Humanoide Roboter im Alltag: Ziehen bald die Maschinenmenschen bei uns ein?
Es ist gerade mal einen knappen Monat her, da äußerte sich Sam Altman, Chef des KI-Spezialisten OpenAI, unerwartet skeptisch zu einem neuen Technologiesprung der Digitalwelt: Zwar stünden menschenähnliche Roboter auch im Alltag kurz vor der Marktreife, sagte Altman, dessen Unternehmen mit dem KI-System ChatGPT 3 die IT-Welt seit Ende 2022 auf den Kopf gestellt hat, dem Nachrichtendienst Bloomberg. Die Gesellschaft sei aber auf die Konfrontation mit den sogenannten Humanoiden nicht vorbereitet, so Altman. „Sie kommen, aber es wird sich sehr wie Science-Fiction anfühlen.“
Auf dem Münchner Messegelände in Halle B4 auf dem Stand von Neura Robotics, ist von derlei Skepsis nichts zu spüren. Hier, wo sich derzeit die Robotik- und Automatisierungsszene zur europäischen Leitmesse Automatica trifft, präsentiert der deutsche Robotikspezialist in diesen Tagen erstmals die neue, dritte Generation seines Humanoiden „4NE1“. Der mannshohe Geselle, sein Kürzel steht lautmalerisch für „for anyone“, zu Deutsch „für alle“, erinnert entfernt an den Star-Wars-Roboter „C3PO“. Und er markiert den Anspruch, den Neura-Robotics-Gründer David Reger mit seinem 2019 gegründeten Start-up verfolgt: Robotern den Weg aus dem industriellen Einsatz in den Alltag zu bahnen.
Die Hightech-Schmiede aus dem Städtchen Metzingen, 30 Kilometer südlich von Stuttgart, entwickelt autonome Maschinen, die mithilfe von künstlicher Intelligenz und einer Vielzahl von Sensoren aus ihrer Umgebung heraus lernen, Entscheidungen treffen und sich anpassen können. „Robotik steht vor dem Sprung in den Massenmarkt“, ist Reger überzeugt. Und mit seinen smarten Robotern will er ganz vorne mit dabei sein. Im März hatte die WirtschaftsWoche ihn bei der Verleihung des Deutschen Innovationspreises gemeinsam mit den Partnern Accenture und O2 Telefónica als „Innovator of the Year“ ausgezeichnet.
In München zeigt 4NE1 nun, wie sich Reger die künftige Koexistenz von Mensch und kognitiver Maschine im Alltag vorstellt, die ihr Umfeld erkennt, versteht und adäquat reagieren kann. Der 180 Zentimeter große und 80 Kilogramm schwere Roboter kann mithilfe optischer und akustischer Sensoren menschliche Stimmen, Sprache und Emotionen erkennen. Zudem, versichern seine Entwickler, könne 4NE1 Menschen zuverlässig von jeglichen anderen Objekten unterscheiden. Außerdem könne er bis zu 100 Kilogramm schwere Lasten heben und sich mit bis zu 3 km/h fortbewegen. Das entspricht gemütlichem Gehen.
Dank der neuen Sensorhaut, die Neura Robotics „Artificial Skin“ nennt, erkennt der Roboter einerseits Berührungen schon vor dem tatsächlichen Kontakt. Andererseits kann er damit auch auf Druck oder Streicheln reagieren. „Diese kognitive Robotik ist die nächste Stufe der technologischen Revolution – und sie passiert genau jetzt“, ist Firmengründer Reger überzeugt. Und auch, dass es eine Nachfrage für Humanoide Maschinen gibt. „Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, fünf Millionen Roboter bis 2030 auszuliefern – für Industrie, Dienstleistung und Zuhause.“
Über Sam Altmans Skepsis kann David Reger dabei nur lachen. Jeder Robotikhersteller wisse, dass er sich in einem Wettrennen befinde. Welcher Humanoide kommt als Erstes auf den Markt, wird die meisten Stückzahlen verkaufen? Altman sei in der Entwicklung noch nicht so weit, müsse jeden früheren Zeitpunkt also kritisieren, so Reger.
