, immer weiter den Wirtschaftsminister zu verprügeln, deren Politik im Quadrat sie sich jetzt selbst auf die Fahnen schreibt – obwohl sie auf die Zustimmung der Grünen im alten Bundestag angewiesen ist.

Kurzum: Die Grünen sollten sich dem Infrastrukturpaket nicht verweigern, weil noch kein Wahlsieger in dieser Republik schamloser ins Kanzleramt eingezogen ist als Friedrich Merz. Sondern weil es falsch ist.

Probleme des Infrastrukturpakets

Erstens handelte ein Noch-Nicht-Kanzler gegen den gerade erklärten Wählerwillen: Die AfD bereitet bereits eine Verfassungsklage vor. Zweitens gibt es keinen Grund zur Eile – und vor allem darauf wird die AfD in ihrer Klage abzielen. Drittens handelte es sich um einen Grundgesetz-Eingriff nach Opportunität und bei Gelegenheit – was nicht nur einer ideellen Entwertung unserer Verfassung gleichkommt, sondern auch den Vorwurf provoziert, „die Altparteien“ beugten ungeschriebene Gesetze.

Tatsächlich verfängt das von Union und SPD vorgebrachte Argument der Eilbedürftigkeit (allenfalls) mit Blick auf die Verteidigungsmilliarden: Die Donald-Trump-USA, auch wenn es sich lange zuvor abgezeichnet hat, entziehen der Ukraine (und Europa) in diesen Wochen de facto ihren militärischen Schutz. Daher ließe sich dieser Teil der durchgepeitschten Grundgesetzänderung im alten Bundestag durchaus rechtfertigen.

Natürlich wird auch den mutmaßlich damit befassten Verfassungsrichtern in ein, zwei Jahren klar sein, dass es den beiden potenziellen Regierungsparteien (auch den Grünen und der FDP) beim eiligen Lösen der Schuldenbremse zugunsten von Verteidigungsausgaben vor allem darum ging, die Sperrminorität der AfD und Linken im neuen Bundestag zu umgehen. Aber sie werden vermutlich Argumente finden, diesen Teil der GG-Änderung zu tolerieren.

Anders sieht es bei den Infrastrukturmilliarden aus: Der Investitionsbedarf ist seit Jahren bekannt. Und es herrscht keine Eile. Im Gegenteil: Es will gerade jetzt, in weltpolitisch heikler Lage, sorgfältig überlegt sein, in welchen Bereichen eine halbe Billion Euro in den nächsten zehn Jahren den größten und nachhaltigsten Wachstumseffekt entfalten.

Auch setzte Merz dieses Sondervermögen in zwei Sondersitzungen des Bundestags nächste und übernächste Woche nur auf der Basis der Annahme durch, im April, Mai, Juni kein solches Sondervermögen für Infrastruktur mehr organisieren zu können. Dafür gibt es jedoch gar keinen Grund: Die Linke zollt traditionell gern Versprechen Beifall, aus der Luft geschöpftes Geld zu verteilen.

Anders gesagt: Es spricht nichts gegen eine sofortige Befassung des neuen Bundestags mit der Frage, wie viele zusätzliche (!) Milliarden Deutschland über welchen Zeitraum für welche Bereiche der Infrastruktur in ein neues Sondervermögen schreiben will. Schon gar nichts gegen einen kritischen Abgleich dieses Sondervermögens mit den Irrsinnsmilliarden, die Schwarz-Rot offenbar konsumtiv verschleudern will (Mütterrente, Pendlerpauschale, Mehrwertsteuer-Entlastungen). Und erst recht nichts gegen eine fachliche Reflexion der möglichen Wachstumseffekte, aber auch der Kapazitätsmängel und mutmaßlichen Mitnahmeeffekte, der Inflations- und Bondmarktrisiken eines solchen Sondervermögens: Daran sollten schließlich nicht nur die Grünen, sondern vor allem der „Wirtschaftsflügel“ der Union, sollten Merz und Linnemann voran, eigentlich ein Interesse haben.

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Eigentlich. Tatsächlich wollen die beiden, dass die Grünen, ausgerechnet, ihnen eine finanzpolitische Carte Blanche ausstellen. Dass die Wählertäuschung sich im Wortsinn bezahlbar macht. Dass der Betrug gleich am Anfang der Großen Koalition ruchbar, mithin in vier Jahren vergessen sein wird.

Man kann das verstehen. Es ist das Erfolgsgeheimnis der Union, immer so gerade auf der Höhe der Zeit, aber niemals (niemals!) vor ihr zu sein, konkret: „progressive Politik“ so lange vehement abzulehnen, bis sie endlich mehrheitsfähig geworden, also nicht mehr „progressiv“, sondern „mittig“, demoskopische Normalität geworden ist – nur um exakt an diesem Punkt auszurufen, man sei eigentlich schon immer Avantgarde gewesen.

Oder anders gesagt: Die CDU ist geradezu definiert als Partei, die mit vielen Jahren Verspätung da ankommt, wohin ihr andere Parteien den Weg gewiesen haben, um sich mit Aplomb an die Spitze der verunglimpften Bewegung zu stellen – die mit ihr an der Spitze als Bewegung aufgehört hat zu existieren. Diesmal ist es eine „progressive Wirtschaftspolitik“.

Schulden sind Schulden und Vermögen zugleich – und sie lassen sich nicht zurückkonvertieren in eine vormoderne Vorstellung von „Schuld“, die wir uns und unseren Kindern angeblich aufbürden – dieses Märchen der vulgären Wirtschaftsliberalen ist mit der finanzpolitischen Wende der Union endlich Geschichte: Wirtschaftsmärchenonkel Friedrich Merz hat sich als Wirtschaftsmärchenonkel Friedrich Merz geoutet. Gut so. Jetzt ist der Boden bereitet für eine entschlossene, aber auch gute, sachliche, wohlüberlegte Wirtschaftspolitik – die legitimiert ist von Mehrheiten im neuen Bundestag.

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