„Buy now, pay later“ Algorithmen sollen Betrüger beim Rechnungskauf erkennen

Buy now pay later. Quelle: Getty Images

Finanztechnologie-Start-ups wollen den Rechnungskauf im Online-Handel zwischen Unternehmen salonfähig machen – trotz Krise. Das Geschäft wächst nach wie vor, gehorcht aber anderen Regeln als bei Endkunden.

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Es ist nur ein kleiner Button im Webshop, doch für Ionto-Comed ist es ein großer Schritt: Seit einigen Wochen bietet das Familienunternehmen aus Karlsruhe, das Kosmetikstudios, Hotel-Spas und Dermatologen mit Wellnessliegen, Behandlungsgeräten und Pflegeprodukten ausrüstet, in den Bezahloptionen einen Rechnungskauf an. Zuvor konnten Neukunden nur per Vorkasse, Paypal oder Kreditkarte zahlen. „Viele hat das abgeschreckt“, weiß Geschäftsführer Julian La Fontaine. „Aber der manuelle Aufwand in der Buchhaltung für den Rechnungskauf war schon bei Stammkunden sehr groß.“ Regelmäßig seien Bonitätsauskünfte angefordert worden, trotzdem mussten Mahnungen geschrieben werden – und manchmal blieben die Käufer säumig.

Dass Ionto-Comed nun die Zahlungsbedingungen gelockert hat, ist der Zusammenarbeit mit einem Start-up zu verdanken: Mondu bietet Shopbetreibern an, die Kreditwürdigkeit von Käufern automatisiert zu prüfen und die Zahlungsabwicklung zu übernehmen. Die Forderungen aus dem Rechnungskauf werden dabei übertragen. Der Verkäufer erhält sein Geld in jedem Fall, so das Versprechen – das Risiko eines Zahlungsausfalls trägt das Start-up, das für seine Dienstleistungen mit der Raisin Bank zusammenarbeitet. Für die Dienstleistung wird eine Gebühr fällig. „Die Kosten sind vergleichbar mit denen anderer Zahlungsdienstleister wie Paypal“, erklärt La Fontaine. Eingespart würden Beiträge für die Warenkreditversicherung, mit denen sich das Unternehmen bisher gegen Zahlungsausfälle absicherte.

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Für Mondu ist Ionto-Comed einer der ersten Kunden. Gegründet worden ist das Finanztechnologie-Unternehmen – kurz: Fintech – erst im vergangenen August. Umworben werden gezielt Mittelständler und Konzerne, die Waren nicht an Endkunden, sondern andere Firmen verkaufen. „Der B2B-Handel verlagert sich zunehmend von Offline- in die Onlinewelt“, sagt Mitgründer Malte Huffmann. „Aber wenn sich die Akteure nicht mehr persönlich kennen, entsteht ein Vertrauensproblem.“ Als Verkäufer sei das Risiko groß, vor dem Zahlungseingang Hunderte Tausende Euro teure Produkte zu verschicken. Umgekehrt wollen Käufer erst zahlen, wenn sie ihre Bestellung auch erhalten haben.

Millionenschwere Finanzierungsrunden

Mit der Idee, das Dilemma über eine moderne Version des Rechnungskaufs zu lösen, ist Mondu nicht alleine. Eine ganze Reihe von Fintechs treibt die Vorfinanzierung, die klassischen Zahlungsanbietern lange als zu riskant galt, unter dem Schlagwort „Buy now, pay later“ derzeit voran. Mit dem gleichen Konzept ist etwa Topi aus Berlin unterwegs, in Skandinavien positionieren sich Two und Treyd. Als Pionier in Deutschland sieht sich Billie: Schon im April 2020 ist das Berliner Start-up, das ursprünglich mit Forderungsfinanzierungen unterwegs war, in den Markt gestartet. Zu den Referenzkunden gehören der Werkzeug-Shop Contorion und der Plattenzuschnitt-Dienstleister Firstlaser.

Wagniskapitalgeber pumpen gerade enorme Summen in die Anbieter. Mondu etwa hat gerade eine neue Finanzierungsrunde bekanntgegeben. Beteiligt daran war neben anderen Valar Ventures – eine von Paypal-Gründer Peter Thiel mitgegründete US-Investmentfirma. 57 Millionen Dollar sind nun insgesamt in das noch junge Start-up geflossen. Das ist auch dann noch eine erstaunlich hohe Summe, wenn man berücksichtigt, dass die Mondu-Macher erfahrene Seriengründer sind: Malte Huffmann und Philipp Povel haben erst das Online-Outlet Mybrands und mit Dafiti dann eine südamerikanische Version von Zalando aufgebaut.

Schon im Oktober Geld eingeworben hatte Billie – in einer 100 Millionen Dollar schweren Runde. Beteiligt daran war mit Klarna auch das Unternehmen, das den aktuellen Hype mitausgelöst hat: Dem schwedischen Fintech ist es gelungen, als Finanzdienstleister für den Rechnungs- und Ratenkauf eine bekannte Marke im Privatkundensegment aufzubauen. Mehr als 400.000 Händler haben die Zahlungslösung integriert, darunter Riesen wie H&M, Mediamarkt und die Deutsche Bahn. Seine App hat Klarna in ein Portal verwandelt, in dem Nutzer unter anderem Rabatte für Online-Shops finden und ihre Sendungen nachverfolgen können.

