EZB-Entscheid: Die Trump-Disruption macht auch vor der EZB nicht halt
Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main.
Foto: dpaNur wenige Tage noch bis Weihnachten. Doch für die Finanzminister der Eurozone ist schon heute Bescherung. In der Rolle des Christkinds: Christine Lagarde, die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie hat die Leitzinsen in der Eurozone an diesem Donnerstag erneut gesenkt – und damit die Kreditaufnahme für die Regierungen verbilligt.
An den Finanzmärkten dürfte der Zinsschritt niemanden überraschen. Die Euro-Notenbanker haben die Akteure an den Börsen in zahlreichen Reden und Interviews in den vergangenen Wochen darauf vorbereitet. Den Einlagenzins, den die nationalen Notenbanken den Geschäftsbanken für deren Einlagen bei den Notenbanken gutschreiben, hat Lagarde um 25 Basispunkte auf 3,0 Prozent gesenkt. Es ist der vierte Rückgang in Folge.
Zwar war zunächst auch ein großer Zinsschritt von 50 Basispunkten im Gespräch. Doch hatten die Notenbanker diesen in der Zwischenzeit verworfen. Zu deutlich liegt die aktuelle Inflationsrate von 2,3 Prozent über dem Zielwert der EZB von 2,0 Prozent. Die Kernrate (ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise) befindet sich mit 2,7 Prozent noch weiter vom Zielwert entfernt.
Das Kalkül der Tauben
Gleichwohl dürften die Tauben im EZB-Rat darauf drängen, die Leitzinsen schon bald noch weiter zu senken. Dabei werden sie auf die schwache Konjunktur in der Eurozone verweisen. Im dritten Quartal war die gesamtwirtschaftliche Produktion zwar noch um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen. Dazu hat die Sonderkonjunktur in Frankreich im Zuge der olympischen Sommerspiele maßgeblich beigetragen. Im Jahresschlussquartal dürfte die Wirtschaft jedoch kaum noch gewachsen sein. Das liegt vor allem an den wirtschaftlichen Schwergewichten Deutschland und Frankreich.
In Deutschland wird das BIP im vierten Quartal angesichts der Krise in der Industrie wohl schrumpfen. Kaum besser sieht es in Frankreich aus. Die Impulse durch die olympischen Spiele sind Vergangenheit und das Land ist nach dem Scheitern der Regierung von Michel Barnier politisch ebenso gelähmt wie Deutschland. Allgemeine Verunsicherung, Konsum- und Investitionsattentismus dominieren die Stimmungslage auf beiden Seiten des Rheins. Die aggregierten Einkaufsmanagerindizes für die Industrie und den Dienstleistungssektor liegen in beiden Ländern deutlich unter der kritischen Marke von 50 Zählern, die den Expansions- vom Kontraktionsbereich trennt.
Die Notenbanker der EZB hoffen, dass die Nachfrageschwäche den Preisauftrieb in der Eurozone bremst und die Teuerungsrate bald auf den Zielwert von 2,0 Prozent einschwenkt. Ihre Wachstums- und Inflationsprognosen werden sie deshalb wohl nach unten korrigieren. Das ebnet ihnen argumentativ den Weg für weitere Zinssenkungen im nächsten Jahr. Wie weit der Zinsfahrstuhl nach unten fahren wird, darüber herrscht unter EZB-Beobachtern Uneinigkeit.
Das Zinsgefälle zu den USA könnte wachsen
Die Ökonomen der Berenberg Bank gehen davon aus, dass die EZB den Zinssenkungszyklus bereits bei einem Einlagenzins von 2,5 Prozent stoppen wird. Dagegen erwarten die Experten des Finanzdienstleisters Vanguard ein deutlich aggressiveres Drehen der Notenbanker an der Zinsschraube. Bis Mitte nächsten Jahres werden sie den Einlagenzins auf 1,75 Prozent senken, prognostizieren die Vanguard-Ökonomen.
Klar ist: Je weiter die EZB-Notenbanker die Leitzinsen nach unten drücken, desto größer wird der Abstand zu den USA. Zwar dürfte auch die US-Notenbank Fed ihren Leitzins, der aktuell bei 4,5 bis 4,75 Prozent liegt, im Dezember noch einmal senken. Weil die Konjunktur jenseits des Atlantiks besser läuft und die vom designierten US-Präsidenten Donald Trump avisierten Zölle auf Importe die Verbraucherpreise in den USA nach oben treiben dürften, ist der Zinsspielraum der Fed begrenzt. Zumal sich der Preisauftrieb im November auf 2,7 Prozent beschleunigt hat. Beobachter gehen daher davon aus, dass die Fed die Zinsen im nächsten Jahr nur zögerlich weiter senken wird.
Wächst der Zinsvorsprung der USA gegenüber dem Euroraum, dürfte der Dollar auf- und der Euro abwerten. Einige Notenbanker im EZB-Turm könnten einen schwachen Euro als willkommene Kompensation für die befürchtete zollinduzierte Verteuerung der europäischen Exporte betrachten. Allerdings wäre es fatal, die Zinspolitik in den Dienst der Exportförderung zu stellen. Denn ein schwacher Euro verteuert die Importe aus Drittstaaten und lässt das Inflationsziel der EZB in weite Ferne rücken. Zumal davon auszugehen ist, dass die EU mit Gegenzöllen auf Zollanhebungen durch Trump reagiert, was die Preise für Einfuhren steigen lässt.
Die Dienstleistungen verteuern sich weiter
Die Inflationsimpulse von der außenwirtschaftlichen Flanke könnten rasch auf die Binnenwirtschaft überspringen. Zumal die Glut der Inflation noch längst nicht erloschen ist. Im dritten Quartal beschleunigte sich der Anstieg der Tariflöhne in der Eurozone auf 5,4 Prozent, nachdem sich der Lohnauftrieb im zweiten Quartal auf 3,5 Prozent vorübergehend beruhigt hatte. Zwar ging der Schub im dritten Quartal auch auf Sonderzahlungen und starke Lohnerhöhungen in einzelnen Branchen in Deutschland zurück. Sollten jedoch der schwache Euro und höhere Zölle die Lebenshaltungskosten in der Eurozone demnächst weiter nach oben treiben, dürften die Gewerkschaften in der Währungsunion mit höheren Lohnforderungen reagieren. Zumal viele Länder wirtschaftlich besser dastehen als Deutschland und die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften dort weniger geschwächt ist als hierzulande.
Die Folgen der jüngsten Lohnhausse sind europaweit zu spüren. Dienstleistungen, deren wichtigste Kostenkomponente die Löhne sind, haben sich im Schnitt der Euroländer bis zuletzt mit Raten von rund vier Prozent verteuert. Die Notenbanker der EZB müssen daher auf der Hut sein, wenn sie über weitere Zinssenkungen nachdenken. Denn ihre Aufgabe ist es nicht, die Konjunktur in Schwung zu bringen oder die Kreditkosten der Regierungen zu drücken. Ihre Aufgabe ist allein die Sicherung der Preisstabilität.
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