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Probleme im Fernverkehr Die vier Kurskorrekturen der Deutschen Bahn

So will die Deutsche Bahn ihre Probleme bändigen Quelle: imago images

Die ICE-Sparte der Deutschen Bahn boomt. Doch der Vorstand muss die Qualität verbessern. Der Konzern prüft nun zahlreiche Maßnahmen, die eine Abkehr von der bisherigen Strategie bedeuten. Vier radikale Ansätze.

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Ein Wintertag im März. Der ICE 725 von Düsseldorf nach München war voll, einfach zu voll. Weil der Zug aus Sicherheitsgründen mit so vielen Personen an Bord ab Köln nicht weiterfahren durfte, bot die Deutsche Bahn den Passagieren einen Gutschein an: Wer aussteigt, bekommt 25 Euro für die nächste Fahrt gutgeschrieben. Als zu wenige Passagiere auf das Angebot einstiegen, erhöhte der Zugchef auf 30 Euro. Nachdem weitere Fahrgäste ausgestiegen sind, fuhr der ICE mit Verspätung weiter.

Kreativität an Bord ist der neue Spirit des Zugpersonals. Die Züge im Fernverkehr platzen auf bestimmten Strecken und zu besonderen Zeiten aus allen Nähten. Längst liegt die Auslastung der ICE-Züge bei fast 60 Prozent. Es gab Zeiten, da war im Schnitt mindestens jeder zweite Sitzplatz leer.

Wenn die Deutsche Bahn am Donnerstag die Bilanzzahlen des Jahres 2018 präsentiert, wird Bahnchef Richard Lutz viele Probleme ansprechen: die Pünktlichkeitsquote war 2018 ein Desaster, die Güterbahn kommt nicht vom Fleck, die Verschuldung explodiert, selbst der Gewinn rauschte 2018 ab. Doch im Fernverkehr funkelt ein bisschen Glanz: steigende Nachfrage, mehr Umsatz, rosige Aussichten.

Der Konzern macht sich daher Gedanken, wie er die Qualität im Fernverkehr anheben und trotzdem weiter wachsen kann. Zwar erhält die Bahn aktuell im Schnitt fast einen neuen ICE4-Zug pro Monat von Siemens. Doch gleichzeitig altert die Flotte an anderer Stelle. Die gestiegene Nachfrage nach Zugreisen kann die Bahn daher nur zum Teil aufnehmen.

Die Bahn nutzt nun jede sich ihr bietende Gelegenheit, um die Qualität zu erhöhen. Dafür ist sie bereit, ihre bisherige Strategie teils radikal infrage zu stellen.

Gebrauchte Züge sind plötzlich okay
Die Westbahn aus Österreich ist eine Privatbahnen aus Österreich, die Doppelstockzüge zwischen Wien und Salzburg pendeln lässt. Das Unternehmen will nun 17 nur wenige Jahre alte Züge verkaufen, um Platz für neue Fernverkehrszüge zu schaffen, die sie, so wird spekuliert, beim chinesischen Zuggiganten CRRC bestellen will. Die Deutsche Bahn will für die Gebrauchtzüge bis zu 300 Millionen Euro auf den Tisch legen – und bietet gegen Flixtrain und die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), die ebenfalls interessiert sind.

Eigentlich sollten neue Züge die alten Intercitys ersetzen, die der Konzern bis 2023 komplett ausmustern will. Dafür ist Nachschub durch den Doppelstockzug von Bombardier gesichert. Doch offenbar reicht das nicht. „Die Bahn muss nehmen, was sie kriegen kann“, heißt es im Aufsichtsrat. Die bis zu 200 km/h schnellen Stadler-Züge der Westbahn sollen nun die Fernverkehrsflotte ergänzen und Entlastung schaffen. Gleichzeitig holt sich die Bahn so neue Komplexität in die Werkstätten.

