Einblick: Apple betreibt einen aberwitzigen Geldkreislauf
iPhone schrumpft
Die Botschaft des Abends: Apple schrumpft. Zumindest das iPad und das iPhone: „Viele Menschen wollen einfach ein kleines Smartphone“, erklärte Apple-Vize Greg Joswiak am Montag in Cupertino. Dann schob er einen der Hauptgründe für das neue Gerät hinterher: „Für viele Leute ist es zudem das erste iPhone überhaupt.“
Apple hat ein schwieriges Jahr vor sich. Zwar hat der Konzern aus Cupertino 2015 ein Rekordjahr hingelegt - und auch 2016 wird kein schlechtes werden. Für die Zukunft gehen Marktbeobachter aber von einer Stagnation aus. In vielen Ländern scheint der Markt für hochpreisige Geräte gesättigt. Zudem wird der Wettbewerb härter. Um die Wachstumsflaute möglichst abzufedern, legt Apple nach.
Foto: REUTERSMit dem „iPhone SE“ geht Apple deshalb auf Kundenfang am unteren Ende des Premium-Sektors. Die offensichtlichsten Änderungen: Das kleine iPhone-Modell kommt günstiger daher und misst nur 4 Zoll. Zum Vergleich: Das aktuellsten Modelle iPhone 6 und iPhone 6s verkauft Apple mit 4,7 beziehungsweise 5,5 Zoll. Das neue "Mini" liegt damit größentechnisch nah beim Vorgänger iPhone 5s, das ebenfalls 4 Zoll misst.
Ausgerüstet ist das "iPhone SE" aber mit einer 12 Megapixel-Kamera und einem NFC-Chip unter anderem für das hauseigene mobile Bezahlsystem Apple Pay. Durch den A9-Prozessor, der auch im iPhone 6s verbaut wurde, ist es ähnlich leistungsstark wie der große Bruder.
Foto: REUTERSWer großen Speicherbedarf hat, für den eignet sich das neue "iPhone SE" wohl nicht. Denn Apples neues Smartphone soll zwar deutlich schneller sein als das iPhone 5s, verspricht Apple, aber es wird nur mit 16 oder 64 GByte Flashspeicher geliefert. Wer mehr Speicher benötigt, muss zum teureren - und größeren - iPhone 6 oder iPhone 6s greifen.
Foto: REUTERSDas Design ist nur leicht verändert, orientiert sich optisch am iPhone 5s. Farblich hat sich beim "iPhone SE" im Vergleich zu den anderen iPhones nichts getan: Es gibt die aktuellen Apple-Klassiker Schwarz, Weiß, Gold und Rosé.
Foto: REUTERSUnterschiede werden beim Preis deutlich: Apple will das "iPhone SE" in den USA mit 16 GB Arbeitsspeicher für 489 Euro in Europa und 399 Dollar verkaufen - und zwar aber dem 24. März. So günstig startete ein iPhone bei Apple noch nie am Markt. Dass der Preis vergleichsweise niedrig ausfällt, hat einen Grund: Zuletzt hatte sich das Wachstum der iPhone-Verkäufe verlangsamt, für das laufende Quartal wird der erste Absatzrückgang seit dem Start 2007 erwartet. Mit dem Preis des "iPhone SE" greift Apple die Android-Konkurrenz nun schärfer an.
Foto: APApple Watch goes Nylon and Neon
Den Versuch, die Absatzzahlen anzukurbeln, unternimmt der Konzern aus Cupertino auch bei seiner Smartwatch. Für die Apple Watch präsentierte Cook neue Farben und Materialien für das Armband, zum Beispiel eine Nylon-Version in Neonfarben. „Wir wollen, dass die AppleWatch mehr Menschen überzeugt“, sagte Apple-Chef Tim Cook. Vielleicht deshalb senkt Apple den Preis für die günstigste Version seiner Computer-Uhr: auf 299 Dollar auf dem US-Markt. Das ist eine Preissenkung von 50 Dollar, die den Preis der günstigen Sport-Version näher zum Niveau der Konkurrenzgeräte anderer Hersteller mit dem Google-System Android Wear bringt.
