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Food-TechInvestoren finden Geschmack an Fleisch- und Milchersatz

Deutsche Gründer wollen tierische Produkte mit Biotech-Innovationen ersetzen – und haben schon mehr Geld als im gesamten Vorjahr eingesammelt, wie exklusive Zahlen zeigen. An welchen Ideen die Veggie-Vorreiter arbeiten.Andreas Menn 05.08.2024 - 11:02 Uhr
Foto: PR

Die meisten Köche interessiert an Pilzen nur das, was über der Erde wächst – etwa der runde, schmackhafte Fruchtkörper von Champignons. Die Gründer von Infinite Roots dagegen sind an dem Teil der Gewächse interessiert, die unter der Erde wuchern: Das Wurzelwerk der Pilze, Myzel genannt. Das Biotech-Start-up aus Hamburg entwickelt daraus Lebensmittel, die eine Alternative zu tierischem Fleisch bieten sollen.

Das Potenzial der Pilztechnologie hat nun auch Investoren überzeugt: 58 Millionen Dollar (etwa 53 Millionen Euro) konnte Infinite Roots im Januar einsammeln – laut den Gründern das größte europäische Investment in pilzbasierte Food-Techunternehmen. Zu den Geldgebern zählen die Dr. Hans Riegel Holding (Haribo) und Rewe.

Ganz generell legt die Gründerszene rund um Alternative Proteine ein erfolgreiches erstes Halbjahr hin. 74 Millionen Euro sammelten deutsche Start-ups ein, die an Alternativen zu Fleisch und Milch arbeiten. Das ist mehr als doppelt so viel Risikokapital wie im gesamten Vorjahr, wie exklusive Zahlen des Good Food Institute Europe belegen, einer NGO, die alternative Proteinquellen vorantreiben möchte: Im Jahr 2023 hatten hiesige Gründer 28 Millionen Euro eingesammelt.

Europaweit haben Protein-Start-ups im ersten Halbjahr 2024 insgesamt 289 Millionen Euro eingeworben. Deutschland liegt auf Platz zwei hinter Finnland (80 Millionen Euro) und vor den Niederlanden, Spanien und Großbritannien. In Finnland haben sich vor allem die Fermentationsspezialisten EniferBio, OnegoBio und das Unternehmen Solar Foods mit großen Runden hervorgetan, das an Essen aus Luft arbeitet.

Käse aus dem Biotechtank

Drei grundlegende Technologien nutzen Unternehmen, um Alternativen zu Fleisch und Milcherzeugnissen zu entwickeln: Sie setzen Pflanzenproteine ein, setzen auf Fermentation oder kultivieren tierische Zellen, um etwa ein Steak im Reaktor zu erzeugen.  

Foto: WirtschaftsWoche

Starken Zuwachs verzeichnet im Jahr 2024 besonders die Fermentation, eine Technologie, die auf Bioreaktoren setzt. In den Stahltanks wächst entweder Biomasse wie die Myzelfäden von Infinete Roots heran – oder es gehen Designerorganismen ans Werk, Einzeller, die etwa bestimmte Proteine produzieren.

Fermentations-Fertiger erhielten in den ersten sechs Monaten des Jahres europaweit Investitionen in Höhe von 164 Millionen Euro – im gesamten Vorjahr waren es 100 Millionen Euro. 

Neben Infinite Roots, das seine Myzelmasse auch im Biotechtank kultiviert, sammelt unter anderem das Start-up ProteinDistillery 15 Millionen Euro ein. Die Gründer aus Ostfildern verwenden Bierhefe als Ausgangsstoff, um alternatives Fleisch, Käse, Milch oder Ei zu entwickeln.

Schlagzeilen machte Ende Juli das französische Start-up Gourmey, das nun als erstes Unternehmen in Europa bei den zuständigen EU-Behörden eine Zulassung für kultiviertes Fleisch beantragt hat. Dabei geht es um Fleisch, das wie das Original aus tierischen Zellen besteht – die Zellen werden aber in Fermentern vermehrt und wachsen so etwa zu einem Schnitzel heran. 