Teslas Fakes beim Roboter-Launch
Und Tesla? Im Herbst vergangenen Jahres hatte Firmenchef Elon Musk mit viel Tamtam den humanoiden Roboter Optimus vorgestellt. Der soll einmal vielfältige Hausarbeiten übernehmen, aber auch als digitaler Gesellschafter im Haushalt fungieren können. Während der Präsentation beeindruckte Optimus als scheinbar fähiger Helfer, der sich flüssig bewegte, Getränke servierte und Fragen beantwortete. Bis sich später herausstellte, dass die Bewegungen des Roboters von Tesla-Mitarbeitern ferngesteuert wurden und die Antworten nicht von einer internen KI, sondern von Menschen stammten.
Angesichts solcher Tricks, und der auch sonst bei Tesla mittlerweile üblichen Verzögerungen bei Produkteinführungen, bleibt Skepsis angebracht, ob der Optimus tatsächlich wie von Musk schon 2022 angekündigt bis 2027 in nennenswerten Stückzahlen verfügbar sein wird. Den ursprünglich angekündigten Preis von weniger als 20.000 Dollar je Maschine hat Tesla inzwischen bereits auf rund 30.000 Dollar pro Stück heraufgesetzt.
Das nähert sich Regers Preisvorstellungen für den 4NE1 an. Den will er zunächst für 40.000 bis 50.000 Euro anbieten. Zielgruppe sind vor allem Industriebetriebe, die ihre Teams durch die Humanoiden vergrößern wollen. Das Start-up wolle den Wirtschaftsstandort Deutschland damit trotz Fachkräftemangel stärken. Einige Roboter liefere Neura Robotics direkt nach der Automatica aus, so Reger. Bis zum Ende des Jahres wolle man die Stückzahl schnell skalieren.
Für den Massenmarkt und den Einsatz in Haushalten ist das sicher noch ein paar Größenordnungen zu teuer. Doch schon jetzt läge das angestrebte Preisniveau des 4NE1 deutlich unter den Kosten etwa des humanoiden Roboters Atlas. Mit dessen teils schon artistischen Bewegungen, Salti und Sprüngen in Online-Videos sorgt der Roboter des US-Herstellers Boston Dynamics seit Jahren regelmäßig für Aufsehen. Offizielle Preise für Atlas nennt der Hersteller nicht, doch bereits für das kleinere Pendant von Atlas, den Roboterhund Spot, stellt Boston Dynamics rund 75.000 Dollar in Rechnung. Da dürfte Atlas ein Vielfaches kosten.
Zumindest preislich sehr viel massentauglicher kommt dagegen Regers Haushaltsroboter „MiPA“ daher, den Neura Robotics bereits im Frühjahr vorgestellt hatte und dessen erste Exemplare, wie das Unternehmen nun in München angekündigt hat, ab Juli ausgeliefert werden sollen. MiPA, das Kürzel steht für „My intelligent Personal Assistant“, soll unter anderem pflegebedürftigen Personen beim Aufräumen helfen oder sich mit ihnen unterhalten können. Die Idee ist, ihnen ein Sicherheitsgefühl zurückzugeben und die Zeit im eigenen Heim zu verlängern. Die ersten Nutzer haben sich bereiterklärt, Feedback zu liefern. Im Gegenzug erhalten sie einen Rabatt. Der volle Preis liegt bei 9999 Euro. Auch beim MiPA will Neura Robotics die Produktion bis Jahresende deutlich erhöhen.
An Geld dürfte es gerade nicht mangeln. Bei seiner letzten Finanzierungsrunde sammelte das Unternehmen Anfang 2025 rund 120 Millionen Euro ein. Geldgeber waren neben Lingotto Investment Management unter anderem Blue Crest Capital Management, Volvo Cars Tech Fund und InterAlpen Partners. Und vor wenigen Tagen meldete Bloomberg unter Berufung auf Quellen aus dem Unternehmensumfeld, Neura Robotics peile nun sogar eine Finanzierungsrunde im Volumen von einer Milliarde Euro für die weitere Expansion an.
