Italien Sollte Lufthansa den Alitalia-Nachfolger kaufen?

Im Visier des Kranichs: Ein Flugzeug der neuen italienischen Airline ITA. Quelle: imago images/ZUMA Wire

Erst Alitalia, nun ITA: Seit bald 15 Jahren prüft Lufthansa den Einstieg bei Italiens nationaler Fluglinie. Jetzt will sie mit der Reederei MSC zuschlagen. Welche Gründe jetzt dafür sprechen, welche dagegen – und was es für Urlauber bedeutet.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Wenn es um Italien geht, erinnert das Vorgehen von Lufthansa-Chef Carsten Spohr ein wenig an Johann Wolfgang von Goethe. Beide schwärmten viele Jahre von den Möglichkeiten des Lands südlich der Alpen. Dann bot sich ihnen in einer beruflichen Krise endlich die Chance zum Aufbruch Richtung Rom. Ob Spohr aber nach einer langen Reise ähnlich erfolgreich in der italienischen Hauptstadt landet wie der deutsche Dichterfürst im Jahr 1786, ist noch offen.

So meldete gestern Abend die schweizerisch-italienische Reederei MSC, sie arbeite zusammen mit der Lufthansa an einem Angebot für eine Mehrheit an der nationalen Linie Italia Trasporto Aereo – kurz ITA Airways. Das Unternehmen war erst im Oktober 2021 als Nachfolger der Alitalia gestartet, die der italienische Staat nach mehreren Umbauten und Insolvenzen als nicht reformierbar zusperrte. „Die MSC-Gruppe hat sich mit Lufthansa auf eine Partnerschaft zu Bedingungen geeinigt, die während der Due Diligence festgelegt werden“, heißt es in der Mitteilung von ITA, dass die Unternehmen sich nun vertieft die Bücher ansehen wollen. Noch am Nachmittag hatte die Lufthansa solche Pläne nicht bestätigen wollen. Bereits am Wochenende hatte die Tageszeitung „Il Foglio“ ähnliche Pläne berichtet. Danach sollte die bereits scherzhaft aus ITA und Lufthansa genannte „ITANSA“ in Rom ein Drehkreuz aufbauen, vor allem für den Afrika-Verkehr.

Damit würde eine lange Geschichte zu Ende gehen. Denn bereits seit 15 Jahren will Lufthansa eine Fluglinie in Italien an sich binden. Dafür versuchte sie nicht nur den ITA-Vorgänger Alitalia zu übernehmen. Sie startete mit Lufthansa Italia aus Mailand sogar eine eigene Linie, die sie mangels Erfolgs später aber wieder einstellte.

Lesen Sie dazu auch: Die angeschlagene TUI plant für eine krisenfeste Zukunft – auf einer Inselgruppe vor Afrika.



Die industrielle Logik der Offerte sei „sehr überzeugend“ und „äußert interessant“, betonte ITA-Verwaltungsratspräsident Alfredo Altavilla am Montagabend. Doch trotz des Lobs und der langen Vorgeschichte sind viele bei der Lufthansa vorsichtig. „Auch wenn sich die ITA-Führung über die Medien uns immer wieder inbrünstig an den Hals wirft – ganz leicht wird das nicht“, bremst ein Lufthanseat. „Bevor irgendwas passiert, muss erstmal klar sein, was genau ITA vorhat und wie sie arbeitet.“

Die Vorsicht ist angezeigt. Denn klar ist: Wie zuvor bei Alitalia liefen auch bei ITA die Geschäfte deutlich schlechter als geplant. „Der Umsatz war nur halb so hoch wie erwartet“, gestand Altavilla Anfang des Jahres vor einem Ausschuss des italienischen Parlaments. Dafür sorgte der Spritpreis, der seit den ersten Planungen um fast 60 Prozent gestiegen ist. Dazu kamen die Einschränkungen durch die unerwartet starke neue Corona-Welle und die stärkeren Angriffe der großen europäischen Billigflieger Ryanair und Easyjet.



Trotzdem will die Lufthansaführung am Ball bleiben. „Unter den richtigen Umständen ist eine Partnerschaft und eventuell eine Beteiligung für die Lufthansa ein Gewinn“, deutete Firmenchef Spohr schon nach dem ITA-Start im Herbst an. Dafür sorgen mehrere Gründe, „und zwei haben sich nicht geändert, seit Wolfgang Mayrhuber und seine Nachfolger ab 2005 mehrmals Teams aus scharfen Rechnern und Strategen in die Firmenzentrale westlich von Rom schickte“, meint ein langjähriger Lufthanseat.

