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Weniger Konsum, sinkende Investitionen BIP schrumpft: Deutschland rutscht in die Rezession

 Die Bundesregierung erwartet 2020 die schwerste Rezession der Nachkriegszeit: Das Bruttoinlandsprodukt soll um 6,3 Prozent einbrechen. Quelle: AP

Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Quartal wegen der Corona-Pandemie so stark eingebrochen wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Ökonomen sprechen von einer „technischen Rezession“.

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Die Coronakrise trifft die deutsche Wirtschaft mit Wucht. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte im ersten Vierteljahr gegenüber dem Vorquartal um 2,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. „Das war der stärkste Rückgang seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 und der zweitstärkste Rückgang seit der deutschen Vereinigung“, hieß es beim Statistischen Bundesamt, das damit eine erste Schätzung von Mitte Mai bestätigte. Vor allem der Rückgang des privaten Konsums um 3,2 Prozent zum Vorquartal und ein Schrumpfen der Ausrüstungsinvestitionen um 6,9 Prozent sorgten für die drastische Talfahrt der Konjunktur.

Unternehmen investierten deutlich weniger in Maschinen, Geräte, Fahrzeuge und andere Ausrüstungen. Gestiegene Bauinvestitionen und Konsumausgaben des Staates verhinderten den Angaben zufolge einen noch stärkeren Absturz.

Im März hatte sich die Pandemie in Europa ausgebreitet. Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Grenzen und Geschäfte brachten das Wirtschaftsleben in großen Teilen zum Erliegen. Bereits im Schlussquartal 2019 war die Wirtschaftsleistung nach jüngster Berechnung der Statistiker gegenüber dem Vorquartal um 0,1 Prozent zurückgegangen. Sinkt die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge, sprechen Ökonomen von einer „technischen Rezession“.

Noch heftiger werden die Folgen der Krise nach Einschätzung von Ökonomen im zweiten Vierteljahr sein. „Die Wirtschaftsleistung dürfte nochmals erheblich niedriger ausfallen als im Durchschnitt des schon gedrückten ersten Vierteljahres“, hieß es im jüngsten Monatsbericht der Deutschen Bundesbank. Diverse Prognosen im Markt gehen von einem Einbruch des deutschen BIP um bis zu 14 Prozent aus.

Auch der Außenhandel brach wegen der Viruskrise ein. Die Exporte sanken um 3,1 Prozent und die Importe gingen um 1,6 Prozent zurück. Da die strikten Eindämmungsmaßnahmen aufgrund der Corona-Pandemie erst Mitte März anfingen, dürfte der „Lockdown“ die Wirtschaft im laufenden zweiten Quartal noch viel stärker bremsen als zu Jahresanfang. Die Bundesregierung erwartet 2020 die schwerste Rezession der Nachkriegszeit: Das Bruttoinlandsprodukt soll um 6,3 Prozent einbrechen. Ökonomen und Verbände erwarten teilweise einen noch tieferen Einbruch. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag befürchtet nach seiner jüngster Prognose einen BIP-Rückgang von zehn Prozent im Gesamtjahr. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) rechnet mit einem Minus von 7,1 Prozent.

Bereits Ende März hatte der Rat der Wirtschaftsweisen der Bundesregierung deutlich gemacht, dass Deutschland unweigerlich in die Rezession steuere. In ihrem Sondergutachten vom 30. März machten sie deutlich, dass eine Rezession im ersten Halbjahr 2020 in Deutschland nicht zu vermeiden sei. „Wir gehen davon aus, dass die Corona-Pandemie die Weltwirtschaft stark beeinträchtigen wird“, sagte Lars Feld, Vorsitzender des Sachverständigenrates, am Veröffentlichungstag.

Nicht nur in der Bundesrepublik, auch weltweit stehen die Zeichen auf Rezession. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet mit der schwersten globalen Rezession seit fast hundert Jahren. Die weltweite Wirtschaftsleistung könnte 2020 um 3 Prozent zurückgehen, jene der Eurozone sogar um 7,5 Prozent, hieß es in der IWF-Prognose zur globalen Konjunktur Mitte April. Nouriel Roubini, ist Ökonomie-Professor an der New York University, erwartet nicht nur für dieses Jahr schwere wirtschaftliche Folgen: „Ich erwarte ökonomisch ein verlorenes Jahrzehnt und wachsende soziale Spannungen“, sagte er im Interview mit der WirtschaftsWoche. „Es würde mich wundern, wenn die aktuelle Krise nicht zu einer noch größeren führen würde.“

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