Und wohl auch für den Ausbau der automatisierten Fertigung, mit deren Hilfe das Unternehmen die Produktion massiv beschleunigen will. Dabei sollen die neuen Roboter selbst durch mehrere Fertigungsroboter montiert werden. Speziell die Produktion von 4NE1 soll in Form von „Hives“ genannten Fertigungsstationen erfolgen. Bei denen sind die Montageroboter wie in einer Art Bienenstock kreisförmig um den zu produzierenden Humanoiden angeordnet. „Damit“, versprechen die Konstrukteure von der Schwäbischen Alb, „wird humanoide Robotik erstmals skalierbar“.
Zudem wollen sie auch das Training der Roboter – egal ob MiPA oder 4NE1 – sozusagen in Gruppenarbeit deutlich beschleunigen. Möglich macht das eine weitere Neuvorstellung der Automatica: eine offene und lernende Entwicklungsplattform, die das Unternehmen Neuraverse nennt. Sie ermöglicht es Anwendern und Entwicklern, ihren Robotern neue Fähigkeiten beizubringen, etwa das Heben oder Transportieren von Gegenständen, den Umgang mit Werkzeugen oder das Schweißen von Metallen, wie das der Dresdener Entwicklungspartner und Schweißtechnikspezialist Abicor Binzel bereits umgesetzt hat. Was immer ein Roboter gelernt hat, das können seine Nutzer über das Neuraverse wie in einer Art App-Store allen anderen Anwendern als kostenfreie oder lizenzpflichtige Zusatzfunktion zur Verfügung stellen.
Parallel dazu baut das Unternehmen aber auch mithilfe des Chip- und KI-Spezialisten Nvidia an drei Standorten in Deutschland sogenannte Robot-Gyms auf. Das sind spezielle Trainingshallen für die humanoiden Roboter. Dort sollen die Humanoiden je nach Anwendungsszenario spezialisierte Fähigkeiten erlernen, etwa Montagearbeiten, Logistikaufgaben oder auch Haushaltstätigkeiten, wie das Ein- oder Ausräumen von Wasch- oder Spülmaschinen. Auch hier gilt: Was an Fähigkeiten einmal trainiert ist, steht kurz darauf über den Neuraverse-Verbund potenziell allen anderen verwandten Robotern als neue Funktion zur Verfügung.
Dabei stellt speziell der Einsatz der Roboter in Haushalten eine besondere Herausforderung dar. Denn während sich Arbeitsschritte im industriellen Umfeld wegen der meist identischen Abläufe vergleichsweise leicht trainieren und millionenfach wiederholen lassen, ähnelt kein Haushalt dem anderen. Sich dennoch in unterschiedlichsten Umgebungen zurechtzufinden, auf herumwuselnde Hunde, Katzen oder Kinder adäquat zu reagieren oder gar einen mit Kreislaufversagen zusammengesackten Menschen als Notfall zu erkennen, erfordert vielfach den Abgleich der erfassten Umgebungsdaten mit dem kollektiven Roboterwissen des Neuraverse in Echtzeit.
Für derlei Datenzugriffe haben die Robotiker aus Metzingen zum Messestart in München, neben den bestehenden Partnerschaften mit Robotikunternehmen wie Omron, Kawasaki und Delta, eine weitere Industriekooperation mit Vodafone angekündigt. Die Mobilfunker stellen künftig Mobilfunktechnik und ihr 5G-Netz zur Verfügung, um neben industriellen Anwendungen speziell auch die Masse der Sensordaten aus häuslichen Robotikanwendungen ins Neuraverse übertragen und verarbeiten zu können. „Damit liefern wir einen Baustein, um KI-Roboter zu Alltagshelfern zu machen“, so Vodafone-Firmenkundenchef Hagen Rickmann zur neuen Zusammenarbeit.
Vorausgesetzt natürlich, Sam Altman täuscht sich mit seiner Skepsis, und Humanoide werden nicht nur rasch bezahlbar, sondern in Haushalten tatsächlich schon bald so alltäglich wie heute schon Roboterstaubsauger oder Rasenmähroboter. David Reger jedenfalls wettet darauf.