Vorteil 1: Italien ist einer der lukrativsten Märke in Europa

ITA ist mit ihren 52 Maschinen zwar nur ein Schatten dessen was Alitalia kurz vor der Jahrtausendwende und erst recht in den Sechzigerjahren war, als die Linie gar als glamourös galt. Doch der negative Eindruck täuscht. Sowohl von der Passagierzahl wie von den Einkommen gehört besonders Italiens Norden zu den wirklich lukrativen Märkten in Europa. Das Alitalia-Minus kam vor allem aus der Kurzstrecke. Hier sorgte zum einen der Siegeszug der Billigflieger Ryanair und Easyjet dafür, dass erst Alitalia und nun ITA nur mit Mühe die Nummer Drei im Land waren. Dazu funktioniert der Zugverkehr zwischen den Großstädten im Norden und zumindest bis hinunter nach Rom so zuverlässig wie sonst nur in Frankreich oder der Schweiz. „Egal wie sich ITA und Lufthansa auch anstrengen würden – der reine Inlandsverkehr ist für sie mehr oder weniger verloren“, meint der Chef eines großen italienischen Flughafens.



Ganz anders die Lage auf der Langstrecke. Hier verdiente sogar Alitalia Geld. Dafür sorgen vor allem viele gut zahlende Geschäftsreisende aus in Norditalien starken Branchen wie Mode oder Maschinenbau. „In Sachen Innovation und Wirtschaftskraft kann die Region mit Baden-Württemberg und anderen leicht mithalten“, sagt ein Lufthanseat. Die zweite Säule sind die vielen Exil-Italiener. Vor allem auf die große italienische Gemeinschaft in Nord- und Südamerika konnte Alitalia trotz aller Servicemängel bauen. Dazu kommen viele Touristen. Denn Italien hat zwar einen großen Teil der schönsten Ziele der Welt, doch nach Deutschland und Großbritannien auch die meisten Fernreisenden in Europa.

Vorteil 2: Italien ist Europas letzter nicht vergebener Flugmarkt

Die drei großen Airlineblöcke Star Alliance (Lufthansa, United Airlines, Singapore Airlines), Oneworld (British Airways, American Airlines, Cathay Pacific) und Skyteam (Air France-KLM, Delta Airlines, Korean Air) beherrschen ganz Europa. Doch in Italien konnte keiner so recht Fuß fassen. Denn obwohl Alitalia zu Skyteam gehörte, blieb diese Allianz schwach. Zum einen isolierte Etihad aus Abu Dhabi, der Alitalia ab 2015 bis zur Insolvenz gehörte, von dem Verbund.

Dazu war Alitalia vor allem in Rom aktiv. Den Norden des Landes dominierte die Lufthansa über ihren Italienableger Air Dolomiti. „Darum ist Norditalien der letzte lukrative Markt in Europa, der noch nicht zu einer festen Gruppe gehört“, sagt ein Lufthansa-Insider. „Doch das gilt nur, solange sich kein anderer mit Alitalia die Region sichert“. Kandidaten gibt es. So könnte sich Delta Airlines aus den USA einkaufen und ihr Europageschäft weiter stärken. Die Linie hat bereits Anteile an Virgin Atlantik aus Großbritannien und Air France-KLM. „Mit Alitalia wären das noch vor Lufthansa die größte Gruppe in Europa und könnten ihre Kosten drücken etwa durch eine gemeinsame IT oder Großkundenverträge bei Flugzeugherstellern und Airports“, erläutert ein Berater.

Vorbei ist auch der Stolz von Belegschaft und Führung, der vor allem auf der Erfahrung ruhte, dass bei Problemen der italienische Staat die Verluste tragen würde. „Nun wissen alle: ohne einen Partner ist es bis Mitte des Jahrzehnts vorbei“, sagt ein Kenner des Unternehmens. „Und der italienische Staat ist Lufthansa-Fan und wird den Deal nach Kräften fördern, weil es die beste Chance ist, seine notorisch verlustträchtige Airline endlich loszuwerden.“

Risiko 1: Eine Übernahme lenkt ab beim Krisenmanagement

So sehr Lufthansa-Chef Spohr und seinen Planern die Vorteile klar sind, noch deutlicher sind die Risiken. Denn aus den bisherigen Übernahmen von Swiss, Austrian Airlines und Brussels hat der Konzern gelernt, wie komplex und langwierig eine Übernahme sein kann. „Jeder hofft, es läuft wie bei Swiss – doch meist ist es eher wie bei Austrian“, mahnt ein Lufthanseat. „Immer wenn wir glaubten, jetzt sind wir durch, kam ein neues Problem.“



Dafür sorgt das komplexe internationale Luftfahrtrecht. Es fordert, dass die Aktienmehrheit formal bei einer Institution des Landes liegt, die kein Strohmann sein darf. „Und weil Fluglinien meist ihr Heimatland im Namen tragen, ruft jede größere Entscheidung meist auch die Regierung auf den Plan“, erklärt der Lufthanseat.

