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Thomas-Cook-Insolvenz Was nun aus Condor wird

Thomas Cook ist pleite. Condor kämpft darum, weiter machen zu können. Quelle: imago images

Die Insolvenz von Thomas Cook bringt auch die deutsche Flugtochter Condor in Gefahr. Trotzdem gibt sich deren Chef Ralf Teckentrup optimistisch – auch weil Reiseveranstalter eine Übermacht der Lufthansa fürchten.

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Der Zimmersmühlenweg in Oberursel im Taunus ist am Wochenende normalerweise ein sehr ruhiger Ort. Doch an diesem Wochenende brannte beim bekanntesten Unternehmen der Stadt, der Deutschlandtochter des britischen Reisekonzern Thomas Cook, in fast allen Etagen durchgehend das Licht und ständig fuhren Autos vom und auf den Firmenparkplatz. Weil der angeschlagene Reisekonzern in langen Verhandlungen um sein Überleben kämpfte, konferierten die führenden Mitarbeiter fast nonstop.

Doch jetzt am Morgen erscheint die Wochenendarbeit vergeblich. Denn heute früh gegen drei Uhr deutscher Zeit meldete Europas zweitgrößter Ferienmacher Insolvenz an. Rund 150.000 Urlauber sind nun in aller Welt gestrandet und können nur hoffen, dass sie möglichst bald und ohne große Nachzahlungen wieder nach Hause kommen.

Nur bei der deutschen Thomas-Cook-Airline Condor ist die Stimmung erstaunlich optimistisch. Die Linie führt ihre Flüge weiterhin wie geplant durch, trat deren Chef Ralf Teckentrup Gerüchten über ein baldiges Aus entgegen. „Wir konzentrieren uns auch weiterhin auf das, was wir am besten können: Unsere Gäste pünktlich und sicher in den Urlaub zu fliegen“, so der Manager, der in der oft großmäuligen Flugbranche als ebenso erfahren wie grundehrlich gilt.

Wie lange das gilt, ist freilich unklar. „Über kurz oder lang wird Condor wohl nicht um einen Insolvenzantrag herumkommen“, fürchtet ein kundiger Jurist. Zu deutlich dürften die bis gestern noch stabilen Buchungszahlen verunsicherter Kunden und Veranstalter jetzt einbrechen. Tatsächlich wird unter Sanierungsberatern bereits ein Insolvenzszenario in Eigenregie ähnlich wie bei Air Berlin durchgespielt. Auch dort konnte der Flugbetrieb zunächst aufrechterhalten und Unternehmensteile später geordnet verkauft werden. Ähnlich wie damals Air Berlin hat auch Condor bei der Bundesregierung inzwischen einen Überbrückungskredit von rund 200 Millionen Euro beantragt. Dieses „Unterstützungsersuchen“ werde derzeit intensiv geprüft, berichtet die Nachrichtenagentur dpa.

Viel wird davon abhängen, ob der Kredit wirklich ausgezahlt wird. Auch Condor-Chef Teckentrup hat in den vergangenen Wochen vorgesorgt und hofft auf Rückendeckung seiner wichtigsten Kunden. Zwar will sich im Konzern niemand zu den Einzelheiten äußern. Doch Branchenkenner wollen in den vergangenen Wochen ein paar ungewöhnliche Dinge in Oberursel beobachtet haben.

Condor ist in der Vergangenheit profitabel geflogen und wird wahrscheinlich 2019 sogar das Vorjahresergebnis übertreffen. Doch das Geld aus dem Sommer 2019 und die Vorauszahlungen für das kommende Jahr hat Condor offenbar zu einem geringeren Teil als früher üblich in die Firmenzentrale in London überwiesen. Und damit nicht genug: Das, was geflossen ist, ging statt als feste Überweisung wahrscheinlich als Kredit. Das mussten Teckentrup und sein Team tun, sagt ein hochrangiger Manager der Branche. Nur so lasse sich die Betriebserlaubnis durch das Luftfahrtbundesamt retten. „Die achten in einer Lage wie bei Condor nicht zuletzt darauf, dass ein Unternehmen noch alle Rechnungen zahlen kann – besonders für Wartungen und andere Dinge eines sicheren Betriebs“, so ein hochrangiger Manager der Branche.

Das Geldhorten dürfte rechtlich in Ordnung gehen. „Denn als Geschäftsführer ist die Condor-Spitze zuerst ihrer eigenen Gesellschaft verpflichtet und dann erst der Holding im Ausland, wo das Geld ohnehin nur durch den Kamin geht“, so der Branchenmanager.

Dazu hofft Condor auf Rückhalt unter den deutschen Reiseveranstaltern. Sie sollen ihre Buchungen erstmal beibehalten und sogar aufstocken. Damit bleibe Condor finanziell weiter flüssig. Die Stimmung beschreibt Düsseldorfs Flughafenchef Thomas Schnalke. „Wir begrüßen die Entscheidung der Condor, den Flugbetrieb aufrecht erhalten zu wollen und unterstützen hier am Standort operativ nach unseren Möglichkeiten.“

Die Gründe nennt ein führender Manager eines Veranstalters: „Wir brauchen die Condor, damit wenigstens noch etwas Wettbewerb herrscht auf unserem Teil des Reisemarkts.“ Zwar herrscht insgesamt ein Überangebot an Europas Himmel, glauben Analysten wie Daniel Roeska vom Brokerhaus Bernstein angesichts der vielen hundert Neubestellungen der großen Billigflieger Easyjet aus Großbritannien, der irischen Ryanair und Wizz Air aus Osteuropa für die kommenden fünf Jahre: „Europa leidet unter eine Flut von Flugzeugen“, urteilt Roeska

Doch das gilt nicht für Reiseveranstalter. Hier fehlen seit den Pleiten von Air Berlin und Germania Angebote. „Wenn jetzt Condor wegfällt haben wir nur noch Tuifly. Aber die ist so klein, dass wir besonders auf der Langstrecke dann nur noch die Wahl haben zwischen Eurowings und Eurowings“, beschreibt ein Manager eines Veranstalters die starke Stellung der Lufthansa-Billigtochter. Denn die restlichen Flugdiscounter bieten nur wenige Ziele in klassische Pauschaldestinationen wie Griechenland, Türkei oder Ägypten. „Das lohnt sich für uns nicht, weil wir die Flüge nicht das ganze Jahr auslasten könne“, sagt ein führender Billigflug-Manager. Und selbst wenn es die Flüge gibt, werden sie besonders bei Ryanair relativ oft mangels Nachfrage vorzeitig eingestellt, klagen Touristiker. Das was bleibt, ist nur schwer über die bei Veranstaltern üblichen Reservierungssysteme zu buchen. „Das geht praktisch nur bei Easyjet. Bei Ryanair und Wizz Air ist es für Veranstalter dagegen ziemlich umständlich“, so der führende Manager eines Veranstalters.

Ob die Kombination aus Vorbereitung und Solidarität Condor am Ende retten kann, bleibt allerdings unsicher. Dafür müsste sich schnell ein Investor finden, der möglichst das komplette Unternehmen kauft. Branchenkenner erinnern dagegen an die harte Lektion früherer Konkursverfahren wie Air Berlin 2017, Germania Anfang des Jahres oder bei Swissair Ende 2001, die allerdings anders als Condor alle Verluste eingefahren haben: „In Europa überlebt keine Airline eine Insolvenz“, so ein hochrangiger Manager der Branche.

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