Vorbild Klarna entlässt Mitarbeiter

Doch die Erfolgsgeschichte bekommt Risse: Berichten zufolge ist der Unternehmenswert von Klarna seit der letzten Finanzierungsrunde deutlich gesunken. Investoren befürchten, dass die anziehende Inflation und die unsicheren Zukunftserwartungen der Verbraucher dazu führen, dass weniger gekauft wird – und dann auch weniger bei Klarna hängenbleibt. Als Konsequenz hat das Start-up gerade ein Zehntel seiner 7000 Mitarbeiter vor die Tür gesetzt. Den makroökomischen Gegenwind spüren auch US-Konkurrenten wie Affirm oder Paypal, deren Aktienkurse seit Jahresbeginn deutlich gefallen sind.

Das neue Pay-Later-Angebot ist das erste Finanzprodukt, das Apple fast vollkommen allein und ohne Bank als Partner auf den Markt bringt. Für die etablierten Adressen ist das ein deutliches Warnsignal.
von Cornelius Welp

Bei den B2B-Anbietern stehen die Zeichen dagegen auf Wachstum: Billie hat sein Team auf nun 170 Mitarbeiter vergrößert, Mondu beschäftigt bereits mehr als 100 Mitarbeiter. „Es kann sein, dass künftige Finanzierungsrunden schwieriger werden“, räumt Mondu-Mitgründer Povel ein. „Unsere Wachstumserwartungen sind durch das Marktumfeld aber nicht beeinflusst.“ Tatsächlich scheint die steigende Inflation Unternehmen bisher nicht sonderlich zu betrüben. Der viel beachtete Einkaufsmanagerindex stieg trotz aller Rezessionssorgen zuletzt sogar.

Die leicht angespannte Stimmung könnte den Fintechs sogar helfen – schließlich versprechen sie, Online-Shops ohne Aufwand höhere Umsätze zu bringen. „Wenn die gewünschte Zahlungsart nicht angeboten wird, werden Bestellungen in der Regel abgebrochen“, argumentiert Billie-Mitgründerin Aiga Senftleben. „Einkäufer erwarten denselben Komfort, den sie auch als Privatkunden kennen.“  Zwar bieten laut einer Studie des Forschungsinstituts ibi research an der Universität Regensburg auch heute schon die meisten B2B-Shops einen Rechnungskauf an. Doch der ist – wie Ionto-Comed – oft auf Stammkunden beschränkt. Oder Käufer müssen erst Unterlagen einreichen, die dann geprüft werden.

Algorithmen sollen Betrüger erkennen

Die Start-ups werben damit, „in Echtzeit“ zu prüfen, ob ein Kunde kreditwürdig ist – und ob es sich um einen Betrugsversuch handelt. Nötig seien andere Logiken als im Geschäft mit Privatkunden, erklärt Senftleben: „Wenn jemand privat zehn iPhones bestellen will, wird Paypal das vermutlich als Betrugsversuch werten – im Unternehmenskontext ist das keine ungewöhnliche Bestellung.“ Sowohl Billie als auch Mondu werben damit, nur einen Bruchteil der Zahlungsversuche abzulehnen – und damit keine Kunden zu verschrecken. Angeblich haben Betrüger dennoch kaum Chancen.

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Wie genau die Algorithmen zu ihren Wertungen kommen, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Die Anbieter geben auf Nachfrage an, für die Bewertung der Bonität Daten von Auskunfteien wie Crif Bürgel abzufragen. Doch auch andere Faktoren sollen einbezogen werden. „Wir prüfen zum Beispiel, ob die E-Mail-Adresse des Einkäufers schon lange existiert“, sagt Senftleben. Mondu gibt an, auch zu bewerten, wie sich Kunden im Webshop verhalten. Absichern wollen die Start-ups Einkäufe mit einem Bestellwert von derzeit maximal 50.000 Euro (Mondu) beziehungsweise 100.000 Euro (Billie).

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Über Kundenzahlen schweigen sich die Start-ups noch aus. Beim Vertrieb setzen sie darauf, Unternehmen gezielt anzusprechen – und die Einbindung so einfach wie möglich zu halten. Genutzt werden standardisierte Schnittstellen und Erweiterungen für gängige Shopsysteme. Angestrebt werden zudem Partnerschaften mit großen Zahlungsdienstleistern. So arbeitet Billie bereits mit Investor Klarna zusammen: Ist in einem Onlineshop der Rechnungskauf der Schweden bereits integriert, soll sich das Firmenkunden-Pendant mit wenigen Mausklicks ebenfalls freischalten lassen. Interessant ist das für Händler, die sowohl Privat- als auch Geschäftskunden beliefern.

Bei Ionto-Comed hat die Anbindung von Mondu nach Angaben des Geschäftsführers rund zwei Wochen gebraucht – Zeit, die seiner Ansicht nach gut investiert ist: Der Wert der Warenkörbe sei bereits leicht gestiegen. Das Online-Geschäft generell entwickele sich immer mehr zu einem wichtigen Standbein des 1979 gegründeten Unternehmens. „Bei Verbrauchsmaterialien kommt bereits ein großer Teil des Umsatzes aus dem Webshop“, sagt La Fontaine. „Zunehmend trauen sich Kunden aber auch, kleinere Geräte etwa für die Fußpflege online zu bestellen.“ Gerade bei solchen Anschaffungen, so das Kalkül, könnte der Rechnungskauf das Geschäft weiter ankurbeln.

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