Die Technologie gilt als besonders anspruchsvoll und verspricht zugleich Fleisch, das vom tierischen Produkt künftig kaum mehr zu unterscheiden ist. Gleichzeitig sind noch ein paar technologische Hürden zu überwinden.

In Deutschland arbeitet unter anderem das Start-up The Cultivated B an solchen Produkten. Im ersten Halbjahr 2024 konnte aber vor allem der niederländische Pionier der Technologie, Mosa Meat, Geld einsammeln: 40 Millionen Euro erhielt das Unternehmen, maßgeblich von dem deutschen Fleischunternehmen PHW-Group. 

Drei Millionen Euro gingen an den Konkurrenten Innocent Meat aus Rostock, 2,3 Millionen Euro an Cultimate Food aus Berlin, das eine Alternative zu tierischem Fett entwickelt. Insgesamt blieb in Europa das Investment in kultiviertes Fleisch mit 45 Millionen Euro unter dem Niveau das Vorjahres (Gesamtjahr 2023: 106 Millionen Euro).

Start-ups, die pflanzenbasierte Fleischalternativen etwa aus Soja oder Erbsen entwickeln, konnten europaweit dieses Jahr bisher 79 Millionen Euro einsammeln. Das liegt ebenfalls unter Vorjahresniveau, weil im Jahr 2023 der Hafermilch-Produzent Oatly zwei Mega-Finanzierungsrunden über insgesamt 393 Millionen Euro bekannt geben konnte.

Spitzenreiter in diesem Jahr sind bisher das spanische Start-up Heura, das unter anderem pflanzenbasierte Chorizo oder Filetstücke im Angebot hat (40 Millionen euro), und This aus Großbritannien (25 Millionen Euro), Anbieter unter anderem von Hühnchen oder Lamm-Kebabs aus pflanzlichen Proteinen.

Veganer Käse

Käse aus dem Bioreaktor zieht Rewe und ProSieben an

Veganer Käse blieb bisher in der Nische. Zwei Unternehmen wollen jetzt Käse ohne Kuhmilch zur Marktreife bringen. Der soll genauso schmecken wie das Original – und lockt nun Rewe sowie ProSieben als Investoren an.

von Andreas Menn

So sehr die Investments in deutsche Unternehmen angezogen haben – der Sektor steht noch am Beginn einer Wachstumskurve. „Kultiviertes Fleisch und moderne Fermentationsverfahren befinden sich gerade am Übergang von der Forschungs- und Entwicklungsphase zur Marktreife“, sagt Ivo Rzegotta, der die Arbeit des Good Food Institute Europe in Deutschland leitet.

Zwei Herausforderungen müsse die junge Branche noch meistern: Zum einen benötigten die neuen Produkte jeweils eine EU-Zulassung. Ein erster Antrag für kultiviertes Fleisch, mehrere für Fermentation – hier sei die Branche weiter als je zuvor. Zuletzt hatten Hersteller langwierige Zulassungsprozeduren in Europa kritisiert.

Zum anderen müssten Unternehmen nun in die Hochskalierung ihrer Produktion investieren und damit die Kosten senken. „Für die meisten Verbraucher werden diese Lebensmittel erst dann eine Option, wenn sie preislich auf Augenhöhe mit ihren tierischen Pendants sind“, sagt Rzegotta.

In Finnland ist das Unternehmen Solar Foods im April einen Schritt weiter dorthin gekommen: Seit April produzieren in einer neuen Fabrik in Helsinki Mikroorganismen 160 Tonnen Proteine für die Lebensmittel im Jahr – nur aus CO2, Wasserstoff und ein paar Mineralien. 

Lesen Sie auch: Ein Start-up aus Finnland erzeugt in industriellem Maßstab Proteine – nur aus Strom, CO2 und Wasser. Ist das der Anfang vom Ende der Tierzucht?

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