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Strauchelnde IkoneDie Detroit Motor Show schafft sich ab

Detroit, einst eine der mächtigsten Industriestädte der USA, hat schwierige Jahrzehnte hinter sich. Mit der Stadt geht es zwar langsam wieder bergauf. Doch die Detroit Motor Show versinkt in der Bedeutungslosigkeit. Kann die Verlegung in den Sommer die Rettung sein?Stefan Grundhoff 14.01.2019 - 15:51 Uhr

Die Detroit Motor Show versinkt in der Bedeutungslosigkeit.

Foto: Presse

Die amerikanischen und japanischen Autohersteller haben es sich in den vergangenen Jahren einfach zu leicht gemacht. Sie investierten nicht in die wichtigste automobile Leistungsschau der USA. Getragen wurde die North American International Autoshow (NAIAS), landläufig Detroit Motor Show genannt, die schon aufgrund der lokalen Bevölkerung eine Medien- und Marketingmesse war, von europäischen und vielmehr noch den deutschen Autoherstellern.

Die steckten insbesondere seit den Neunzigerjahren viel Geld in die Messe. BMW, Volkswagen oder Audi hatten stets mit ihren Shows überzeugt, musikalische Superstars wurden eingeflogen und die sonst so düstere Cobo Hall als Veranstaltungsort der Messe erlebte einmal im Jahr einen echten Höhepunkt. Daimler ließ es richtig krachen und feierte nicht nur neue Modelle, sondern beim imposanten Neujahrsempfang im nahegelegenen Hotel vor allem sich selbst. Da trank schon mal Dieter Zetsche auf der Bühne ein Schnäpschen mit Arnold Schwarzenegger.

Die US-Hersteller suchten sich unweit der kanadischen Grenze seit Jahren selbst. Einst trampelten publikumswirksam Rinderherden Richtung Cobo Hall, um neue Pick-ups zu präsentieren und zumindest nationale Stars gaben Bühnenshows und neuen Modellen einen entsprechenden Stellenwert. Doch nach und nach verloren insbesondere die marketingstarken Hersteller den Spaß an der einst so wichtigen US-Messe. Man zog nach Los Angeles, ließ Detroit fallen, kam wieder zurück, kürzte Budgets und verabschiedete sich letztlich. Die Asiaten, gemeinhin eher für ihre blassen Messeauftritte bekannt, spulten auf der eiskalten Wintermesse alljährlich im Januar nur ein liebloses Programm ab.

Autoshow in Detroit

Deutsche Autobranche „sehr besorgt“ über Trumps Handelspolitik

Umso schwerer wiegt nun der Abschied der meisten europäischen Hersteller. Nur Volkswagen ist im Nachgang des Dieselskandals um Wiedergutmachung bemüht und hält Detroit die Treue. Daimler, Audi oder BMW strichen die Messe aus ihrem Kalender. Eine Rückkehr gilt als unwahrscheinlich. Ein mächtiges Eigentor schoss sich die Detroit Motor Show im vergangenen Sommer nun selbst: Hatte sie bei Vielen zumindest noch den Status als Jahresauftaktmesse, auf der man eine frohe Botschaft und einen Rückblick auf das vergangene Jahr präsentieren konnte, so soll die NAIAS ab dem kommenden Jahr in den wärmeren Juni verlegt werden. Ist das nun der endgültige Todesstoß für die Autoshow – und die Stadt?

Detroit war durch die sogenannten Big Three – General Motors, Chrysler und Ford –  eine Boomstadt. Das legendäre Modell Ford T lief im Ford-Werk Highland Park erstmals im Jahre 1909 von Band und läutete weltweit eine neue Ära der Mobilität ein. Immer mehr Autohersteller und Zulieferer siedelten sich an und innerhalb weniger Jahre stieg die Bevölkerungszahl von knapp 500.000 um 1910 auf knapp zwei Millionen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Einst war die legendäre Woodward Avenue so belebt wie der Broadway oder die Park Avenue in New York.

Mit dem Niedergang der Autoindustrie ging es auch mit Detroit abwärts.