Apple brachte seine Smartwatch im April 2015 in den Handel. Mittlerweile soll sie einen Marktanteil von rund 60 Prozent haben. Der Markt ist allerdings noch klein. Durch die Preissenkung hofft der Konzern, neue Kunden gewinnen zu können.
Foto: APiPad Pro - schneller, kleiner
Mini-Zuwachs auch in der iPad-Familie: Phil Schiller, Vizepräsident des Apple-Marketings, stellte das neue iPad Pro vor. Displaygröße: 9,7 Zoll (das große iPad Pro misst 12,9 Zoll). Denn das ist laut Apple die meistverkaufte iPad-Größe des Konzerns. Damit wird das iPad Pro im Portfolio erweitert - wohl um für eine breitere Masse an Kunden attraktiv zu werden.
Foto: REUTERSDas Display soll heller sein, weniger Reflektionen zulassen und dadurch natürlicher wirken. Dafür hat Apple im Vergleich zu den größeren Modellen den "3D-Touch" weggelassen, bei dem durch stärkeren Druck auf das Display weitere Inhalte angezeigt werden könnten - vergleichbar mit der rechten Maustaste beim Desktop-Computer.
Foto: REUTERSNeues Zubehör sind wieder SD-Kartenleser und USB-Adapter. Das kleine iPad Pro bekommt außerdem eine kleine Tastatur und kann auch mit dem Apple Pencil gesteuert werden. Vier Farben gibt’s für die Mini-Version – erstmals auch Rosé. Zu haben sein wird es laut Apple ab 599 Dollar. Parallel zur Vorstellung des neuen iPads senkte Apple in den USA den Preis des iPad Air 2 um 100 Dollar auf 399 für die 32-GB-Version.
Die Ausrichtung auf unterschiedliche Käuferschichten soll ein weiteres Absacken der iPad-Absatzzahlen verhindern. Verkaufte Apple 2013 noch mehr als 71 Millionen Tablets, waren es 2015 noch knapp 55 Millionen.
Foto: REUTERSApple TV mit Siri getuned
Sprachassistent Siri soll Apple TV intelligenter machen, warb Tim Cook in Cupertino – etwa bei der Suche nach Filmen oder Apps. Darüber hinaus hob der Apple-Chef die Konferenzschaltung etwa für Sportspiele hervor. Der Apple TV soll es ermöglichen auf einem Bildschirm verschiedene Spiele gleichzeitig zu sehen – wohl vergleichbar mit dem Modell bei deutschen Bezahlsendern für parallel startende Bundesligaspiele.
Wie erwartet zeigt Apple mit seinen Neuerungen solides Handwerk und präsentiert technische Neuerungen von sich bereits erfolgreich verkaufenden Produkten. Überraschungen kann der IT-Riese aus Cupertino damit jedoch keine liefern.
Foto: APKommentar zu Apple versus FBI
Neben der Produktvorstellung griff Tim Cook auch den Konflikt zwischen Apple und dem FBI auf. „Wir werden vor unserer Verantwortung nicht zurück schrecken“, sagte der Apple-Chef. Das FBI will Apple per Gerichtsbeschluss dazu zwingen, mit einer speziellen Software ein iPhone zu entsperren, das einem der Attentäter des Anschlags von San Bernardino gehörte. Das Unternehmen argumentiert, dass damit die Tür für Hackerangriffe auf alle iPhones geöffnet werde, während die Staatsanwaltschaft drauf beharrt, dass sie von Apple nur den Code will, um sich in ein einziges iPhone zu hacken und so die nationale Sicherheit zu schützen. Cook sagte, er sei gerührt und dankbar über die Unterstützung, die er für seine Position in dem Fall von so vielen Seiten erfahren haben.
