Tolle Jobs in der Provinz Mittelständler machen aus der Not eine Tugend

Mittelständische Unternehmen Quelle: imago

Der deutsche Mittelstand hat mit Vorurteilen zu kämpfen. Eines davon: Die Unternehmen sitzen irgendwo in der "Pampa" statt in einer attraktiven Großstadt. Wie ihnen gerade das zum Vorteil gereicht.

Der deutsche Mittelstand ist mit einigen Labels versehen: Ein bisschen spießig sei er, finden manche. Als Motor der deutschen Wirtschaft sehen ihn andere, weil die Mittelständler in der Summe eine gewaltige Leistung erbringen und sich unzählige Weltmarktführer unter ihnen befinden. Mittelständler gelten angesichts von Fachkräftemangel und Landflucht gleichzeitig auch als bemitleidenswert, weil sie vielfach Schwierigkeiten haben, Nachwuchskräfte zu finden. Das liegt an den Standorten, die meist irgendwo in der Provinz liegen und nicht in hippen Großstädten.

Neuerdings steht der deutsche Mittelstand aber auch für seine eigene Neuerfindung: Gerade wegen der vermeintlichen Standortnachteile sind diese Unternehmen zu Vorreitern in Sachen Rekrutierung und flexible Arbeitsmodelle geworden. Wer gut verdienen will, gleichzeitig Engagement des Arbeitgebers für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erwartet oder sich jenseits der 50 beruflich verändern will, der wird heutzutage vielleicht eher bei einem Mittelständler fündig und kann bei guter Qualifikation einiges für sich aushandeln.

Dass Firmensitze in der Provinz als Nachteil gesehen werden, ist ohnehin eine sehr gegenwartsbezogene Sicht. Über fast tausend Jahre haben sich Handwerk und Handel an vielen Orten in Deutschland entwickelt – im Unterschied zu zentralistischen Staaten wie England oder Frankreich. Aus den Zünften und der Hanse entstand ein internationales Netz, wodurch Handel und Handwerk in der deutschen Provinz stets auf der Höhe der Zeit blieben – und mitunter dieser sogar voraus waren.

Im Kampf um die besten Köpfe müssen sich Unternehmen aus Künzelsau oder Duderstadt heute mehr einfallen lassen als Firmen in Berlin oder Köln, wo Bewerber zum Teil für weit untertarifliche Bezahlung zu arbeiten bereit sind. Während mancher Berliner Hipster den Standort gewissermaßen als Teil der Vergütung sieht, will der Industrieelektroniker, der für einen Posten nach Schwedt an der Oder zieht, schon mehr angeboten bekommen als ein attraktives Gehalt.

In einem Teil der häufig familiengeführten Mittelstandsunternehmen ist das längst Realität. Bei ebm-pabst, dem Weltmarktführer für Ventilatorentechnik aus Mulfingen in Baden-Württemberg, wurde zum Beispiel eine Vertrauensarbeitszeit eingeführt. Die Mitarbeiter können weitgehend allein entscheiden, wann sie arbeiten – und wenn es um fünf Uhr morgens ist. Beim Maschinenbauer Trumpf aus Ditzingen können Mitarbeiter eine Art Kredit auf ihre Arbeitszeit aufnehmen, wenn sie mal für eine Weile weniger arbeiten müssen. Bis zu 300 Stunden können sie ins Minus rutschen und dies wieder aufholen, sobald es passt. Die Bank ING-Diba hat dank eines Programms „Ausbildung 50+“ heute keinerlei Probleme mit zu gering qualifizierten Bewerbern.

Trotz vieler Musterbeispiele sind die Probleme der insgesamt 3,7 Millionen mittelständischen Unternehmen im Land aber noch lange nicht gelöst. So rechnete die KfW gerade vor, dass in den nächsten fünf Jahren in jedem fünften dieser Unternehmen ein Führungswechsel bevorsteht, wenn deren Chefs in den Ruhestand gehen.

Die Nachfolgefrage ist in vielen Fällen noch nicht geklärt. Laut KfW wissen 100.000 von 236.000 kleinen und mittleren Unternehmen nicht, wie sie den in diesem oder nächsten Jahr anstehenden Wechsel an der Spitze regeln sollen. Sie haben keinen geeigneten Kandidaten oder noch nicht angefangen, nach einem solchen zu suchen. In manchen Fällen ist die Erklärung einfach: Sie planen mit dem Ruhestand gleichzeitig die Geschäftsaufgabe.

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