Foto: dpa

Doch dann ging es in und mit Detroit abwärts. Immer mehr Fabriken schlossen und die internationalen Autohersteller, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in den USA niedergelassen haben, zog es in den Süden der USA. Außer der Autoindustrie gibt es in Wayne County kaum nennenswerte Wirtschaftszweige. Zahllose Großfabriken verfallen seit Jahrzehnten.

„Nichts stoppt Detroit“: Eine wiedererstarkte Automesse als lautstarkes Lebenszeichen käme der Motor City gerade recht.

Foto: dpa

Detroit ist bekannt für seine hohe Kriminalität und gilt als eine der gefährlichsten Städte der USA. Legendär sind die Rassenunruhen aus dem Jahr 1967. Hunderttausende von Einwohnern verließen Detroit in den Siebzigern und Achtzigern. Viele Häuser wurden nie wieder bezogen und sind heute verfallen. Die Einwohnerzahl sank zuletzt auf unter 700.000, Tendenz weiter fallend. Wer durch die Straßen der einstigen Millionenmetropole fährt, dem bietet sich seit Jahren das gleiche, trostlose Bild: Heruntergekommene Häuser, zerborstene Scheiben, frierende Obdachlose und ein morbider Charme, der sich zu einer endlosen Aussichtslosigkeit verfestigt hat.

Die Innenstadt am Detroit River wurde immer wieder als hässlichste der USA ausgezeichnet. Dorthin fuhren die meisten Bewohner aus dem Großraum Detroit allenfalls dann, wenn die Eishockey-Mannschaft Redwings in der Joe-Louis-Arena ein Heimspiel hatte oder um ein paar Meter weiter im Comerica Park das Baseballteam der Detroit Tigers anzufeuern. Einkaufen, Spaziergehen oder einfach Freunde treffen? Abgesehen von zwei Handvoll Restaurants gibt es hier nichts, was locken könnte. Gerade in den kalten Wintermonaten bewegt sich in Detroit nicht viel außer dem 1987 eingeführten People Mover, der überirdisch durch die City rattert.

Seit rund zehn Jahren bemüht man sich, Detroit wieder auf die Beine zu bringen. Heruntergekommene Viertel werden abgerissen, neue Wohn- und Geschäftsviertel erstellt. Gebäude wie das Renaissance Center, die Joe-Louis-Arena oder das Stadion Comerica Park bringen immerhin erste verheißungsvolle Ansätze. Ford will der 1913 erbauten Michigan Central Station im Corktown District als Ideencampus in den nächsten Jahren neues Leben einhauchen. Der Autobauer sucht derzeit Investoren, um mindestens 250 Millionen Dollar an Steuergeldern und anderen Anreizen zur Unterstützung der Entwicklung der fünf Corktown-Standorte zu sammeln. Die Gesamtkosten in Höhe von 740 Millionen US-Dollar werden voraussichtlich in den nächsten vier Jahren zur Verfügung stehen.

Detroit, einstige Wiege der amerikanischen Autoindustrie, meldete im Juli 2013 als bislang größte Stadt in den USA die Zahlungsunfähigkeit an, nachdem immer mehr Autobauer ihre Standorte verlagert hatten. Verfallende Gebäude und hohe Arbeitslosigkeit waren die Folge. Die Stadt kämpfte mit der Grundversorgung der Einwohner: Feuerwehr- und Polizeiautos waren kaputt, viele Straßenlaternen funktionierten nicht, ganze Viertel waren dem Verfall hingegeben.

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In den Fünfzigerjahren war Detroit die Heimat von 1,8 Millionen Menschen. Das Leben in der Metropole pulsierte rund um die Produktionsstraßen der Autohersteller, die die Menschen in Lohn und Brot hielten.

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Infolge der Pleite litten die Einwohner Detroits unter den Folgen des Bankrotts, schliefen zum Geräusch von Schüssen ein und wachten in Häuserblocks auf, deren Umgebung wie ausgestorben wirkte.

Foto: imago images

Viele Häuser standen leer, waren zerstört und wurden als Müllkippe missbraucht.

