Gegenwind durch Unsicherheit Eine toxische Melange für die Märkte

Kaum hatte EZB-Chefin Christine Lagarde die Öffentlichkeit auf eine Normalisierung der Geldpolitik vorbereitet, droht die Ukraine-Krise einen Strich durch die Rechnung zu machen. Quelle: imago images

Krieg in der Ukraine, steigende Energiepreise und Lieferengpässe erhöhen den Druck auf die Geldpolitik. Viel hängt davon ab, wie die verschärften Sanktionen gegen Russland ausfallen. Das ist ein Dilemma für die EZB.

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Energieknappheit, lockere Geldpolitik, Materialengpässe und nun auch noch die eskalierende Situation in der Ukraine – es ist eine toxische Melange, die die Preise in Europa von einem Rekord zum nächsten treibt und den erhofften Post-Corona-Aufschwung auszubremsen droht. Für das informelle Treffen der Notenbanker der Europäischen Zentralbank (EZB) an diesem Donnerstag in Paris sind das keine günstigen Voraussetzungen.

Gerade erst haben die Beamten um EZB-Chefin Christine Lagarde die Öffentlichkeit auf eine Normalisierung der Geldpolitik vorbereitet, da droht ihnen die Ukraine-Krise einen Strich durch die Rechnung zu machen. Denn je stärker der Waffengang im Osten die Konjunktur in der Eurozone in Mitleidenschaft zieht, desto größer dürften die Hemmungen der Notenbanker werden, die längst überfällige geldpolitische Straffung einzuleiten.

Noch viel Inflation in der Pipeline

Wie groß der Druck zum Tritt auf die geldpolitische Bremse ist, machte Anfang dieser Woche eine Meldung des Statistischen Bundesamtes deutlich. Demnach schossen die Erzeugerpreise in Deutschland im Januar um 25 Prozent in die Höhe. Es war der stärkste Anstieg seit Beginn der Datenerhebung 1949. Maßgeblich dafür war der Höhenflug der Energiepreise, die gegenüber dem Vorjahr um 66,7 Prozent zulegten. Erdgas in der Verteilung kostete mehr als doppelt so viel wie im Januar 2021. Für elektrischen Strom mussten die Unternehmen und Haushalte 66 Prozent mehr auf den Tisch legen. Durch den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine schossen die Energiepreise inzwischen nochmals deutlich nach oben.

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Auch Produkte wie Papier und Pappe (plus 72,7 Prozent), Düngemittel (67,4 Prozent), Butter (61,1 Prozent) und Industriegase (43,8 Prozent) verteuerten sich mit zweistelligen Raten. Die Unternehmen dürften den Kostenschub in den nächsten Wochen in den Abgabepreisen an die Verbraucher weitergeben.

Die Inflation der Konsumentenpreise, die hierzulande zuletzt bei 4,9 Prozent lag, dürfte daher hoch bleiben. Analysten erwarten für die Eurozone und für Deutschland bis mindestens zum Herbst Raten um die fünf Prozent. Nicht ausgeschlossen, dass die Fünf vor dem Komma noch nicht einmal das Ende der Fahnenstange bedeutet.

Bei Lieferstopp droht Rezession

Viel wird davon abhängen, wie es in Ukraine-Konflikt weitergeht. In Reaktion auf den Angriff Russlands auf die Ukraine übersprang der Preis für ein Fass Öl der Sorte Brent am Mittwoch die Marke von 100 Dollar – so hoch wie seit 2014 nicht. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck bereitet die Verbraucher zudem auf weitere Schübe bei den Gaspreisen vor.

Richtig heftig würde es, sollte die EU die Erdgasimporte aus Russland einstellen oder Russland der EU als Reaktion auf deren Sanktionen den Gashahn zudrehen. Da rund 40 Prozent des hiesigen Erdgasverbrauchs auf russische Lieferungen entfallen, könnte ein Lieferstopp nicht nur die Preise in ungeahnte Dimensionen katapultieren. Er könnte auch die Wirtschaft in die Rezession treiben, fürchtet Gabriel Felbermayr, Direktor des österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Dass es zu einem Lieferstopp kommt, halten die meisten Experten derzeit allerdings (noch) für unwahrscheinlich. Der Schaden für Russland und die EU wäre zu groß, das Vertrauen in die Vertragstreue des jeweils Anderen wohl für immer zerstört.



Gegenwind für Konjunktur durch Unsicherheit 

Die Bedeutung Russlands für die deutsche Exportwirtschaft ist mit einem Anteil von zwei Prozent an den gesamten Ausfuhren vergleichsweise gering. Allerdings lasse der Konflikt nicht nur die Energiepreise, sondern auch die Unsicherheit in Deutschland steigen, sagt Stefan Kooths, Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Beides belaste das Investitions- und Konsumklima. Gleichwohl hält Kooths die Auftriebskräfte in der Weltwirtschaft für so stark, „dass dieser Gegenwind – solange es nicht zu einem Abbruch der ökonomischen Beziehungen kommt – den Aufholprozess der Konjunktur nach der Coronapandemie allenfalls bremsen, aber nicht abbrechen wird“.

Der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine verschärft die Situation allerdings. In diesem Fall wäre an den Finanzmärkten kurzfristig mit einer Flucht aus risikoreicheren Papieren zu rechnen, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Der in diesem Fall wohl unvermeidliche Stimmungseinbruch könnte den erwarteten Aufschwung um bis zu zwei Monate verschieben. 