Das ist bereits zu normalen Zeiten anstrengend. Es bindet bis in die Konzernspitze viel Aufmerksamkeit, die dann in anderen und meist wichtigeren Bereichen fehlt. Doch in einer Krise wie jetzt, wenn sich die Lage von Woche zu Woche ändert, kann das eine Ablenkung zu viel sein. Zwar habe die Lufthansa die Herausforderungen durch die Pandemie inzwischen ganz gut gemeistert, so ein Manager. Doch ITA könnte derzeit ein wenig zu viel sein. Nicht nur, dass angesichts der schwachen Stellung ITA jederzeit das Geschäft wegbrechen kann. Eine Übernahme kann auch in der Lufthansa-Gruppe für Ärger sorgen. Denn sie verlangt, das mühsam austarierte Gleichgewicht im Konzern neu zu ordnen. Wenn etwa ITA im Lufthansakonzern wachse, gehe das wahrscheinlich zu Lasten der anderen Drehkreuze, warnt ein Insider. Dadurch drohen Verteilungskämpfe, wenn die Langstrecken nach Afrika vermehrt in Rom statt in Brüssel gefüllt würden oder die Norditaliener auf dem Weg in die USA nicht länger in München umsteigen sollen.

Risiko 2: Lufthansa wird dem Kartellamt zu mächtig

Ein größerer Anteil am Italiengeschäft verspricht nicht nur vollere Flieger bei Lufthansa, sondern auch Ärger mit den Wettbewerbshütern. Bei früheren Übernahmen oder dem Eintritt in eine Allianz schauten die Aufseher nicht nur darauf, wie klein der Marktanteil in Italien insgesamt war. „Sie sehen sich gerade auf der Langstrecke einzelne Strecken und Zielgebiete an“, erklärt ein Wettbewerbsrechtler. Das Ergebnis könne für Lufthansa Ärger bringen. „Wenn man den heutigen Verkehr über München zusammenrechnet mit dem, was ITA und Lufthansa inklusive ihrer Partner der Star-Alliance in Italien haben, könnte das eine starke bis marktbeherrschende Stellung ergeben“, sagt der Jurist.

Trotzdem glauben Konzernkenner, dass Lufthansa am Ende bei ITA landen wird. „Es ergibt strategisch den meisten Sinn und den geringsten politischen Widerstand“, glaubt ein Beobachter.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders

Geldanlage Das Russland-Risiko: Diese deutschen Aktien leiden besonders unter dem Ukraine-Krieg

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine belastet die Börsen. Welche deutschen Aktien besonders betroffen sind, zeigt unsere Analyse.

Krisenversicherung Warum Anleger spätestens jetzt Gold kaufen sollten

Der Krieg in der Ukraine und die Abkopplung Russlands von der Weltwirtschaft sind extreme Inflationsbeschleuniger. Mit Gold wollen Anleger sich davor schützen – und einer neuerlichen Euro-Krise entgehen.

Flüssigerdgas Diese LNG-Aktien bieten die besten Rendite-Chancen

Mit verflüssigtem Erdgas aus den USA und Katar will die Bundesregierung die Abhängigkeit von Gaslieferungen aus Russland mindern. Über Nacht wird das nicht klappen. Doch LNG-Aktien bieten nun gute Chancen.

 Was heute noch wichtig ist, lesen Sie hier

Deutschlands Italien-Urlauber könnte die Partnerschaft zumindest am Anfang wahrscheinlich freuen. Denn im Gegensatz zur Langstrecke dürfte der Wettbewerb auf der Kurzstrecke eher zunehmen. Im Ferienverkehr spielt ITA bislang keine entscheidende Rolle. Doch künftig könnte sie Lufthansa, Eurowings und Discover mehr Kunden von südlich der Alpen bringen. Das erlaubt dem deutsch-italienischen Verbund mehr Strecken und auch mehr Konkurrenz mit Preiskämpfen auf Routen, die bislang von Easyjet, Ryanair oder der Condor angeboten werden.

Wie lange das anhält, bleibt abzuwarten. „Auf Dauer wird auch der neue Verbund keine Verluststrecken durchfüttern“, prophezeit ein Lufthanseat.

Mehr zum Thema: Europas Billigflieger wollen 2022 wieder mindestens so groß sein wie vor der Coronakrise. Doch sie könnten Opfer ihres eigenen Wachstums werden. 

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%