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Nach der bisher größten Städtepleite der US-Geschichte konnte Detroit seine Finanzen aber neu ordnen. Am 7. November 2014 genehmigte das Gericht einen entsprechenden Sanierungsplan, nachdem Vertreter der Stadt sich mit Pensionären und anderen wichtigen Gläubigern geeinigt hatten: Stadtbedienstete nahmen Einbußen bei ihren Pensionen hin, und alle größeren Gläubigergruppen erklärten sich zu Verlusten bereit. Detroit hatte die Insolvenz überstanden. Von der Schuldenlast waren rund sieben Milliarden Dollar abgetragen oder umgeschuldet.

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Die Stadt musste einem strengen Ausgabenplan folgen, konnte drei ausgeglichene Haushalte hintereinander vorlegen und sogar noch Barreserven aufbauen. Einige Wochen nach der Entlassung aus der staatlichen Zwangsverwaltung stufte die Ratingagentur Moody's Detroits Kreditwürdigkeit in diesem Frühjahr nach oben - es war bereits die dritte Aufwertung in weniger als drei Jahren. Der vom Insolvenzverwalter ausgehandelte Plan beinhaltete neben der Senkung von Detroits Schulden auf fünf Milliarden Dollar den Einsatz von 1,7 Milliarden Dollar. Mit dem Geld wollte die Stadt den Fäulnisgeruch vergangener Jahre endlich vertreiben.

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Zunächst sollten mindestens 3300 der insgesamt mehr als 40.000 leerstehenden Gebäude abgerissen werden. 2300 davon wurden direkt eingestampft. Eine für die Beleuchtung zuständige Behörde installierte Tausende Straßenlichter in einst dunklen Nachbarschaften.

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Der Aufstieg seitdem ist bemerkenswert. Investitionen, neue Arbeitsplätze, wiederbelebte Stadtviertel - und die Straßenreinigung und Beleuchtung funktionieren wieder.

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Große Teile der Innenstadt erstrahlen mittlerweile in neuem Glanz. Seit vergangenem Jahr gibt es wieder eine Straßenreinigung. Tausende neuer Straßenlaternen wurden in Betrieb genommen.

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Investoren bauen Hunderte neue Häuser und Wohnungen im Zentrum oder renovieren alte Gebäude.

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Auch Polizei und Krankenwagen kommen mittlerweile wieder schneller, wenn es einen Notruf gibt.

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Andere Verbesserungen machen sich in Form einer Hochgeschwindigkeitsstrecke für Züge im Stadtkern bemerkbar.

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Aber in den heruntergekommenen Stadtteilen etwas außerhalb ist noch Luft nach oben, wie etwa im Detroiter Vorort Brightmoor.

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Alice Holland lebt in Brightmoor. Auch dort werde mittlerweile wieder der Rasen auf freien Grundstücken gemäht, sagt sie. Aber der illegal abgeladene Müll sei weiter ein Problem. Bei Regen und Unwettern werde er in die Gullys gespült, die dann verstopfen.

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„Sie sehen mich, wie ich meinen Stock nehme und die Abflüsse sauber mache“, sagt die Brightmoor-Bewohnerin. „Ich mag die Stadt und was hier passiert. Ihr könnt die Innenstadt in Ordnung bringen. Aber bringt die anderen Stadtteile auch in Ordnung.“

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Die historischen Gebäude des Corktown Campus sollen Teil des Mobilitätskorridors von Ann Arbor über Dearborn nach Detroit werden. Nach den Plänen von Ford soll die ehemalige Station zu einem Magneten für Hightech-Talente und einer regionalen Destination mit modernen Arbeitsplätzen, Einzelhandel, Restaurants sowie Wohnraum werden. Erste coole Läden sind in die City eingezogen, alte Hochhäuser werden mit schicken Wohnungen auf Vordermann gebracht.

Da käme eine wiedererstarkte Automesse als lautstarkes Lebenszeichen gerade recht. Doch dem Trend folgend erscheint es unwahrscheinlich, dass die Autohersteller, die die Messe bereits verlassen haben, im Juni 2020 noch einmal zurückkommen. Und die großen drei US-Hersteller General Motors, Ford und Fiat Chrysler Automotive haben mit ihren schlechten Verkaufszahlen derzeit ganz andere Sorgen, als eine Automesse in Downtown Detroit mit Millionen zu unterstützen.

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