Jetzt wieder schneller
Die Deutsche Bahn will bis 2030 die Kapazitäten im Fernverkehr deutlich erhöhen. Doch die Zeiten der Super-Hochgeschwindigkeit schienen eigentlich vorbei. Tempo 250 galt seit ein paar Jahren als Richtschnur für die Bahn in Deutschland. Nun erhöht die Bahn wieder auf Tempo 300. Der Bund will die Strecken auf vier Routen in Deutschland ausbauen, etwa zwischen Hannover und Bielefeld und Mannheim und Frankfurt. So eine Entscheidung trifft zwar offiziell der Bund, aber natürlich unterstützt die Bahn die neuen High-Speed-Trassen.

Für die Bahn bedeutet das in mehrfacher Hinsicht ein strategischer Schwenk. Denn maßgeblich dafür ist der sogenannte Deutschlandtakt, der Nah- und Fernverkehr optimal miteinander verzahnen soll. Viele Jahre hatte die Deutsche Bahn das Ansinnen der Politik bekämpft. Inzwischen ist sie dafür. Doch damit muss Bahnchef Lutz seine Einkaufsstrategie bei den ICE-Zug ändern. Die bei Siemens bestellten ICE4-Züge fahren nur maximal 250 km/h. Die Bahn prüfe nun eine Anhebung der Höchstgeschwindigkeit auf 265 km/h, heißt es. Das dürfte der erste Schritt sein. Wenn der Ausbau der Trassen irgendwann bis 2035 fertig sein sollte, braucht die Bahn weitere ICE, die Tempo 300 schaffen.

Doch WLAN im Intercity
Sonderlich weitsichtig wirkte die Entscheidung des Bahnvorstands vor ein paar Jahren nicht, neue Doppelstockzüge bei Bombardier zu bestellen, aber sie nicht mit WLAN auszurüsten. Nun reagiert die Bahn auf die Kundenwünsche und rüstet nach. Die Deutsche Bahn investiert 48 Millionen Euro in die Ausstattung ihrer Intercity-Züge. 30 Millionen Euro fließen demnach allein in die Ausstattung der Waggons mit kabellosem Internetzugang. Alle Maßnahmen sollen bis Ende 2021 abgeschlossen sein.

Damit zeigt der Vorstand auch, dass er von alten Fehlern nichts gelernt hat. Als der Konzern 2010 den ICE der zweiten Generation von Grund auf saniert hat, verzichtete er auf den Einbau von WLAN. Später wurde nachgerüstet. Beim Doppelstock-Intercity wiederholt sich die Nachlässigkeit.

Hilfe vom Zugpartner
Die Wartung der Züge ist ein hart umkämpftes Business. Die Zughersteller drängen in das profitable Geschäft, das die Deutsche Bahn weiterhin mit eigenen Mitarbeitern erledigen will. Doch ausgerechnet hier war die Mannschaft der Bahn in den vergangenen Monaten voll ausgelastet. Die Bahn brauchte Verstärkung – und holte sie sich bei Siemens. Der Münchener Konzern hat 55 Techniker zur Bahn abkommandiert, die bis Sommer aushelfen. Eine Verlängerung des Deals wird diskutiert.

Siemens ist nicht ganz unschuldig an dem Dilemma. Die Bahn musste erkennen, dass der ICE offenbar mehr Probleme bereitet als angenommen. Interne Statistiken zeigen, dass die Bahn jeden Tag eigentlich 65 Prozent fehlerfreie Züge auf die Strecke schicken will. In der Realität sind es oft weniger als 25 Prozent. Zwar werden auch kleine Fehler aufgelistet, die nicht gleich einen ganzen Zug lahmlegen. Aber auch eine kaputte Toilette in der Bahn ist ärgerlich für Kunden.

Für die Bahn steht 2019 viel auf dem Spiel. Das operative Ergebnis lag 2018 laut Aufsichtsratskreisen mit 2,11 Milliarden Euro in etwa auf Vorjahresniveau. Doch der Jahresgewinn sank um fast ein Drittel auf knapp 550 Millionen Euro. Das ist zu wenig für Investitionen. Das Geld wird knapp. Die Bahn prüft nun den Verkauf der Nahverkehrstochter Arriva.

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