Mittelfristig würde die europäische Wirtschaft jedoch auf den durch die ökonomischen Fundamentalfaktoren vorgezeichneten Aufwärtstrend einschwenken. Allerdings dürfte die Inflation wegen der anziehenden Energiepreise um rund 0,3 Prozentpunkte höher ausfallen. In der langen Frist, sagt Schmieding, habe ein Eroberungsfeldzug Russlands gegen die Ukraine „keinen nennenswerten Einfluss auf das Wachstum der Wirtschaft in Europa“. 

Die Länder Europas dürften nun ihre Energiebezüge beschleunigt diversifizieren, um die Abhängigkeit von russischem Öl und Gas zu verringern. Zudem dürften sie mehr Geld in das Militär und die Verteidigung stecken. Die Hauptlast der Auseinandersetzung werde Russland tragen. Das Land werde im Gefolge der Sanktionen und der technologischen Isolation „wie die frühere Sowjetunion immer weiter gegenüber der entwickelten Welt zurückfallen“, prophezeit Schmieding. 

Die Lieferprobleme dauern an 

Es ist jedoch nicht nur die Ukraine-Krise, von der Risiken für Konjunktur und Preise ausgehen. Nach wie vor belasten die ungelösten Lieferprobleme die Unternehmen. Im Januar berichteten 67,3 Prozent der vom Münchner ifo Institut befragten Firmen, dass sie unter Materialengpässen leiden (siehe Grafik). Im Dezember lag der Anteil noch bei 81,9 Prozent. 



Auch wenn sich die Verfügbarkeit von Vorprodukten zuletzt etwas verbessert hat, sind die Unternehmen von einer entspannten Versorgungslage wie vor der Pandemie noch weit entfernt. Damals waren weniger als 10 Prozent aller Firmen vom Materialmangel betroffen. Im Vergleich der Branchen leiden die Bekleidungshersteller (44,6 Prozent) und die Getränkehersteller (12 Prozent) am wenigsten unter der Materialknappheit. 

Dagegen sind die Vorzeigebranchen der deutschen Wirtschaft überdurchschnittlich stark betroffen. Sowohl in der Autoindustrie (77,9 Prozent) als auch im Maschinenbau (80,6 Prozent) und bei den Herstellern von elektrischen Ausrüstungen (89,6 Prozent) fehlen wichtige Vorprodukte. 

Frachtraten treiben die Preise 

Das ist nicht zuletzt eine Folge der globalen Logistikprobleme. Daten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) zufolge stecken derzeit 11 Prozent aller verschifften Waren auf Containerschiffen fest, fast doppelt so viele wie Ende 2019 vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie.



Ein Grund dafür dürften die vielen Arbeitsunterbrechungen in den chinesischen Häfen sein, in denen sich Arbeiter mit dem Coronavirus infiziert haben. 

Der stockende Schiffsverkehr hat die verfügbaren Transportkapazitäten weltweit verknappt und die Frachtraten in die Höhe schießen lassen. Eine Studie der Commerzbank zu den globalen Lieferengpässen zeigt, dass die Frachtraten für Containerschiffe derzeit noch immer in der Nähe ihres Hochs vom vergangenen Sommer notieren. Damit haben sie sich seit dem Ausbruch der Pandemie in etwa verfünffacht.

Wer seine Waren lieber per Flugzeug expediert, muss ebenfalls tief in die Tasche greifen. Die Preise für Lufttransporte sind so hoch wie noch nie (siehe Grafik)



Eine nachhaltige Entspannung bei der Materialversorgung zeichnet sich nach Ansicht der Commerzbank-Ökonomen derzeit nicht ab. Der Preistrend für wichtige Rohstoffe wie Kupfer und Aluminium bleibe daher aufwärtsgerichtet. Auch die Preise für Holzpaletten und Transportkisten haben zuletzt wieder zugelegt, nachdem sie in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres gesunken waren. Die Lieferengpässe werden die Konjunktur vorerst „weiter belasten und die Inflation anschieben“, resümieren die Commerzbank-Ökonomen.

EZB zwischen Baum und Borke

Für die Notenbanker der EZB sind das keine guten Nachrichten. Zwar ging von dem jüngsten ifo-Geschäftsklimaindex zuletzt ein Aufschwungssignal aus. Allerdings endete die Umfrage der Münchner Wirtschaftsforscher vor der jüngsten Eskalation in der Ukraine, deren Einfluss ist in den Umfrageergebnissen daher nicht enthalten. Die Zuspitzung der Lage dort, die anhaltende Hausse der Energiepreise und die nach wie vor ungelösten Lieferprobleme könnten sich mithin als Bremsen für die Konjunktur und Beschleuniger für die Inflation erweisen. 

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Man darf daher gespannt sein, wie die Notenbanker der EZB reagieren. Konzentrieren sie sich auf ihren gesetzlichen Auftrag, die Preise stabil zu halten, dürfte ihnen die Entscheidung nicht allzu schwerfallen: Die geldpolitischen Zügel müssen gestrafft werden. In dubio pro stabilitas! mag man daher der Juristin Christine Lagarde zurufen.

Mehr zum Thema: Während die Inflation auf neue Rekordstände klettert, schiebt EZB-Chefin Lagarde die Zinserhöhung auf die lange Bank. Ein riskantes Spiel.

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