Foto: AP,APSensationell. Apple hat ein neues iPhone vorgestellt. Es ist wieder so groß wie das vorletzte. Nennenswerte Innovationen? Irgendwie nicht. Aber Apple ist Kult, und deshalb werden wir es wieder kaufen. Und dafür, trotz objektiv gleicher Leistung, gern viel mehr zahlen als für Geräte von Wettbewerbern.
Im teuersten Konzern der Welt ist konzentriert wie in einem Brennglas zu sehen, wie Geld in Zeiten billigen Geldes mehr Geld anzieht, Ideenlosigkeit produziert – und was letztlich faul ist an der derzeitigen Form des Kapitalismus. Hohe Preise (weil begehrenswerte Marke) und niedrige Kosten (weil maximale Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer) führen zu gigantischen Gewinnen. Diese Gleichung hat Apple perfektioniert.
Und was Apple noch perfekt kann: Gewinne werden dahin geschoben, wo sie am wenigsten besteuert werden. Die Europäische Union macht gerade Front dagegen, aber noch gehen die Staaten, deren Talente der Konzern gerne einstellt und deren Infrastruktur er gerne nutzt, leer aus.
Auf Apples Konten aber türmen sich die Überschüsse. Dumm nur: Die können weder massiv in neue Produkte investiert noch an Anleger ausgeschüttet werden. Denn wenn man sie produktiv und für Aktionäre gewinnbringend einsetzen wollte, müssten sie wieder heimgeholt und versteuert werden. Sollen sie aber nicht. Also bleiben sie, wo sie sind.
Apple sitzt auf 200 Milliarden Dollar
Die Cash-Reserven, auch wenn Apple sie der Steuer wegen nicht anrühren kann, wecken dennoch Begierden bei Investoren. Um die zu bedienen, macht Apple Schulden. Mit über 200 Milliarden Dollar Cash im Kreuz und angesichts weltweit niedriger Zinsen ist das kein Problem.
Notenbanken in ihrem Wahn, die Zinsen zu drücken, kaufen auch Anleihen von Unternehmen. Die Europäische Zentralbank nur von Euro-Konzernen, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Apple zahlt also fast nichts für das viele Geld. Wenn die Notenbanken so weitermachen, werden Sparer bald noch etwas drauflegen, nur damit sie dem Konzern ihr Geld geben dürfen.
Weiter im Kreislauf: Um die Investoren zumindest etwas zufriedenzustellen, kauft Apple mit dem billig aufgenommenen Geld Apple-Aktien. Die so entfesselte Nachfrage stützt den Kurs, die Position des wertvollsten Konzerns der Welt wird verteidigt. Aber um welchen Preis?
Apple, der Konzern mit diesen heiß geliebten Produkten, hinterlässt in diesem ungesunden Kreislauf viele Verlierer:
Verbraucher, die die tolle Technik anderswo billiger bekommen könnten.
Chinesische Arbeiter, die nur Dumpinglöhne kassieren (von frustrierten US-Arbeitern, die Donald Trump wählen, weil er ihnen verspricht, die Apple-Jobs heimzuholen, ganz zu schweigen).
Staaten, die nicht die Steuern bekommen, die ihnen zustehen.
Und am Ende die Anleger, denn Aktienrückkäufe auf Pump sind nicht nachhaltig. Die Dosis der Droge Billiggeld lässt sich nicht ewig steigern – und dann rächt es sich, dass Apple das Geld nicht genutzt hat, um richtig Neues zu entwickeln.
Sicher: Für den aberwitzigen Geldkreislauf ist nicht Apple verantwortlich. Der Konzern profitiert davon, dass unsere Notenbanker keinen anderen Weg sahen, der Welt aus der Krise zu helfen, als noch mehr billiges Geld zu produzieren. In Apple fokussieren sich aber die Folgen dieser Politik – eine Perversion des Kapitalismus, die wir nicht wollen. Weil sie zu viele Verlierer produziert.